Im Januar 2010 wurde bei Bauarbeiten in Berlin ein Kunstwerk aus der Erde geborgen, ein Bronzeguss des Bildhauers Edwin Scharff. Das Bildnis zeigt die Schauspielerin Anni Mewes, die Nazis hatten es 1937 als „entartet“ beschlagnahmt. Zehn weitere Kunstwerke waren Jahrzehnte lang im Herzen der Stadt verborgen, dann gab die Erde sie preis, als sei es an der Zeit, das zu beglaubigen, was Paul Klee behauptet hat: dass Kunst nicht wiedergibt, was sichtbar ist, sondern dass Kunst sichtbar macht. Sichtbar wird, dass sich die Erde eines Tages öffnet und Massengräber offenbart. Allein in der Ukraine sind es Tausende, die sich auftun in dieser Zeit, oft zufällig bei Bauarbeiten entdeckt. Im Akkord hatten die Nazis gemordet und Hunderttausende ihrer Opfer in der Erde verscharrt, nur von den Wenigsten kennen wir die Namen. Am 26. Januar, dem Vorabend des Tages, an dem Auschwitz befreit worden ist, verliest die Jüdische Gemeinde Bochum die Namen derer, die aus Bochum und Wattenscheid deportiert worden sind, um ermordet zu werden.
Gold, Weihrauch und Wollny
Michael Wollny | urban urtyp #15 | 29. Januar 19 Uhr
Dieser Mensch ist ein Geschenk, zweifellos. Ein „Wunderkind“ sei erschienen, hieß es, die weisen Kritiker stauten sich staunend ums Klavier herum, auch die weise FAZ: „Selten einmal hat man solche Ausweitungen des konventionellen Klavierspiels folgerichtiger aus dem formalen Ablauf der Improvisationen ableiten können wie im Spiel von Wollny.“ Wie wahr. Wenig später staunte die weiterhin weise FAZ, dass ein Wunderkind einen wundervollen Kopf entwickelt: „Man wird wohl als genial bezeichnen dürfen, wie wunderbar unerklärlich Wollnys Spiel überall hinpasst.“ Was wiederum wunderbar zu urban urtyp passt: Dass Wollny, „das deutsche Jazzwunder“, dem sie beim ECHO Jazz 2 x Gold umgehängt haben, dass er bei uns als urban urtyp spielt, ist nicht Gold und nicht Weihrauch, es ist ein Geschenk. Eines, das mit allem zu tun hat, mit Wollny und dem Wunder, mit Echo, Jazz und „Mensch“ …
Downliners Sekt
urban urtyp #14 special | Freitag 30. Dezember 19 Uhr
Was nach Dubstep kommt, kommt aus Barcelona. Sie selber nennen, was aus ihren Laptops kommt, „electronic post post post post rock ambient trip hop, I don’t know“. Eine Dekonstruktion von dem, was war, „als müsse ich zuerst zu graben anfangen, müsse mich rauswühlen, rauskratzen aus einer Masse von Schutt, die uns zudeckt“. So lässt Peter Weiss einen Schriftsetzer in seiner Ästhetik des Widerstandes reflektieren, als es um den Beginn des Spanischen Bürgerkriegs geht und das republikanische Europa, das sich gegen den Faschismus wehrt. 75 Jahre ist das her und der Kurzschluss mit Downliners Sekt erlaubt, weil sie heute — unpathetisch und entschieden — jede paramilitärische Party hintertreiben.
Review | Die Happy
Live im April 2011
„Heute habe ich das Gefühl, dass mein Kleid endlich zu der Location passt.“ Nicht nur das Kleid, auch DIE HAPPY und MARTA JANDOVÁ: „Da ist man im Gotteshaus und fühlt sich ganz anders“, meinte sie, „ich glaube, ich kann heute gar nicht vulgär sein.“ War sie denn auch nicht, zumindest nicht im Sinne des lateinischen vulgaris, es bedeutet gewöhnlich, alltäglich. Und das war dieses Konzert, fast das 1.000, das sie gaben, wirklich nicht: „Ich hab vorher mit dem Herrn von diesem Haus gesprochen“ — Lachen — „ich meinte den Pfarrer, er sagte, dass an der Stelle, wo ich heute sitze oder stehe, ein normaler Mensch dafür lange studieren muss. Ich hab’s ohne Studium geschafft durch 18 Jahre Touren — oh mein Gott, ist das lang — und deswegen ist das schön, ich komme mir heute Abend wie eine kleine Priesterin vor. Ich hoffe, ich habe nur Gutes für Euch zu sagen!“ Hatte sie. // Die Passage ab 4:45.
