Vom Paradies zum Bierkeller

Über Städte, Lost Places und Utopien | urbEXPO vom 25. August - 10. September

Mark­ham-sub­urbs near Onta­rio, Novem­ber 2005 by IDu­ke (cc)

Im Ruhr­ge­biet fällt es schwer, den Städ­ten einen uto­pi­schen Gehalt anzu­dich­ten, das ist beru­hi­gend: Die idea­le Stadt ist die ver­las­se­ne und umge­kehrt, jeder Lost Place ist eine gebau­te Uto­pie. Klei­ner Streif­zug durch die Bau­ge­schich­te, er führt aus dem Para­dies in den Bier­kel­ler neben­an. Zunächst also: 

Das Para­dies

Der ers­te Ort, der sich sel­ber über­las­sen blieb, weil alle Men­schen ihn ver­las­sen hat­ten. Die Bibel stellt ihn als einen Gar­ten vor, der über­all und nir­gends liegt. Men­schen, die dar­in wan­deln, ken­nen weder Zwei­fel noch Scham. Kei­ne Sehn­sucht, kei­ne Bil­der, kei­ne Musik. Am Ende ist es die Reli­gi­ons­kri­tik  —  auch sie stammt offen­sicht­lich aus dem Para­dies  —  die zum Exo­dus führt, die schlaue Fra­ge der Schlan­ge: Soll­te Gott es so gemeint haben?

Die ers­te Stadt

wur­de dies­seits vom Para­dies gebaut und hieß Hen­noch, gegrün­det hat sie Kain, der begna­dig­te Mör­der, und dann ist es  —  immer der Bibel nach  —  just die­se Linie, in der die Kunst erwacht: Von Kain, dem Städ­te­bau­er, sind her­ge­kom­men „alle Zither- und Flö­ten­spie­ler“, heißt es in 1Mo 4,21. Folg­lich liegt hier auch der Ursprung der Musik­kri­tik: Wenn es schön klingt, schallt es eben nicht vom Para­dies her­über, es echot kein Ide­al, son­dern alle Musik, auch die schöns­te, wird im Schwei­ße des Ange­sichts gespielt und nie län­ger als bis du wie­der zu Erde wer­dest.

Zum Ver­gleich: Etwa zeit­gleich  —  ca 6 Jahr­hun­der­te vC  —  setzt die grie­chi­sche Phi­lo­so­phie den Gedan­ken in die Welt, Musik sei der Abklang himm­li­scher Sphä­ren. Die Bewe­gung der Him­mels­kör­per, mein­te Pytha­go­ras von Samos, sei nicht nur zu berech­nen (was er ja nun konn­te: rech­nen), sie set­ze auch Töne frei, und die ergä­ben ein har­mo­ni­sches Zusam­men­spiel, eine kos­mi­sche Sym­pho­nie.  —  Ist das so? Klingt Musik tat­säch­lich so wie Ster­ne knir­schen, wenn sie Run­den dre­hen? In der Bibel sind es Men­schen, die flö­ten. Ster­ne sind Schein­wer­fer, sie sind, so wört­lich in 1Mo 1, „ange­schraubt“ ans Fir­ma­ment, wir kom­men dar­auf zurück.

Die ers­te Groß­stadt

ist Babel: „Lasst uns eine Stadt und einen Turm bau­en, des­sen Spit­ze bis an den Him­mel rei­che …“ Die Idee schei­tert bekannt­lich, aber nicht, weil es falsch gewe­sen wäre, eine Groß­stadt zu bau­en, sie schei­tert an der Ein­zahl, die Bibel (1Mo 11) zählt auf: 1 Volk, 1 Spra­che, 1 Stadt, 1 Turm und 1 Ziel: „dass wir uns 1 Namen machen“. Die 1 ist das iden­ti­tä­re Prin­zip, man kennt es aus „1 Volk 1 Reich 1 Füh­rer“, dage­gen hilft nur der Plu­ral: vie­le Völ­ker und Spra­chen, vie­le Städ­te und Tür­me, jeder Mensch mit eige­nem Namen. Die Eins bleibt für den, des­sen Name unaus­sprech­lich bleibt.  —  Auch des­we­gen ist

