Was RUHR.2010 den „Metropolenblick“ genannt hat, ist blind geworden gegen das, was vor Augen steht. Zugangsrampen passen nicht zum Weltraum und Tunnel nicht zum Weltraumblick. Heute, zwölf Tage nach der Katastrophe von Duisburg, ist auch die WAZ herabgestiegen, sie spricht vom „Tanz ums Metropolen-Kalb“ und hat im Ruhrgebiet gleich „einen gewissen Kleinstadt-Charme“ entdeckt. Ist das Umdenken oder Irrlichtern? Für eine Kleinstadt haben entschieden zu viele um dieses Kalb getanzt, auch Leute der Kirche. Es gibt eine kulturpolitische Verantwortung für die Katastrophe, um sie geht es hier. | Teil (2)
„Das Kulturhauptstadtkreuz hat seine Reise durch die Metropole Ruhr angetreten“, ist auf evangelisch2010.de zulesen, der Seite des Evangelischen Kulturbüros: „Was bleibt, ist Zukunft“. Unser Kulturbüro selber hat keine, seine vermittelnde Funktion wird mit dem Kulturhauptstadtjahr enden. Begonnen hatte sie 2008 u.a. mit einem „Impulspapier“, das dann - nach zäher Diskussion - eher wirkungslos geblieben ist, hier aber länger zitiert wird, weil es den Metropolen-Irrsinn bezeugt, dem damals das Denken erlag:
Strategien einer kreativen Ökonomie zählen in gleicher Weise zum kulturellen Handeln wie die Förderung der Kunst und das Bewahren des Erbes der Geschichte. Die „neuen Bilder“, die um die Welt gehen sollen, um das bisher von Stahl und Kohle geprägte Bild des Ruhrgebietes in den Köpfen der Menschen zu ersetzen, verlangen vielmehr nach einer auf touristische Gesichtspunkte konzentrierten Strategie der Vermarktung, wie es sie für einen ehemaligen Industriestandort in Europa so noch nicht gegeben haben dürfte. In diesem Zusammenhang wird verständlich, dass die Ausmaße der neuen „Metropole RUHR“ notwendig über die Konzeption der bisherigen Kulturhauptstädte hinaus gehen und einzigartige Dimensionen erreichen müssen. Denn es erwacht im Herzen Europas ein lange Zeit ermatteter Riese, der politisch wie auch wirtschaftlich und kulturell erstarkt, zu neuer Kraft zurückfindet. Die RUHR.2010 GmbH hat es sich – überspitzt gesagt — zur Aufgabe gemacht, diesem Riesen seinen Namen zu geben und ihn bei seinen ersten Gehversuchen an der Hand zu führen.
(…) in der Konsequenz wird auch von den Kirchen erwartet, dass sie sich mit ihrem Engagement in diese Programmatik einfügen. Damit ist nicht nur ein Hineindenken in die (…) Intentionen der Metropole RUHR verlangt. Es wird vielmehr auch eine Nagelprobe an die Kirchen herangetragen, die darin besteht, sich im allgemeinen Wandel selbst aufzumachen und in die neue „virtuell“ bereits existierende Metropole einzuziehen. Dieser „Umzug“ in den neuen Bezugsrahmen der „kreativen Ökonomie“ verlangt nach der Bereitschaft, sich als Partner, der sich nah an der Seite der Menschen weiß, –wenn auch kritisch-, mit den Zielen der Metropole RUHR zu identifizieren. Im Gegenzug ist zu erwarten, dass die „alten“ Kirchen Teil der „neuen Bilder“ sein werden, die um die Welt gehen sollen.
