„Deutschland war wie Sodbrennen“

Kosmopolen in Euforia | 9. Mai + 10. Mai jeweils 20 Uhr

"Das traumatische Gefühl, das viele Emigranten haben": Ministerstwo Literatury Polen 2011

Polen 2011 | Ema­nuela Danielewicz

Könnte sein, dass stimmt, was in der WAZ gestan­den hat: dass jeder Dritte, der heute im Ruhr­ge­biet lebt, pol­ni­scher Her­kunft sei. Dem Ruhr­ge­biet sel­ber merkt man das kaum an, es lässt sich im Tele­fon­buch nach­le­sen, aber nicht in Spei­se­kar­ten  -  nir­gends ein pol­ni­scher Döner, kein schle­si­sches Gyros, warum wun­dert das nie­man­den  -  und es lässt sich nir­gends able­sen an den Namen von Stra­ßen und Plät­zen: Das Ruhr­ge­biet hat ein pein­li­ches Fai­ble für Helden, für pol­ni­sche nicht. Hun­derte pol­ni­scher Namen ste­hen aller­dings in der „Helden-Gedenkhalle“ im Turm der Chris­tus­kir­che, es sind die Namen von Bochu­mern, die im Ers­ten Welt­krieg „für Deutsch­land“ gefal­len sind. Neben ihren Namen ste­hen die „Feind­staa­ten Deutsch­lands“, dar­un­ter „Polen“.  Eine selt­same Zer­ris­sen­heit, die auch spä­ter selt­sam sprach­los blieb: „Deutsch­land war wie Sod­bren­nen“, heißt es in einem der Romane von Artur Becker.

Becker war, wie­wohl jung, als „Spät­aus­sied­ler“ gekom­men. Mit sei­nem Satz vom Sod­bren­nen beschreibt er das trau­ma­ti­sche Gefühl,

„das viele Emi­gran­ten haben: Nachts wachen sie auf und wol­len plötz­lich nach Hause fah­ren. Und spe­zi­ell im Falle eines Spät­aus­sied­lers, also eines Deutsch­stäm­mi­gen, der ich ja bin, wurde mir plötz­lich klar, dass ich auf irgend­eine Art und Weise für mein neues Land Ver­ant­wor­tung über­neh­men musste, auch für die Taten der Groß­el­tern – Sie ver­ste­hen. Ich bin zwar Pole, weil ich in der pol­ni­schen Spra­che und in Polen auf­ge­wach­sen bin, aber durch die Aus­reise nach Deutsch­land wurde mir bewusst, wel­che bren­nende Geschichte die­ses Land hat, die einen nie­mals in Ruhe las­sen wird. Oder kön­nen Sie sich erklä­ren, warum Ihre Lands­leute auf die Idee kamen, Kin­der zu vergasen?“

Zwei Tage über haben wir deut­sche und pol­ni­sche Auto­ren, genauer: deutsch schrei­bende Polen und pol­nisch den­kende Deut­sche zu Gast, genauer: Die Gäste kom­men gleich­sam nach Hause zurück in eine Stadt, die immer bei­des war, tief im Deut­schen und doch die pol­nischste Stadt dies­seits von War­schau.

Hier das hoch­ka­rä­tige Literatur-Programm von Kos­mo­po­len in EUf­oria:

Mitt­woch | 9. Mai | 20 Uhr

ARTUR BECKER | Bestseller-Autor, aber kein „deutsch-polnischer“, son­dern ein pol­ni­scher Autor deut­scher Spra­che; 2009 mit dem Albert von Cha­misso Preis aus­ge­zeich­net. „Über­aus beschla­gen in deut­scher Geis­tes– und Kul­tur­ge­schichte“, so das Goethe-Institut über ihn, „hand­habt er die deut­sche Lite­ra­tur­spra­che der­art vir­tuos, dass man ihn mit eini­gem Recht als deut­schen Schrift­stel­ler bezeich­nen darf, und zwar als einen der bes­ten im Lande.“

DARIUSZ MUSZER | schreibt in bei­den Spra­chen, hat in Polen die wich­tigs­ten lite­ra­ri­schen Aus­zeich­nun­gen erhal­ten; seine Lite­ra­tur bewegt sich zwi­schen Lyrik und Sci­ence Fic­tion, zwi­schen Roman und Essays; arbei­tet auch als Jour­na­list und Übersetzer.

ULRIKE DRAESNER | mit schle­si­schem Hin­ter­grund in Mün­chen gebo­ren; lebt lie­ber in Ber­lin; schreibt Romane und Gedichte; kürz­lich mit dem Grenz­gän­ger Sti­pen­dium der Robert Bosch Stif­tung ausgezeichnet.

MICHAEL ZELLER | Wup­per­ta­ler aus Bres­lau, Schrif­stel­ler, Her­aus­ge­ber, Lite­ra­tur­kri­ti­ker; ver­öf­fent­licht Romane, Erzäh­lun­gen, Gedichte und Essays; aus­ge­zeich­net mit dem Andreas-Gryphius-Preis 2011.

Don­ners­tag | 10. Mai | 20 Uhr

GUNTER HOFMANN | lang­jäh­ri­ger Chef­kor­re­spon­dent der DIE ZEIT und Sach­buch­au­tor; dis­ser­tierte über Karl Jas­pers zum Thema „Poli­tik und Ethos“, por­trä­tierte Per­sön­lich­kei­ten wie Willy Brandt und Richard von Weiz­sä­cker; seit den 80er Jah­ren ein aus­ge­wie­se­ner Ken­ner der pol­ni­schen und deutsch-polnischen Geschichte; zuletzt von ihm ver­öf­fent­licht: „Polen und Deut­sche. Der Weg zur euro­päi­schen Revo­lu­tion 1989/1990″ [2011]

PETRA RESKI | im Ruhr­ge­biet gebo­ren, lebt seit 1991 in Vene­dig; Roma­nis­tin, Jour­na­lis­tin, Sach­buch– und Roman­au­to­rin; 2010 mit dem EMMA-Journalistenpreis ausgezeichnet.

ARTUR BECKER | s.o.

SABINE BRANDI | Moderation

Artikel am 05. Mai 2012 um 21:12 Uhr von Thomas Wessel veröffentlicht | Kategorie: Wort | Trackbacks sind nicht möglich, aber Sie könneneinen Kommentar verfassen..


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