Wäre die Katastrophe nicht im Tunnel von Duisburg passiert, sondern im Bochumer Schauspielhaus, ob es dann auch geheißen hätte, man habe dieses Theater nur „ideell unterstützt“? Und was, wäre die Katastrophe in einer Kirche passiert, hätte man dann gesagt, die Kirche und das Theater seien nur deshalb ins Programm gekommen, um alte Menschen zu erreichen und das Abo-Publikum? „Wir haben den Anspruch, dass wir auch junge Menschen erreichen, nicht nur das Abo-Publikum. Deswegen haben wir die Loveparade für eine gute Ergänzung unseres Programms gehalten“, sagte Fritz Pleitgen nach der Katastrophe. Vorher hatte er den Anspruch, den die Kulturhauptstadt erhebt, einmal anders formuliert, ein sehr interessantes Zitat: „Kulturhauptstädte, Weltausstellungen und Fußballweltmeisterschaften hatten bisher alle eines gemeinsam: Sie waren Leistungsschauen …“
„… Unvereinbares vereinbaren …“
Kirche Kultur und Politik nach der Katastrophe

Marcus Kiel | aussichten 2005 — 1945
Eigentlich ist es ja so, dass man inzwischen gelernt hat, die Jahre ’33 bis ’45 irgendwie einzubauen in seinen Narrativ, und sei er noch so konstruiert. Ein blinder Fleck macht sich nicht gut in einer Gesellschaft, in der die Bewerbungsphase ein Dauerzustand ist für alle. Am ehesten sieht man ihn noch, wo man sich eh einen Reim machen kann, bei Unternehmen aus der Rüstungsbranche etwa. Und allerdings auch in der Bewerbung, mit der das Ruhrgebiet zur europäischen Kulturhauptstadt geworden ist. Es gibt eine politische Verantwortung für die Katastrophe von Duisburg und eine kulturpolitische, es ist unsere, um sie geht es hier. | Teil (4)
„… den Mythos begreifen …“
Kirche Kultur und Politik nach der Katastrophe

Pressefoto | RUHR.2010
Toni ist ein Fußballgott, Grönemeyer Kult und Ruhr ein Mythos. Höhere Weihen werden hier schnell verliehen, und allen ist klar, dass sie uneigentlich sind. Eigentlich nämlich sei es so, wie Grönemeyer textet, dass „dich hier kein Schaum erschlägt“. Besucherzahlen, sagte Duisburgs OB zur WAZ, „wurden immer um den Faktor drei oder vier übertrieben“. Zum „Mythos Ruhr“ zählt nun auch der Mythos von Millionen, die Loveparaden bilden: „Hier das Leben, da der Mensch, dicht an dicht“. Man wird Grönemeyers „Komm zur Ruhr“, aus der auch diese Zeile stammt, nie wieder unschuldig hören. Es gibt eine kulturpolitische Verantwortung für die Katastrophe von Duisburg, um sie geht es hier. | Teil (3)
„… ein lange ermatteter Riese …“
Kirche Kultur und Politik nach der Katastrophe

Ayla Wessel | Kulturagentüer
Was RUHR.2010 den „Metropolenblick“ genannt hat, ist blind geworden gegen das, was vor Augen steht. Zugangsrampen passen nicht zum Weltraum und Tunnel nicht zum Weltraumblick. Heute, zwölf Tage nach der Katastrophe von Duisburg, ist auch die WAZ herabgestiegen, sie spricht vom „Tanz ums Metropolen-Kalb“ und hat im Ruhrgebiet gleich „einen gewissen Kleinstadt-Charme“ entdeckt. Ist das Umdenken oder Irrlichtern? Für eine Kleinstadt haben entschieden zu viele um dieses Kalb getanzt, auch Leute der Kirche. Es gibt eine kulturpolitische Verantwortung für die Katastrophe, um sie geht es hier. | Teil (2)
„… eine richtige Metropole …“
Kirche Kultur und Politik nach der Katastrophe

Pressefoto | RUHR.2010
Man habe die Loveparade „nur ideell unterstützt“, heißt es bei RUHR.2010, man sei „nicht verantwortlich“. Als sei es selbstverständlich, dass man mit dem, was man „nur ideell“ tut, nichts zu tun hat. Als seien Ideen beliebig, weil unwirklich, und unwirklich, weil wirkungslos. Reine Glaubenssache eben: „Jede Vision braucht Menschen, die an sie glauben“, heißt es bei RUHR.2010. Wirklich jede? Es gibt eine politische Verantwortung für die Katastrophe von Duisburg und eine kulturpolitische, um sie geht es hier. | Teil (1)
Nun also: Eine „Erklärung“.
RUHR.2010 und die Katastrophe von Duisburg

Screenshot | ruhr2010.de
Soeben hat die Ruhr.2010-GmbH auf ihre Homepage eine „Erklärung von RUHR.2010 zur Loveparade“ gestellt und 49 Stunden nach der Katastrophe festgestellt: „Die Loveparade trägt das Label der Kulturhauptstadt. Veranstaltet wurde sie allerdings in alleiniger Verantwortung der Lopavent in Duisburg.“
Die Kultur der Kulturhauptstadt
RUHR.2010 und die Katastrophe von Duisburg
„Wir sind der kommende Hotspot in Europa, das hat die Loveparade beeindruckend gezeigt. Wir sind auf dem richtigen Weg.“ Dieter Gorny am 21. Juni 2007.
„Pyrotechnische Glanzlichter“
RUHR.2010 und die Katastrophe von Duisburg

Logo | RUHR.2010
Er fühle sich mitverantwortlich, hat Fritz Pleitgen in der Nacht der Katastrophe gesagt. 19 Menschen starben, Hunderte wurden verletzt, und die Veranstalter, Stadt und Lopavent, haben das Wort Verantwortung auf ihrer Pressekonferenz heute nicht bemüht. Fast möchte man Pleitgen dankbar sein, dass zumindest er von „Verantwortung“ spricht, „aber eher im moralischen Sinn“. Auf der Homepage seiner Ruhr-GmbH steht davon bis jetzt - knapp 24 Stunden nach der Katastrophe - nichts.
Tortenprozess: Bomberman & Poesie

Foto: Ayla Wessel | Kulturagentüer
Wer Karikaturen zeichnet oder veröffentlicht, für den können sie gefährlich sein. Sie können verletzend sein, sie können sogar aufrufen, aber können sie zur gefährlichen Körperverletzung aufrufen? Der Betreiber von bo-alternativ.de, Martin Budich, wurde jetzt deswegen verurteilt.
„Bauplatz unserer Vorstellungen“

ThW | Christuskirche Bochum
13.625 Namen, 13.625 Versprechen. Die Namen sichtbar, Versprechen unsichtbar. Das sei „beliebig“, wurde uns oft vorgeworfen, unsichtbare Versprechen seien „unverbindlich“. Seltsamer Vorwurf.


