„Friedhofsgemüse“

Durs Grünbein: Römisches Zeichenbuch | 29. Mai 19:30 Uhr

"Nichts mehr da von der Pracht, die der Grundriß uns glauben macht." ROM-Wechsler für den Amiga 500

rafax | Com­mons Wikimedia

„Alles das ist ver­schwun­den.“ So beginnt Grün­beins Zei­chen­buch, in dem er Rom, die Zei­chen der Stadt, zu lesen ver­sucht: „Nichts mehr da von der Pracht, / Die der Grund­riß uns glau­ben macht.“ Die Situa­tion: Grün­bein, einer der Gro­ßen unter den Dich­tern, die nicht ver­schwun­den sind, steht in den Res­ten des Frie­dens­tem­pels und sieht, was nicht zu sehen ist: „An der Wand hing bis zur Decke, / In Mar­mor­plat­ten ein­gra­viert, / Der älteste Stadt­plan der Welt.“ Die Stadt mit ihrem Plan ist ver­schwun­den, es gibt jetzt nur noch uns: „Wir sind das Ima­gi­näre, / Die Agen­ten des Unge­fäh­ren.“   -   Man hat Durs Grün­bein, den Hoch­de­ko­rier­ten, schon mal als Staats­dich­ter abge­tan und seine Lyrik zurück­da­tiert in eine Zeit, in der ein Bil­dungs­bür­ger noch nicht das Ergeb­nis von Obli­ga­to­rik war. Der Mann ist eigen­sin­nig, und falls, was er schreibt, nach Staats­dich­tung klingt, ist das nicht der schlech­teste Staat, in dem er schreibt: Von ihm stammt  -  noch vor der aktu­el­len Dis­kus­sion übers Urhe­ber­recht  -  ein Kom­men­tar zu der Frage, wo im öffent­li­chen Raum das Gemein­gut auf­hört und wo das Pla­giat beginnt: Die Grenze, so Grün­bein, sei die zwi­schen Jung und Alt, die ganze Debatte ein „häss­li­cher Bio­dis­kurs“, es han­dele sich um „Rassismus“.

Das schrieb er vor zwei Jah­ren, als die Debatte über Helene Hege­manns Axo­lotl Road­kill hoch­drehte. Damals ver­öf­fent­lichte die FAZ einen Bei­trag von Grün­bein [„Mit­glied des Ordens pour le merite“] mit dem Titel „„Pla­giat““, in dem hieß es, ob ein Pla­giat ein Pla­giat sei oder kei­nes, sei „keine Frage der Gesin­nung oder des Rechts, die durch Ver­glei­chen, Sil­ben­zäh­len, Inter­punk­ti­ons­mus­te­rung, Namen– und Hand­lungs­ort­kon­trolle sich beant­wor­ten ließe, son­dern es ist eine Frage ganz aus­schließ­lich des lite­ra­ri­schen Urteils“. Die­sem lite­ra­ri­schen Urteil gegen­über, so Grün­bein, lägen Begriffe wie Pla­giat oder Her­kunft in Sphä­ren, „die ohne Raum und ohne Atem sind“.

Wobei eben auch Grün­beins Text ein Pla­giat gewe­sen ist  -  ein „Pla­giat­pla­giat“, wie er tags dar­auf auf­klärte. Urhe­ber des Tex­tes, von ihm nur leicht retu­schiert, war Gott­fried Benn, der Text ist 84 Jahre alt. Grünbein:

Fällt eigent­lich nie­man­dem auf, was für ein häss­li­cher Bio­dis­kurs das Ganze ist? Der wahre Ras­sis­mus tobt sich augen­schein­lich heute zwi­schen Jung und Alt aus, zwi­schen vita­len Wel­pen und kul­tur­kon­ser­va­ti­vem Friedhofsgemüse.

So einen Satz nehme ich gerne als Staats­dich­tung ent­ge­gen. Auch wenn es, um Grün­bein höf­lich zu ergän­zen, ande­ren schon vor­her auf­ge­fal­len war, was hin­ter dem Streit ums Urhe­ber­recht steht, Mat­thias Heine etwa in DIE WELT:

Es ist ein neues Kapi­tel im alten Mensch­heits­kon­flikt zwi­schen Pries­tern und Laien. Darin ste­hen auf der einen Seite die­je­ni­gen, die glau­ben, sie hät­ten auf­grund ihrer Aus­bil­dung und ihrer Wei­hen einen exklu­si­ven Zugang zu den Mys­te­rien der Reli­gion oder (heute im säku­la­ri­sier­ten Zeit­al­ter) zur Kunst. Ihre Geg­ner pochen immer wie­der dar­auf, dass jeder Mensch einen direk­ten Weg zur Wahr­heit gehen könne — unab­hän­gig von Alter und Schliff.

Einst ver­lief die Front­li­nie zwi­schen Amts­kir­che und Lai­en­be­we­gun­gen. Heute trennt die Linie die Ver­fech­ter des „Qua­li­täts­jour­na­lis­mus“ und die Blo­go­sphäre. Es geht bei all die­sen Kon­flik­ten vor allem um geis­tige Hoheitsrechte.

Oder  -  um einen Grünbein-Satz aus dem Zusam­men­hang zu rei­ßen, indem man ihm einen neuen Zusam­men­hang gibt:

Etwas ist anders, seit auf dem Forum keine Kühe mehr weiden.

Näm­lich seit es Rom auf CD-ROM gibt. Die Frage ist nur, ob auch der Zusam­men­hang von dem, was es gibt und gab, dadurch ein ande­rer gewor­den ist. Sein Römi­sches Zei­chen­buch jeden­falls hat Durs Grün­bein als Opus incer­tum et cemen­ti­tium gebaut, als Mau­er­werk aus Bruch­stei­nen mit Mörtelguß.

 

» Durs Grün­bein liest aus Aroma. Ein römi­sches Zei­chen­buch
» Diens­tag 29. Mai 19:30 Uhr
» Tickets hier
» Eine Ver­an­stal­tung der Evang. Stadt­aka­de­mie Bochum im Zusam­men­hang mit Cicuit, der deutsch-italienischen Gesell­schaft
» Update: Durs Grün­bein in der FAZ vom 26. Mai über die Dich­tung, die Wirk­lich­keit und sich: „Ich war sieb­zehn, als ich mit der moder­nen Poe­sie mein Glück ver­suchte. Es war wirk­lich nichts Beson­de­res. Man kratzte sein weni­ges Erspar­tes zusam­men und setzte auf ein paar magere Zeilen.“

Artikel am 17. Mai 2012 um 15:24 Uhr von Thomas Wessel veröffentlicht | Kategorie: Debatte, Wort | Trackbacks sind nicht möglich, aber Sie könneneinen Kommentar verfassen..


Ein Kommentar

  1. Kommentar #1
    oliver | Geschrieben am 21. Mai 2012 um 13:51 | Permalink

    groß­ar­tige foto­aus­wahl, wie schon zu kray jetzt auch zu rom. ran­dom access only. dig!


Diesen Artikel kommentieren.

Ihre Email-Adresse wird niemals weitergegeben. Pflichtfelder sind mit * gekennzeichnet.

*
*