„… ein lange ermatteter Riese …“

Kirche Kultur und Politik nach der Katastrophe | Teil [2]

Ayla Wes­sel | Kulturagentüer

Was RUHR.2010 den „Metro­po­len­blick“ genannt hat, ist blind gewor­den gegen das, was vor Augen steht. Zugangs­ram­pen pas­sen nicht zum Welt­raum und Tun­nel nicht zum Welt­raum­blick. Heute, zwölf Tage nach der Kata­stro­phe von Duis­burg, ist auch die WAZ her­ab­ge­stie­gen, sie spricht vom „Tanz ums Metropolen-Kalb“ und hat im Ruhr­ge­biet gleich „einen gewis­sen Kleinstadt-Charme“ ent­deckt. Ist das Umden­ken oder Irr­lich­tern? Für eine Klein­stadt haben ent­schie­den zu viele um die­ses Kalb getanzt, auch Leute der Kir­che. Es gibt eine kul­tur­po­li­ti­sche Ver­ant­wor­tung für die Kata­stro­phe, um sie geht es hier.  |  Teil (2)

 

„Das Kul­tur­haupt­stadt­kreuz hat seine Reise durch die Metro­pole Ruhr ange­tre­ten“, ist auf evangelisch2010.de zule­sen, der Seite des Evan­ge­li­schen Kul­tur­bü­ros: „Was bleibt, ist Zukunft“. Unser  Kul­tur­büro sel­ber hat keine, seine ver­mit­telnde Funk­tion wird mit dem Kul­tur­haupt­stadt­jahr enden. Begon­nen hatte sie 2008 u.a. mit einem „Impuls­pa­pier“, das dann  -  nach zäher Dis­kus­sion  -  eher wir­kungs­los geblie­ben ist, hier aber län­ger zitiert wird, weil es den Metropolen-Irrsinn bezeugt, dem damals das Den­ken erlag:

Stra­te­gien einer krea­ti­ven Ökono­mie zäh­len in glei­cher Weise zum kul­tu­rel­len Han­deln wie die För­de­rung der Kunst und das Bewah­ren des Erbes der Geschichte. Die „neuen Bil­der“, die um die Welt gehen sol­len, um das bis­her von Stahl und Kohle geprägte Bild des Ruhr­ge­bie­tes in den Köp­fen der Men­schen zu erset­zen, ver­lan­gen viel­mehr nach einer auf tou­ris­ti­sche Gesichts­punkte kon­zen­trier­ten Stra­te­gie der Ver­mark­tung, wie es sie für einen ehe­ma­li­gen Indus­trie­stand­ort in Europa so noch nicht gege­ben haben dürfte. In die­sem Zusam­men­hang wird ver­ständ­lich, dass die Aus­maße der neuen „Metro­pole RUHR“ not­wen­dig über die Kon­zep­tion der bis­he­ri­gen Kul­tur­haupt­städte hin­aus gehen und ein­zig­ar­tige Dimen­sio­nen errei­chen müs­sen. Denn es erwacht im Her­zen Euro­pas ein lange Zeit ermat­te­ter Riese, der poli­tisch wie auch wirt­schaft­lich und kul­tu­rell erstarkt, zu neuer Kraft zurück­fin­det. Die RUHR.2010 GmbH hat es sich – über­spitzt gesagt — zur Auf­gabe gemacht, die­sem Rie­sen sei­nen Namen zu geben und ihn bei sei­nen ers­ten Geh­ver­su­chen an der Hand zu führen.

(…) in der Kon­se­quenz wird auch von den Kir­chen erwar­tet, dass sie sich mit ihrem Enga­ge­ment in diese Pro­gram­ma­tik ein­fü­gen. Damit ist nicht nur ein Hin­ein­den­ken in die (…) Inten­tio­nen der Metro­pole RUHR ver­langt. Es wird viel­mehr auch eine Nagel­probe an die Kir­chen her­an­ge­tra­gen, die darin besteht, sich im all­ge­mei­nen Wan­del selbst auf­zu­ma­chen und in die neue „vir­tu­ell“ bereits exis­tie­rende Metro­pole ein­zu­zie­hen. Die­ser „Umzug“ in den neuen Bezugs­rah­men der „krea­ti­ven Ökono­mie“ ver­langt nach der Bereit­schaft, sich als Part­ner, der sich nah an der Seite der Men­schen weiß, –wenn auch kritisch-, mit den Zie­len der Metro­pole RUHR zu iden­ti­fi­zie­ren. Im Gegen­zug ist zu erwar­ten, dass die „alten“ Kir­chen Teil der „neuen Bil­der“ sein wer­den, die um die Welt gehen sol­len.