Die Stadt im Him­mel

men­schen­leer, es war noch nie­mand da, sie ist ein Lost Place par excel­lence. Die Idee, dass es auch im Him­mel eine Stadt geben könn­te (und kei­nen Gar­ten wie vor­mals im Para­dies), die­se nahe­zu pla­to­ni­sche Idee des Urba­nen ist eine jüdi­sche: Die himm­li­sche Stadt ist nicht irgend­ei­ne, son­dern das himm­li­sche Jeru­sa­lem. Aller­dings nicht als Sehn­suchts­ort erträumt, kei­ne Uto­pie, eher ist sie Platz­hal­ter fürs wirk­li­che Jeru­sa­lem, das 587 vC von Nebu­kad­ne­zars Trup­pen zer­stört wor­den war.

„Das neue Jeru­sa­lem“: Bea­tus Facun­dus 253, Nord­spa­ni­en 1047

Das eigent­lich uto­pi­sche Moment schlägt erst in der christ­li­chen Theo­lo­gie durch, die  —  eng an die grie­chi­sche Meta­phy­sik geschmiegt  —  von einem Jen­seits zu träu­men begann, einem Ort, wo die Ide­en woh­nen: Im letz­ten Buch der Bibel wird die Stadt (neben­bei bemerkt: kei­ne Rede von einem Gar­ten) zum Vor­stel­lungs­ort für eine erlös­te Welt. Die Stadt (und nicht das Leben in para­die­si­scher Natur) steht für ein Leben ohne Zwang und Not. Eine sol­che Stadt aber, und das ist ent­schei­dend an die­ser Vor­stel­lung, wird nicht auf Erden gebaut, sie kommt „von Gott aus dem Him­mel her­ab“ (Off 21,2). Anders gesagt, kein Turm soll jemals in die Him­mel rei­chen, kein Mensch soll jemals gott­gleich thro­nen.  —  Dann aber doch:

Die uto­pi­sche Stadt

und die gro­ßen Uto­pi­en, es sind  —  bis ins 18. Jh hin­ein, bis hin zu Rous­seau  —  urba­ne Uto­pi­en. 1516 bereits lässt Tho­mas Morus in „Uto­pia“, dem gen­re-stif­ten­den Roman, die Men­schen in Städ­ten leben, 1602 folgt Tom­mas­so Cam­pa­nellas „Son­nen­stadt“, 1627 Fran­cis Bacons „Neu-Atlan­tis“ und  —  hier etwas aus­führ­li­cher  —  1618 Johann Valen­tin And­reae und sei­ne Idee für eine „Chris­ti­a­no­po­lis“: Geo­me­trisch, kon­zen­trisch, 1 Turm in der Mit­te:

Chris­ti­a­no­po­lis von Johann Valen­tin And­reae, 1618 | (cc)

And­reae beschreibt sei­ne Idee so:

„[Das eigent­lich Inners­te der Stadt] ist vier­eckig, außen 270, innen 190 Schuh in der Aus­deh­nung, mit vier Tür­men in den Ecken umschlos­sen und eben­so vie­len gegen­über­lie­gen­den durch­schnit­ten, außer­dem von einer dop­pel­ten Rei­he Gär­ten umge­ben. Das gan­ze Gebäu­de hat vier Stock­wer­ke, die bis 12, 11, 10 und 9 Schuh empor­stei­gen, über die die Tür­me noch ein­mal mit 8 Schuh hin­aus­ra­gen. Zum inner­halb gele­ge­nen Markt hin gibt es einen mit sei­nen 72 Säu­len beacht­li­chen Kreuz­gang …“

usw., die Zah­len sind exakt und nicht belie­big, es sind, schrieb er, „gehei­me Zah­len“, denen ent­lang man wie auf einer Lei­ter „höher hin­auf“ gelan­gen kann dahin,

