„Pyrotechnische Glanzlichter“

RUHR.2010 und die Katastrophe von Duisburg

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Er fühle sich mit­ver­ant­wort­lich, hat Fritz Pleit­gen in der Nacht der Kata­stro­phe gesagt. 19 Men­schen star­ben, Hun­derte wur­den ver­letzt, und die Ver­an­stal­ter, Stadt und Lopa­vent, haben das Wort Ver­ant­wor­tung auf ihrer Pres­se­kon­fe­renz heute nicht bemüht. Fast möchte man Pleit­gen dank­bar sein, dass zumin­dest er von „Ver­ant­wor­tung“ spricht, „aber eher im mora­li­schen Sinn“. Auf der Home­page sei­ner Ruhr-GmbH steht davon bis jetzt  -  knapp 24 Stun­den nach der Kata­stro­phe  -  nichts.

Nur drei dürre Zei­len dar­über, dass man bestürzt sei und noch­mals drei Zei­len dar­über, dass andere ent­schie­den haben, keine Love­pa­rade mehr zu ver­an­stal­ten, so geht die Kul­tur­haupt­stadt in Deckung. Vor drei Tagen noch hatte Oli­ver Sche­ytt vom „Leucht­turm für Ruhr.2010″ gespro­chen und dass man einen

jah­re­lang brach­lie­gen­den Güter­bahn­hof in Duis­burg zu einem neuen Kul­tur­ort ver­wan­delt. Bil­der vom Wan­del wer­den uns erneut um den Glo­bus tra­gen. Bei der Kul­tur­haupt­stadt ver­wirk­li­chen wir große Ereig­nisse im Wochenrhythmus.

Wir ver­wirk­li­chen. Und das eben ist, was unter Ver­ant­wor­tung fällt, es ist die­ser Ton. Diese Groß­spu­rig­keit, immer leicht ent­hemmt, immer zu schwüls­tig, immer mit spür­ba­rem Wirk­lich­keits­ver­lust. Seit Grün­dung der Ruhr-GmbH geht es nicht mehr  -  und das war mal die Idee für eine Kul­tur­haupt­stadt  -  um Stadt­wer­dung und um Stadt­grün­dung, seit Grün­dung die­ser GmbH geht es um eine Metro­pole, die man nicht werde, son­dern bereits sei.

Wir ver­wirk­li­chen. Wo der Indi­ka­tiv gegen allen Augen­schein regiert, muss die Wirk­lich­keit zurecht­ge­bo­gen wer­den. Daher der „Bilder-Wahn“, von dem die RUHRBARONE spre­chen. Daher die Gefü­gig­keit, dem eige­nen Mar­ke­ting­sprech zu glau­ben. Die Ver­bis­sen­heit, an sur­rea­len Wer­be­tex­ten fest­zu­hal­ten, an simu­lier­ten Wunsch­bil­dern, ein Trom­mel­feuer der Auto­sug­ges­tion. Die Bil­der seien die Sub­jekte, so hat Sche­ytt dies for­mu­liert, sie „tra­gen uns“.

Und dann der Sprach­ver­lust, wenn Bil­der Wirk­lich­keit tra­gen anstatt „uns“. Wir ver­wirk­li­chen. Am sel­ben Abend, an dem in Duis­burg Raver star­ben, gin­gen in Essen „pyro­tech­ni­sche Glanz­lich­ter“ auf, das Gru­ga­fest wurde plan­voll ans Ende gefei­ert. „Fei­ern um jeden Preis“, kom­men­tiert Frank Steng­lein auf derwesten.de, „tief beschämend“.

Sollte diese Kul­tur­haupt­stadt Sinn gehabt haben, hat sie ihn nicht mehr. Wollte sie einen gewin­nen, müsste sie eine neue Spra­che erfin­den, eine, die sich ver­ant­wor­ten ließe.

Was also tun mit einem bun­ten Fähn­chen­logo, das Kul­tur­haupt­stadt und Chris­tus­kir­che iden­ti­fi­ziert? Wie Teil sein eines Pro­gramms, das auf ent­setz­li­che Weise bestä­tigt, wor­auf unser Pro­gramm hier basiert: der Ein­sicht, dass alle Kul­tur die Spu­ren der Bar­ba­rei in sich trägt.

Zuerst ver­öf­fent­licht am 25. Juli um 15:45 h

Artikel am 28. Juli 2010 um 20:45 Uhr von Thomas Wessel veröffentlicht | Kategorie: Debatte | Trackback: Trackback URL.


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