Zu neuer Kraft zurück? Wie gesagt, keineswegs die Position, die dann - nach zäher Diskussion — bezogen wurde, aber ein Pathos, dass einem die Metropolen klingeln. Pathos ist wie ein Echo, was man nachspricht, hallt einem hinterher, und in den Publikationen des Evang. Kulturbüros finden sich noch heute „Metropolen“ in vielen Varianten, als „aufstrebende“ und „heranwachsende“ und „sich herausbildende Metropole“, geht es um einen „Modellfall für“ und „Identifikation mit der Metropole“ usw. Ich höre Geschrei wie beim Tanz, sagte Mose, als er vom Berg Sinai stieg.
Immerhin hat die Kulturarbeit der Evang. Kirche noch halbwegs die Kurve gekriegt und ist abgebogen vom Pfad des Glaubens, der zur Metropole führe. Anders die Leitmedien WAZ und WDR, sie werden nun mit sich selber konfrontiert und damit, dass sie „keinerlei Selbstkritik“ zeigten bisher.
Was ja noch kommen kann, eine Stimmekommt aus der Essener Redaktion, und vor allem die RUHRBARONE führen mit ihren Lesern eine eindrückliche Diskussion, so heftig wie hilfreich. Das ist sie, weil still vorausgesetzt wird, dass die Kultur weder „Spiel“ sei noch „Vermarktung“, weder beliebig noch belanglos, sondern etwas, bei dem es ums Leben geht oder den Tod. Karl Richter 1988:
Kulturpolitik hat die vordringliche Aufgabe, die humanen Widerstandskräfte im Menschen gegen alles Lebensvernichtende zu entfalten.
Vielleicht wird solche Diskussion es sein, die einlöst, was die Kulturhauptstadt einmal versprochen hat, dass ihre Kultur zum Bleiben verführe.


4 Kommentare
Thomas Wessel | Geschrieben am 11. August 2010 um 22:21 | Permalink
[at] Andreas
Unterm Strich also war das mit der „Metropole“ eh nie ernst gemeint, richtig verstanden? Allenfalls „virtuell“ und eine „letzte Hoffnung“? Nun denn, das ist doch ein Ergebnis. Alles andere scheint mir eine Strategie zu sein.
Keine sonderlich gute, darauf hatten einige von uns auch vorher schon hingewiesen, warum das hier noch mal nachstellen. „Hineingehen in die ‚Metropole RUHR‘“? Hier einen „sonst unbesetzt gebliebenen Platz der Kirchen“ besetzen? Und dann sei einem der „Hintereingang gewiesen“ worden? Man habe aber „eindeutige Vorteile daraus gezogen“? Es klingt wie das leidige Problem des Ruhrgebiets, dass es aus Städten regiert wird, die alle auf –berg oder –feld oder –dorf enden. Was ja nicht gänzlich unbeteiligt ist an der Mixtur aus „Metropolentraum und Kirchturmdenken“, wie das die FAZ genannt hat, aus „Größenwahn und Provinzialität“.
Aber egal, das sind Debatten von gestern, niemand wird 2011 „besser dastehen“. Viel interessanter die Frage, ob wir dann besser verstehen werden.
Zum Beispiel, warum es wie logisch erscheint, dass eine Gleichbehandlung von Religionen zum „Hintereingang“ führen soll? Kein einziges Wort gegen Hintereingänge, nur stelle ich mir vor, dass mehrere zusammen eher durch den Haupteingang passen würden. Oder warum aus dem, was als „Erbe und Auftrag“ hinein gegeben wurde, als „Mythos“ heraus gekommen ist? Vor die Wahl gestellt zwischen Metropolentraum und Kirchturmdenken, kann man nur wählen, was ausgeschlossen ist, ein Drittes.
