Aus Liebe zum Leben

Pippo Pollina | Il sole che verrà - Die Sonne, die wieder aufgeht | 25. März

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Pip­po Pol­li­na: Il sole che ver­rà

„Nimm den Helm ab, wenn du mit der Ves­pa nach Poz­zuoli rein­fährst!“ sag­ten sie zu Mar­cel­lo. „War­um, ich hän­ge doch am Leben“, lächel­te er. „Eben des­halb. Wenn sie dich nicht erken­nen, wer­den sie dich erschie­ßen, weil sie nicht wis­sen, ob du einer von den ande­ren bist.“  //  Pip­po Pol­li­na, der gro­ße Can­t­au­to­re, weiß, wovon er singt. Von der Hoff­nung. Der Son­ne, die wie­der und wie­der auf­geht, il sole che ver­rà.  //  Andre­as Pos­myk kün­digt ihn an: 

Sie hat­ten Mar­cel­lo die Chan­ce gege­ben, sei­ne wenig üppi­gen Gagen, die er den gan­zen Som­mer über Abend für Abend in den Hotels am Pia­no ein­spiel­te, mit ein paar Musik­stun­den in den Vor­or­ten Nea­pels auf­zu­bes­sern.

„Nimm den Helm ab, wenn du mit der Ves­pa nach Poz­zuoli rein­fährst!“

sag­ten sie zu ihm.

„War­um, ich hän­ge doch am Leben“

lächel­te er. Dar­auf sie:

„Eben des­halb. Wenn sie dich nicht erken­nen, wer­den sie dich erschie­ßen, weil sie nicht wis­sen, ob du einer von den Ande­ren bist.“

Vor zehn Jah­ren erzähl­te mir Mar­cel­lo von die­sem Gespräch mit sei­nem neu­en Arbeit­ge­ber. Ich war damals auf Ischia, ich hat­te mich in die Insel ver­liebt und vor allem in die wun­der­vol­le Tere­sa. Doch Erleb­nis­se wie die­ser Dia­log mit Mar­cel­lo lie­ßen mich immer mehr an einer gemein­sa­men Zukunft mit Tere­sa im Golf von Nea­pel zwei­feln. Jeden Tag fühl­te ich deut­li­cher, wie tief der ver­faul­te Geist der Camor­ra Nea­pels sei­ne Wider­ha­ken in alle Schich­ten der Insel geschla­gen hat­te. Das Gefühl von Hei­mat, das ich gewon­nen hat­te, wich immer mehr zurück.

Dann, Jah­re spä­ter, hör­te ich „Lad­do­ve cre­sce­va­no i melo­gra­ni / Wo die Gra­nat­äp­fel wuch­sen“. Ein Song im Radio irgend­wo auf dem Köl­ner Ring … was für eine Stim­me! Was für Har­mo­ni­en! Und: Was für ein Text! Ich muss­te den Wagen stop­pen, der Köl­ner Ring ver­schwamm in Trä­nen.

Der Sän­ger im Radio: Pip­po Pol­li­na. Sei­ne Stim­me trägt die tie­fen Emo­tio­nen über das, was er erlebt hat, in jeder Sil­be. Bis zu sei­nem 21. Lebens­jahr war er in Paler­mo geblie­ben, in den 1980er Jah­ren hat­te er sich in der Anti­ma­fia-Bewe­gung enga­giert und für ein kri­ti­sches Blatt geschrie­ben. Bis zu dem Tag, an dem sein Chef Namen genannt und von der Mafia ermor­det wor­den war. Pip­po ver­ließ Ita­li­en, er ent­schied sich für ein Leben als Stra­ßen­mu­si­ker. Ohne Ziel mit der Gitar­re durch die Welt …

Ein hal­bes Leben spä­ter erhält er wäh­rend eines Kon­zerts Besuch in sei­ner Gar­de­ro­be. Eine Mit­strei­te­rin aus jun­gen Jah­ren auf Sizi­li­en fragt ihn, ob er sie nicht erken­ne, sie wirft ihm vor, die Insel feig­her­zig ver­las­sen zu haben. Eine Begeg­nung, der wir das Lied „Lad­do­ve cre­sce­va­no i melo­gra­ni“ vom Album „L’appartenenza / Die Zuge­hö­rig­keit“ ver­dan­ken. Und jetzt kommt Pip­po Pol­li­na, der Unzu­ge­hö­ri­ge, mit sei­nem Paler­mo Acoustic Quin­tett nach Bochum und mit sei­nem neu­en Album: „Il sole che ver­rà / Die Son­ne, die wie­der kommt“.

Den Abend im März in der Chris­tus­kir­che konn­te ich nicht abwar­ten, es trieb mich schon zuvor auf eines sei­ner Kon­zer­te auf der Tour­nee. Das neue Album kauf­te ich am Kon­zert­abend im Foy­er, weil ich weiß, dass das Geld dann direkt bei ihm bleibt. So hör­te ich die neu­en Songs zum ers­ten Mal und live vor­ge­tra­gen von ihm. Dies­mal: Lachen, fre­ne­ti­scher Bei­fall, immer wie­der riss es das Publi­kum von den Sit­zen: Sin­gen! Ein so humor­vol­ler Abend.

Für mich jedoch noch fes­seln­der als die­se hei­te­ren Songs auch die brand­neu­en Per­len des Albums, die einem schon rein text­lich aber­mals eine Gän­se­haut über den Rücken jagen. Pip­po singt vom stau­bi­gen Weg, der aber schließ­lich das Meer fin­det, von tie­fer Freund­schaft, die nie­mals ver­ge­hen kann, vom Pazi­fis­mus eines Box­welt­meis­ters, vom Mut, sich auf die Suche nach dem Glück zu machen ohne Angst vor dem Schei­tern, und immer wie­der von Hoff­nung, dem Sujet, das nicht nur dem Album „Il sole che ver­rà“ zugrun­de liegt. Der Mann kann schrei­ben, so inspi­riert und inspi­rie­rend, aus Lie­be zum Leben. Und sin­gen! Es ist ihm so wich­tig, sei­ne Gedan­ken und Gefüh­le mit­zu­tei­len, dass er mit Über­ti­teln und Film­ein­spie­lern arbei­tet. So viel Leben, so lie­be­voll.

Ein gro­ßer Can­t­au­to­re, der sich der Ver­ant­wor­tung des Künst­lers stellt, Wege auf­zu­zei­gen, wenn sich Poli­tik und Reli­gi­on in Sack­gas­sen ver­lie­ren, wenn die als unan­tast­bar gel­ten­de Öko­no­mie ver­herr­licht wird. In der Pau­se äußer­te ich  —  zag­haft, ver­we­gen  —  einen Musik­wunsch für Bochum: „Lad­do­ve cre­sce­va­no i melo­gra­ni“.

Viel­leicht wird er es sin­gen. Ich habe wirk­lich Hoff­nung …

Andre­as Pos­myk


 

PIPPO POLLINA | IL SOLE CHE VERRÀ

MIT
Pip­po Pol­li­na | vocals/guitar/E-Piano
Miche­le Asco­le­se | gui­tar
Rober­to Petro­li | saxophone/clarinet/EWI
Fabri­zio Giam­ban­co | drums/percussion
Filip­po Pedol | e-bass
Gian­vi­to Di Maio | keyboards/accordion

»  Sams­tag 25. März 2017 | 20 Uhr | Ein­lass 19 Uhr
» VVK 34,00 Euro gleich hier