Habit & Hijab, Provo & Punk

13518658244d5123ade8299-800x1143

Charles Wilp: Motiv mit Mari­an­ne Faitfull, Petu­la Clark, Ali­ce Vat­ters | Afri Cola 1968

Hijab, Niqab, Kopf­tuch  —  zähe Debat­te, soll­te man es nicht mal mit Kul­tur pro­bie­ren? So wie Afri Cola 1968, legen­dä­rer Wer­be­spot von Charles Wilp, im Habit und im Cola-Rausch steck­ten Mari­an­ne Faith­full, Petu­la Clark und das Modell Ali­ce Vat­ters. Skan­dal? Sicher, aber egal, ent­schei­dend war das Gefühl, das Wilp traf, ein Lebens­ge­fühl, und das wur­de auch in den Kir­chen von vie­len geteilt. [Hier der gan­ze Spot.] 23 Jah­re spä­ter: „Love“ von Oli­vi­e­ro Tos­ca­ni für Benet­ton, ein Pries­ter und eine Non­ne im keu­schen Kuss: 

Nonne_Moench Bennetton 1991

Oli­vi­e­ro Tos­ca­ni: „Love“ | Benet­ton 1991

Auch damals kam es, soweit ich weiß, zu kei­nem Skan­dal, dafür ist das Foto viel zu zärt­lich. Wenig spä­ter, genau­es Jahr weiß ich nicht, ein ech­tes Lebens­ge­fühl von hier: Die Ruhr­gas AG, heu­te E.ON, will auch ein­mal mit Non­nen wer­ben, mit wirk­li­chen Non­nen, neh­me ich an:


Nonnen Ruhrgas 90er-bearbeitet

Ruhr­gas AG | o.J.

Bra­ve Wer­bung. Wenn man das Klein­ge­druck­te liest, hat der Ener­gie­ver­sor­ger aller­dings die Ent­schei­dung für Ruhr­gas mit der Ent­schei­dung für Gott kurz­ge­schlos­sen. Pro­tes­te? Ach, im Ruhr­ge­biet ist gera­de die­ser Kurz­schluss ein Lebens­ge­fühl, hier hat­te man immer schon den Schlot­ba­ron im Ver­dacht, er lässt die Sonn‘ auf­ge­hen, er stellt des Mon­des Lauf usw. So gese­hen eine ört­lich gute Wer­bung. Und jetzt  —  noch mal ein und mehr Jahr­zehn­te spä­ter  —  jetzt The Idoits, Punk­band aus Dort­mund. Oben tex­te­te Ruhr­gas „Gott sei Dank“, sie tex­ten „Gott sei Punk“ und bebil­dern dies so:


Nonen_Idiots_4883

The Idoits | 2017

Aus 7 Non­nen sind 5 gewor­den, ihre 3 Bril­len wur­den den Her­ren als Son­nen­bril­len auf­ge­drückt, der schö­ne Flie­sen­bo­den ist begrünt, aber sonst? Könn­te man den Text von Ruhr­gas unter­le­gen:

„Nor­ma­ler­wei­se tref­fen Punks Ent­schei­dun­gen für’s Leben. Zu denen sie auch bis zum Schluss ste­hen usw … Voll im Leben.“

Nicht wirk­lich wit­zig, und das liegt am Motiv, dem Non­nen-Motiv, es ist  —  wie der Punk  —  in die Jah­re gekom­men, der Pro­vo-Effekt liegt bei Null. Ande­res Bei­spiel:



Etwas in die­ser Art gab es in den 90ern die Men­ge ua von der Wasch­mit­tel­fir­ma Dash und von Visa­Card und [der Spot ist aller­dings gut] von Rub­ber Cement, alles sehr gedie­gen und mil­de lächelnd. Seit­dem, und das ist der Punkt, sind alle Ver­su­che, die Pro­vo wie­der zu beat­men, nur noch pein­lich, ein Bei­spiel:


Nonnen Mode-1

Keusch­heit plus Sexy­ness: Mode­wer­bung aus den Nul­ler Jah­ren

Lie­ßen sich Dut­zen­de sol­cher Auf­trit­te zei­gen, die auf die Kom­bi von Keusch­heit + Sexy­ness set­zen und dann dar­um bet­teln, bemerkt zu wer­den. Aber das gera­de macht deut­lich: Die Pro­vo­ka­ti­on ist ein­ge­mein­det, Wer­bung wie die­se hat etwas Ver­zwei­fel­tes.

Ob sich Hijab und Niqab und Kopf­tuch nicht ähn­lich inte­grie­ren las­sen? Indem man die sozia­le Bedeu­tung, die sol­che Acce­soi­res rekla­mie­ren, sozi­al gebraucht? Ihren Signal­wert ver­zehrt? Ihn ver­lang­weilt?

An dem Punkt ist der Punk inter­es­sant. Genau­er: die Erin­ne­rung an das, was ein­mal Punk gewe­sen ist. Ihm ging es eigent­lich nie um Pro­vo­ka­ti­on und kei­nes­falls um Glau­bens­sät­ze, son­dern dar­um, sich mög­lichst jeder Fest­le­gung zu ent­zie­hen: nicht so sein wie die­se da, auch nicht wie jene dort, am bes­ten gar nicht „so sein“, aber immer „nicht so sein“. Iden­ti­tä­ten  —  heu­te begehrt wie ein Lot­to­ge­winn  —  sind dazu da, mit ihnen zu spie­len, sie auf­zu­lö­sen, beweg­lich zu machen: Zumin­dest anfangs war Punk die Panik vor Iden­ti­tät, Flucht vorm Ursprungs­den­ken, Kri­tik an allem, was sich als gott-gege­ben gibt, und eben dies bringt den Punk  —  auch wenn man sich wech­sel­sei­tig nicht unbe­dingt nahe steht  —  nah an die pro­tes­tan­ti­sche Tra­di­ti­on her­an. [Wobei Punk  —  ein hal­bes Jahr­hun­dert nach sei­nem Kai­ros  —  ein mas­si­ves Pro­blem hat damit, vor sei­ner eige­nen Iden­ti­tät zu flie­hen, sie­he das Stand­bild oben.] 

Also: Habit ver­lang­wei­len, Hijab ver­lang­wei­len, Punk ver­lang­weilt sich selbst.


 

Arti­kel hieß ursprüng­lich „(No)nnen Future“, dies die Fas­sung vom 4.4.2017.