„Alles das ist verschwunden.“ So beginnt Grünbeins Zeichenbuch, in dem er Rom, die Zeichen der Stadt, zu lesen versucht: „Nichts mehr da von der Pracht, / Die der Grundriß uns glauben macht.“ Die Situation: Grünbein, einer der Großen unter den Dichtern, die nicht verschwunden sind, steht in den Resten des Friedenstempels und sieht, was nicht zu sehen ist: „An der Wand hing bis zur Decke, / In Marmorplatten eingraviert, / Der älteste Stadtplan der Welt.“ Aber seitdem die Stadt mit ihrem Plan verschwunden ist, gibt es „nur uns“ hier: „Wir sind das Imaginäre, / Die Agenten des Ungefähren.“ - Man hat Durs Grünbein, den Hochdekorierten, schon mal als Staatsdichter abgetan und seine Lyrik zurückdatiert in eine Zeit, in der ein Bildungsbürger noch nicht das Ergebnis von Obligatorik war. Der Mann ist eigensinnig, und wenn, was er schreibt, nach Staatsdichtung klingt, ist das nicht der schlechteste Staat, in dem er schreibt: Von Grünbein stammt - noch vor der aktuellen Diskussion übers Urheberrecht - ein Kommentar zu der Frage, wo im öffentlichen Raum das Gemeingut aufhört und das Plagiat beginnt: Die Grenze, so Grünbein, sei die zwischen Jung und Alt, die ganze Debatte ein „hässlicher Biodiskurs“, es handele sich um „Rassismus“.
Kray // Monocular // unter anderem Max
urban urtyp #20 | Sonntag 20. Mai 19 Uhr
Kein Konzert, ein kleines Festival mit Indie-Pop, Elektro-TripHop und Songwritertum, alles von hier und alles uu, unbeugsam urban. Von KRAY! etwa kommt keiner aus Kray, aber alle in ein Alter, in dem Indie-Pop tatsächlich independent wird: Die Sechs müssen keinem nichts beweisen, keiner etwas vorbalzen oder diesen blöden Ehrliche-Haut-Habitus pflegen, ihre Sonnenuntergänge sind wirklich rot. Und ihre Songs entstanden, wenn sie auf dem Weg zur Probe auf Höhe von Kray im Stau standen, jetzt stehen sie als die ältesten Newcomer der jüngsten Musikgeschichte auf der Bühne. Und wir wissen seitdem, dass Alter vor gar nichts schützt, auch davor nicht, besser zu werden. Sie machen Schluss mit wichtig, sie machen Songs und besingen die Sehnsucht, die sich von Essen-Kray nach Bochum-Dückerweg streckt. Ruhig und entspannt ist das, ab und an ein wenig traurig, dann klingt die A40 wie a-Moll, bevor sie lässig den Kitsch umkurven und eine andere Ausfahrt nehmen, die ist dann besser was in Dur. Große Kunst, gelassene Geste, wer braucht da noch den Sommer. - Dann MONOCULAR: Elektro TripHop aus Dortmund, der überhaupt nicht so klingt wie …
Zimpel Kusiolek Tokar Kugel
Kosmopolen in Euforia | Freitag 11. Mai 20 Uhr
Vielleicht klingt, was die vier Herren tun, wie es klingt, wenn man ihre Namen liest. Oder auch anders, vielleicht klingt es - Robert Kusiolek spielt Bandoneon - wie das Ruhrgebiet früher klang, als das Bandoneon hier den Ton angab. Oder aber es klingt nach dem, was man hier so gar nicht kennt, was aber Klaus Kugel seit vielen Jahren spielt, den Jazz des Ostens. Oder aber es klingt wie das, was Petra Reski - sie wird am Tag zuvor hier gelesen haben - in einer wundervollen Reportage für GEO [hier auch als Audio-Datei] beschrieben hat, dann klänge es wie Heimat, nein: wie die Sehnsucht nach ihr, „nach einem bestimmten Licht, nach einem Geruch, nach einer bestimmten Stille? War es nicht eine Sehnsucht nach Erinnerung und nach Kindheit? War der Verlust der Heimat nicht vergleichbar mit dem Verlust einer geliebten Person?“ Und ist der Jazz nicht das, was alles in Bewegung bringt und solange verfremdet, bis es zurückkehren könnte, jenes bestimmte Licht, eine bestimmte Stille? // Waclaw Zimpel [cl, bcl, tarogato], Robert Kusiolek [accordeon, bandoneon, electronics], Mark Tokar [b], Klaus Kugel [dr, perc].
