„Vergessen, schlafen, sterben“

Jürgen Domian | "Dämonen"

„Er mie­tet sich ein Block­haus im Wald und lebt die letz­ten Mona­te sei­nes Lebens dort … “ | Rau­ma, Fin­land by Mika­el Voge­lai­nen (cc)

Hat jeder Mensch das Recht, sich zwi­schen Tod und Leben zu ent­schei­den? Jür­gen Domi­an in einem Inter­view mit dem DLF:

„Letzt­end­lich ist die­ses Buch inspi­riert durch mei­ne Sen­dung, weil ich immer wie­der Gäs­te hat­te, die genau die­sen Wunsch, sich sel­ber zu töten, geäu­ßert haben. Oft­mals ste­cken Pro­ble­me see­li­scher Art dahin­ter, eine Depres­si­on, irgend­wel­che ande­ren Din­ge, aber es gibt eben auch den Punkt, und an dem stand ich eini­ge Male wäh­rend der Sen­dung, in der Live-Situa­ti­on, wo ich merk­te, die­se Per­son hat das alles wirk­lich klar durch­dacht, und ich kam mir dann bei­na­he über­grif­fig vor, die­se Per­son noch wei­ter vom Leben über­zeu­gen zu wol­len und habe dann gesagt, ja, wenn du das so siehst und du mit dir im Rei­nen bist, dann ist das dein Weg.“

Hat Domi­an recht? Hat jeder Mensch das Recht, sich zwi­schen Tod und Leben zu ent­schei­den?

Tat­sa­che ist: Jeder und jede hat die Wahl. Wor­auf Domi­an pocht: aufs Wahl­recht. Und dar­auf, dass man eine Wahl, die man hat, bewusst tref­fen soll­te. Dazu muss man sie sich bewusst machen, Domi­an will den Sui­zid befrei­en: von der „christ­li­chen Stig­ma­ti­sie­rung“  einer­seits und der gän­gi­gen Patho­lo­gi­sie­rung ande­rer­seits: 

„Nicht jeder Sui­zi­dant ist see­lisch krank und bedarf einer Behand­lung.“

Und das eben ist Aus­gangs­punkt der Geschich­te, die Domi­an in „Dämo­nen“ erzählt: 

„War­um will sich Han­sen töten? Er ist kör­per­lich und geis­tig gesund, er befin­det sich in kei­ner Lebens­kri­se, er hat Erfolg in sei­nem Beruf, es geht ihm mate­ri­ell gut, er hat Freun­de und vie­le Bekann­te und könn­te sein Leben inter­es­sant und abwechs­lungs­reich gestal­ten. Aber er fin­det das Leben nicht mehr inter­es­sant und abwechs­lungs­reich, er ist des Lebens über­drüs­sig, ja satt, es ist doch immer das­sel­be, tag­aus, tag­ein … “

Domi­an dreht die Fra­ge um, er sucht nicht nach Grün­den für den Sui­zid, er sucht nach Grün­den fürs Wei­ter­le­ben, und das heißt, er ent­mora­li­siert den Sui­zid. Was gut ist: Kein mora­li­sches Urteil reicht her­an an die exis­ten­zi­el­le Dimen­si­on, die eine sui­zi­da­le Absicht gewinnt. Sie stellt vor die Fra­ge Warum leben?, und das ist kei­ne didak­ti­sche Fra­ge und kei­ne the­ra­peu­ti­sche, son­dern die exis­ten­zi­el­le Fra­ge schlecht­hin: Wie fin­de ich mei­nen Bestim­mungs­grund, wie bestim­me ich mich sel­ber? Selbst­tö­tung ist exis­ten­zi­el­le Selbst­be­stim­mung, sie lässt sich nicht ver­ur­tei­len und nicht ver­wer­fen, sie lässt sich weder recht­lich noch mora­lisch ver­bie­ten.

Sie lässt sich aber auch nicht frei­stel­len, nicht erlau­ben, nicht erdul­den. Das eine folgt nicht aus dem ande­ren, war­um nicht? Weil wir die Wür­de eines jeden Men­schen für unver­letz­lich hal­ten; anders gesagt, weil wir davon aus­ge­hen, dass mensch­li­ches Leben, weil es lebt, lebens­wert ist, es begrün­det sich in sich selbst.

Auf der einen Sei­te also: die Selbst­be­stim­mung mensch­li­chen Lebens, auf der ande­ren sei­ne aus sich sel­ber begrün­de­te Wür­de. Der Respekt vor bei­dem ist gesell­schaft­lich getra­gen, der Kon­sens umgreift heu­te alle mög­li­chen reli­giö­sen und welt­an­schau­li­chen Über­zeu­gun­gen, er stellt einen Gesell­schafts­ver­trag dar. Einen, der sich auch auf­lö­sen könn­te, man schaue sich um, es gibt Gesell­schaf­ten, in denen das Selbst­be­stim­mungs­recht nicht für die Ein­zel­nen gilt, son­dern nur fürs Kol­lek­tiv; es gibt Gesell­schaf­ten, in denen die Lie­be nicht dem Leben gilt, son­dern dem Tod: 

„Es geht nicht nur um die Fra­ge der Selbst­be­stim­mung, son­dern auch und sehr wesent­lich um einen gesell­schaft­li­chen Grund­kon­sens im Blick auf das Ver­ständ­nis mensch­li­chen Lebens“.

So die Evan­ge­li­sche Kir­che, eben so lässt sich auch Domi­ans „Dämo­nen“ lesen: Sei­ne Geschich­te von Han­sen, der allein im lap­p­län­di­schen Schnee „ver­ges­sen, schla­fen und ster­ben“ will, nimmt den Weg einer grie­chi­schen Tra­gö­die: Han­sen bleibt eben nicht allein mit sich und sei­nem selbst­be­stimm­ten Ent­schluss …  

Und damit beginnt das Nach­den­ken von vorn: Domi­an pocht auf das Recht zu wäh­len; das Leben lässt sich nur wäh­len, wenn es eine Alter­na­ti­ve gibt; die Alter­na­ti­ve = den Tod zu wäh­len unter­läuft einen gesell­schaft­li­chen Grund­kon­sens; der Grund­kon­sens wie­der­um ist ver­ant­wort­lich dafür, dass es das Recht zu wäh­len gibt: Der Kreis ist geschlos­sen.

Ein mythi­sches Ver­häng­nis? Nein  —  und da hilft der Hin­weis auf die grie­chi­sche Tra­gö­die, die ja das Ver­häng­nis zum Erzähl­prin­zip gemacht hat [neben­bei bemerkt liegt hier, in die­sem Es-muss­te-ja-so-kom­men, ein Web­feh­ler in Domi­ans Erzäh­lung]: Das Recht, sich sel­ber zu bestim­men im Leben und im Ster­ben, ist nicht gege­ben, son­dern gewor­den. Wir haben es nicht emp­fan­gen, son­dern erkämpft, wir ver­dan­ken es nicht uns sel­ber, son­dern   —  wem? die Kir­chen sagen: Gott, aber da geht mir der Zugriff zu schnell  —  emp­fan­gen haben wir das Recht, uns sel­ber zu bestim­men, von denen, die vor uns gewe­sen sind:

 „Ist dem so, dann besteht eine gehei­me Ver­ab­re­dung zwi­schen den gewe­se­nen Geschlech­tern und unse­rem. Dann sind wir auf der Erde erwar­tet wor­den.“

Wal­ter Ben­ja­min. Der Poet unter den Lin­ken, er hat jüdi­sches und lin­kes Den­ken, bibli­sches und his­to­risch-mate­ria­lis­ti­sches da kurz geschlos­sen, wo sie am stärks­ten sind: im Bewusst­sein ihres Gewor­den­seins. Ben­ja­min war klar, dass er sich und was er denkt nicht sel­ber ver­dankt, son­dern den Namens­lo­sen, über die der Fort­schritt hin­weg geeilt ist. Die hin­ab muss­ten, um die Stra­ße des Fort­schritts zu unter­bau­en. Dass es uns heu­te gibt, bedeu­tet nichts ande­res als dass es uns gibt, dass wir erwar­tet wor­den sein könn­ten, bedeu­tet alles: 

„Dann ist uns wie jedem Geschlecht, das vor uns war, eine schwa­che mes­sia­ni­sche Kraft mit­ge­ge­ben, an wel­che die Ver­gan­gen­heit Anspruch hat. Bil­lig ist die­ser Anspruch nicht abzu­fer­ti­gen.“

Ben­ja­min hat sich, von den Nazis an die Gren­ze gejagt, sein Leben sel­ber genom­men.

 


JÜRGEN DOMIAN | „Dämo­nen“

» Sams­tag 10. März | 20 Uhr
» Ein­lass 19 Uhr
» VVK 24,10 / 28,50 / 32,90 €


HILFE BEI SUIZID-GEDANKEN

Falls Sie sel­ber dar­an den­ken, sich das Leben zu neh­men, spre­chen Sie mit ande­ren Men­schen dar­über. Das geht auch  —  und oft bes­ser  —  anonym. Es geht tele­fo­nisch, im Chat, per Mail. Dafür ist die

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da [hier kli­cken). Sie ist voll­kom­men anonym, rund um die Uhr erreich­bar und kos­ten­los: Der Anruf taucht nicht auf Ihrer Tele­fon­rech­nung auf, auch nicht im Ein­zel­ver­bin­dungs­nach­weis:

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Und, drit­te Mög­lich­keit, die Kom­mu­ni­ka­ti­on per Mail. Auch hier ist das Ver­fah­ren tech­nisch so gestal­tet, dass kei­ne der Mails in Ihrem eige­nen Post­fach erscheint.