Vielleicht klingt, was die vier Herren tun, wie es klingt, wenn man ihre Namen liest. Oder auch anders, vielleicht klingt es - Robert Kusiolek spielt Bandoneon - wie das Ruhrgebiet früher klang, als das Bandoneon hier den Ton angab. Oder aber es klingt nach dem, was man hier so gar nicht kennt, was aber Klaus Kugel seit vielen Jahren spielt, den Jazz des Ostens. Oder aber es klingt wie das, was Petra Reski - sie wird am Tag zuvor hier gelesen haben - in einer wundervollen Reportage für GEO [hier auch als Audio-Datei] beschrieben hat, dann klänge es wie Heimat, nein: wie die Sehnsucht nach ihr, „nach einem bestimmten Licht, nach einem Geruch, nach einer bestimmten Stille? War es nicht eine Sehnsucht nach Erinnerung und nach Kindheit? War der Verlust der Heimat nicht vergleichbar mit dem Verlust einer geliebten Person?“ Und ist der Jazz nicht das, was alles in Bewegung bringt und solange verfremdet, bis es zurückkehren könnte, jenes bestimmte Licht, eine bestimmte Stille? // Waclaw Zimpel [cl, bcl, tarogato], Robert Kusiolek [accordeon, bandoneon, electronics], Mark Tokar [b], Klaus Kugel [dr, perc].
Klaus Kugel hat der NMZ vor drei Jahren ein schönes Interview gegeben, er erzählt, wie sein „Abenteuer Osteuropa“ begann:
Noch vor der Wende, da gab es die Sowjetunion noch,
und es habe - noch? wieder? erstmals? - ein neugieriges Publikum gegeben und eine Jazz-Szene, die den Begriff free unmittelbar verstanden: Free Jazz ist hier, im Osten Europas, keine akademisch zugeknöpfte Eskapade, sondern so klingt Glasnost. Wie das, was in Bewegung gerät. Nigel Kennedy etwa, „der Typ, der die Vier Jahreszeiten noch mal aufgenommen hat“ [er über sich], ist nach Krakau gezogen, weil dort diese Freiheit hörbar ist, dieser besondere Polish Spirit.
Ob das vielleicht damit zusammen hänge, dass Polens Unterhaltungsindustrie dem Westen ein, zwei Jahrhunderte hinterher hinke, fragte ihn DIE WELT. Darauf Kennedy:
Damit könnten Sie Recht haben, ich würde sogar sagen, dass sie eher 30 Jahre zurück liegen — was wiederum gleichbedeutend ist mit: Sie sind uns zwei Jahrzehnte voraus.
Denn dieses Pendel, das zwischen Technologie und Kunstbetrieb, zwischen Komplexität und Vereinfachung schwingt, erreicht erfahrungsgemäß alle 50 Jahre wieder den Ausgangspunkt. In etwa diesem Intervall befreit sich die Kunst immer wieder von ihrer Überindustrialisierung und Überreglementierung, die wir derzeit im Westen beobachten können. Allein der Umstand, wie viele junge Menschen in Polen Bands gründen oder ein klassisches Instrument erlernen, spricht für diese Unbeschwertheit, einfach zu machen, anstatt sich, wie im Westen, vor Beginn jeder Unternehmung zu fragen, ob es dafür überhaupt einen Markt gibt.
Tolles Zitat. Den Quellennachweis werden Zimpel Kusiolek Tokar Kugel liefern.
» Freitag 11. Mai 20 Uhr
» Tickets für lächerliche 10 Euro hier
» oder an der Abendkasse

