Bochum war „Gau-Hauptstadt“, bevor es Kulturhauptstadt wurde. Nebenan im Rathaus wurde der „Gau Westfalen-Süd“ verwaltet und in der Christuskirche bepredigt. Hier ging es ums „Vertrauen zu dem gottgesandten Führer“ und darum, „für Deutschland zu leben und zu sterben“. So jedenfalls predigte hier einer, der Martin Siebold hieß und mit 35 Jahren so alt war wie die meisten Nazi-Größen, er wurde ihr Hofprediger. Aber auch das Bekenntnis der Kirche gegen die Nazis stammt aus Bochum und war das erste im „Dritten Reich“. Verlesen wurde es im Mai 1933, verfasst hat es Hans Ehrenberg. Nach dem November-Pogrom 1938 wurde Ehrenberg ins KZ verschleppt, später konnte er sich und seine Familie nach England retten. Vor ein paar Wochen verstarb in London sein Sohn, Andrew Ehrenberg, ein renommierter Professor für Statistik, born in Bochum: Wer vor den Nazis fliehen musste, wurde selten gebeten, zurück zu kehren.
Der Bochumer Verein „Bewahren durch Beleben“ hat eine eigene Form entwickelt, an diese Vergangenheit zu erinnern: Ein Schauspieler, Philipp Steimel, stellt Hans Ehrenberg dar und führt an seine Geschichte heran.
Diese historische Theaterführung ist einer der wenigen Programmpunkte bei RUHR.2010, die Erinnerung nicht im „Mythos Ruhr“ versenken: Es gibt in dieser Kulturhauptstadt ja nicht mal ein Besuchsprogramm für die vielen Europäer, die Zwangsarbeit in jenen Hallen leisten mussten, die jetzt als Kathedralen der Kultur vermarktet werden.
Wobei es allerdings die Frage ist, ob dies tatsächlich eine verwegene Form von Vergesslichkeit ist oder nicht eher ihr Gegenteil, eine präzise Erinnerung daran, dass es im Grunde immer so war. Wer an die Nazis erinnert, wurde noch nie gern zu Tisch gebeten, wer hat denn schon Lust, sich selber zu kompromittieren:
Beispiel Hans Ehrenberg: ein Jude, ein Pfarrer, ein Sozi und ein Publizist, die Nazis hatten vier Gründe, sich gegen ihn zu stellen. Was Ehrenberg vier Gründe gab, sich gegen die Nazis zu stellen, und jeder einzelne Grund genügte vollauf: Man musste wirklich kein Jude sein, um die Nazis zu verabscheuen, kein Christ, sie zu verfluchen, kein Sozi, sie zu hassen und keiner von den Kreativen, um gegen sie zu schreiben. Es hätte genügt, eine Ahnung zu haben und das für wahr zu nehmen, was sich - das Verb, das jetzt folgt, sagt mein Wörterbuch, „ist nur im Dt. nachweisbar“ - ahnen ließ:
Keiner, der die ersten Monate der nationalsozialistischen Herrschaft I933 in Berlin beobachtete, konnte das Moment tödlicher Traurigkeit, des halbwissend einem Unheilvollen sich Anvertrauens übersehen, das den angedrehten Rausch, die Fackelzüge und Trommeleien begleitete. Wie hoffnungslos klang nicht das deutsche Lieblingslied jener Monate, Volk ans Gewehre, in der Passage Unter den Linden. Die von einem Tag zum andern anberaumte Rettung des Vaterlandes trug den Ausdruck der Katastrophe vom ersten Augenblick an, und diese ward in den Konzentrationslagern eingeübt, während der Triumph in den Straßen die Ahnung davon übertäubte.
Was Adorno in Minima Moralia notiert hat, dürfte in Bochum so ähnlich und ahnungsvoll gewesen sein wie in Berlin. Auch hier ein angedrehter Rausch, das dröhnende Pathos und Zeitungsaufmacher über „Das erste KZ“. Und allen war mehr oder weniger klar, dass es ja doch nichts zu gewinnen gibt:
Nach den Berichten der Zeugen ward lustlos gefoltert, lustlos gemordet und darum vielleicht gerade so über alles Maß hinaus.
Und das eben ist, was mich an der Notiz von Adorno so irritiert, dass Lust– und Maßlosigkeit so innig zusammen gehen:
Während sie alles gewannen, wüteten sie schon als die, welche nichts zu verlieren haben.
Gefoltert wurde in Bochum, auch dies nur um die Ecke, in den Pluto-Garagen am Nordring (oben saß die „Gau-Leitung“ der Nazis) und ein paar Schritte weiter im Polizeipräsidium (oben saß einer, der Sarrazin hieß und willig war, dann aber wohl nicht hart genug). Gefoltert wurde eben dort, wo man durchaus noch etwas zu verlieren hatte:
Es drängt der Gedanke sich auf, das deutsche Grauen sei etwas wie vorweggenommene Rache.
Eine, die am Ende nur noch an denen geübt werden kann, die dem Grauen entkamen. Die Rache, die auch noch den Kindeskindern erklärt, wir kommen ohne dich klar. Maßloses Foltern, lustloses Erinnern.
Umso mehr Dank an die, die ohne angedrehten Rausch Erinnerung bewahren und beleben.


