Thron kann jeder

Hans-Ehrenberg-Preis für Antje Vollmer | 22. Nov. 19 Uhr

St.-Petrus-Platz in Rom: "Thron kann jeder"

Jane­ri­clo­ebe | Com­mons Wikimedia

Wenn Krieg die Fort­set­zung der Poli­tik mit ande­ren Mit­teln ist, ist Demo­kra­tie die Fort­set­zung des Krie­ges mit ohne Waf­fen. Das gilt auch dann, wenn Par­teien mehr Vor­sit­zende als Mei­nun­gen haben, die Parteien-Landschaft über­sicht­lich ist und Poli­tik die Fort­set­zung von Gün­ther Jauch mit ohne Joker. In die­ser Fern­be­die­nungs­land­schaft gibt es Berei­che, in die zu gehen sich nie­mand traut. Brach­ge­lände der Demo­kra­tie, in denen die Regeln nicht so klar sind wie beim Sport und keine Straf­räume mar­kiert. Wer da hin­ein geht, kriegt beste Wün­sche mit auf sei­nen Weg und, wenn sich ein Weg her­aus stellt, von allen Sei­ten auf die Mütze. Darum wür­di­gen wir, wie Antje Voll­mer Poli­tik ver­steht und demo­kra­ti­sche Arbeit.

Der Hans-Ehrenberg-Preis gebührt ihr, weil sie „pro­tes­tan­ti­sche Posi­tion in öffent­li­cher Aus­ein­an­der­set­zung“ ver­tritt. Das Pro­tes­tan­ti­sche an ihrer Posi­tion ist, dass sie zwi­schen den Stüh­len steht. Auf dem Thron sit­zen kann jeder. Aber dahin gehen, wo es  -  nicht nur im Fuß­ball­sprech  -  weh tut, das machen  -  nicht nur im Polit­be­trieb  -  wenige. Wer es den­noch tut, kommt nicht als Held zurück, son­dern lädiert. Wer es zwei­mal tut, wird eher beäugt als ange­se­hen. Und wer es noch ein­mal tut und noch ein­mal, stellt alle ande­ren vor ein Rät­sel. Die Demo­kra­tie ist gut darin, ihre Witz­fi­gu­ren zu bla­mie­ren, die Gut­ten­bergs und noch amtie­ren­den, aber ihre Red Adairs sind ihr nie rein genug.

„Wir haben es rund­weg abge­lehnt, als Hel­den betrach­tet zu wer­den“, schreibt Hans Ehren­berg in sei­ner Auto­bio­gra­phie. Hier die Begrün­dung für die Ver­lei­hung des Hans-Ehrenberg-Preises an Antje Voll­mer:

„Der Evan­ge­li­sche Kir­chen­kreis Bochum in Abstim­mung mit der Hans-Ehrenberg-Gesellschaft ver­leiht den Hans-Ehrenberg-Preis 2011 an Frau Dr. Antje Voll­mer für ihre poli­ti­schen Initia­ti­ven, mit denen sie in schein­bar aus­weg­lo­sen gesell­schaft­li­chen Kon­flik­ten Ver­stän­di­gungs­pro­zesse aus­löst, die sie mit Lei­den­schaft und Augen­maß moderiert:

Ihre Poli­tik grün­det Frau Dr. Voll­mer auf dem dia­lo­gi­schen Prin­zip, dem es nicht darum geht, kon­träre Posi­tio­nen abs­trakt zu ver­söh­nen, son­dern darum, sie in der Pra­xis ein­an­der anzu­nä­hern. Als einer der Begrün­der der Dialog-Philosophie hat Ehren­berg das dia­lo­gi­sche Prin­zip  -  Macht ohne Gewalt  -  für die neuere poli­ti­sche Phi­lo­so­phie (Hans-Georg Gada­mer, Jür­gen Haber­mas, Emma­nuel Levinas u.a.) frucht­bar gemacht.

