Bomberman & Poesie

Tortenprozess: Aufruf zum Selberdenken?

Foto: Ayla Wes­sel | Kulturagentüer

Wer Kari­ka­tu­ren zeich­net oder ver­öf­fent­licht, für den kön­nen sie gefähr­lich sein. Sie kön­nen ver­let­zend sein, sie kön­nen sogar auf­ru­fen, aber kön­nen sie zur gefähr­li­chen Kör­per­ver­let­zung auf­ru­fen? Der Betrei­ber von bo-alternativ.de, Mar­tin Budich, wurde jetzt des­we­gen verurteilt.

Er hatte im Okto­ber 2008 eine Kari­ka­tur ver­öf­fent­lich, mit der er dazu ein­lud, sich einem Nazi­auf­marsch ent­ge­gen zu stel­len. Das hat­ten auch andere vor ihm getan, das Motto der Demo mit meh­re­ren Tau­send Teil­neh­mer hieß „Wir sind Bochum. Nazis sind es nicht.“ Den Auf­ruf dazu hat­ten  -  als Erst­un­ter­zeich­ner  -  die OB der Stadt, der Rek­tor der Ruhr-Uni sowie die Reprä­sen­tan­ten von Kir­chen und Par­teien, von Arbeit­ge­bern und Gewerk­schaf­ten unter­schrie­ben. In dem Text,Vor­lage stammt von mir, hieß es: „Wir wol­len den Nazis fried­lich widerstehen.“

Wir hat­ten über die­sen Satz dis­ku­tiert: Ist das ein Auf­ruf zum Wider­stand? Ganz offen­bar. Kön­nen die Reprä­sen­tan­ten des städ­ti­schen Lebens zum Wider­stand auf­ru­fen? Haben sie, also kön­nen sie es.

Schwie­ri­ger die Frage, wie eine Sitz­blo­ckade zu wer­ten sei: fried­li­cher Wider­stand oder Gewalt? Die einen sag­ten so, andere so, es wäre sinn­los gewe­sen, gerade die Reprä­sen­tan­ten öffent­li­cher Mei­nun­gen auf eine zu eichen. Von einem Wider­stand im Sit­zen steht im Auf­ruf  also nichts.

Oder doch? Gleich der nächste Satz erklärt, was „fried­lich wider­ste­hen“ meint: „Wir wol­len einen Wider­stand voll Poe­sie“. Wenn man es laut lies, hört man es: Po–esie. Und jetzt ein­mal vor­sich­tig in den Kopf eines Staats­an­walts ver­setzt: Klingt mit dem Po nicht das Sit­zen an? Klingt es nicht so, als rufe die Poe­sie zur Sitz­blo­ckade auf?

Auf der Demons­tra­tion sel­ber sind alle ste­hen geblie­ben, und ich, immer noch im Kopf eines Staats­an­walts, frage mich nun leicht beschämt, was das bewei­sen könnte? Beweist es, dass die Leute widerste­hen? Und dass sie dabei nicht sit­zen wol­len? Oder beweist es, dass es egal ist, was sie wol­len und was sie tun und wie sie einen Auf­ruf ver­ste­hen, solange sie ihn anders ver­ste­hen könn­ten? Und wenn sie ihn hät­ten anders ver­ste­hen kön­nen, könn­ten ihn dann nicht Monate spä­ter ganz andere Leute, die gar nicht wider­stan­den haben, den­noch so ver­ste­hen, wie es kei­ner hat, aber hätte haben können?

So sitzt man, in den Kopf eines Staats­an­walts ver­setzt, und ver­steht so man­ches, nur nicht den Witz. Weder den mit dem Po noch den mit Bom­ber­man. Erklä­ren wir einen Witz:

"Bomberman mit Torte"

Der mit Po ist eine Laut­ma­le­rei, Bom­ber­man ist ein gezeich­ne­ter. Die Com­pu­ter­fi­gur ist uralt, uralt bedeu­tet 1983, als Bom­ber­man gezeich­net und, nur zum Ver­gleich, das Recht auf infor­ma­tio­nelle Selbst­be­stim­mung begrün­det wurde. 1983 sah Bom­ber­man kin­disch aus, heute wirkt er wie das Sand­männ­chen. Zeit ihres Lebens war die Figur als Zitat zu erken­nen, zuerst als Zitat einer Comic-Figur, dann als Zitat-eines-Zitats. Mehr Ent­rea­li­sie­rung ist nicht vor­stell­bar, ein ¼ Jahr­hun­dert vir­tu­el­ler Bil­der­spra­che liegt etwa so weit zurück wie der Thing, wo die Ger­ma­nen Recht­spre­chung übten.

Damit aber geht Bom­ber­man auf eben jene Zeit zurück, in der die Figur des Auto­no­men ent­stand, die sich gern zor­nig gab und mar­tia­lisch, breit­bei­nig und pyro­man. Anfang der 80er galt es vie­len als tout chic, Wider­stand und Gewalt als Syn­onyme zu behan­deln, inzwi­schen wirkt das nur noch bie­der und sozu­sa­gen recht­schaf­fend: Von der Revo­lu­tion ist das Pathos geblie­ben, und das liest sich wie brav gelernt.

Wenn nun die­ses Pathos von frü­her heute zitiert wird  -  der auto­nome Kämp­fer, zor­nig und breit­bei­nig und mit sexy Taille  -  die­ser Kämp­fer aber als Comic­fi­gur erscheint, idio­tisch und stein­alt und statt mit Hirn im Kopf mit Pro­gramm auf dem Schirm (12 Zoll mono­chrom), was mag denn das bedeu­ten? Und was, wenn diese Witz­fi­gur auch noch mit Tor­ten wirft anstatt mit Bomben?

Ob das ein Auf­ruf zum Sel­ber­den­ken ist? Wäre ich ein Auto­no­mer  -  man kann sich ja in Köpfe ver­set­zen, es seien auto­nome oder die des Staats­an­walts  -  und würde immer noch glau­ben, Gewalt wirke befrei­end, ich würde den Budich zur Rede stel­len: Mich als Comic­fi­gur zu zeich­nen! Mein auto­no­mes Hirn als C 64! Den revo­lu­tio­nä­ren Elan als Slap­stick! Bom­ben­wer­fen ist Che Gue­vara, Tor­ten­wer­fen, das ist Dick & Doof!

Und das ist im Grunde alles, was mich am Pro­zess gegen Budich wun­dert. Dass es die Staats­an­wälte sind, die ihn ver­fol­gen, und nicht die Leute vom Schlage Wir-müssen-Nazis-mit-Gewalt-bekämpfen-anstatt-mit-Hirn. Jetzt ist es natür­lich so, dass der Pro­zess der einen das Geschäft der ande­ren betreibt, sie ver­trei­ben den Witz.

Und damit eben das, was jedem Pathos wider­steht, dem der auto­no­men Fröm­mig­keit wie dem der füh­rer­from­men Nazis. Das aller­dings ist ernst zu nehmen.

Artikel am 28. Juli 2010 um 19:21 Uhr von Thomas Wessel veröffentlicht | Kategorie: Debatte | Trackback: Trackback URL.


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