Die Ruhrbarone haben die Diskussion sofort selber geführt, damit, wie Stefan Laurin sagte, „nicht andere sie führen“, nämlich die Rechten. Auch Frank Jansen, Experte beim TAGESSPIEGEL und Wächter-Preisträger, sieht das so:
„Gerade beim Thema deutschfeindlicher Rassismus ist zu befürchten, dass ultrarechten Demagogen, von der NPD bis zum Wochenblatt ‚Junge Freiheit‘, zumindest punktuell die Deutungshoheit überlassen wird, weil die große Mehrheit schweigt.“
In Berlin, wo Jansen seit 20 Jahren schreibt, geht es zurzeit um einen Mordversuch, bei „Tötet die Deutschen“ um einen Mordaufruf. Eine „Vernichtungsfantasie“, wie Arnold Voss [# 62] dies bei den Ruhrbaronen nennt. Aber gerade weil nur Phantasie, nur Schrift, nur Sachbeschädigung, ist das die Chance, die Diskussion zu prägen, bevor es andere tun. Wie lesen wir das, wie sehen wir es. Ist das Kunst?
Waren das vielleicht HipHopper?
Hat „J.K.“ [# 9 und #17] auf dem Ruhrbarone-Blog gefragt, eine klasse Frage: „Die Sprache, die Geste muss nun einmal verstanden werden.“ Oder dazu gebracht werden, sie so zu verstehen: Was wäre, wenn das Graffito einen Rahmen erhielte? Wenn man es, so Hartmut Schröter hier auf dieser Seite, zur Kunstaktion erklärte? Was bliebe von einer gerahmten Phantasie?
Es wäre vielleicht kaum mehr als eine verblassende Erinnerung daran, dass es „die“ Deutschen einmal gab und sie so klar erkenntlich waren wie ein Foto, das jemand im Film dem Auftragskiller rüberschiebt. Und vielleicht wäre es dann wie eine Erinnerung an eine andere, die nie verblassen wird, nämlich daran, dass es mal gute Gründe gegeben hat, die Deutschen zu töten, nachdem sie Europa verwüstet und die Juden Europas fast restlos ermordet hatten: „Tötet die Deutschen“ sieht anders aus als eine Lichterkette, mit der man die Opfer der Deutschen erinnert.
Die Gegenwart dagegen sieht aus wie der Abitur-Jahrgang, den wir - am Tag vor der Schmiererei - zur Abi-Entlassung in der Christuskirche hatten. Die WAZ Bochum hat diesen Hinweis aufgegriffen, um folgenden Titel zu bringen:
„Eine reife Leistung. Türkisches Ehepaar ebnete allen fünf Töchtern den Weg zum Abitur“.
Dass türkische Mädchen Abitur in Bochum machen, ist keine wirklich heiße Meldung, das hat meine Frau vor mehr als zwei Jahrzehnten schon gemacht. Aber für die WAZ-Bochum ist das eher als eine Art Ehrenrettung gemeint, Ehrenrettung für Multikulti. WAZ-Autor Jürgen Stahl:
„Mag sein, dass die Vision noch lange gutmenschelnde Utopie bleibt. Die Ülgers indes zeigen, dass man Träume leben kann.“
Was mich ein wenig irritiert, ist die Vorsicht, die darin klingt (und die ja keineswegs WAZ-typisch ist). Es klingt wie Nichts Böses berichten, sonst … brechen alle Dämme? Das allerdings wäre ziemlich 80er, diese Art Diskussion. Wer das 30 Jahre lang gehabt hat und immer noch Rassist ist, wird es bleiben. Wer das 30 Jahre lang gehabt hat und keine Rassistin mehr ist, ist „Iris“:
Wenn die Deutschen getötet werden sollen in Deutschland , dann Frage ich mich, warum leben Ausländer in unserem Land. Wenn es Ihn nicht gefällt sollen Sie wieder in ihren sogenannten Heimatland zurück kehren. Warum wollt Ihr in unserem Land leben und hasst uns Deutschen??? Wenn es so ist müßt Ihr wieder gehen. Nicht nur von Vater Staat Geld beziehen auch mal ein „bißchen Anpassem“. Ich bin der Meinung in unserer Politik läuft alles seid Jahren daneben. „Hallo Politiker, Hallo nicht Deutsche, wacht langsam auf oder liegt Ihr im Dauerschlaf??? Deutschland gehört den Deutschen und den Imigranten. Wir müssen uns alle anpassen.