Zu neuer Kraft zurück? Wie gesagt, kei­nes­wegs die Posi­tion, die dann  -  nach zäher Dis­kus­sion  —   bezo­gen wurde, aber ein Pathos, dass einem die Metro­po­len klin­geln. Pathos ist wie ein Echo, was man nach­spricht, hallt einem hin­ter­her, und in den Publi­ka­tio­nen des Evang. Kul­tur­bü­ros fin­den sich noch heute „Metro­po­len“ in vie­len Vari­an­ten, als „auf­stre­bende“ und „her­an­wach­sende“ und „sich her­aus­bil­dende Metro­pole“, geht es um einen „Modell­fall für“ und „Iden­ti­fi­ka­tion mit der Metro­pole“ usw. Ich höre Geschrei wie beim Tanz, sagte Mose, als er vom Berg Sinai stieg.

Immer­hin hat die Kul­tur­ar­beit der Evang. Kir­che noch halb­wegs die Kurve gekriegt und ist abge­bo­gen vom Pfad des Glau­bens, der zur Metro­pole führe. Anders die Leit­me­dien WAZ und WDR, sie wer­den nun mit sich sel­ber kon­fron­tiert und damit, dass sie kei­ner­lei Selbst­kri­tik zeig­ten bisher.

Was ja noch kom­men kann, eine Stimmekommt aus der Esse­ner Redak­tion, und vor allem die RUHRBARONE füh­ren mit ihren Lesern eine ein­drück­li­che Dis­kus­sion, so hef­tig wie hilf­reich. Das ist sie, weil still vor­aus­ge­setzt wird, dass die Kul­tur weder „Spiel“ sei noch „Ver­mark­tung“, weder belie­big noch belang­los, son­dern etwas, bei dem es ums Leben geht oder den Tod.  Karl Rich­ter 1988:

Kul­tur­po­li­tik hat die vor­dring­li­che Auf­gabe, die huma­nen Wider­stands­kräfte im Men­schen gegen alles Lebens­ver­nich­tende zu entfalten.

Viel­leicht wird sol­che Dis­kus­sion es sein, die ein­löst, was die Kul­tur­haupt­stadt ein­mal ver­spro­chen hat, dass ihre Kul­tur zum Blei­ben verführe.

Artikel am 05. August 2010 um 22:03 Uhr von Thomas Wessel veröffentlicht | Kategorie: Debatte | Trackback: Trackback URL.


4 Kommentare

  1. Kommentar #4
    Thomas Wessel | Geschrieben am 11. August 2010 um 22:21 | Permalink

    [at] Andreas

    Unterm Strich also war das mit der „Metro­pole“ eh nie ernst gemeint, rich­tig ver­stan­den? Allen­falls „vir­tu­ell“ und eine „letzte Hoff­nung“? Nun denn, das ist doch ein Ergeb­nis. Alles andere scheint mir eine Stra­te­gie zu sein.

    Keine son­der­lich gute, dar­auf hat­ten einige von uns auch vor­her schon hin­ge­wie­sen, warum das hier noch mal nach­stel­len. „Hin­ein­ge­hen in die ‚Metro­pole RUHR‘“? Hier einen „sonst unbe­setzt geblie­be­nen Platz der Kir­chen“ beset­zen? Und dann sei einem der „Hin­ter­ein­gang gewie­sen“ wor­den? Man habe aber „ein­deu­tige Vor­teile dar­aus gezo­gen“? Es klingt wie das lei­dige Pro­blem des Ruhr­ge­biets, dass es aus Städ­ten regiert wird, die alle auf –berg oder –feld oder –dorf enden. Was ja nicht gänz­lich unbe­tei­ligt ist an der Mix­tur aus „Metro­po­len­traum und Kirch­turm­den­ken“, wie das die FAZ genannt hat, aus „Grö­ßen­wahn und Provinzialität“.

    Aber egal, das sind Debat­ten von ges­tern, nie­mand wird 2011 „bes­ser daste­hen“. Viel inter­es­san­ter die Frage, ob wir dann bes­ser verste­hen werden.

