„Tötet die Deutschen“

Deuten und Deutungshoheit | Juli 2011

"Tötet die Deutschen": Europatag auf dem Platz des europäischen Versprechens. Im Hintergrund [nicht sichtbar] die Außenwand der Christuskirche, auf der jetzt "Tötet die Deutschen" steht

Sab­i­tha Saul | Platz des euro­päi­schen Versprechens

„Ist der Satz Tötet die Deut­schen, vor kur­zem auf die Außen­mauer der Chris­tus­kir­che geschmiert, deut­schen­feind­lich“, hat­ten wir gefragt, „ist das Ras­sis­mus?“ Ant­wort: Offen­sicht­lich ja, aber nicht, weil es so etwas wie eine deut­sche Eth­nie oder deut­sche Rasse gäbe: „Die Deut­schen“ sind längst so mul­ti­kul­tu­rell, dass man, will man sie erken­nen, eben nicht dem Augen­schein ver­trauen kann, son­dern nur dem Pass. Klar, dass es dafür Prü­gel setzt von rechts. Dass aber, wer immer diese Deut­schen in Deutsch­land töten wolle, genauso mul­ti­kul­tu­rell = deutsch sein muss, dafür setzt es linke Prü­gel. Wei­ter­ge­dacht wurde hier  -  ein Debattenbericht: 

Die Ruhr­ba­rone haben die Dis­kus­sion sofort sel­ber geführt, damit, wie Ste­fan Lau­rin sagte, „nicht andere sie füh­ren“, näm­lich die Rech­ten. Auch Frank Jan­sen, Experte beim TAGESSPIEGEL und Wächter-Preisträger, sieht das so:

„Gerade beim Thema deutsch­feind­li­cher Ras­sis­mus ist zu befürch­ten, dass ultra­rech­ten Dem­ago­gen, von der NPD bis zum Wochen­blatt ‚Junge Frei­heit‘, zumin­dest punk­tu­ell die Deu­tungs­ho­heit über­las­sen wird, weil die große Mehr­heit schweigt.“

In Ber­lin, wo Jan­sen seit 20 Jah­ren schreibt, geht es zur­zeit um einen Mord­ver­such, bei „Tötet die Deut­schen“ um einen Mord­auf­ruf. Eine „Ver­nich­tungs­fan­ta­sie“, wie Arnold Voss [# 62] dies bei den Ruhr­ba­ro­nen nennt. Aber gerade weil nur Phan­ta­sie, nur Schrift, nur Sach­be­schä­di­gung, ist das die Chance, die Dis­kus­sion zu prä­gen, bevor es andere tun. Wie lesen wir das, wie sehen wir es. Ist das Kunst?

Waren das viel­leicht HipHopper?

Hat „J.K.“ [# 9 und #17] auf dem Ruhrbarone-Blog gefragt, eine klasse Frage: „Die Spra­che, die Geste muss nun ein­mal ver­stan­den wer­den.“ Oder dazu gebracht wer­den, sie so zu ver­ste­hen: Was wäre, wenn das Graf­fito einen Rah­men erhielte? Wenn man es, so Hart­mut Schrö­ter hier auf die­ser Seite, zur Kunst­ak­tion erklärte? Was bliebe von einer gerahm­ten Phantasie?

Es wäre viel­leicht kaum mehr als eine ver­blas­sende Erin­ne­rung daran, dass es „die“ Deut­schen ein­mal gab und sie so klar erkennt­lich waren wie ein Foto, das jemand im Film dem Auf­trags­kil­ler rüber­schiebt. Und viel­leicht wäre es dann wie eine Erin­ne­rung an eine andere, die nie ver­blas­sen wird, näm­lich daran, dass es mal gute Gründe gege­ben hat, die Deut­schen zu töten, nach­dem sie Europa ver­wüs­tet und die Juden Euro­pas fast rest­los ermor­det hat­ten: „Tötet die Deut­schen“ sieht anders aus als eine Licht­er­kette, mit der man die Opfer der Deut­schen erinnert.

Die Gegen­wart dage­gen sieht aus wie der Abitur-Jahrgang, den wir  -  am Tag vor der Schmie­re­rei  -  zur Abi-Entlassung in der Chris­tus­kir­che hat­ten. Die WAZ Bochum hat die­sen Hin­weis auf­ge­grif­fen, um fol­gen­den Titel zu bringen:

„Eine reife Leis­tung. Tür­ki­sches Ehe­paar ebnete allen fünf Töch­tern den Weg zum Abitur“.