„da auch Gott sei­ne Zah­len und Maße hat, die zu betrach­ten dem Men­schen ziemt. Denn jener höchs­te Bau­meis­ter hat kei­nes­wegs die­ses Welt­ge­bäu­de aufs Gera­te­wohl geschaf­fen, son­dern es mit Maßen, Zah­len und Ver­hält­nis­sen sehr wei­se ange­rei­chert und die durch wun­der­ba­re Har­mo­nie ein­ge­teil­te Zeit hin­zu­ge­fügt. Vor allem in sei­nen Werk­stät­ten und typi­schen Gebäu­den hat er für uns sei­ne Geheim­nis­se nie­der­ge­legt, daß wir mit dem Davi­di­schen Schlüs­sel Län­ge, Brei­te und Tie­fe der Gott­heit auf­schlie­ßen und den Mes­si­as als über alles Aus­ge­brei­te­ten erken­nen, daß wir ent­de­cken, wie er in unaus­sprech­li­cher Har­mo­nie alles zusam­men­hält, alles macht­voll und wei­se bewegt …“

Im Ernst? Die Gott­heit der Län­ge, Brei­te und Tie­fe nach ermes­sen? And­reae war bei­des, Mathe­ma­ti­ker und Theo­lo­ge, ein Früh-Auf­klä­rer und frü­her Pie­tist, als Mathe­ma­ti­ker war er irra­tio­nal, als Theo­lo­ge ratio­nal und umge­kehrt, eine für die Auf­klä­rung nicht unty­pi­sche Mix­tur. Ande­res Bei­spiel:

Die tota­le Stadt

von Jere­my Ben­t­ham, 1748 – 1832, Begrün­der des Uti­li­ta­ris­mus‘, Vor­den­ker des Libe­ra­lis­mus, ein Frei­geist son­der­glei­chen, just er ent­wi­ckelt das Modell für eine Stadt, die, wür­de sie jemals gebaut, jede Sub­jek­ti­vi­tät auf­lö­sen wür­de  —  das Pan­op­ti­cum: ein kreis­run­der Bau, 1 Turm in der Mit­te. Der Über­gang vom qua­dra­ti­schen Grund­riss zum kreis­run­den ist der Clou: ers­tens weil sich alle Kom­mu­ni­ka­ti­on von sel­ber auf die Mit­te rich­tet, wer die Mit­te hält, hält die Macht (nach Ben­t­ham soll­te alles, auch der Got­tes­dienst im Wach­turm abge­hal­ten wer­den). Zwei­tens ver­spricht der kreis­run­de Bau, dass alle alle sehen und von allen gese­hen wer­den: Es geht um Selbst­über­wa­chung, sie funk­tio­niert auch dann, wenn der Wach­turm unbe­setzt bleibt.

 

Pan­op­ti­con-Skiz­ze von Jere­my Ben­t­ham, 1791 | (cc)

 

Ben­t­ham ent­wirft sein Pan­op­ti­kum  —  „eine ein­fa­che archi­tek­to­ni­sche Idee“, wie er schrieb  —  zunächst als Gefäng­nis (noch im 20. Jh wur­den ent­spre­chen­de Zucht­täu­ser gebaut), hält es aber für denk­bar, sei­ne Idee auf Schul- und Kran­ken- und Armen- und Irren­häu­ser zu über­tra­gen, also auf letzt­lich alle sozia­len Orte einer städ­ti­schen Gesell­schaft. Er will  —  und das war sei­ner­zeit ein ehr­ba­res Motiv: oft starb, wer im Gefäng­nis oder Kran­ken­haus gelan­det war, unbe­merkt vor sich hin  —  Ben­t­ham will eine für­sorg­li­che Kon­trol­le und Ega­li­tät, er will, im SPD-Sprech for­mu­liert, dass nie­mand zurück gelas­sen wird.