    Zum Bei­spiel, warum es wie logisch erscheint, dass eine Gleich­be­hand­lung von Reli­gio­nen zum „Hin­ter­ein­gang“ füh­ren soll? Kein ein­zi­ges Wort gegen Hin­ter­ein­gänge, nur stelle ich mir vor, dass meh­rere zusam­men eher durch den Haupt­ein­gang pas­sen wür­den. Oder warum aus dem, was als „Erbe und Auf­trag“ hin­ein gege­ben wurde, als „Mythos“ her­aus gekom­men ist? Vor die Wahl gestellt zwi­schen Metro­po­len­traum und Kirch­turm­den­ken, kann man nur wäh­len, was aus­ge­schlos­sen ist, ein Drittes.

  2. Kommentar #3
    Andreas Volke | Geschrieben am 11. August 2010 um 21:05 | Permalink

    [at] Tho­mas

    Lie­ber Thomas,

    natür­lich gibt es Fra­gen, gerade auch im Blick auf uns selbst und das Wech­sel­spiel von Selbst-und Fremd­wahr­neh­mung von Kir­che im „Öffent­li­chen Raum“ und als Kul­tur­trä­ger im Hori­zont einer euro­päi­schen Kul­tur­haupt­stadt. Darum kurz noch etwas zum Ver­ständ­nis der „Metro­pole RUHR“:

    Für mich als Bür­ger im Ruhr­ge­biet wie als einer der Ver­ant­wort­li­chen der bei­den Lan­des­kir­chen für die Kom­mu­ni­ka­tion zur Kul­tur­haupt­stadt ist und war die „Metro­pole RUHR“ stets ein vir­tu­el­ler Raum, der dem Ruhr­ge­biet ent­ge­gen­ge­stellt wurde um sei­ner aus­ein­an­der drif­ten­den Hete­ro­ge­ni­tät eine letzte Hoff­nung auf blei­bende Gemein­sam­keit zu geben. Als Bild würde ich sie wie einen „vir­tu­el­len Dach­bo­den“ über dem Ruhr­ge­biet bezeich­nen, in dem vor­her noch nie­mand war, so dass er quasi neu bewohnt wer­den konnte.

    Das aber hat ein wirk­sa­mes Kräf­te­po­ten­zial, weil jeder Raum, auch die vir­tu­elle „Metro­pole RUHR“, sofort Insti­tu­tio­nen anzieht, die dort ein­zie­hen wol­len, zumin­dest solange es drin­nen eine Scha­tulle gibt, aus der Sub­ven­tio­nen ver­teilt wer­den. Die Kom­mu­nen waren „gesetzt“, ebenso der Initia­tiv­kreis RUHR, die Staats­kanz­lei für das Land NRW und andere in der Regel finanz­star­ken und ein­fluss­rei­chen Part­ner, aller­meist Geber wie Emp­fän­ger von Fördergeldern.

    Den Kir­chen wurde der Hin­ter­ein­gang gewie­sen. Sie soll­ten sich über die all­ge­meine Pro­jekt­schiene betei­li­gen. Es ist anzu­neh­men, dass meh­rere Fak­to­ren dabei eine Rolle gespielt haben:

    — der bereits beschrie­bene Hin­ter­grund einer spür­ba­ren Selbst­ver­un­deut­li­chung durch interne Strukturprobleme

    — ein nicht geklär­tes Ver­ständ­nis von Kul­tur und der Rolle der Kir­che als Part­ner im Dialog

    — Aber auch: Kir­che als Bekennt­nis­ge­mein­schaft, was für eine welt­an­schau­lich neu­trale Insti­tu­tion, die öffent­li­che Gel­der ver­wal­tet wie etwa die RUHR.2010, bedeu­tet, die Gleich­be­hand­lung zu ande­ren Reli­gio­nen, beson­ders den isla­mi­schen Gemein­schaf­ten im Auge zu behalten

    — und auch so etwas spielt eine Rolle, dass bei­spiels­weise bei der RUHR.2010 viele enga­gierte junge Men­schen arbei­ten, die teil­weise wenig Kennt­nisse und ebenso geringe Erfah­rung mit Kir­che verbinden.