Dass tür­ki­sche Mäd­chen Abitur in Bochum machen, ist keine wirk­lich heiße Mel­dung, das hat meine Frau vor mehr als zwei Jahr­zehn­ten schon gemacht. Aber für die WAZ-Bochum ist das eher als eine Art Ehren­ret­tung gemeint, Ehren­ret­tung für Mul­ti­kulti. WAZ-Autor Jür­gen Stahl:

„Mag sein, dass die Vision noch lange gut­men­schelnde Uto­pie bleibt. Die Ülgers indes zei­gen, dass man Träume leben kann.“

Was mich ein wenig irri­tiert, ist die Vor­sicht, die darin klingt (und die ja kei­nes­wegs WAZ-typisch ist). Es klingt wie Nichts Böses berich­ten, sonst … bre­chen alle Dämme? Das aller­dings wäre ziem­lich 80er, diese Art Dis­kus­sion. Wer das 30 Jahre lang gehabt hat und immer noch Ras­sist ist, wird es blei­ben. Wer das 30 Jahre lang gehabt hat und keine Ras­sis­tin mehr ist, ist „Iris“:

Wenn die Deut­schen getö­tet wer­den sol­len in Deutsch­land , dann Frage ich mich, warum leben Aus­län­der in unse­rem Land. Wenn es Ihn nicht gefällt sol­len Sie wie­der in ihren soge­nann­ten Hei­mat­land zurück keh­ren. Warum wollt Ihr in unse­rem Land leben und hasst uns Deut­schen??? Wenn es so ist müßt Ihr wie­der gehen. Nicht nur von Vater Staat Geld bezie­hen auch mal ein „biß­chen Anpas­sem“. Ich bin der Mei­nung in unse­rer Poli­tik läuft alles seid Jah­ren dane­ben. „Hallo Poli­ti­ker, Hallo nicht Deut­sche, wacht lang­sam auf oder liegt Ihr im Dau­er­schlaf??? Deutsch­land gehört den Deut­schen und den Imi­gran­ten. Wir müs­sen uns alle anpassen.

Das ist ein Ton, der ist neu. Klingt nur wie rechts­au­ßen, wird aber mit­ten­drin gespielt. Deutsch­land gehört den Deut­schen und den Immi­gran­ten, es klingt wie eine Neue Selbst­ver­ständ­lich­keit. Und wenn man „Iris“ im Ohr hat, die ver­mut­lich von BILD her­über gekom­men ist, hört sich auch BILD ein wenig anders an. Das ist die Zei­tung  -  vier Zei­len Exkurs  -  die in den 90ern bei­des getan hat, sie hat eine „Asy­lan­ten­flut“ her­bei­ge­schrie­ben und eine rot­grüne Regie­rung ins Amt. Ohne BILD hät­ten wir Zehn­tau­sen­den, die um ihr Leben ren­nen, kei­nen Zufluchts­ort ver­sperrt, ohne BILD hät­ten wir heute kein ordent­li­ches Staats­bür­ger­schafts­recht. Haben wir aber, seit­dem heißt „Tötet die Deut­schen“ auch „Tötet die Deutsch-Türken“:

„Er ist mit einer Deutsch-Türkin ver­hei­ra­tet, steht einer ‚Kir­che der Kul­tu­ren‘ vor, das Got­tes­haus ist Teil des ‚Platz des euro­päi­schen Ver­spre­chens‘. Der Dank für Pfar­rer Tho­mas Wes­sel (46)? Die Parole „Tötet die Deut­schen“ an sei­ner Kirche …

Tötet die deutsch­tür­ki­schen, die mul­ti­kul­tu­rel­len, die euro­päi­schen Deut­schen: dass die­ses Land „bunt“ ist, setzt BILD vor­aus. Und setzt so die Rech­ten ins Unrecht. Deren Scha­blone sieht so aus: hier „die Deut­schen“ und dort „die Migran­ten“, und eben diese sim­ple Denke wird hier unter­lau­fen. Der Rein­heits­wahn  -  er ist das eigent­lich ras­sis­ti­sche Motiv  -  läuft ins Leere: Wer wird denn nun vom wem gehasst beim „Deutschen-Hass“?

Auch ZAMAN, große oder gar größte tür­kisch­spra­chige Zei­tung in die­sem Land, hat berich­tet, und zwar als Auf­ma­cher online und Seite 2 im Print. Tenor: Das Thema müsse in die Medien, man ver­ur­teile den

irkci slo­gani  -  ras­sis­ti­schen Slogan

und von wel­cher Seite auch immer dies komme, es sei  -  und das ist ein im Tür­ki­schen äußerst abfäl­li­ges Urteil

Sid­detle kiniyoruz   -  große Schande.

Mus­tafa Küllü, Hod­scha der DiTiB-Moschee nebenan, habe dies aufs Schärfste ver­ur­teilt und gesagt, es hätte auch an sei­ner Moschee ste­hen kön­nen, es sei abso­lut inak­zep­ta­bel. In sol­chen Situa­tio­nen, habe der tür­ki­sche Lese­club Ruhr gefor­dert, müsse die Gesell­schaft zusam­men ste­hen und

sich gemein­sam bewegen.

So klingt Neue Selbst­ver­ständ­lich­keit auf Tür­kisch. Und selbst­ver­ständ­lich lässt sich so auch die Frage dis­ku­tie­ren, die wir eigent­lich gestellt hat­ten, näm­lich wer von den bunt gewür­fel­ten Deut­schen sich auf­ge­for­dert füh­len mag, dem Auf­ruf zu fol­gen. Ihr mul­ti­kul­tu­rel­les Bewusst­sein jeden­falls schützt nicht davor, Ver­nich­tungs­phan­ta­sien freizusetzen.

Artikel am 17. Juli 2011 um 20:15 Uhr von Thomas Wessel veröffentlicht | Kategorie: Debatte, PeV 2010 | Trackbacks sind nicht möglich, aber Sie könneneinen Kommentar verfassen..


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