Weiter sagte Pleitgen Ende Juni bei der Eröffnung von Theater der Welt:
… Sie waren Leistungsschauen und inszenierten den Fortschritt als einen eigenen Erlebniswert, als den Gott-sei-bei-uns der nahen Zukunft. Der Geist der Zeit hat es uns inzwischen fraglos schwerer gemacht. Der ursprüngliche Daseinszweck dieser Events hat seine Überzeugungskraft verloren. Stattdessen stehen wir vor der Frage, wie wir mit den Mitteln der Kunst und Kultur gesellschaftliche und politische Probleme in den Griff bekommen.
Das war vier Wochen vor der Katastrophe, vier Wochen danach ist sein Satz sehr wahr geworden schon wegen der Begründung, die anschließt:
Politiker und Kulturschaffende klammern sich an die Hoffnung, mit Großereignissen und Ausnahmeprojekten Unerreichbares zu verwirklichen. Und es ist richtig: Sie bauen politischen Druck auf, mobilisieren Gelder, bündeln Ressourcen, krempeln Innenstädte um, lassen Bahnhöfe, Straßentunnel und Museen entstehen, bringen Konkurrenten an runde Tische für neue gemeinsame Ideen und halluzinieren den neuen Großstadtmenschen.
Es liest sich gespenstisch vier Wochen danach, nach dem Tod im Straßentunnel, dem politischen Druck in Duisburg, den Konkurrenten an runden Tischen und angesichts solcher Großstadtmenschen wie Sauerland und Rabe. Leuten, die Zahlen „um den Faktor drei oder vier“ vervielfachen oder runterrechnen wie es passt, bis Großstädte durch Kleinstadttunnel passen.
Aber dass alle die kleinen Lügen von den großen Zahlen mitsprechen, ist die große Lüge des Kulturbetriebs. Dass alle mitmachen bei dieser Art Kulturmarketing, die auf Betrug aus ist und diesen Betrug ins Werk setzt, indem sie alle zu Komplizen macht, zu Helfershelfern der Lüge, das verleidet einem diese Kultur und ihre Hauptstadt mehr als alles andere. Im Grunde ist es längst egal, wer die Lügen erfindet und wer sie verbreitet und wer sie hört, alle werden hinein gezogen in eine Kultur, die augenzwinkernd auf Reklame macht:
Unter den abgefeimten Praktikern von heute hat die Lüge längst ihre ehrliche Funktion verloren, über Reales zu täuschen. Keiner glaubt keinem, alle wissen Bescheid.
schrieb Adorno über eine Technik der Unverschämtheit, „mit deren Hilfe jeder Einzelne die Kälte um sich verbreitet, in deren Schutz er gedeihen kann“. Kulturhauptstadt bedeutet, dass alle wissen, worum es geht und es tun und das Gegenteil auch. Kulturhauptstadt bedeutet, eine richtige Frage zu stellen - nämlich wie sich „mit Mitteln der Kunst und Kultur gesellschaftliche und politische Probleme in den Griff bekommen“, also begreifen lassen - und dann dem Begriff der Kultur den Laufpass zu geben.
Und das nicht deshalb, weil sie eine Fitnesskettenbetriebsfeier ins Kulturprogramm genommen haben, sondern weil sie die Loveparade, als es Tote gab, aus der Kultur heraus geworfen haben wie eine peinliche Verwandtschaft, die sich beim Lügen erwischen ließ. Im Januar 2010 wurde Fritz Pleitgen gefragt, was den Mythos Ruhr ausmache:
Ganz oben steht Solidarität. In schwierigen Verhältnissen mussten die Menschen zusammen stehen.
Aber in eben dem Moment, in dem eine solidarische Kultur gefordert wäre, wurde sie verweigert. Es geht um keine Solidarität mit Leuten wie Schaller oder Sauerland, sondern darum, dass Solidarität tatsächlich ganz oben stand nach der Katastrophe, dass die ganze Gegend hier beisammen stand und berührt war und tief getroffen. Da haben alle getan, was sonst nur Schauspieler auf Bühnen tun, haben nach Worten gesucht und stammeln gelernt und sich zu eigen gemacht, was „unter dem Label“ der Kulturhauptstadt passiert. Da gab es, was RUHR.2010 erhofft hat und behauptet, eine „kulturelle Bürgerbewegung“, und haben die Menschen so auf die Bilder aus Duisburg reagiert, wie Intendanten gerne behaupten, dass sie reagierten, wenn sie ihre Inszenierungen sehen, sie haben mitgelitten, mitempfunden, miterlebt. Die Menschen standen zusammen – und die Kultur betreten beiseite.
Was auch für Kirche gilt, für kirchliche Kulturarbeit. Auch hier zuerst der Stolz, Teil der Kulturhauptstadt zu sein, und dann ein Unbeteiligtsein, ein Unberührtbleiben und eigentümliches Schweigen. Nach Notfallseelsorge und einem Trauergottesdienst bleibt eine kirchliche Kultur zurück, die stimmlos ist und stumm wie alle andere auch. Und kein Versuch, weder bei Kirche noch Ruhr.2010, sich selber und andere zu fragen, wie sie das empfinden, das eigene hilflose Schweigen. Kein Austausch, kein Forum und keine Einladung, gemeinsam danach zu fragen, was das bedeutet für eine Kultur, die von sich glaubt, sie sei ein „Motor“ oder „Mythos“, ein „Spiel-“ oder „Sakralraum“, der aber nicht einfällt zu fragen, was sie jetzt sei, nach 21 Toten, die ihr Betrieb gekostet hat.
Es ist gar nicht das Marketingsprech, das die Kulturhauptstadt verrät, es ist ihr Schweigen, es ist unseres. Alle Kultur nach Duisburg samt der dringlichsten Kritik an ihr ist Müll, solange das Schweigen anhält.
In dieses Bewusstsein sei alles getaucht, was wir, als Teil dieser Kulturhauptstadt, nun selber als Programm anbieten. Auch dies keine Antworten, Versuche allenfalls, ziemlich einsame, ehrlich gesagt. Aber es ist nun mal so, wie seit Adorno bezeichnet, dass, wer für die Weiterführung dieser schuldigen und schäbigen Kultur plädiert, zu ihrem Helfershelfer wird, während, wer dieser Kultur sich verweigert, die Leere beschwört, die in ihr wohnt und wir in ihr.