    Eine Situa­tion aber, wo sich die Kir­chen plötz­lich vor einen Raum gestellt sehen, der nicht tra­di­tio­nell schon gefüllt ist, son­dern allein dadurch geöff­net wer­den kann, den Nach­weis zu füh­ren, etwas von Bedeu­tung ein­brin­gen zu kön­nen, wenn nicht gar Unver­zicht­ba­res, dürfte es in West­deutsch­land in die­sem Hori­zont wie ihn das Ruhr­ge­biet dar­stellt, noch nie gege­ben haben.

    Die Her­aus­for­de­rung also war so gestellt, ob man drau­ßen blei­ben wollte, was bedeu­tet hätte nicht offi­zi­ell dabei zu sein, oder sich der Her­aus­for­de­rung stel­len wollte, die not­wen­dige Begrün­dung zu lie­fern, warum Kir­che nach wie vor als ein unver­zicht­ba­rer Part­ner im Dia­log und als begrün­de­ter Teil des öffent­li­chen Kul­tur­raums dazu gehört.

    Es zeigte sich bald, dass das letzt­lich aus­schlag­ge­bende Argu­ment dafür nicht „Spiel­raum der Frei­heit“ war, son­dern „Erbe und Auf­trag“. Es gibt nur eine Insti­tu­tion der Gesell­schaft, die von den Ursprün­gen der Region bis zur Gegen­wart kon­ti­nu­ier­lich durch 1200 Jahre an der Gestal­tung von Kul­tur und Gesell­schaft mit­ge­wirkt hat und heute in glei­cher Weise als Part­ner des gebo­te­nen Dia­logs zur Ver­fü­gung steht: das sind die Kirchen.

    Gegen die Legende, 150 Jahre Indus­trie­ge­schichte hät­ten „erwor­bene“ Kul­tur gebracht, wo vor­her nichts Erwäh­nens­wer­tes da gewe­sen sei, haben wir die These gesetzt, dass ohne die Grün­dungs­ge­schich­ten, die alle­samt Kir­chen­ge­schichte sind, jede Metro­pole in die­ser Region kein Fun­da­ment besitzt und somit auch keine trag­fä­hige Identität.

    Dar­auf auf­bau­end ist das, was Kir­che als ihr Kul­tur­ver­ständ­nis ein­bringt, durch die bei­den Pole zu kenn­zeich­nen „Spiel­raum der Frei­heit“ (Bon­hoef­fer) und „Her­ab­set­zen des Kamp­fes um das Dasein“ (Schweitzer).

    Der eine Pol mar­kiert Kul­tur als nicht ver­füg­ba­ren und nicht an Zwe­cke gebun­de­nen Frei­raum zur Ent­fal­tung der Gaben und krea­ti­ven Poten­ziale. Der andere legt das Gewicht dar­auf, dass Tra­di­tio­nen, Werte, Rituale und Sit­ten, gemein­schaft­li­che Erfah­run­gen wie auch ein regio­na­les kol­lek­ti­ves Gedächt­nis, Fei­er­tage und andere gemein­schaft­li­che Ver­ab­re­dun­gen den Men­schen Ori­en­tie­rung geben und somit ihre urbane Iden­ti­tät. Bei­des gehört zum Kul­tur­be­griff, den wir für die Evan­ge­li­sche Betei­li­gung zu Grunde gelegt haben und den wir in die „Metro­pole“ ein­brin­gen, wenn wir sagen: „Kul­tur geschieht dort, wo Men­schen ihr Leben gemein­schaft­lich deuten.“

    Von die­ser sozio­lo­gisch wie theo­lo­gisch aus­ge­rich­te­ten Begrün­dung her wird deut­lich, dass Kul­tur nie­mals gleich­zu­set­zen ist mit Ver­an­stal­tun­gen, Events, Ver­an­stal­tungs­häu­sern oder ande­ren Sum­men wie etwa regio­nale Publi­kums­dichte, Tou­ris­ten­ströme usw., weil dies immer auf eine quan­ti­ta­tive Bemes­sung hin­aus­läuft, wäh­rend Kul­tur nach unse­rem Ver­ständ­nis qua­li­ta­tiv zu bemes­sen ist, näm­lich als Pro­zess, der immer dann erfahr­bar wird, wo in einer sich bestän­dig wan­deln­den Gesell­schaft Ver­stän­di­gung ent­steht. (Pas­send dazu das Motto: Wan­del durch Kul­tur — Kul­tur durch Wandel)