Andreas Volke | Geschrieben am 11. August 2010 um 21:05 | Permalink
[at] Thomas
Lieber Thomas,
natürlich gibt es Fragen, gerade auch im Blick auf uns selbst und das Wechselspiel von Selbst-und Fremdwahrnehmung von Kirche im „Öffentlichen Raum“ und als Kulturträger im Horizont einer europäischen Kulturhauptstadt. Darum kurz noch etwas zum Verständnis der „Metropole RUHR“:
Für mich als Bürger im Ruhrgebiet wie als einer der Verantwortlichen der beiden Landeskirchen für die Kommunikation zur Kulturhauptstadt ist und war die „Metropole RUHR“ stets ein virtueller Raum, der dem Ruhrgebiet entgegengestellt wurde um seiner auseinander driftenden Heterogenität eine letzte Hoffnung auf bleibende Gemeinsamkeit zu geben. Als Bild würde ich sie wie einen „virtuellen Dachboden“ über dem Ruhrgebiet bezeichnen, in dem vorher noch niemand war, so dass er quasi neu bewohnt werden konnte.
Das aber hat ein wirksames Kräftepotenzial, weil jeder Raum, auch die virtuelle „Metropole RUHR“, sofort Institutionen anzieht, die dort einziehen wollen, zumindest solange es drinnen eine Schatulle gibt, aus der Subventionen verteilt werden. Die Kommunen waren „gesetzt“, ebenso der Initiativkreis RUHR, die Staatskanzlei für das Land NRW und andere in der Regel finanzstarken und einflussreichen Partner, allermeist Geber wie Empfänger von Fördergeldern.
Den Kirchen wurde der Hintereingang gewiesen. Sie sollten sich über die allgemeine Projektschiene beteiligen. Es ist anzunehmen, dass mehrere Faktoren dabei eine Rolle gespielt haben:
— der bereits beschriebene Hintergrund einer spürbaren Selbstverundeutlichung durch interne Strukturprobleme
— ein nicht geklärtes Verständnis von Kultur und der Rolle der Kirche als Partner im Dialog
— Aber auch: Kirche als Bekenntnisgemeinschaft, was für eine weltanschaulich neutrale Institution, die öffentliche Gelder verwaltet wie etwa die RUHR.2010, bedeutet, die Gleichbehandlung zu anderen Religionen, besonders den islamischen Gemeinschaften im Auge zu behalten
— und auch so etwas spielt eine Rolle, dass beispielsweise bei der RUHR.2010 viele engagierte junge Menschen arbeiten, die teilweise wenig Kenntnisse und ebenso geringe Erfahrung mit Kirche verbinden.
Eine Situation aber, wo sich die Kirchen plötzlich vor einen Raum gestellt sehen, der nicht traditionell schon gefüllt ist, sondern allein dadurch geöffnet werden kann, den Nachweis zu führen, etwas von Bedeutung einbringen zu können, wenn nicht gar Unverzichtbares, dürfte es in Westdeutschland in diesem Horizont wie ihn das Ruhrgebiet darstellt, noch nie gegeben haben.
Die Herausforderung also war so gestellt, ob man draußen bleiben wollte, was bedeutet hätte nicht offiziell dabei zu sein, oder sich der Herausforderung stellen wollte, die notwendige Begründung zu liefern, warum Kirche nach wie vor als ein unverzichtbarer Partner im Dialog und als begründeter Teil des öffentlichen Kulturraums dazu gehört.
Es zeigte sich bald, dass das letztlich ausschlaggebende Argument dafür nicht „Spielraum der Freiheit“ war, sondern „Erbe und Auftrag“. Es gibt nur eine Institution der Gesellschaft, die von den Ursprüngen der Region bis zur Gegenwart kontinuierlich durch 1200 Jahre an der Gestaltung von Kultur und Gesellschaft mitgewirkt hat und heute in gleicher Weise als Partner des gebotenen Dialogs zur Verfügung steht: das sind die Kirchen.
Gegen die Legende, 150 Jahre Industriegeschichte hätten „erworbene“ Kultur gebracht, wo vorher nichts Erwähnenswertes da gewesen sei, haben wir die These gesetzt, dass ohne die Gründungsgeschichten, die allesamt Kirchengeschichte sind, jede Metropole in dieser Region kein Fundament besitzt und somit auch keine tragfähige Identität.
