Bierkeller und Sinnfragen

urbEXPO | Ästhetik des Verfalls | Vernissage Freitag 31. Juli 20 Uhr

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Schle­gel-Braue­rei: Trep­pen in die Gär­kel­ler | Foto Olaf Rauch

Die Erde ist eine Schei­be in Bochum. Auf ihr wan­deln die Men­schen, sie pen­deln zwi­schen Arbeits­platz und Schlaf­ver­hau. Über ihr spannt sich der Him­mel, an sei­ner höchs­ten Stel­le ist er 73 m hoch, unter­halb der Schei­be geht es in ein Reich, von dem die Grie­chen dach­ten, es sei der Hades, und die Bochu­mer, man könn­te Bier dar­in brau­en. Sie konn­ten: Schle­gel war das ers­te Bier der Stadt, das tief­st gegär­te und  —  bedenkt man die Rei­me, die Schle­gel sich mach­te  —  das tief­sin­nigs­te: „Wie ein­st den Urgroß­va­ter schon / labt Schle­gel heut den Enkel­sohn.“ So wer­den die gro­ßen The­men ver­han­delt,

die Gene­ra­tio­nen, das Frü­her und Heu­te, Oben und Unten. Drei­ge­teil­tes Welt­bild, Drei­klang im Revier, es geht weit zurück, tief hin­ab, hoch hin­aus. Gibt ja nicht vie­le Orte im Ruhr­ge­biet, an denen Sinn­fra­gen gebaut wor­den wären, hier ist das mal so, in Bochums Zen­trum kann man sich von der Idee befrei­en, dass Stra­ßen für Para­den sei­en und Plät­ze sich aus einem Schloss ergie­ßen. Was in der euro­päi­schen Stadt für ein geord­ne­tes Mit­ein­an­der von geist­li­chem und welt­li­chem Reich steht, von poli­ti­schem und wirt­schaft­li­chem Sagen, von Sein und Sol­len, hier ist es zu einer Art Erleb­nis­stre­cke gewor­den: von der Braue­rei zur Chris­tus­kir­che, von der Chris­tus­kir­che ins Rot­licht-Vier­tel, vom Rot­licht wei­ter zum Tor 1, dahin­ter der Bochu­mer Ver­ein, Stahl-Gigant von ein­st. Das alles auf ein paar Hun­dert Metern, Urba­ni­tät heißt nun mal Ver­dich­tung, alles etwa zeit­gleich gebaut, ohne Plan, mit Ambi­ti­on:

1854 | Wer bau­te das sie­ben­to­ri­ge The­ben? Johann Joa­chim Schle­gel braut das ers­te Bier der Stadt, die hat 6000 Ein­woh­ner. Im sel­ben Jahr wird der Bochu­mer Ver­ein für Berg­bau und Guß­stahl­fa­bri­ka­ti­on gegrün­det.

1858 | Nadar, Foto­graf und Luft­schif­fer, fer­tigt die ers­te Luft­auf­nah­me der Welt, sie zeigt ein Stück Erde süd­west­li­ch von Paris. Ein Stück Erde hat Bochum auch, der Wett­streit beginnt.

1861 | Nadar geht in den Unter­grund, es ent­ste­hen die ers­ten Auf­nah­men der Kata­kom­ben von Paris.

1878 | Grund­stein­le­gung für den Turm der Chris­tus­kir­che: Weni­ge Meter von Schle­gels Bier­kel­ler ent­fernt geht es 73 Meter in die Höhe, ein paar Meter höher als die Schlo­te des Bochu­mer Ver­eins, sat­te zehn Jah­re eher als der Eif­fel­turm.

1889 | Okay, der Eif­fel­turm …

1920er | Die Schle­gel-Kel­ler! Höchst­leis­tung der Sta­tik, aus der Tie­fe der Kon­struk­ti­on strömt majes­tä­ti­sch schwer das Bier. „Die Kon­struk­ti­on nimmt die Rol­le des Unter­be­wusst­seins an“: Der Satz  —  er stammt aus Ben­ja­mins „Pas­sa­gen-Werk“ über Paris  —  wird in Bochum stim­mig, es strömt das Paris an der Ruhr.

1929 | Hein­rich Schmie­de­knecht, Archi­tekt, ent­wirft bei­des zugleich: das Schle­gel-Haus für sei­ne „Gene­ral­di­rek­ti­on“ und einen „Hel­den-Gedenk­raum“ für den Turm der Chris­tus­kir­che. Der Gedenk­raum erin­nert an den Ers­ten Welt­krieg, la Grand Guer­re: Neben den Toten aus Bochum wer­den die „Feind­staa­ten Deutsch­lands“ auf­ge­lis­tet, Frank­reich vor­ne­weg.

1945 | Kei­ne Hel­den­ta­ten mehr, nie wie­der. Gilt auch für die bei­den „natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Mus­ter­be­trie­be“, Bochu­mer Ver­ein und Schle­gel-Braue­rei. Es wird wie­der gebaut, aber nicht wie­der­auf­ge­baut.

2015 | Über­dau­ert haben, dar­auf hät­te man nicht wet­ten mögen, Rot­licht und Kir­che. Und das Rat­haus natür­li­ch, aber das war irgend­wie immer da. Unterm Strich: Die Tie­fe tief wie ein Gär­kel­ler, die Höhe höher als ein Schlot, dazwi­schen ein Stück Erde, ein paar Gebäu­de, unse­re Geschich­te.

 

» urb­EX­PO 2015 | Ästhe­tik des Ver­falls. Foto­gra­fie­aus­stel­lung
» 31. Juli bis 30. August 2015 im Schle­gel-Haus: Mi  —  Fr 15  —  21 h, Sa/So 12  —  18 h
» Eröff­nung am 31. Juli, 20 Uhr, Chris­tus­kir­che Bochum
» www.urbexpo.eu
» www.rottenplaces.de
» Schle­gel-Haus