    Daher kann es nicht anders sein, als dass unser Hin­ein­ge­hen in die „Metro­pole RUHR“ einer­seits den sonst unbe­setzt geblie­be­nen Platz der Kir­chen mit Pro­jek­ten und Bei­trä­gen besetzt hat. Und ande­rer­seits musste es not­wen­dig nach außen einen Wider­spruch her­vor­brin­gen, weil „Metro­pole“ als Ver­an­stal­tungs– oder Ver­mark­tungs­prin­zip mit dem gerade skiz­zier­ten Kul­tur­be­griff nicht über ein zu brin­gen ist. Wir haben uns sei­ner­zeit ent­schie­den, die­sen Wider­spruch anzu­neh­men und sind in die „Metro­pole RUHR“ — solange sie mit die­sem vir­tu­el­len Raum gleich­ge­setzt ist, aus dem her­aus die Pro­gramme zur Kul­tur­haupt­stadt RUHR 2010 ent­stan­den sind — hineingegangen.

    Wir haben ein­deu­tig Vor­teile dar­aus gezo­gen, indem die Ver­mark­tungs­stra­te­gien der RUHR.2010 auch den Kir­chen geöff­net wur­den und wir als Teil der Kul­tur­haupt­stadt viel­fach unser Poten­zial in den Kir­chen­krei­sen, den Kon­ven­ten der Musi­ker und der gro­ßen Stadt­kir­chen abru­fen konn­ten, was außer­halb davon weni­ger mög­lich gewe­sen wäre. Wir haben uns ande­rer­seits mit dem Gesamt­er­schei­nungs­bild der Kul­tur­haupt­stadt ver­bun­den, was bei den gelun­ge­nen Ver­an­stal­tun­gen gerne aus­ge­schöpft wor­den ist, bei den kri­ti­schen Punk­ten nun aber auch nicht abge­streift wer­den kann.

    Im Vor­feld wurde diese wech­sel­sei­tige Bin­dung durch­aus dis­ku­tiert, indem wir danach gefragt haben, was auf die kirch­li­che Betei­li­gung zurück­schla­gen würde, wenn die gesamte Kul­tur­haupt­stadt, wie ja auch schon andern­orts gesche­hen, in den Medien als gigan­ti­scher Fehl­schlag abge­han­delt wer­den würde. Dann wären wir dabei gewe­sen und könn­ten uns genauso wenig ent­zie­hen, wie es jetzt eine kri­ti­sche Refle­xion anhand der Duis­bur­ger Ereig­nisse auch bei uns gibt.

    Ich per­sön­lich sehe das nüch­tern und letzt­lich als Teil des Gesamt­pro­zes­ses, der alle­mal reflek­tiert und auf sei­nen Ertrag hin noch zu befra­gen sein wird. Gleich­wohl sehe ich bis­lang erheb­lich mehr posi­tive Bewe­gung, als dass eine nega­tive Bilanz zu befürch­ten oder gar ein Rück­zug gebo­ten wäre. Uns kommt dabei zugute, dass wir nicht nur auf die Prä­senz im Jahr 2010 hin gear­bei­tet haben, son­dern einen Pro­zess „anläss­lich“ der Kul­tur­haupt­stadt ein­lei­ten konn­ten, der über das Jahr 2010 hin­aus­weist. Auch daran wird der Ertrag zu mes­sen sein.

  3. Kommentar #2
    Thomas Wessel | Geschrieben am 11. August 2010 um 15:37 | Permalink

    [at] Andreas

    Lie­ber Andreas, eine Rich­tig­stel­lung vor­weg: Der Platz des euro­päi­schen Ver­spre­chens geht auf das Jahr 2003 zurück, hieß ursprüng­lich Platz der Kul­tu­ren und war seit Früh­jahr 2005 auf die Kul­tur­haupt­stadt gerich­tet, als es den Titel noch gar nicht und Euer Büro noch lange nicht gab.

    Womit Du gleich­zei­tig Recht hast: Die Pas­si­vi­tät der Kir­chen wäh­rend der lan­gen Bewer­bungs­phase ist auch im Nach­hin­ein ärger­lich. Zusam­men mit dem Bochu­mer Sup., Fred Sobiech, hatte ich 2005 ver­sucht, die Kon­fe­renz der Ruhr-Superintendenten zu bewe­gen, die Bewer­bung zu unter­stüt­zen und damit auch das dama­lige (gute!) Kon­zept, da kamen 3 Zei­len bei raus und ein paar ver­lo­rene Jahre.

    Womit Du wie­derum Recht bekommst, dass es tat­säch­lich darum gehen muss, inner­kirch­lich das zu ent­wi­ckeln, was Du ein „Bewusst­sein für Kul­tur“ nennst. Nur ist es jetzt so, dass es nicht nur uns darum gehen muss, son­dern allen, die bei RUHR.2010 mit­tun. Der 24. Juli stellt eine Menge Fra­gen, zwei davon sind, wel­che Kul­tur wir eigent­lich wol­len und was „euro­pä­isch“ an ihr wäre.

    Und wenn ich mit die­sen Fra­gen im Kopf Dei­nen Text lese, fal­len mir 4 Dinge darin auf:

    Wenn es ers­tes Ziel gewe­sen ist, bei RUHR.2010 dabei zu sein und sich „ein­zu­brin­gen“, müsste das nicht gerade jetzt passieren?

    Wenn aber: Warum dann nicht auch „im kri­ti­schen Abseits“ dabei sein und bei dem, was Du „Alter­na­tiv­pro­jekte“ nennst? Euer Motto ist, „Spiel­räume der Frei­heit“ zu bie­ten: Es lau­fen hier über­all Leute herum, die Frei­räume suchen für ihre Kunst (die meist noch nicht ver­mark­tet ist).

    Nur wieso sollte — drit­tens — die „Ver­markt­bar­keit“ von Kul­tur „Kern des Pro­blems“ sein? Aus wel­chem Grund sollte Ver­mark­tung ihre Grenze aus­ge­rech­net an der Kul­tur­pro­duk­tion fin­den? Klingt wie eine Zwei-Reiche-Lehre, wie soll denn das gehen? Und was soll falsch sein an einer „engen Ver­bin­dung von Kul­tur und Event“? Wol­len wir jetzt alle Kir­chen­tage absagen?

    Das Vierte scheint mir ein eige­nes Thema zu sein, ein hoch inter­es­san­tes: Wie geht RUHR.2010 tat­säch­lich mit Reli­gio­nen um. Hat sich nie­mand bei Euch gewun­dert, dass Kir­che unter „Mythos“ ver­bucht wird?

  4. Kommentar #1
    Andreas Volke | Geschrieben am 10. August 2010 um 17:13 | Permalink

    Lie­ber Tho­mas, mit Recht zitierst du ein von mir ver­fass­tes Stra­te­gie­pa­pier zur Betei­li­gung der Kir­chen an der Kul­tur­haupt­stadt RUHR 2010. Der zen­trale Gedanke des Zita­tes lau­tet: „…in der Kon­se­quenz wird auch von den Kir­chen erwar­tet, dass sie sich mit ihrem Enga­ge­ment in diese Pro­gramma­tik ein­fü­gen. Damit ist nicht nur ein Hin­ein­den­ken in die (…) Inten­tio­nen der Metro­pole RUHR ver­langt…Es wird viel­mehr auch eine Nagel­probe an die Kir­chen her­an­ge­tra­gen, die darin besteht, sich im all­ge­mei­nen Wan­del selbst auf­zu­ma­chen und in die neue „vir­tu­ell“ bereits exis­tie­rende Metro­pole einzuziehen.

    Solange wir uns an einer Ver­an­stal­tung betei­li­gen, die nicht wir als Kir­chen, son­dern die Kom­mu­nen des Ruhr­ge­bie­tes mit den wei­te­ren Initia­to­ren der Bewer­bung her­vor­ge­bracht haben, behält die­ser Satz seine Gül­tig­keit. Unser Ziel dabei ist nicht die Unter­wer­fung unter alle durch RUHR.2010 ver­ant­wor­te­ten Pro­jekt­li­nien, noch ein kri­tik­lo­ses Gut­hei­ßen, was immer jetzt als Kul­tur­haupt­stadt auf dem Markt ist. Wohl aber ging und geht es uns darum, sich mit kirch­li­chen Bei­trä­gen in die Kul­tur­haupt­stadt ein­zu­brin­gen und die Betei­li­gung von kirch­li­chen Initia­ti­ven an den offi­zi­el­len Kul­tur­haupt­stadt­pro­jek­ten zu ermöglichen.