„Deutschland war wie Sodbrennen“
Kosmopolen in Euforia | 9. Mai + 10. Mai jeweils 20 Uhr
Könnte sein, dass stimmt, was in der WAZ gestanden hat: dass jeder Dritte, der heute im Ruhrgebiet lebt, polnischer Herkunft sei. Dem Ruhrgebiet selber merkt man das kaum an, es lässt sich im Telefonbuch nachlesen, aber nicht in Speisekarten - nirgends ein polnischer Döner, kein schlesisches Gyros, warum wundert das niemanden - und es lässt sich nirgends ablesen an den Namen von Straßen und Plätzen: Das Ruhrgebiet hat ein peinliches Faible für Helden, für polnische nicht. Hunderte polnischer Namen stehen allerdings in der „Helden-Gedenkhalle“ im Turm der Christuskirche, es sind die Namen von Bochumern, die im Ersten Weltkrieg „für Deutschland“ gefallen sind. Neben ihren Namen stehen die „Feindstaaten Deutschlands“, darunter „Polen“. Eine seltsame Zerrissenheit, die auch später seltsam sprachlos blieb: „Deutschland war wie Sodbrennen“, heißt es in einem der Romane von Artur Becker.
Trio Manaz
Kosmopolen in Euforia | Samstag 5. Mai 20 Uhr
„Wir dulden Europa wie ein Königshaus“, sagte Jochen Gerz am Europatag vor drei Jahren, als die Stadt Bochum auf den PLATZ DES EUROPÄISCHEN VERSPRECHENS eingeladen hatte: „Über das Königshaus nachdenken wollen die Wenigsten. Königshäuser geben Schutz, versprechen Ruhe, Tradition und leichte Unterhaltung.“ Das ist sehr wahr - früher kämpften Könige um ihren Kopf, heute schießen sie sich in den Fuß - und weil es wahr ist, gibt es den PLATZ DES EUROPÄISCHEN VERSPRECHENS: Er ist dafür da, die eigene Vorstellungskraft auf den Thron zu setzen. Das europäische Versprechen kennt nunmal keine Herkunft, es ist nicht von Adel und nicht polnisch oder deutsch, sondern mein eigenes. Und das vielleicht ist, was sich von der Romantik lernen lässt …
The Polish Folk Explosion
Kosmopolen in Euforia | Freitag 4. Mai 20 Uhr
Folk, dachte ich immer, das ist, wenn jemand Lieder singt, die niemand geschrieben hat. Vitold Rek dachte anders, er hat Lieder geschrieben, die klingen, als gehörten sie schon immer zur Tradition, und dann hat er diese Lieder verjazzt. Anders formuliert: Rek hat durch den Jazz hindurch die polnische Tradition erschlossen. Das war vor zehn Jahren, seine Polish Folk Explosion betrieb Rek, lange Jahre über Sideman von Tomasz Stanko, zusammen mit Größen wie Albert Mangelsdorff und Charlie Mariano. Jetzt, bei der Neu-Auflage seines Projekts, greift Rek unmittelbar auf die Fülle polnischer Tradition zurück - Polen war eben schon immer ein beliebtes Reiseziel, seit den Völkerwanderungen ist da einiges an Musik zusammengekommen - und diese Fülle zu interpretieren, hat er erneut erlesene Musiker gewonnen, unter ihnen John Tchicai [sax], der auch schon mit John Coltrane Platten eingespielt hat, Sebastian Karpiel-Bulecka [viol], in Polen prominenter als Grönemeyer in Bochum, Jaroslaw Bester, einer der großen Akkordeonisten weltweit, und Ramesh Shotham [perc], hier zuletzt bei der Ruhrtriennale zu hören. // Hier das vollständige Kosmopolen_in_EUforia–Programm. // Update: Mit seiner Band Zakopower hat Karpiel-Bulecka just drei Fryderycks gewonnen: Song des Jahres, Album des Jahres, Gruppe des Jahres. Der Fryderyck ist der wichtigste Musikpreis Polens.
Teppichstangen sind etwas sehr Schönes
KOSMOPOLEN IN euFORIA | 4. - 11. Mai
Der Satz über das, was Teppichstangen seien, stammt von Erich Kästner, er ist in Dresden aufgewachsen, das liegt zwischen Polen und dem Ruhrgebiet: „Mein Vorgarten war der Hinterhof und die Teppichstange war mein Lindenbaum“, heißt es in Als ich ein kleiner Junge war. Er hätte zwar lieber einen Garten mit Bäumen gehabt, aber „kein Grund zum Weinen. Höfe und Teppichstangen sind etwas sehr Schönes.“ Das sind sie zumindest gewesen, unschuldig schön, eine Erfahrung, die sich quer durch Europa zog: „Hier wurden Affenschaukeln geübt und erste Küsse getauscht, heimlich Zigaretten geraucht, Persönliches und Politisches besprochen“, heißt es bei KLOPZSZTANGA — POLEN grenzenlos NRW: „Hier zankte und versöhnte man sich. Hier war und blieb man sich nah.“ Das war wohl so und blieb es nicht, Kästner schrieb seine Erinnerung ins Jahr 1914 hinein: “Der Weltkrieg hatte begonnen und meine Kindheit war zu Ende.”