Europa beginnt in Teheran
Die Reden von Shirin Ebadi und Khadijeh Moghaddam
„Nach dem Bericht der ‚Journalisten ohne Grenzen‘ hat der Iran die höchste Zahl an Journalisten, die inhaftiert sind. Aus dieser Sicht steht Iran einmal an erster Stelle.“ Shirin Ebadi, Friedensnobelpreisträgerin, hat am Sonntag in der Christuskirche vor 500 Zuhörern über die „massive Zensur im Iran“ gesprochen, über Staatsmedien, ein „merkwürdiges“ Pressegesetz und die Manipulation der öffentlichen Meinung. Eine pragmatische Rede, Menschenrechte sind auch sonntags nichts für Sonntagsreden: „Wir möchten Sie, die freien Menschen in Europa, ansprechen. Sie glauben ja an Menschenrechte. Sie dürfen nicht erlauben, dass Unternehmen Geschäfte mit Iran treiben, die zu mehr Unterdrückung der Menschen führen.“ Hier die Rede von Shirin Ebadi. Und hier die Rede von Khadijeh Moghaddam, die den Bochumer Menschenrechtspreis entgegen nahm: „Dieser Preis gehört den Müttern“.
African American Art
New York Gospel Stars | 26. Dezember 20 Uhr
Weihnachtsfreude ist ein höfliches Wort, es klingt moderat. Was moderat klingt, ist das, was man im Griff hat. Was man im Griff hat, ist das, was man dosieren kann. Die Weihnachtsfreude als Herdplatte, die man regeln kann. Weniger griffig und reglementiert ist das, was die neun New Yorker tun: Für die Weihnachtsfreude sind sie, was einem zustößt. Eine „große Freude, die allen widerfahren wird“, siehe Lukas 2. Am Zweiten Weihnachtstag ist bei uns die satte Freude das Gegenteil von satt.
Nicht-mönchische Mönche
Gregorian | 2. Zusatzkonzert | Dienstag 13. Dezember 17 Uhr
Gregorianik geht anders, das ist sicherlich wahr. Die Gregorian sehen schon wie Mönche aus - das Foto hier ist von heute aus dem Konzert in der Christuskirche — aber sie singen weder einstimmig noch a capella noch in lateinischer Sprache. Und der Inhalt von dem, was sie singen, ist ab und an wohl auch ein anderer. Nur was soll’s, dann ist es eben nicht sehr gregorianisch, was sie machen, sondern Pop. Die Mönche, siehe dieses Foto …
„Bitte sprechen Sie über Demokratie!“
Shirin Ebadi, Iran-Freedom, Amnesty | 18. Dezember 17:30 Uhr
„Die nächste Person, die getötet werden soll, ist Shirin Ebadi.“ Vor elf Jahren stieß die Teheraner Juristin auf diesen Satz, als sie in Regierungsakten wegen Dutzender Regierungsmorde recherchierte. Drei Jahre später wurde Shirin Ebadi in Oslo mit dem Friedensnobelpreis geehrt, sie reichte ihn weiter an alle Iranerinnen und Iraner, die für Demokratie und Menschenrechte kämpfen, für politische, sexuelle, religiöse Freiheit. „Die Grüne Bewegung“, so Ebadi, „ist eine demokratische, also keine ideologische Bewegung. Sie vereint Menschen mit unterschiedlichen Auffassungen und Neigungen.“ Im Kampf für Demokratie und Menschenrechte sei „jeder für sich selbst ein Held oder eine Heldin“.
Christmas meets Cuba
Klazz Brothers & Cuba Percussion | Samstag 17. Dezember 20 Uhr
Klazz ist ein Kunstwort, es hat nichts mit Klezmer zu tun, sondern mit Klassik plus Jazz. Und wie das Wort, so die Musik, sie hat nichts zu tun mit einer „Grenzüberschreitung“ oder dem, was man „Crossover“ nennt. Sie hat damit zu tun zu spielen und mit der Lust am Spiel, und die Klazz Brothers spielen mit dem, was Klassik und Jazz gemeinsam ist. Virtuosität zum Beispiel, hohes Stil-Bewustsein, das freie Zitieren. Und natürlich die Fähigkeit zu improvisieren. Bach, Beethoven, Mozart haben improvisiert, Chopin sowieso. Musik ist eben nicht Verordnung, sondern Vergnügen, das haben sich die kolumbianischdeutschkubanischen Brüder zu Herzen genommen: Classic meets Cuba hieß ihr erstes Vergnügungsprogramm …
Chris Hopkins‘ Swinging Christmas
25. Dezember 2011 | Erster Weihnachtstag | 17 Uhr
Wie geht Weihnachten? Gute Frage. Der Fliegende Weihnachtsmann ist ausgeflogen, der Weihnachtsmarkt abgeräumt, und Weihnachtsleuchten wirken, als hätte wer vergessen, sie abzustellen: Am ersten Weihnachtstag hat Weihnachten es ziemlich schwer. „Swinging Christmas“? Klären wir zunächst, wie das hier geht, „schwingen“. Das Wörterbuch sagt, es handele sich um ein Tu-Wort …