Darauf aufbauend ist das, was Kirche als ihr Kulturverständnis einbringt, durch die beiden Pole zu kennzeichnen „Spielraum der Freiheit“ (Bonhoeffer) und „Herabsetzen des Kampfes um das Dasein“ (Schweitzer).
Der eine Pol markiert Kultur als nicht verfügbaren und nicht an Zwecke gebundenen Freiraum zur Entfaltung der Gaben und kreativen Potenziale. Der andere legt das Gewicht darauf, dass Traditionen, Werte, Rituale und Sitten, gemeinschaftliche Erfahrungen wie auch ein regionales kollektives Gedächtnis, Feiertage und andere gemeinschaftliche Verabredungen den Menschen Orientierung geben und somit ihre urbane Identität. Beides gehört zum Kulturbegriff, den wir für die Evangelische Beteiligung zu Grunde gelegt haben und den wir in die „Metropole“ einbringen, wenn wir sagen: „Kultur geschieht dort, wo Menschen ihr Leben gemeinschaftlich deuten.“
Von dieser soziologisch wie theologisch ausgerichteten Begründung her wird deutlich, dass Kultur niemals gleichzusetzen ist mit Veranstaltungen, Events, Veranstaltungshäusern oder anderen Summen wie etwa regionale Publikumsdichte, Touristenströme usw., weil dies immer auf eine quantitative Bemessung hinausläuft, während Kultur nach unserem Verständnis qualitativ zu bemessen ist, nämlich als Prozess, der immer dann erfahrbar wird, wo in einer sich beständig wandelnden Gesellschaft Verständigung entsteht. (Passend dazu das Motto: Wandel durch Kultur — Kultur durch Wandel)
Daher kann es nicht anders sein, als dass unser Hineingehen in die „Metropole RUHR“ einerseits den sonst unbesetzt gebliebenen Platz der Kirchen mit Projekten und Beiträgen besetzt hat. Und andererseits musste es notwendig nach außen einen Widerspruch hervorbringen, weil „Metropole“ als Veranstaltungs– oder Vermarktungsprinzip mit dem gerade skizzierten Kulturbegriff nicht über ein zu bringen ist. Wir haben uns seinerzeit entschieden, diesen Widerspruch anzunehmen und sind in die „Metropole RUHR“ — solange sie mit diesem virtuellen Raum gleichgesetzt ist, aus dem heraus die Programme zur Kulturhauptstadt RUHR 2010 entstanden sind — hineingegangen.
Wir haben eindeutig Vorteile daraus gezogen, indem die Vermarktungsstrategien der RUHR.2010 auch den Kirchen geöffnet wurden und wir als Teil der Kulturhauptstadt vielfach unser Potenzial in den Kirchenkreisen, den Konventen der Musiker und der großen Stadtkirchen abrufen konnten, was außerhalb davon weniger möglich gewesen wäre. Wir haben uns andererseits mit dem Gesamterscheinungsbild der Kulturhauptstadt verbunden, was bei den gelungenen Veranstaltungen gerne ausgeschöpft worden ist, bei den kritischen Punkten nun aber auch nicht abgestreift werden kann.
Im Vorfeld wurde diese wechselseitige Bindung durchaus diskutiert, indem wir danach gefragt haben, was auf die kirchliche Beteiligung zurückschlagen würde, wenn die gesamte Kulturhauptstadt, wie ja auch schon andernorts geschehen, in den Medien als gigantischer Fehlschlag abgehandelt werden würde. Dann wären wir dabei gewesen und könnten uns genauso wenig entziehen, wie es jetzt eine kritische Reflexion anhand der Duisburger Ereignisse auch bei uns gibt.
Ich persönlich sehe das nüchtern und letztlich als Teil des Gesamtprozesses, der allemal reflektiert und auf seinen Ertrag hin noch zu befragen sein wird. Gleichwohl sehe ich bislang erheblich mehr positive Bewegung, als dass eine negative Bilanz zu befürchten oder gar ein Rückzug geboten wäre. Uns kommt dabei zugute, dass wir nicht nur auf die Präsenz im Jahr 2010 hin gearbeitet haben, sondern einen Prozess „anlässlich“ der Kulturhauptstadt einleiten konnten, der über das Jahr 2010 hinausweist. Auch daran wird der Ertrag zu messen sein.
Thomas Wessel | Geschrieben am 11. August 2010 um 15:37 | Permalink
[at] Andreas
Lieber Andreas, eine Richtigstellung vorweg: Der Platz des europäischen Versprechens geht auf das Jahr 2003 zurück, hieß ursprünglich Platz der Kulturen und war seit Frühjahr 2005 auf die Kulturhauptstadt gerichtet, als es den Titel noch gar nicht und Euer Büro noch lange nicht gab.
Womit Du gleichzeitig Recht hast: Die Passivität der Kirchen während der langen Bewerbungsphase ist auch im Nachhinein ärgerlich. Zusammen mit dem Bochumer Sup., Fred Sobiech, hatte ich 2005 versucht, die Konferenz der Ruhr-Superintendenten zu bewegen, die Bewerbung zu unterstützen und damit auch das damalige (gute!) Konzept, da kamen 3 Zeilen bei raus und ein paar verlorene Jahre.
Womit Du wiederum Recht bekommst, dass es tatsächlich darum gehen muss, innerkirchlich das zu entwickeln, was Du ein „Bewusstsein für Kultur“ nennst. Nur ist es jetzt so, dass es nicht nur uns darum gehen muss, sondern allen, die bei RUHR.2010 mittun. Der 24. Juli stellt eine Menge Fragen, zwei davon sind, welche Kultur wir eigentlich wollen und was „europäisch“ an ihr wäre.
Und wenn ich mit diesen Fragen im Kopf Deinen Text lese, fallen mir 4 Dinge darin auf:
Wenn es erstes Ziel gewesen ist, bei RUHR.2010 dabei zu sein und sich „einzubringen“, müsste das nicht gerade jetzt passieren?
Wenn aber: Warum dann nicht auch „im kritischen Abseits“ dabei sein und bei dem, was Du „Alternativprojekte“ nennst? Euer Motto ist, „Spielräume der Freiheit“ zu bieten: Es laufen hier überall Leute herum, die Freiräume suchen für ihre Kunst (die meist noch nicht vermarktet ist).
Nur wieso sollte — drittens — die „Vermarktbarkeit“ von Kultur „Kern des Problems“ sein? Aus welchem Grund sollte Vermarktung ihre Grenze ausgerechnet an der Kulturproduktion finden? Klingt wie eine Zwei-Reiche-Lehre, wie soll denn das gehen? Und was soll falsch sein an einer „engen Verbindung von Kultur und Event“? Wollen wir jetzt alle Kirchentage absagen?
Das Vierte scheint mir ein eigenes Thema zu sein, ein hoch interessantes: Wie geht RUHR.2010 tatsächlich mit Religionen um. Hat sich niemand bei Euch gewundert, dass Kirche unter „Mythos“ verbucht wird?
Andreas Volke | Geschrieben am 10. August 2010 um 17:13 | Permalink
Lieber Thomas, mit Recht zitierst du ein von mir verfasstes Strategiepapier zur Beteiligung der Kirchen an der Kulturhauptstadt RUHR 2010. Der zentrale Gedanke des Zitates lautet: „…in der Konsequenz wird auch von den Kirchen erwartet, dass sie sich mit ihrem Engagement in diese Programmatik einfügen. Damit ist nicht nur ein Hineindenken in die (…) Intentionen der Metropole RUHR verlangt…Es wird vielmehr auch eine Nagelprobe an die Kirchen herangetragen, die darin besteht, sich im allgemeinen Wandel selbst aufzumachen und in die neue „virtuell“ bereits existierende Metropole einzuziehen.
Solange wir uns an einer Veranstaltung beteiligen, die nicht wir als Kirchen, sondern die Kommunen des Ruhrgebietes mit den weiteren Initiatoren der Bewerbung hervorgebracht haben, behält dieser Satz seine Gültigkeit. Unser Ziel dabei ist nicht die Unterwerfung unter alle durch RUHR.2010 verantworteten Projektlinien, noch ein kritikloses Gutheißen, was immer jetzt als Kulturhauptstadt auf dem Markt ist. Wohl aber ging und geht es uns darum, sich mit kirchlichen Beiträgen in die Kulturhauptstadt einzubringen und die Beteiligung von kirchlichen Initiativen an den offiziellen Kulturhauptstadtprojekten zu ermöglichen.
Darüber hinaus bleibt bestehen, was wir als zweites Ziel von Anfang an ausgegeben haben, möglichst „anlässlich“ der Kulturhauptstadt einen Prozess in Gang zu setzen, das Bewusstsein für Kultur und Kirche bei uns selbst als ältesten Kulturträger dieser Region neu zu beleben. Das hat zu unserem Slogan geführt „Im Jahr 2010 profiliert dabei sein, im Jahr 2011 besser dastehen als heute“. Insbesondere im Jahr 2007 hatte er seine Berechtigung, weil die Kirchen sich bei der Bewerbung der Stadt Essen so gut wie gar nicht aktiv beteiligt hatten. Kultur war auch in kirchlicher Wahrnehmung vornehmlich zu einer Sache der Kommunen geworden, während man sich selbst mit internen Strukturfragen beschäftigte.
Wir haben für ein Mitwirken auf dem Weg zur „Metropole RUHR geworben, ohne damit dem allgemeinen „Metropolenwahn“ unterlegen noch diesem, wie Du schreibst, „gerade noch einmal entgangen“ zu sein. „Metropole RUHR“ war in unserem Denken stets ein virtueller Raum, allerdings kein unbeschriebener, denn er wurde zuerst einmal so ausgestaltet, dass zwar die Moschee in Duisburg zu den herausgestellten Bildern zählte, nirgends aber etwas von den Kirchen. Sie gehörten zu Anfang schlicht nicht dazu. Daran, dass Kirche auch in einer virtuellen Landschaft Aufnahme findet und mitwirken kann, etwa auch die Christuskirche in Bochum, kann ich nicht verwerflich finden.
Unser Auftrag als Büro hat darin seine Begründung, aus dem protestantischen Verständnis von Kultur, Teil des öffentlichen kulturellen Handelns im Rahmen der Kulturhauptstadt und gerade so auch Teil der öffentlich darüber zu führenden Diskussion zu sein. Mithin gibt es keine flache Identität zu allem, was sich „Kulturhauptstadt“ nennt, wohl aber ein kritisch gewichtetes Mittragen und auch ein partnerschaftliches Mithandeln in der Kulturhauptstadt, die nach meinem dafürhalten nur bedingt unter das Bild der Metropolenbildung veranschlagt werden kann.
Keines der von uns als Programm „evangelisch2010“ zusammengeführten Projekte, zu denen auch die Christuskirche mit dem Platz des Europäischen Versprechens gehört, wurde dazu entwickelt, nicht zur Kulturhauptstadt zu gehören. Und keines wurde dazu aufgenommen, sich im kritischen Abseits als Alternativprojekte zu behaupten. Wo wir eigene, kirchliche Schwerpunkte gelegt haben, etwa im sozialen Bereich mit dem Gefängnisprojekt im Alten Hafthaus in Moers, haben wir uns ergänzend in den Duktus der Kulturhauptstadt hineingestellt. Und natürlich hat es den Wunsch gegeben, möglichst viele Projektlinien so zu qualifizieren, dass sie Teil des offiziellen Programms der Kulturhauptstadt sein konnten. Erfreulicherweise sind es auch viele geworden, darunter die Christuskirche in Bochum als Teil des Projektes „Kirche der Kulturen“. Damit stand auch von Anfang an der „Platz des europäischen Versprechens“ neben dem Stadtlogo von Bochum unter dem offiziellen Logo der Kulturhauptstadt.