„You can’t blame gravity“
Roman & Julian Wasserfuhr | urban urtyp #19 | 29. April 19 Uhr

Jürgen Liepe | Staatliche Museen zu Berlin, Museum für Asiatische Kunst
Erst einmal hören: Die Wasserfuhrs mit Stings Englishman In New York [5,2 MB]. - Und hier ein wenig Aufklärung über die Abgeklärtheit dieser Musik: „Wir beschäftigen uns mit Reduktion“, sagen sie, „keine vertrackten Muster, sondern einfache Songs mit Intensität“. Beide sind sie Mitte 20, Roman am Klavier hat drei Jahre mehr als Julian an der Trompete, beide bestaunt für ihr wundervolles Understatement und dass sie auf Schnörkel verzichten und auf Jazz-Akrobatik. Und das, sagt Matthias Brandt, der Schauspieler, „muss man sich trauen“, Reduktion sei in jeder Kunst „das Schwerste überhaupt“, nur deshalb komme diese Musik so leicht daher. Nur weshalb heißt diese CD dann Gravity? Schwerkraft ist ja nun doch bedeutungsschwer, sie macht, dass, wohin der Baum fällt, da bleibt er liegen. Klingt das loungig? Auf dem Cover von Gravity das Teahouse von Ai Weiwei. 3600 Kilo Pu’er-Tee, zu Quadern und Prismen gepresst und einem Haus zusammen gesetzt. Keine Fenster, keine Türen, Reduktion. Wobei …
Ton im Raum
Denovali Label Evening #3 | Freitag 27. April 20 Uhr
Denovali ist das Label nebenan, und vielleicht ist das kein Zufall, dass gerade Denovali die Nähe einer Orgel gesucht hat: So eine Orgel kann, was Denovali am liebsten verlegt, sie kann einen Ton im Raum stehen lassen. Sie kann ihn loslösen von Armlängen und Atemnot, kann ihn herauslösen aus der Endlichkeit und Ewigkeit simulieren, wer kann das schon. „Von Gottes Hauch beseelt, Nachklänge des Schöpfungsliedes“, hörte Herder in ihr, der Orgel, „die mit der süßen Lockstimme der Liebhaberinnen die Liebe Gottes in das horchende Ohr der Andacht haucht und Schrecken in das Ohr des Tyrannen brüllt“. Was Herder beschreibt, klingt zwar pompös wie eine Orgel, ist aber das, was passiert, wenn Töne stehen anstatt zu verhallen, es ist die Erfahrung von Schönheit und Schrecken. Allerdings gibt es hier keine Tyrannen in Hörweite mehr, uns bleibt die Schönheit von beidem, der Orgel und dem, was Denovali verlegt.
Der Odem des Fans
ERIC FISH & FRIENDS | 21. APRIL 20 UHR
„Illegales Downloaden?“ Was er denn davon halte, wurde ERIC FISH gefragt, wir fragen zunächst die Bibel: Geist, sagt sie, ist kein Eigentum, der Geist weht, wo er will. Und das nicht erst, seit das Internet erfunden ist, sondern weil Gott den Odem des Lebens in Adams Nase geblasen hat: So, heißt es in Genesis 1, so ward der Mensch ein lebendiges Wesen. Seitdem ist dieses Wesen fruchtbar und mehrt die Ideen und füllt die Köpfe, und das ist im Grunde alles, was die Bibel zum Urheberrecht sagt: Was, das wir nicht empfangen hätten. Und was, würde auf dieser Basis diskutiert und nicht so getan, als zöge mit dem Internet eine neue Religion herauf. ERIC FISH jedenfalls klingt sehr viel entspannter als etwa SVEN REGENER, der ja mal SUBWAY TO SALLY produziert hat, und sehr viel entspannter auch als diese Stimmen hier. Der Grund dafür ist einfach, Fish vertraut den Fans, das ist das ganze Geheimnis. Ihrem Odem gehört seine Musik. Hier Erics Zitat, es ist sehr schön:









