Nietzsche, Laibach, Buß- und Bettag

"Also sprach Zarathustra" | 22. November

Fried­rich Nietz­sche, 1882 | public domain

Nietz­sche, „der Anti­christ“? Zara­thus­tra, „der Über­mensch“? Die Sache ist kom­pli­zier­ter, am Beginn sei­ner Wan­de­rung gelangt Zara­thus­tra auf einen Markt­platz, über ihm ein straff gespann­tes Seil, es führt von einem Turm  —  dem „letz­ten Men­schen“  —  zum ande­ren Turm, dem „Über­men­schen“. Ein Seil­tän­zer balan­ciert dem „Über­men­schen“ ent­ge­gen, ihm folgt, ungleich schnel­ler, „ein bun­ter Gesell, einem Pos­sen­rei­ßer gleich“, der ihn anbrüllt: „Vor­wärts, Lahm­fuß … einem Bes­se­rem, als du bist, sperrst du die freie Bahn!‘“ Und „stieß ein Geschrei aus wie ein Teu­fel und sprang über den hin­weg, der ihm im Wege war.“ Der Seil­tän­zer stürzt in die Tie­fe, die Leu­te auf dem Markt flie­hen ent­setzt, und dann  —  so Hans Ulrich Gum­brecht  —  „folgt die gro­ße phi­lo­so­phi­sche Über­ra­schung die­ser Text-Pas­sa­ge. Zara­thus­tra, der Beob­ach­ter der Sze­ne, setzt nicht auf den leicht zum Ziel flie­gen­den Pos­sen­rei­ßer, son­dern umarmt den abge­stürz­ten Seil­tän­zer, wie er stirbt.“ 

Zara­thus­tra fin­det sich an der Sei­te der Lei­den­den wie­der, der Schei­tern­den, der Sterb­li­chen. Dann, in den ers­ten Janu­ar­ta­gen 1889, scheint sich die­se von Nietz­sche erdach­te Sze­ne in eine wirk­li­che zu über­set­zen, wie­der spielt sie auf einem Markt, der Piaz­za Car­lo Alber­to in Turin: Ein Drosch­ken­pferd, vom Kut­scher gepeitscht, bricht zusam­men, und Fried­rich Nietz­sche, so wird berich­tet, emp­fin­det dar­über einen so unge­heu­ren Schmerz, dass er die Arme um den Hals des Pfer­des schlingt und kaum mehr los­las­sen will.

Ob der Bericht so stimmt oder nicht: Wir fin­den Nietz­sche an der Sei­te der Lei­den­den wie­der, es ist das Mit­lei­den, das ihn dazu bringt, sich eines Drosch­ken­pfer­des zu erbar­men. Gum­brecht sieht dar­in die „Prä­mis­se einer phi­lo­so­phi­schen Lek­tü­re“, ein Vor­zei­chen dafür, Nietz­sche zu lesen. In sei­ner, Gum­brechts Les­art wäre der von Nietzsche/Zarathustra gemein­te „Über­mensch“ gera­de nicht jenes Kraft­bün­del, das über die Köp­fe der Men­schen hin­weg eilt und Pos­sen reißt, son­dern der ande­re, der sich zit­ternd aufs Seil gewagt hat und abge­stürzt ist, „ein Über­mensch des muti­gen Schei­terns“.

Eine Umkeh­rung der heroi­schen Nietz­sche-Inter­pre­ta­ti­on, die Gum­brecht betreibt, das gera­de Gegen­teil von dem, was die Nazis aus Nietz­sche gemacht haben, als sie den „Über­men­schen“ zum „Her­ren­men­schen“ gemo­delt haben. Für die Les­art von Gum­brecht spricht eine wei­te­re Sze­ne, die der Pfar­rers­sohn Nietz­sche erdacht hat, sie spielt eben­falls auf dem Markt, und aus die­ser Sze­ne  —  einem Apho­ris­mus aus „Die fröh­li­che Wis­sen­schaft“  —   hat Chris­toph Türcke sei­ne gran­dio­se Nietz­sche-Inter­pre­ta­ti­on ent­wi­ckelt:

Der tol­le Mensch. – Habt ihr nicht von jenem tol­len Men­schen gehört, der am hel­len Vor­mit­ta­ge eine Later­ne anzün­de­te, auf den Markt lief und unauf­hör­lich schrie: „ich suche Gott! Ich suche Gott!“ – Da dort gera­de Vie­le von Denen zusam­men stan­den, wel­che nicht an Gott glaub­ten, so erreg­te er ein gros­ses Geläch­ter. Ist er denn ver­lo­ren gegan­gen? sag­te der Eine. Hat er sich ver­lau­fen wie ein Kind? sag­te der Ande­re. Oder hält er sich ver­steckt? Fürch­tet er sich vor uns? Ist er zu Schiff gegan­gen? aus­ge­wan­dert? – so schrie­en und lach­ten sie durch­ein­an­der. Der tol­le Mensch sprang mit­ten unter sie und durch­bohr­te sie mit sei­nen Bli­cken. „Wohin ist Gott? rief er, ich will es euch sagen! Wir haben ihn get­öd­tet, – ihr und ich! Wir Alle sind sei­ne Mör­der! Aber wie haben wir diess gemacht? Wie ver­moch­ten wir das Meer aus­zu­trin­ken? Wer gab uns den Schwamm, um den gan­zen Hori­zont weg­zu­wi­schen? Was tha­ten wir, als wir die­se Erde von ihrer Son­ne los­ket­te­ten? Wohin bewegt sie sich nun? Wohin bewe­gen wir uns? Fort von allen Son­nen? Stür­zen wir nicht fort­wäh­rend? Und rück­wärts, seit­wärts, vor­wärts, nach allen Sei­ten? Giebt es noch ein Oben und ein Unten? Irren wir nicht wie durch ein unend­li­ches Nichts? Haucht uns nicht der lee­re Raum an? Ist es nicht käl­ter gewor­den? Kommt nicht immer­fort die Nacht und mehr Nacht? Müs­sen nicht Later­nen am Vor­mit­ta­ge ange­zün­det wer­den? Hören wir noch Nichts von dem Lärm der Tod­ten­grä­ber, wel­che Gott begra­ben? Rie­chen wir noch Nichts von der gött­li­chen Ver­we­sung? – auch Göt­ter ver­we­sen! Gott ist todt! Gott bleibt todt! Und wir haben ihn get­öd­tet! Wie trös­ten wir uns, die Mör­der aller Mör­der? Das Hei­ligs­te und Mäch­tigs­te, was die Welt bis­her besass, es ist unter unse­ren Mes­sern ver­blu­tet, – wer wischt diess Blut von uns ab? Mit wel­chem Was­ser könn­ten wir uns rei­ni­gen? Wel­che Sühn­fei­ern, wel­che hei­li­gen Spie­le wer­den wir erfin­den müs­sen? Ist nicht die Grös­se die­ser That zu gross für uns? Müs­sen wir nicht sel­ber zu Göt­tern wer­den, um nur ihrer wür­dig zu erschei­nen? Es gab nie eine grös­se­re That, – und wer nur immer nach uns gebo­ren wird, gehört um die­ser That wil­len in eine höhe­re Geschich­te, als alle Geschich­te bis­her war!“ – Hier schwieg der tol­le Mensch und sah wie­der sei­ne Zuhö­rer an: auch sie schwie­gen und blick­ten befrem­det auf ihn. End­lich warf er sei­ne Later­ne auf den Boden, dass sie in Stü­cke sprang und erlosch. „Ich kom­me zu früh, sag­te er dann, ich bin noch nicht an der Zeit. Diess unge­heu­re Ereig­niss ist noch unter­wegs und wan­dert, – es ist noch nicht bis zu den Ohren der Men­schen gedrun­gen. Blitz und Don­ner brau­chen Zeit, das Licht der Gestir­ne braucht Zeit, Tha­ten brau­chen Zeit, auch nach­dem sie gethan sind, um gese­hen und gehört zu wer­den. Die­se That ist ihnen immer noch fer­ner, als die ferns­ten Gestir­ne, – und doch haben sie die­sel­be gethan!“ – Man erzählt noch, dass der tol­le Mensch des sel­bi­gen Tages in ver­schie­de­ne Kir­chen ein­ge­drun­gen sei und dar­in sein Requi­em aeter­nam deo ange­stimmt habe. Hin­aus­ge­führt und zur Rede gesetzt, habe er immer nur diess ent­geg­net: „Was sind denn die­se Kir­chen noch, wenn sie nicht die Grüf­te und Grab­mä­ler Got­tes sind?“ –

Gott töten? Wie das? Wie lässt sich die Erde von ihrer Son­ne los­ket­ten? „Wenn Nietz­sches so abgrün­di­ge, viel­schich­te, unsys­te­ma­ti­sche, apho­ris­tisch zer­split­ter­te Phi­lo­so­phie über­haupt in etwas zusam­men­hält, dann“  —  das die The­se von Chris­toph Türcke  —  „dann dar­in, Reak­ti­on auf ihre gewal­tigs­te Ent­de­ckung zu sein: den pto­le­mäi­schen Skan­dal.“

Der besteht dar­in, akzep­tie­ren zu müs­sen, dass sich die Son­ne nicht um die Erde und die Welt nicht um den Men­schen dreht. Das klingt heu­te fast schon banal, wir sind ja alle dekon­stru­iert und mit der Post­mo­der­ne ein­ge­rie­ben wie mit Bade­öl, dem gesam­ten abend­län­di­schen Den­ken aber lag die­se geo- und anthro­po­zen­tri­sche Vor­stel­lung zugrun­de, sie war sowohl in der Phi­lo­so­phie wie Theo­lo­gie der Garant dafür, dass es einen Sinn gibt, der jen­seits des­sen exis­tiert, was wir uns den­ken. Einen Sinn, der gleich­sam im Jen­seits ver­täut sei und dem der Mensch  —  wie jener Seil­tän­zer, den Zara­thus­tra beob­ach­tet  —   vor­sich­tig, Schritt für Schritt näher kom­men kann. Bei Pla­ton etwa ist die­ses Jen­seits das Reich der Ide­en, das, uner­reich­bar weit ent­fernt, abstrahlt auf die mensch­li­che Erkennt­nis. Wenn nun die­se „pla­to­ni­sche Son­ne“ los­ge­ket­tet wird von uns auf Erden, auf wel­che Son­ne soll sich das Den­ken dann bezie­hen? Wor­an fest­ma­chen, dass das Schö­ne das Gute und das Gute das Wah­re sei? Wor­an könn­te sich das Den­ken über­haupt noch hal­ten  —  wenn nicht an sich selbst?

Das eben ist der „Wahn­sinn der Ver­nunft“, dem Nietz­sche erlag: dass es die Ver­nunft sel­ber ist, die sich aufs Hoch­seil wagt, die das Seil von der Son­ne los­ket­tet und dann in die Tie­fe stürzt. Ver­nunft sägt bestän­dig am Ast, auf dem sie sitzt. „Wir haben Gott getö­tet“ heißt: Die Idee, dass es eine Instanz gibt, die Wahr­heit ver­bürgt, die Gutes gut und Schlech­tes schlecht sein lässt, die­se Idee hat tat­säch­lich exis­tiert, sie war die Son­ne, um die sich das Den­ken gedreht hat, sie hat die Ver­nunft tat­säch­lich erleuch­tet und zur Kri­tik vor­an getrie­ben  —  und ist der von ihr erleuch­te­ten Ver­nunft dann sel­ber erle­gen. Und nun? Irrt die Ver­nunft ziel­los im Uni­ver­sum umher, „wohin bewe­gen wir uns? Fort von allen Son­nen? Stür­zen wir nicht fort­wäh­rend?“

Nietz­sche, das ist Türckes Inter­pre­ta­ti­on, hat die­sen Skan­dal, die­sen per­ma­nen­ten Hoch­seil­akt der Ver­nunft und ihren Absturz, wie kein ande­rer durch­dacht und durch­lit­ten, er ist wie der tol­le Mensch ver­lacht wor­den  —  und zwar: von den Auf­ge­klär­ten  —  und fiel in den Wahn­sinn wie der Tän­zer vom Seil.

Der Gefahr, irre zu wer­den an der Ver­nunft, kön­nen auch wir nicht ent­kom­men. Der pto­le­mäi­sche Skan­dal  —  dass unser Leben offen­bar nicht der höchs­te Zweck des Uni­ver­sums ist, dass sich die Exis­tenz eines jeden einem irr­sin­ni­gen Zufall ver­dankt  —  die­se skan­da­lö­se Krän­kung eines jeden, der den­ken kann, ist seit Koper­ni­kus in der Welt und wird nie wie­der aus ihr ver­schwin­den. So wenig wie das Lei­den an solch uni­ver­sa­ler Sinn­lo­sig­keit ver­schwin­den wird, es kann auch heu­te   —   „diess unge­heu­re Ereig­niss ist noch unter­wegs und wan­dert, es ist noch nicht bis zu den Ohren der Men­schen gedrun­gen“  —  es kann auch heu­te in den Wahn­sinn stür­zen las­sen: Ange­sichts der Mög­lich­keit, dass wir die Erde tat­säch­lich zer­stö­ren und uns sel­ber aus dem Uni­ver­sum til­gen kön­nen, könn­te Wahn­sinn eine durch­aus plau­si­ble Reak­ti­on auf den real exis­tie­ren­den Wahn­sinn sein.

Sol­ches Lei­den an uni­ver­sa­ler Sinn­lo­sig­keit könn­te aber eben­so, schreibt Türcke, „pro­duk­ti­ve Kräf­te frei­set­zen“. Dass die Son­ne nicht um uns kreist und es ein unfass­ba­rer Zufall ist, dass es uns gibt, die­se Ein­sicht der Ver­nunft, so Türcke,

„lässt sich auch als kate­go­ri­scher Impe­ra­tiv begrei­fen, die Erde so ein­zu­rich­ten, dass sie der geo­zen­tri­schen Anma­ßung der mensch­li­chen Ver­nunft soweit wie irgend mög­lich ent­spricht; dass es auf ihr zuge­he, als ob ein Gott die Welt aufs Heil der ver­nunft­be­gab­ten Spe­zi­es hin­ge­ord­net und sie als sein Eben­bild erschaf­fen hät­te.“

Als ob es dar­um gin­ge, dass es allen Men­schen wohl ergeht. Der Über­mensch ist, in die­ser Inter­pre­ta­ti­on, die Mensch­heit, die ihr Über­le­ben erdenken muss. Die­sem kate­go­ri­schen Impe­ra­tiv gegen­über ist die Fra­ge, ob Gott exis­tiert oder getö­tet wor­den sei, fast schon egal.

 


LAIBACH | Also sprach Zara­thus­tra

» Mitt­woch 22. Novem­ber 2017 | 20 Uhr | Ein­lass 19 Uhr |  Infos zum Kon­zert hier
» ab 36,20 €
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