    Dar­über hin­aus bleibt beste­hen, was wir als zwei­tes Ziel von Anfang an aus­ge­ge­ben haben, mög­lichst „anläss­lich“ der Kul­tur­haupt­stadt einen Pro­zess in Gang zu set­zen, das Bewusst­sein für Kul­tur und Kir­che bei uns selbst als ältes­ten Kul­tur­trä­ger die­ser Region neu zu bele­ben. Das hat zu unse­rem Slo­gan geführt „Im Jahr 2010 pro­fi­liert dabei sein, im Jahr 2011 bes­ser daste­hen als heute“. Ins­be­son­dere im Jahr 2007 hatte er seine Berech­ti­gung, weil die Kir­chen sich bei der Bewer­bung der Stadt Essen so gut wie gar nicht aktiv betei­ligt hat­ten. Kul­tur war auch in kirch­li­cher Wahr­neh­mung vor­nehm­lich zu einer Sache der Kom­mu­nen gewor­den, wäh­rend man sich selbst mit inter­nen Struk­tur­fra­gen beschäftigte.

    Wir haben für ein Mit­wir­ken auf dem Weg zur „Metro­pole RUHR gewor­ben, ohne damit dem all­ge­mei­nen „Metro­po­len­wahn“ unter­le­gen noch die­sem, wie Du schreibst, „gerade noch ein­mal ent­gan­gen“ zu sein. „Metro­pole RUHR“ war in unse­rem Den­ken stets ein vir­tu­el­ler Raum, aller­dings kein unbe­schrie­be­ner, denn er wurde zuerst ein­mal so aus­ge­stal­tet, dass zwar die Moschee in Duis­burg zu den her­aus­ge­stell­ten Bil­dern zählte, nir­gends aber etwas von den Kir­chen. Sie gehör­ten zu Anfang schlicht nicht dazu. Daran, dass Kir­che auch in einer vir­tu­el­len Land­schaft Auf­nahme fin­det und mit­wir­ken kann, etwa auch die Chris­tus­kir­che in Bochum, kann ich nicht ver­werf­lich finden.

    Unser Auf­trag als Büro hat darin seine Begrün­dung, aus dem pro­tes­tan­ti­schen Ver­ständ­nis von Kul­tur, Teil des öffent­li­chen kul­tu­rel­len Han­delns im Rah­men der Kul­tur­haupt­stadt und gerade so auch Teil der öffent­lich dar­über zu füh­ren­den Dis­kus­sion zu sein. Mit­hin gibt es keine fla­che Iden­ti­tät zu allem, was sich „Kul­tur­haupt­stadt“ nennt, wohl aber ein kri­tisch gewich­te­tes Mit­tra­gen und auch ein part­ner­schaft­li­ches Mit­han­deln in der Kul­tur­haupt­stadt, die nach mei­nem dafür­hal­ten nur bedingt unter das Bild der Metro­po­len­bil­dung ver­an­schlagt wer­den kann.

    Kei­nes der von uns als Pro­gramm „evangelisch2010“ zusam­men­ge­führ­ten Pro­jekte, zu denen auch die Chris­tus­kir­che mit dem Platz des Euro­päi­schen Ver­spre­chens gehört, wurde dazu ent­wi­ckelt, nicht zur Kul­tur­haupt­stadt zu gehö­ren. Und kei­nes wurde dazu auf­ge­nom­men, sich im kri­ti­schen Abseits als Alter­na­tiv­pro­jekte zu behaup­ten. Wo wir eigene, kirch­li­che Schwer­punkte gelegt haben, etwa im sozia­len Bereich mit dem Gefäng­nis­pro­jekt im Alten Haft­haus in Moers, haben wir uns ergän­zend in den Duk­tus der Kul­tur­haupt­stadt hin­ein­ge­stellt. Und natür­lich hat es den Wunsch gege­ben, mög­lichst viele Pro­jekt­li­nien so zu qua­li­fi­zie­ren, dass sie Teil des offi­zi­el­len Pro­gramms der Kul­tur­haupt­stadt sein konn­ten. Erfreu­li­cher­weise sind es auch viele gewor­den, dar­un­ter die Chris­tus­kir­che in Bochum als Teil des Pro­jek­tes „Kir­che der Kul­tu­ren“. Damit stand auch von Anfang an der „Platz des euro­päi­schen Ver­spre­chens“ neben dem Stadt­logo von Bochum unter dem offi­zi­el­len Logo der Kulturhauptstadt.

