Ich, Judas

Karfreitag 2018: Ben Becker liest und spielt Amos Oz, Walter Jens

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Ben Becker | © Fritz Brinck­mann

Im August 1960 strengt Bert­hold B., Fran­zis­ka­ner, ein Ver­fah­ren an mit dem Ziel, der Papst möge Judas selig spre­chen. Judas Ischa­ri­ot, Urbild des Ver­rä­ters, best-gehasst durch zwei Jahr­tau­sen­de  —  dem Mann, von dem die Bibel berich­tet, er habe Jesus ver­ra­ten, wird der Pro­zess gemacht: War er Täter oder Opfer, Ver­rä­ter oder wil­len­lo­ses Werk­zeug? Han­del­te er, ein Jün­ger Jesu wie Petrus einer war, aus frei­em Wil­len oder muss­te er tun, was er tat? Das Fra­ge-Karus­sell gewinnt an Fahrt, was ist mit Jesus, hat er gewusst, wem er sich ange­freun­det hat? Oder hat er, der Sohn des Höchs­ten, sich in Judas geirrt? War Jesus Täter? Opfer?  —  Das ist die lite­ra­ri­sche Fik­ti­on, von Wal­ter Jens erdacht, Ergeb­nis: Gewiss­hei­ten fäl­len kein Urteil, sie stür­zen ein. 

Die Ankla­ge geht so: Judas habe die römi­schen Sol­da­ten zu Jesus geführt und ihn an sie ver­ra­ten, indem er Jesus küsst.  —  Ist das logisch? Nein: Jesus hat nie im Unter­grund gelebt, er war Per­son des öffent­li­chen Lebens, noch am Tag zuvor lag ihm die Stadt zu Füßen. Kei­ner muss­te kei­nem irgend­was ver­ra­ten, wer Jesus war, war bekannt.

Wei­ter: Jesus sel­ber habe gewusst, dass Judas ihn „ver­rät“, dar­auf weist die Bibel wie­der­holt hin.  —  Wenn aber, wie­so hat er sich dann nicht dage­gen gewehrt? Und wie­so haben die ande­ren, der for­sche Petrus vor­ne­weg, kei­ne Vor­sichts­maß­nah­men getrof­fen?

Wei­ter: Beim letz­ten gemein­sa­men Mahl mit Judas und den Jün­gern habe Jesus das Brot geteilt, die Bibel: Er tauch­te das Brot ein, nahm es und gab es Judas, dem Sohn des Simon Iska­ri­ot. Als Judas das Brot emp­fan­gen hat­te, fuhr der Teu­fel in ihn.  —  Es ist das­sel­be Brot, das auch die ande­ren aßen, es wird von Jesus per­sön­lich gereicht: Wer ist hier Täter, wer zieht die Dräh­te?

Offen­bar ist es so, dass die Geschich­te von Judas und Jesus in Wider­sprü­che ver­wi­ckelt, die sich nicht auf­lö­sen las­sen. Jeden­falls solan­ge nicht, wie man die­se Geschich­te von ihrem Ende her denkt, dem Ende der Geschich­te. Als habe alles so kom­men müs­sen. Was wäre denn gewor­den, wenn Judas sich gewei­gert hät­te, sei­ne Rol­le in die­ser Geschich­te zu spie­len, wäre die Heils­ge­schich­te dann ste­cken geblie­ben?

„Ange­nom­men, ich hät­te Nein gesagt .… gesetzt, ich hät­te mich gewei­gert, wäre ich dann nicht  —  und nur dann —  an Gott zum Ver­rä­ter gewor­den? Ohne Judas kein Kreuz, ohne Kreuz kei­ne Kir­che … Eine klei­ne Bewe­gung mei­nes Kop­fes, ein Schüt­teln statt eines Nickens, und Got­tes Plan wäre ein Nichts.“

So Wal­ter Jens in sei­nem Judas-Mono­log, er bringt die Apo­rie auf den Punkt: Kei­ne Erlö­sung ohne den, von dem behaup­tet wird, der Teu­fel lei­te ihn an. Was ja, wenn es stimm­te, bedeu­ten wür­de, dass auch Jesus ins Halb­dun­kel tauch­te, auch Jesus, wür­de, so Jens, zu einem Dämon,

„der mit uns spielt, uns in Ver­su­chung führt, ja uns zum Ver­bre­cher wer­den lässt“.