für die Sen­si­bi­li­tät, mit der sie gesche­he­nes Unrecht wahr­nimmt und es, ohne zu beschö­ni­gen, zu besänf­ti­gen sucht;

Demo­kra­tie führt eine Ver­gan­gen­heit mit, deren Unrecht nicht wie­der gut zu machen ist. Dass zivi­li­sa­to­ri­sche Stan­dards weg bre­chen kön­nen, ist eine his­to­ri­sche Erfah­rung; dass es die eige­nen Stan­dards sein kön­nen, ist es eben­falls. Diese bio­gra­phi­sche wie kol­lek­tive Erfah­rung haben, auf sehr ver­schie­dene Weise, Opfer wie Täter des Unrechts machen müs­sen. Sol­che Erfah­run­gen kön­nen die demo­kra­ti­sche Gesell­schaft von innen her­aus spren­gen, wenn sie nicht ein­ge­bun­den wer­den in ein gemein­sa­mes Ver­ste­hen. In die­ser Inten­tion folgt Antje Voll­mers Poli­tik dem Den­ken und Han­deln Ehrenbergs.

für ihr poli­ti­sches Den­ken, in dem sich der theo­lo­gi­sche Impuls, die Welt auf Gott hin zu ver­än­dern, bewahrt.

Pro­tes­tan­ti­sche Theo­lo­gie unter­schei­det zwi­schen dem Letz­ten und Vor­letz­ten, und das heißt ins Poli­ti­sche über­setzt, sie unter­schei­det zwi­schen der famo­sen Uto­pie und dem, was mach­bar ist. Antje Voll­mer ist pro­tes­tan­ti­sche Theo­lo­gin gerade darin, dass sie der Poli­tik deren eige­nes Recht bei­misst, ohne den Maß­stab, an dem sich Poli­tik mes­sen las­sen muss, aus dem Blick zu verlieren.“

» Fest­akt und das Gespräch zwi­schen Antje Voll­mer und Mar­got Käß­mann sind öffent­lich, der Zugang frei.
» update 2011-11-21, 23:54 h: Inzwi­schen lie­gen uns so viele Reser­vie­rungs­wün­sche vor, dass wir davon aus­ge­hen, dass alle Plätze der Chris­tus­kir­che besetzt sein werden.

Artikel am 21. November 2011 um 17:51 Uhr von Thomas Wessel veröffentlicht | Kategorie: Debatte, Wort | Trackbacks sind nicht möglich, aber Sie könneneinen Kommentar verfassen..


Ein Kommentar

  1. Kommentar #1
    Oerni | Geschrieben am 24. November 2011 um 16:18 | Permalink

    Hallo ist da noch Jemand?? Nun ist die Ver­lei­hung des Ehrenberg-Preises vor­bei, und für einen kur­zen Augen­blick hat­ten wir ehe­ma­lige Heim­kin­der Ihre Auf­merk­sam­keit. Die Auf­merk­sam­keit jener Men­schen, die an die­ser Ver­an­stal­tung teil­ge­nom­men haben und sicher­lich auch Men­schen, die zu der Gemeinde von Herrn Pfar­rer Wes­sel gehö­ren, den ich schät­zen gelernt habe. Als Sie wäh­rend der Ver­an­stal­tung einen kur­zen Aus­schnitt unse­rer Heim­er­zie­hung hör­ten, haben Sie applau­diert, und ich nehme an, dass in die­sem Applaus auch ein wenig Soli­da­ri­tät für unser Anlie­gen liegt.

