Verhinderte Heimkehr: Hans Ehrenberg

Historische Theaterführung | Samstag 06. November 15 Uhr

Goethestraße 7 - die letzte Wohnung der Ehrenbergs in Bochum

Ayla Wes­sel | Kulturagentüer

Bochum war „Gau-Hauptstadt“, bevor es Kul­tur­haupt­stadt wurde. Nebenan im Rat­haus wurde der „Gau Westfalen-Süd“ ver­wal­tet und in der Chris­tus­kir­che bepre­digt. Hier ging es ums „Ver­trauen zu dem gott­ge­sand­ten Füh­rer“ und darum, „für Deutsch­land zu leben und zu ster­ben“. So jeden­falls pre­digte hier einer, der Mar­tin Sie­bold hieß und mit 35 Jah­ren so alt war wie die meis­ten Nazi-Größen, er wurde ihr Hof­pre­di­ger. Aber auch das Bekennt­nis der Kir­che gegen die Nazis stammt aus Bochum und war das erste im „Drit­ten Reich“. Ver­le­sen wurde es im Mai 1933, ver­fasst hat es Hans Ehren­berg. Nach dem November-Pogrom 1938 wurde Ehren­berg ins KZ ver­schleppt, spä­ter konnte er sich und seine Fami­lie nach Eng­land ret­ten. Vor ein paar Wochen ver­starb in Lon­don sein Sohn, And­rew Ehren­berg, ein renom­mier­ter Pro­fes­sor für Sta­tis­tik, born in Bochum: Wer vor den Nazis flie­hen musste, wurde sel­ten gebe­ten, zurück zu kehren.

Der Bochu­mer Ver­ein „Bewah­ren durch Bele­ben“ hat eine eigene Form ent­wi­ckelt, an diese Ver­gan­gen­heit zu erin­nern: Ein Schau­spie­ler, Phil­ipp Stei­mel, stellt Hans Ehren­berg dar und führt an seine Geschichte heran.

Diese his­to­ri­sche Thea­ter­füh­rung ist einer der weni­gen Pro­gramm­punkte bei RUHR.2010, die Erin­ne­rung nicht im „Mythos Ruhr“ ver­sen­ken: Es gibt in die­ser Kul­tur­haupt­stadt ja nicht mal ein Besuchs­pro­gramm für die vie­len Euro­päer, die Zwangs­ar­beit in jenen Hal­len leis­ten muss­ten, die jetzt als Kathe­dra­len der Kul­tur ver­mark­tet werden.

Wobei es aller­dings die Frage ist, ob dies tat­säch­lich eine ver­we­gene Form von Ver­gess­lich­keit ist oder nicht eher ihr Gegen­teil, eine prä­zise Erin­ne­rung daran, dass es im Grunde immer so war. Wer an die Nazis erin­nert, wurde noch nie gern zu Tisch gebe­ten, wer hat denn schon Lust, sich sel­ber zu kompromittieren:

Bei­spiel Hans Ehren­berg: ein Jude, ein Pfar­rer, ein Sozi und ein Publi­zist, die Nazis hat­ten vier Gründe, sich gegen ihn zu stel­len. Was Ehren­berg vier Gründe gab, sich gegen die Nazis zu stel­len, und jeder ein­zelne Grund genügte voll­auf: Man musste wirk­lich kein Jude sein, um die Nazis zu ver­ab­scheuen, kein Christ, sie zu ver­flu­chen, kein Sozi, sie zu has­sen und kei­ner von den Krea­ti­ven, um gegen sie zu schrei­ben. Es hätte genügt, eine Ahnung zu haben und das für wahr zu neh­men, was sich  -  das Verb, das jetzt folgt, sagt mein Wör­ter­buch, „ist nur im Dt. nach­weis­bar“  -  ahnen ließ:

Kei­ner, der die ers­ten Monate der natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Herr­schaft I933 in Ber­lin beob­ach­tete, konnte das Moment töd­li­cher Trau­rig­keit, des halb­wis­send einem Unheil­vol­len sich Anver­trau­ens über­se­hen, das den ange­dreh­ten Rausch, die Fackel­züge und Trom­me­leien beglei­tete. Wie hoff­nungs­los klang nicht das deut­sche Lieb­lings­lied jener Monate, Volk ans Gewehre, in der Pas­sage Unter den Lin­den. Die von einem Tag zum andern anbe­raumte Ret­tung des Vater­lan­des trug den Aus­druck der Kata­stro­phe vom ers­ten Augen­blick an, und diese ward in den Kon­zen­tra­ti­ons­la­gern ein­ge­übt, wäh­rend der Tri­umph in den Stra­ßen die Ahnung davon übertäubte.

Was Adorno in Minima Mora­lia notiert hat, dürfte in Bochum so ähnlich und ahnungs­voll gewe­sen sein wie in Ber­lin. Auch hier ein ange­dreh­ter Rausch, das dröh­nende Pathos und Zei­tungs­auf­ma­cher über „Das erste KZ“. Und allen war mehr oder weni­ger klar, dass es ja doch nichts zu gewin­nen gibt:

Nach den Berich­ten der Zeu­gen ward lust­los gefol­tert, lust­los gemor­det und darum viel­leicht gerade so über alles Maß hinaus.

Und das eben ist, was mich an der Notiz von Adorno so irri­tiert, dass Lust– und Maß­lo­sig­keit so innig zusam­men gehen:

Wäh­rend sie alles gewan­nen, wüte­ten sie schon als die, wel­che nichts zu ver­lie­ren haben.

Gefol­tert wurde in Bochum, auch dies nur um die Ecke, in den Pluto-Garagen am Nord­ring (oben saß die „Gau-Leitung“ der Nazis) und ein paar Schritte wei­ter im Poli­zei­prä­si­dium (oben saß einer, der Sar­ra­zin hieß und wil­lig war, dann aber wohl nicht hart genug). Gefol­tert wurde eben dort, wo man durch­aus noch etwas zu ver­lie­ren hatte:

Es drängt der Gedanke sich auf, das deut­sche Grauen sei etwas wie vor­weg­ge­nom­mene Rache.

Eine, die am Ende nur noch an denen geübt wer­den kann, die dem Grauen ent­ka­men. Die Rache, die auch noch den Kin­des­kin­dern erklärt, wir kom­men ohne dich klar. Maß­lo­ses Fol­tern, lust­lo­ses Erinnern.

Umso mehr Dank an die, die ohne ange­dreh­ten Rausch Erin­ne­rung bewah­ren und beleben.

Kinderzimmer in der letzten Wohnung der Ehrenbergs in Bochum: Andrew Ehrenberg war 12, als er nach London floh

Ayla Wes­sel | Kulturagentüer

Artikel am 26. Oktober 2010 um 23:24 Uhr von Thomas Wessel veröffentlicht | Kategorie: PeV 2010, Wort | Trackback: Trackback URL.


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