In gleicher Weise haben wir unterstützend im kirchlichen Raum für die Großprojekte der RUHR.2010 geworben und mit dafür gesorgt, dass kirchliche Chöre sich zahlreich an „Day of Song“ beteiligen konnten, mit in der Schalkearena gesungen haben und mit einer großen Zahl an Tischen auf der A40 vertreten waren.
Schließlich haben wir — auch nicht ohne Eigennutz — touristische Infrastruktur geschaffen und das Reisen und Unterwegssein in unser Kulturverständnis aufgenommen, indem „Church Tours RUHR“ sowie „Pilgern im Pott“ und die „Kerkenpads in den Kirchenkreisen entstanden sind, die mit den Tourismuszentralen der Städte Teil des Gesamtvermarktungskonzeptes der „Metropole RUHR“ wurden.
Die Kulturhauptstadt hat praktisch am 8. Januar mit dem ökumenischen Gottesdienst im Essener Dom und dem anschließenden Empfang in der VHS begonnen. Dies alles wird von unserer Seite aus nicht wegen der Loveparade beiseite geschoben, als hätte es diese Geste des Segens und die erklärte Bereitschaft zu einer konstruktiven Zusammenarbeit gegenüber der RUHR.2010 GmbH nicht gegeben.
Recht gebe ich dir darin, dass durch die Katastrophe in Duisburg die innere Dynamik dessen, was als „Metropole RUHR“ in der engen Verbindung von Kultur und Event nach außen getragen wurde, aufs höchste in Frage gestellt worden ist. Die Vermarktbarkeit im Zuge einer „culturel economy“ als genuiner Bestandteil von Kultur ist der Kern des Problems. Die von außen erwartete Bestätigung auf dem Weg zur „Metropole“ folgte einem Weg, der zwangsläufig medialen Druck aufbauen musste und den Erwartungshorizont von Anfang an auf das Außergewöhnliche ausrichtete.
Hinter dem Gigantischen als vermeintlich stärksten Ausdruck der Ruhrgebietskultur aber hat sich das kirchliche Mitwirken nie versammelt. Die „Neuen Bilder“ standen für uns von Anfang im Widerspruch dazu, dass die Kirchen aus ihrer Geschichte nicht nur zu den alten, sondern zu den ältesten „Bildern“ der Region gehören. Wir haben schwerpunktmäßig “ mit den Potenzialen der Region, in der Region und für die Region“ gearbeitet. Auch ging es uns mehr um den Prozess und die damit verbundenen Kommunikationsnetze als um die Quantität von Veranstaltungen oder Projekten. Wo keine Aktiven waren, konnten wir auch keine Projekte anbieten.
Gleichwohl haben auch wir mit Zahlen operiert, denn diese wurden und werden weiterhin von uns verlangt.
Das alles verschafft uns kaum eine Warte, um andere ob ihrer weltweit ausgerichteten PR-Strategie der vorwurfsfreien, kritischen Prüfung zu unterziehen.Wer hätte sich von uns dagegen verwahrt, wenn eines unserer Initiativen im Horizont der Metropole RUHR publikumsträchtig durch die Presse gegangen wäre? Diejenigen, wenn es sie gibt, mögen als Wortführer hervortreten.
Ich gehöre nicht dazu und meine, dass unsere Lehren aus den Ereignissen aus Duisburg nicht bei der RUHR.2010 zu suchen sind, wohl aber bei uns selbst.
Andreas Volke,
Evangelisches Kulturbüro RUHR 2010