Spä­ter macht Michel Fou­cault das Pan­op­ti­cum zur Meta­pher für eine Gesell­schaft, die das „Über­wa­chen und Stra­fen“ inter­na­li­siert und sich sel­ber bis in die letz­ten Win­kel der Per­sön­lich­keit hin­ein unter Sozi­al­kon­trol­le stellt. Was ja wie­der­um bedeu­tet, dass auch alle Bewa­cher bewacht sind und alle Kon­trol­leu­re kon­trol­liert: In der Tat hat Ben­t­ham die Regie­rung „in the cent­re of the cir­cle for­med by the wai­ting rooms“ plat­ziert, sein Pan­op­ti­kum, schrieb er, „beco­mes an instru­ment to disci­pli­ne the government“. Kon­trol­liert wird in Ben­t­hams Stadt also nicht von oben nach unten oder von der Mit­te nach außen, son­dern respon­siv, und spä­tes­tens damit rückt die Idee der tota­len Stadt der digi­ta­len Gegen­wart nahe, in der es kei­ner Sta­si mehr bedarf, solan­ge alle über­wacht wer­den von allen, die ein Smart­pho­ne bei sich füh­ren. Die digi­ta­le Stadt? Eine gigan­ti­sche Erzie­hungs­an­stalt, eine Selbst­ver­bes­se­rungs­ma­schi­ne.

Die total fik­ti­ve Stadt: „Tru­man Show“

 

Ein letz­ter Schlen­ker, er führt nach „Sea­ha­ven“ in Peter Weirs „Tru­man Show“ von 1998: die Stadt ein rie­si­ges Film­stu­dio, alle Stadt­be­woh­ner Dar­stel­ler bis auf Tru­man Bur­bank, der als Kind in die Kulis­sen gesetzt wur­de und alles für bare Mün­ze nimmt ein­schließ­lich der Gefüh­le, die ihm ent­ge­gen gebracht wer­den. Nach und nach kommt er der Uto­pie auf die Schli­che, sei­ne Zwei­fel begin­nen damit, dass  —  sie­he oben im Text  —  ein Stern vor sei­ne Füße fällt, der am Him­mel ange­schraubt war … Sea­ha­ven? see hea­ven? Das Para­dies ist ein Ort um aus­zu­bre­chen.

Die wie­der­auf­ge­bau­te Stadt

Ruhr­ge­biet 2017 by Chris­tus­kir­che Bochum

ist sel­ten geglückt. Zum Glück, muss man sagen, die Uto­pi­en der Städ­te­pla­ner  —  sie­he Ruhr­ge­biet  —  sind des­halb bewohn­bar geblie­ben, weil sie geschei­tert sind. Auch die urb­EX­PO — Lost Pla­ces und die Ästhe­tik des Ver­falls gewinnt ihren Sinn dar­in, dass man, um sie in den Bier­kel­lern der alten Schle­gel-Braue­rei zu besu­chen, durch Bochums Innen­stadt spa­zie­ren muss, und die ist sehr gut dar­in, einen täg­lich zu trös­ten, sie tut es mit Eli­as Canet­ti:

„In einer wirk­lich schö­nen Stadt lässt es sich auf Dau­er nicht leben, sie treibt einem alle Sehn­sucht aus.“

 


 

urb­EX­PO | LOST PLACES UND DIE ÄSTHETIK DES VERFALLS

VERNISSAGE
» 25.08.2017 | 20 Uhr
» Chris­tus­kir­che Bochum
» Ein­tritt frei

AUSSTELLUNG
» 26.08. — 10.09.2017
» Schle­gel-Haus | Wil­ly-Brandt-Platz 5–7 | 44 787 Bochum
» Ein­tritt: 3,- €

OEFFNUNGSZEITEN
» mon­tags bis frei­tags: 15 bis 20 Uhr | sams­tags & sonn­tags: 12 bis 18 Uhr

LINKS
» www.urbexpo.eu
» www.facebook.com/urbexpo