    In glei­cher Weise haben wir unter­stüt­zend im kirch­li­chen Raum für die Groß­pro­jekte der RUHR.2010 gewor­ben und mit dafür gesorgt, dass kirch­li­che Chöre sich zahl­reich an „Day of Song“ betei­li­gen konn­ten, mit in der Schal­kea­rena gesun­gen haben und mit einer gro­ßen Zahl an Tischen auf der A40 ver­tre­ten waren.

    Schließ­lich haben wir — auch nicht ohne Eigen­nutz — tou­ris­ti­sche Infra­struk­tur geschaf­fen und das Rei­sen und Unter­wegs­sein in unser Kul­tur­ver­ständ­nis auf­ge­nom­men, indem „Church Tours RUHR“ sowie „Pil­gern im Pott“ und die „Ker­ken­pads in den Kir­chen­krei­sen ent­stan­den sind, die mit den Tou­ris­mus­zen­tra­len der Städte Teil des Gesamt­ver­mark­tungs­kon­zep­tes der „Metro­pole RUHR“ wurden.

    Die Kul­tur­haupt­stadt hat prak­tisch am 8. Januar mit dem ökume­ni­schen Got­tes­dienst im Esse­ner Dom und dem anschlie­ßen­den Emp­fang in der VHS begon­nen. Dies alles wird von unse­rer Seite aus nicht wegen der Love­pa­rade bei­seite gescho­ben, als hätte es diese Geste des Segens und die erklärte Bereit­schaft zu einer kon­struk­ti­ven Zusam­men­ar­beit gegen­über der RUHR.2010 GmbH nicht gegeben.

    Recht gebe ich dir darin, dass durch die Kata­stro­phe in Duis­burg die innere Dyna­mik des­sen, was als „Metro­pole RUHR“ in der engen Ver­bin­dung von Kul­tur und Event nach außen getra­gen wurde, aufs höchste in Frage gestellt wor­den ist. Die Ver­markt­bar­keit im Zuge einer „cul­tu­rel eco­nomy“ als genui­ner Bestand­teil von Kul­tur ist der Kern des Pro­blems. Die von außen erwar­tete Bestä­ti­gung auf dem Weg zur „Metro­pole“ folgte einem Weg, der zwangs­läu­fig media­len Druck auf­bauen musste und den Erwar­tungs­hori­zont von Anfang an auf das Außer­ge­wöhn­li­che ausrichtete.

    Hin­ter dem Gigan­ti­schen als ver­meint­lich stärks­ten Aus­druck der Ruhr­ge­biets­kul­tur aber hat sich das kirch­li­che Mit­wir­ken nie ver­sam­melt. Die „Neuen Bil­der“ stan­den für uns von Anfang im Wider­spruch dazu, dass die Kir­chen aus ihrer Geschichte nicht nur zu den alten, son­dern zu den ältes­ten „Bil­dern“ der Region gehö­ren. Wir haben schwer­punkt­mä­ßig “ mit den Poten­zia­len der Region, in der Region und für die Region“ gear­bei­tet. Auch ging es uns mehr um den Pro­zess und die damit ver­bun­de­nen Kom­mu­ni­ka­ti­ons­netze als um die Quan­ti­tät von Ver­an­stal­tun­gen oder Pro­jek­ten. Wo keine Akti­ven waren, konn­ten wir auch keine Pro­jekte anbieten.

    Gleich­wohl haben auch wir mit Zah­len ope­riert, denn diese wur­den und wer­den wei­ter­hin von uns verlangt.

    Das alles ver­schafft uns kaum eine Warte, um andere ob ihrer welt­weit aus­ge­rich­te­ten PR-Strategie der vor­wurfs­freien, kri­ti­schen Prü­fung zu unterziehen.Wer hätte sich von uns dage­gen ver­wahrt, wenn eines unse­rer Initia­ti­ven im Hori­zont der Metro­pole RUHR publi­kums­träch­tig durch die Presse gegan­gen wäre? Die­je­ni­gen, wenn es sie gibt, mögen als Wort­füh­rer hervortreten.

    Ich gehöre nicht dazu und meine, dass unsere Leh­ren aus den Ereig­nis­sen aus Duis­burg nicht bei der RUHR.2010 zu suchen sind, wohl aber bei uns selbst.

    Andreas Volke,
    Evan­ge­li­sches Kul­tur­büro RUHR 2010


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