Der Dieb, der deepe Soul

The New York Gospel Stars | singen Welt-Hits | 15. Mai 20 Uhr

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New York Gos­pel Stars in der Chris­tus­kir­che 2013 by Ayla Wes­sel | Kul­tur­agen­tüer

Am Beginn ein Ver­bre­chen, so beginnt auch die Geschich­te des Pop, mit einem Eigen­tums­de­likt. Gestoh­len wur­de geis­ti­ges Eigen­tum, der Dieb hieß Ray Charles, der Bestoh­le­ne Rudolph King. King war Kom­po­nist und Lead­sän­ger der Sou­thern Tones, einem Vokal­ensem­ble, das durch die Gegend tour­te wie Ray Charles und froh war, ab und an einen Song im Radio zu haben. Bob King gelingt dies mit „It Must Be Jesus“, Ray Charles hört den Song, die pas­si­on, den soul, nimmt den Gos­pel, dreht am Tem­po, dreht am Text, und aus „It Must Be Jesus“ wur­de „I’ve Got A Woman“, sein ers­ter Nr.1-Hit.

Der Song gilt als einer der wich­tigs­ten in der Musik­ge­schich­te: Nicht weil alle mög­li­chen Leu­te ihn geco­vert hät­ten  —  Elvis Pres­ley etwa (naja), die Beat­les (o je), Stevie Won­der (phan­tas­tisch)  —  son­dern weil er die bei­den gro­ßen afro­ame­ri­ka­ni­schen Sti­le  —  sakra­len Gos­pel und den nicht so sakra­len R&B  —  zusam­men geführt hat: Kir­che und Tanz­schup­pen, Pray­hou­se und Dan­ce­hall.

Seit es Soul gibt, ist Politik eine Frage des Stils

Das war 1954 ein Skan­dal  —  Jesus besun­gen wie eine Frau, die Lie­be zu Gott wie die zu einer Gelieb­ten, die reli­giö­se Lei­den­schaft zur Affä­re degra­diert. Aber um das Skan­da­lö­se dar­an zu ver­ste­hen, muss man zunächst die 50er erin­nern: Im sel­ben Jahr ’54, als „I’ve Got A Woman“ auf Platz 1 der US-Charts stand, hie­ßen Top-1-Hits in Deutsch­land „Hei­de­rös­lein“, „Schwe­den­mä­del“ oder „Schus­ter bleib bei dei­nen Leis­ten“. Und dann muss man sich dar­an erin­nern, was Soul-Musik mit mes­sia­ni­scher Kraft zum Aus­druck gebracht hat: den Ame­ri­can Dream. Soul war der Sound für die US-Bür­ger­rechts­be­we­gung, der Sound für die gro­ßen Wor­te, für Frei­heit und Gleich­heit. Seit es Soul gibt, ist Poli­tik eine Fra­ge des Stils.

Davon lebt der Pop bis heu­te, von die­ser Erfah­rung, der pas­si­on, dem soul, der Lei­den­schaft­lich­keit. Von der Fähig­keit, das Glück auf Erden zu suchen: Pop ist pur­su­it of hap­pi­ness. Wenn sie gut ist, erin­nert Pop­mu­sik dar­an, wor­an auch Jesus erin­nert hat, dass das Reich Got­tes mit­ten unter euch ist. Dank an Ray Charles für die­sen Dieb­stahl.

Und was die­se Geschich­te wie neben­her erzählt: wie absurd die Debat­te ums „Geis­ti­ge Eigen­tum“ heu­te läuft, ums Urhe­ber-Recht: Die Adap­ti­on von „It Must Be Jesus“ jeden­falls hat sich als Segen für alle erwie­sen. Den Segen hat sich Ray Charles erschli­chen, völ­lig klar, aber er hat was dar­aus gemacht. Das Modell für die­se Art von geis­ti­ger Adap­ti­on steht  —  It Must Be Jesus Befo­re  —  in 1 Mose 27: Jakob klaut den Segen von Esau, dem Erst­ge­bo­ren, und macht was dar­aus. Dafür ist den Men­schen nun­mal Geist gege­ben: dass er ergrif­fen wird und nicht ver­erbt.

 

» New York Gos­pel Stars | sin­gen Pop-Hits im Gos­pel-Gewand
» 15. Mai 20 Uhr
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