Hat Jesus sei­nen Freund ins offe­ne Mes­ser lau­fen las­sen? Das wäre eine Kon­se­quenz, der nur ent­kommt, wer die Schrau­be des Absur­den noch wei­ter anzieht und dar­über spe­ku­liert, ob es nicht denk­bar wäre, dass bei­de, Judas und Jesus, eine fes­te Rol­le im gött­li­chen Heils­plan inne gehabt haben? Dass also bei­de taten, was sie tun muss­ten? Dass dann auch der Teu­fel so gar nicht anders konn­te als das zu tun, was er … und also Gott sel­ber der Regis­seur die­ses Dra­mas war? Eines Dra­mas, das Gott sel­ber so ange­legt hat, dass zwei Men­schen es mit ihrem Leben bezah­len, Jesus und Judas …

Absurd. So endet eine Theo­lo­gie, die denkt, sie hät­te höhe­re Plä­ne durch­schaut. Die gewiss ist, dass sie das Ende kennt, weil sie Gott sel­ber bestän­dig über die Schul­ter schielt: Figu­ren tre­ten auf, Figu­ren tre­ten ab, Auf­tritt Jesus, Judas geht ab, die Bibel das Dreh­buch der Bücher. Das Ende ist immer vor­aus gesetzt, es soll ein Hap­py End sein, und wer dar­an zwei­felt, steht im Ver­dacht, Ver­rä­ter zu sein.


Eben so  —  als eine Fra­ge von Gewiss­heit und Zwei­fel  —  hat sich auch AMOS OZ die Geschich­te von Judas und Jesus vor­ge­stellt, aller­dings mit einem ent­schei­den­den Dreh, dies ist sein Sze­na­rio:

Judas aus Kari­ot, wohl­ha­bend, gebil­det, ein Macher, wird in die gali­lä­i­sche Pro­vinz geschickt, er soll her­aus­fin­den, was es mit die­sem Jesus auf sich habe, er freun­det sich mit Jesus an. Die Freund­schaft aber ver­wan­delt ihn, die­sen „ver­nünf­ti­gen, nüch­ter­nen, skep­ti­schen Mann“, Judas wird

„der ers­te Mensch auf der Welt, der aus gan­zem Her­zen an die Gött­lich­keit Jesus glaub­te. Der glaub­te, dass Jesus all­mäch­tig war. Der über­zeugt war, dass bald allen Men­schen die Augen geöff­net wür­den, von einem Meer zum ande­ren, und sie das Licht sehen wür­den, dann wür­de die Welt erlöst wer­den. Doch dafür, ent­schied Judas, der ein Mann der gro­ßen Welt war und viel von öffent­li­cher Reso­nanz ver­stand, muss­te Jesus Gali­läa ver­las­sen und nach Jeru­sa­lem zie­hen. Er müs­se … vor den Augen der gan­zen Welt ein Wun­der voll­brin­gen …“

Jesus aller­dings, so Amos Oz wei­ter, Jesus zwei­felt:

„Bin ich wirk­lich der rich­ti­ge Mensch? Viel­leicht bin ich unge­eig­net? Was, wenn ich irre­ge­führt wer­de? Und was, wenn mein Vater im Him­mel mich ver­sucht?“

Judas drängt, er redet von Auf­trag und von Mis­si­on, er ent­wi­ckelt ein Kon­zept und eine Stra­te­gie, er wird

„der Impressa­rio, der Regis­seur und Pro­du­zent des Schau­spiels von der Kreu­zi­gung“.

Und dann steht er, der Impressa­rio, unter dem Kreuz und sieht, wie sein Freund qual­voll stirbt. Und hofft doch bis zuletzt, dass das Wun­der geschieht, dass der Heils­plan ein­ge­hal­ten wird:

„Gleich, gleich ist es so weit. Gleich wird sich der gekreu­zig­te Gott erhe­ben, er wird sich von den Nägeln befrei­en und vom Kreuz her­un­ter stei­gen und zu dem Volk, das sich ehr­fürch­tig vor ihm auf den Boden wirft, sagen: ‚Lie­bet ein­an­der‘.“

Jesus aber stirbt unter Qua­len,

„und Judas, des­sen Lebens­ziel bei die­sem Anblick zer­brach, Judas, der ver­stand, dass er mit eige­nen Hän­den den Tod des Man­nes her­bei­ge­führt hat­te, den er so sehr lieb­te und ehr­te, ver­ließ den Ort und erhäng­te sich.“

So endet ein Theo­lo­ge, der dach­te, er hät­te höhe­re Plä­ne durch­schaut: Figu­ren tre­ten auf, Figu­ren tre­ten ab, das Ende ist vor­aus gesetzt, es möch­te ein Hap­py End sein, und wer dar­an zwei­felt, steht im Ver­dacht, ein Ver­rä­ter zu sein. Wer dar­an gezwei­felt hat, ist Jesus.

In der Les­art von Amos Oz ist Jesus es, der dem Zwei­fel Recht ver­schafft.

 


 

BEN BECKER | Ich, Judas

KARFREITAG
30. März 2018 | 20:00 Uhr | 19:00 Ein­lass

TEXT
Amos Oz | Judas, Kapi­tel 47 (Suhr­kamp Ver­lag)
Wal­ter Jens | Die Ver­tei­di­gungs­re­de des Judas Ischa­ri­ot (Radi­us-Ver­lag)

REGIE & INSZENIERUNG
Ben Becker

DRAMATURGIE
John von Düf­fel

ORGEL
Andre­as Sie­ling

MEHR INFOS
Ben Becker | Ich Judas

TICKETS
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Eine Kopro­duk­ti­on von Ben Becker, Meis­ter­sin­ger und Chris­tus­kir­che Bochum.