Das ist ein Ton, der ist neu. Klingt nur wie rechtsaußen, wird aber mittendrin gespielt. Deutschland gehört den Deutschen und den Immigranten, es klingt wie eine Neue Selbstverständlichkeit. Und wenn man „Iris“ im Ohr hat, die vermutlich von BILD herüber gekommen ist, hört sich auch BILD ein wenig anders an. Das ist die Zeitung - vier Zeilen Exkurs - die in den 90ern beides getan hat, sie hat eine „Asylantenflut“ herbeigeschrieben und eine rotgrüne Regierung ins Amt. Ohne BILD hätten wir Zehntausenden, die um ihr Leben rennen, keinen Zufluchtsort versperrt, ohne BILD hätten wir heute kein ordentliches Staatsbürgerschaftsrecht. Haben wir aber, seitdem heißt „Tötet die Deutschen“ auch „Tötet die Deutsch-Türken“:
„Er ist mit einer Deutsch-Türkin verheiratet, steht einer ‚Kirche der Kulturen‘ vor, das Gotteshaus ist Teil des ‚Platz des europäischen Versprechens‘. Der Dank für Pfarrer Thomas Wessel (46)? Die Parole „Tötet die Deutschen“ an seiner Kirche …
Tötet die deutschtürkischen, die multikulturellen, die europäischen Deutschen: dass dieses Land „bunt“ ist, setzt BILD voraus. Und setzt so die Rechten ins Unrecht. Deren Schablone sieht so aus: hier „die Deutschen“ und dort „die Migranten“, und eben diese simple Denke wird hier unterlaufen. Der Reinheitswahn - er ist das eigentlich rassistische Motiv - läuft ins Leere: Wer wird denn nun vom wem gehasst beim „Deutschen-Hass“?
Auch ZAMAN, große oder gar größte türkischsprachige Zeitung in diesem Land, hat berichtet, und zwar als Aufmacher online und Seite 2 im Print. Tenor: Das Thema müsse in die Medien, man verurteile den
irkci slogani - rassistischen Slogan
und von welcher Seite auch immer dies komme, es sei - und das ist ein im Türkischen äußerst abfälliges Urteil
Siddetle kiniyoruz - große Schande.
Mustafa Küllü, Hodscha der DiTiB-Moschee nebenan, habe dies aufs Schärfste verurteilt und gesagt, es hätte auch an seiner Moschee stehen können, es sei absolut inakzeptabel. In solchen Situationen, habe der türkische Leseclub Ruhr gefordert, müsse die Gesellschaft zusammen stehen und
sich gemeinsam bewegen.
So klingt Neue Selbstverständlichkeit auf Türkisch. Und selbstverständlich lässt sich so auch die Frage diskutieren, die wir eigentlich gestellt hatten, nämlich wer von den bunt gewürfelten Deutschen sich aufgefordert fühlen mag, dem Aufruf zu folgen. Ihr multikulturelles Bewusstsein jedenfalls schützt nicht davor, Vernichtungsphantasien freizusetzen.

!["Tötet die Deutschen": Europatag auf dem Platz des europäischen Versprechens. Im Hintergrund [nicht sichtbar] die Außenwand der Christuskirche, auf der jetzt "Tötet die Deutschen" steht "Tötet die Deutschen": Europatag auf dem Platz des europäischen Versprechens. Im Hintergrund [nicht sichtbar] die Außenwand der Christuskirche, auf der jetzt "Tötet die Deutschen" steht](http://www.christuskirche-bochum.de/wp-content/uploads/2011/07/2011-07-SabithaSaul_Europatag_01-bes-600x354.jpg)