
Jürgen Liepe | Staatliche Museen zu Berlin, Museum für Asiatische Kunst
Erst einmal hören: Die Wasserfuhrs mit Stings Englishman In New York [5,2 MB]. - Und hier ein wenig Aufklärung über die Abgeklärtheit dieser Musik: „Wir beschäftigen uns mit Reduktion“, sagen sie, „keine vertrackten Muster, sondern einfache Songs mit Intensität“. Beide sind sie Mitte 20, Roman am Klavier hat drei Jahre mehr als Julian an der Trompete, beide bestaunt für ihr wundervolles Understatement und dass sie auf Schnörkel verzichten und auf Jazz-Akrobatik. Und das, sagt Matthias Brandt, der Schauspieler, „muss man sich trauen“, Reduktion sei in jeder Kunst „das Schwerste überhaupt“, nur deshalb komme diese Musik so leicht daher. Nur weshalb heißt diese CD dann Gravity? Schwerkraft ist ja nun doch bedeutungsschwer, sie macht, dass, wohin der Baum fällt, da bleibt er liegen. Klingt das loungig? Auf dem Cover von Gravity das Teahouse von Ai Weiwei. 3600 Kilo Pu’er-Tee, zu Quadern und Prismen gepresst und einem Haus zusammen gesetzt. Keine Fenster, keine Türen, Reduktion. Wobei …
… das mit der Reduktion nur scheinbar ist. Tatsächlich zieht der zum Teehaus verdichtete Tee die Welt ringsum in sein Aroma hinein. Neulich im Berliner Museum für asiatische Kunst jedenfalls war es weniger so, dass ein Teehaus im Museum stand als dass das ganze Museum zum Teehaus geworden war. So ist das mit der Anziehungskraft, weniger wird mehr. Reduktion führt zur Entfaltung. Und was hinzu kommt - offenbar kann Siggi Loch, der Labelchef, visuell hören, er wählt die Cover gerne selber aus - was hinzu kommt: Pu’er-Tee wird je älter je besser. Sie haben noch was vor, das Teehaus und die Wasserfuhrs:
Wichtig ist, dass wir uns nicht in spieltechnischer Akrobatik verlieren
sagen sie, man turnt an keinem Instrument, sondern spielt darauf. Für sie heißt Reduktion:
Melodik ohne spontane Abschweifung, die Vermeidung von Komplexität, keine vertrackten rhythmischen Muster, sondern einfache Songs mit Intensität.
Das setzt voraus, dass sie ihren Melodien vertrauen, dem weichen Ton von Julians Trompete und Romans phantasievoll zeichnendem Klavier. Ungekünstelt nennen Kritiker das gern, „das Gegenteil von Angeber-Jazz“, sagt Matthias Brandt. Geben also wir stattdessen an, nämlich dies, dass Nils Landgren ihre zweite CD - Upgrated in Gothenburg - produziert hat, dass Lars Danielsson auch auf Gravity den Bass gespielt und Wolfgang Haffner getrommelt hat, alle sind Europas erste Güte. Schwergewichte, wenn man so will.
You can’t blame gravity for falling in love
soll Einstein gesagt haben, er kannte sich aus mit Gravitation. Gravity kannte er nicht.
» am Bass: Benjamin Garcia, an den Drums: Oliver Rehmann
» als Support: Elektronik-Performance von Moogulator & Eela Soley
» wie immer sonntags wie immer 19 Uhr wie immer nur 10 Euro
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