Was nach Dubstep kommt, kommt aus Barcelona. Sie selber nennen, was aus ihren Laptops kommt, „electronic post post post post rock ambient trip hop, I don’t know“. Eine Dekonstruktion von dem, was war, „als müsse ich zuerst zu graben anfangen, müsse mich rauswühlen, rauskratzen aus einer Masse von Schutt, die uns zudeckt“. So lässt Peter Weiss einen Schriftsetzer in seiner Ästhetik des Widerstandes reflektieren, als es um den Beginn des Spanischen Bürgerkriegs geht und das republikanische Europa, das sich gegen den Faschismus wehrt. 75 Jahre ist das her und der Kurzschluss mit Downliners Sekt erlaubt, weil sie heute — unpathetisch und entschieden — jede paramilitärische Party hintertreiben.
Bei urban urtyp jedenfalls wird das nichts mit diesen Und-jetzt-alle!-Befehlen, wie man sie von Party– und Partei-Versammlungen kennt. So wie der Linke Peter Weiss die linke Parteifrömmigkeit zerlegt hat, so dekonstruieren die katalanischen DJs die Führerbefehle vom DJ-Pult. Als hätten sie die Ästhetik des Widerstands für die Gegenwart vertont:
Dass wir immer, so sehr wir uns auch um Unabhängigkeit bemühen, auf jemanden stoßen, der uns vorschreibt, was wir zu tun haben. Dass wir unaufhörlich reglementiert werden. Dass alles, was uns vorgesetzt werden kann, noch so richtig sein kann, und dass es doch falsch ist, solange es nicht von uns, von mir selbst kommt.
Sagt die besagte Figur in Weiss‘ Ästhetik, es passt zur Ästhetik von Downliners Sekt. Die eine Nachkriegsästhetik ist, natürlich, eine, die den gefälligen Frieden zerlegt. Auch Verhältnisse können tanzen:
Zunächst hob sich das Bild, das wir in den vorgestreckten Händen hielten, fremdartig ab von dem blanken, ungeheuer leuchtenden Blaugrün der Blätter der Apfelsinenbäume. Es stellte etwas völlig Neues, Unvergleichbares, dar.
So beschreibt Peter Weiss die Wirkung, die Picassos Guernica ausübt, das Antikriegsbild schlechthin, das sein Ich-Erzähler als Repro sieht, als der Bürgerkrieg verloren war:
Roh, gewaltsam widersprachen die scharfen Lichtkegel und Schatten, die flächig ineinander geschnittenen mastodontischen Gliedmaßen und Gesichter, die harten Diagonalen und Senkrechten der reglosen, tiefen Dichte ringsum. Die Luft war erfüllt vom metallischen Gesang der Grillen. Von der Stadt waren keine Geräusche zu hören. Nach einer Weile nahm die Komposition, mit ihrer zentralen Figurenpyramide, ihren seitwärts aufragenden Gestalten, Gegenständlichkeit an. Ohne die Erscheinung noch ganz zu begreifen, sahn wir, was in Spanien geschah. Gehämmert zu einer Sprache von wenigen Zeichen, enthielt das Bild Zerschmettrung und Erneurung, Verzweiflung und Hoffnung […]
75 Jahre Europa. Wem das zu pathetisch ist, um zu erklären, was das für Musik ist, die Downliners Sekt machen, dem sei hier aus dubstep.de zitiert:
downliners sekt waren für uns DIE entdeckung der letzen monate. damit waren wir nicht allein, u.a. teilen mary anne hobbs, francois k, the bug, telefon tel aviv und darren aronofsky unsere bewunderung für diesen erfrischend anderen sound (Joshua Eustis/Telefon Tel Aviv: „Best thing in electronic music right now“).
Alle relevanten mags und blogs, heißt es weiter, würden sich mit Lob überschlagen, man ziehe Vergleiche mit
burial, autechre, massive attack, portishead, chris clark, t++, rhythm & sound, porter ricks. auch flying lotus ist für mich da nicht weit entfernt … trotzdem klingen downliners sekt dabei immer grandios eigenständig, absolut unverkennbar und charakteristisch. obendrein kommt das ganze in einer sehr bewusst gewählten, durchdachten und konsequenten diy-haltung daher, so gibt es z.b. sämtliche releases in top-qualität (320 kbit/s) kostenlos zum download.
» www.downliners-sekt.com
» soundcloud.com/dsekt
» Support: Pechuga de Pollodiabolo
» urban urtyp spezial an einem Freitag, 30. Dezember
» wie immer ab 19 Uhr, wie immer 10 Euro, Karten auch an der Abendkasse