    Seit Jah­ren ver­su­chen wir gehört zu wer­den, denn unsere Heim­zeit ist ein düs­te­res Kapi­tel der Nach­kriegs­jahre, das kaum bekannt ist. Den­noch haben die Älte­ren unter Ihnen mög­li­cher­weise frü­her auch schon ein­mal den Satz gehört: „Wenn Du nicht artig bist kommst Du ins Heim“ und die­sen Satz durch­aus als Bedro­hung erlebt. Da war immer etwas, nicht fass­bar und den­noch Angst machend, und nun nach mehr als 50 Jah­ren kommt es an die Öffent­lich­keit, das Unfass­bare, das Uner­träg­li­che, das Böse, das den Säug­lin­gen, Kin­dern und Jugend­li­chen ange­tan wurde. Wir hat­ten damals keine Chance unser Leid in die Öffent­lich­keit zu tra­gen, die dicken Mau­ern der Heime erstick­ten jeden Laut unse­rer Qual, und so ver­such­ten wir dann sel­ber zu vergessen.

    Jetzt im Alter klappt das nicht mehr mit dem Ver­ges­sen und jetzt wol­len wir auch nicht mehr stumm sein. Und Sie, die Men­schen, die nun gehört haben, was damals pas­siert ist? Sie haben gewiss nur einen klei­nen Teil der dama­li­gen Heim­er­zie­hung gele­sen bzw. gehört. Ich möchte Sie bit­ten, sich näher für das zu inter­es­sie­ren, was uns damals pas­siert ist, denn es ist nicht nur die Geschichte der ehe­ma­li­gen Heim­kin­der, son­dern es betrifft die dama­lige Gesell­schaft, die auch weg­ge­schaut hat. Schauen Sie jetzt nicht weg, infor­mie­ren Sie sich und reden Sie in Ihrer Gemeinde über uns. Unter­stüt­zen Sie uns in den Kampf um Aner­ken­nung des erlit­te­nen Unrechts, und dazu muss man ver­ste­hen, was es bedeu­tet, in einem Heim gewe­sen zu sein:

    In einem Säug­lings­heim, in dem Mas­sen­ab­fer­ti­gung an der Tages­ord­nung war, den gan­zen Tag die Wand anstar­ren, alles nach der Uhr in einem strik­ten Tages­ab­lauf ohne per­sön­li­che Zuwen­dung. In einem Kin­der­heim, in dem das oberste Prin­zip der abso­lute Gehor­sam war, und wer aus der Reihe tanzte, musste mit schwe­ren Stra­fen rech­nen. Schon als Kind muss­ten viele so hart arbei­ten, dass sie nicht in der Lage waren, in der Schule mit­zu­kom­men. Keine Indi­vi­dua­li­tät zu haben, weil alles nur im Kol­lek­tiv ablief, keine Zuwen­dung: „Kin­der ohne Liebe“ aber mit viel Hiebe. Ins Erzie­hungs­heim zu kom­men, ein­ge­sperrt zu sein und von der Außen­welt abge­schlos­sen, ohne zu wis­sen, wann man wie­der dort her­aus­kommt. Jeder ver­ur­teilte Mensch in den Gefäng­nis­sen weiß, wie lange er dort sein muss, wir wuss­ten es nicht.

    „Bes­sere“ Men­schen soll­ten wir wer­den, aber wer sagte denn, dass wir „schlechte“ Men­schen waren? Ohne Lohn die schlimms­ten und här­tes­ten Arbei­ten zu ver­rich­ten. Die Men­schen­rechte gal­ten nicht für uns, wir waren ohne Recht, der Will­kür von Behör­den und Heim­trä­gern ausgeliefert.

    Der Runde Tisch hat es nicht geschafft unsere The­ma­tik in die Öffent­lich­keit zu trans­por­tie­ren, also müs­sen wir es sel­ber tun, und wir brau­chen auch Ihre Hilfe. Damals hat uns kei­ner gehol­fen, aber viel­leicht machen wir noch in die­sem Leben die Erfah­rung, dass sich etwas in die­ser Gesell­schaft ver­än­dert hat und wir mor­gen nicht in Ver­ges­sen­heit geraten.

    Herz­li­che Grüße
    Oerni, ehe­ma­li­ges Heimkind


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