Könnte sein, dass stimmt, was in der WAZ gestanden hat: dass jeder Dritte, der heute im Ruhrgebiet lebt, polnischer Herkunft sei. Dem Ruhrgebiet selber merkt man das kaum an, es lässt sich im Telefonbuch nachlesen, aber nicht in Speisekarten - nirgends ein polnischer Döner, kein schlesisches Gyros, warum wundert das niemanden - und es lässt sich nirgends ablesen an den Namen von Straßen und Plätzen: Das Ruhrgebiet hat ein peinliches Faible für Helden, für polnische nicht. Hunderte polnischer Namen stehen allerdings in der „Helden-Gedenkhalle“ im Turm der Christuskirche, es sind die Namen von Bochumern, die im Ersten Weltkrieg „für Deutschland“ gefallen sind. Neben ihren Namen stehen die „Feindstaaten Deutschlands“, darunter „Polen“. Eine seltsame Zerrissenheit, die auch später seltsam sprachlos blieb: „Deutschland war wie Sodbrennen“, heißt es in einem der Romane von Artur Becker.
Becker war, wiewohl jung, als „Spätaussiedler“ gekommen. Mit seinem Satz vom Sodbrennen beschreibt er das traumatische Gefühl,
„das viele Emigranten haben: Nachts wachen sie auf und wollen plötzlich nach Hause fahren. Und speziell im Falle eines Spätaussiedlers, also eines Deutschstämmigen, der ich ja bin, wurde mir plötzlich klar, dass ich auf irgendeine Art und Weise für mein neues Land Verantwortung übernehmen musste, auch für die Taten der Großeltern – Sie verstehen. Ich bin zwar Pole, weil ich in der polnischen Sprache und in Polen aufgewachsen bin, aber durch die Ausreise nach Deutschland wurde mir bewusst, welche brennende Geschichte dieses Land hat, die einen niemals in Ruhe lassen wird. Oder können Sie sich erklären, warum Ihre Landsleute auf die Idee kamen, Kinder zu vergasen?“
Zwei Tage über haben wir deutsche und polnische Autoren, genauer: deutsch schreibende Polen und polnisch denkende Deutsche zu Gast, genauer: Die Gäste kommen gleichsam nach Hause zurück in eine Stadt, die immer beides war, tief im Deutschen und doch die polnischste Stadt diesseits von Warschau.
Hier das hochkarätige Literatur-Programm von Kosmopolen in EUforia:
Mittwoch | 9. Mai | 20 Uhr
ARTUR BECKER | Bestseller-Autor, aber kein „deutsch-polnischer“, sondern ein polnischer Autor deutscher Sprache; 2009 mit dem Albert von Chamisso Preis ausgezeichnet. „Überaus beschlagen in deutscher Geistes– und Kulturgeschichte“, so das Goethe-Institut über ihn, „handhabt er die deutsche Literatursprache derart virtuos, dass man ihn mit einigem Recht als deutschen Schriftsteller bezeichnen darf, und zwar als einen der besten im Lande.“
DARIUSZ MUSZER | schreibt in beiden Sprachen, hat in Polen die wichtigsten literarischen Auszeichnungen erhalten; seine Literatur bewegt sich zwischen Lyrik und Science Fiction, zwischen Roman und Essays; arbeitet auch als Journalist und Übersetzer.
ULRIKE DRAESNER | mit schlesischem Hintergrund in München geboren; lebt lieber in Berlin; schreibt Romane und Gedichte; kürzlich mit dem Grenzgänger Stipendium der Robert Bosch Stiftung ausgezeichnet.
MICHAEL ZELLER | Wuppertaler aus Breslau, Schrifsteller, Herausgeber, Literaturkritiker; veröffentlicht Romane, Erzählungen, Gedichte und Essays; ausgezeichnet mit dem Andreas-Gryphius-Preis 2011.
Donnerstag | 10. Mai | 20 Uhr
GUNTER HOFMANN | langjähriger Chefkorrespondent der DIE ZEIT und Sachbuchautor; dissertierte über Karl Jaspers zum Thema „Politik und Ethos“, porträtierte Persönlichkeiten wie Willy Brandt und Richard von Weizsäcker; seit den 80er Jahren ein ausgewiesener Kenner der polnischen und deutsch-polnischen Geschichte; zuletzt von ihm veröffentlicht: „Polen und Deutsche. Der Weg zur europäischen Revolution 1989/1990″ [2011]
PETRA RESKI | im Ruhrgebiet geboren, lebt seit 1991 in Venedig; Romanistin, Journalistin, Sachbuch– und Romanautorin; 2010 mit dem EMMA-Journalistenpreis ausgezeichnet.
ARTUR BECKER | s.o.
SABINE BRANDI | Moderation

