Böhmermann für Dumme

Kollegah und Echo-Preis, Tröten und Pop

Chris­tus­kir­che? Arma­ged­don? Gehei­me Mäch­te? Roman Zeschky, Foto­graph aus Dort­mund, auf der urb­EX­PO 2017

Leu­te vom Schla­ge eines Kol­le­gah und Farid Bang, auch Nai­doo, sind Anti­se­mi­ten, darf man sie so nen­nen? „Völ­lig egal“, sagt Dani­el Neu­mann in der WDR-Doku „Die dunk­le Sei­te des Rap“: Es sei „völ­lig irrele­vant“, ob einer Anti­se­mit sei oder nicht und „völ­lig egal, was er denkt, weil es dar­auf ankommt, was er tut, was er singt und wel­che Text­zei­len er ver­brei­tet.“ Neu­mann, Direk­tor des Lan­des­ver­ban­des der Jüdi­schen Gemein­de in Hes­sen, erzählt in der abso­lut sehens­wer­ten WDR-Doku die schrä­ge Geschich­te, dass Kol­le­gah, Big­boss der Sze­ne, ihn ange­ru­fen habe um mit­zu­tei­len, er sei kein Anti­se­mit. Falls sei­ne Songs mal anti­se­mi­tisch klän­gen, dann, erzählt Neu­mann, habe Kol­le­gah dar­auf bestan­den, dass das „nur eine Geschich­te“ sei, „nur ein Bild, da sei­en kei­ne Sym­bo­li­ken, die er tat­säch­lich ernst gemeint habe oder die irgend­wel­che Hin­ter­ge­dan­ken hät­ten“.  —  Kommt einem bekannt vor? Ja, klingt wie Böh­mer­mann. Der hat, mit auf­klä­re­ri­scher Atti­tü­de, die Form geba­cken, in die Kol­le­gah nun  —  mit ähn­li­cher Atti­tü­de, imi­tie­ren kann er ja  —  sei­ne Inhal­te gießt. Die Böh­mer­mann-Geschich­te aus 2016 ist eine Para­de dafür, dass links gepflanzt wird und rechts geern­tet. Dass For­men links erfun­den und rechts erobert wer­den, die Frei­heit links erkämpft und dann von rechts besetzt. Sie ist eine Para­de dafür, dass die Form des unei­gent­li­chen Spre­chens zu einer Kunst­form gewor­den ist, die einen Schirm spannt über was auch immer, Juden­hass und „Zie­gen­fi­cker“  —  und sie erin­nert dar­an, dass Böh­mer­manns Zie­gen­fi­cke­rei bereits 2016 ver­langt hät­te, was jetzt alle for­dern: „Hal­tung!“

Hal­tung? Begän­ne damit, dass man ein­kal­ku­liert, was ande­re mit der Form, die man sich sel­ber backt, anstel­len kön­nen. Unei­gent­lich könn­te man sagen: Der schlaue Böh­mer­mann war dafür zu dumm, jetzt ist der dum­me Kol­le­gah schlau­er. Aber  —  und das ist jetzt eigent­li­che Rede  —  tat­säch­lich geht es dar­um, dass sich mit den sozia­len Medi­en ein gro­ßer und groß­ar­ti­ger Frei­heits­raum eröff­net hat und wir nun drin­gend eine Ahnung ent­wi­ckeln müs­sen dafür, dass nicht nur, was man tut, son­dern auch, was man sagt, Bedeu­tung gewin­nen könn­te.

Dage­gen sperrt sich eini­ges in einem, eine lebens­lan­ge All­tags­er­fah­rung, sie war immer eine ande­re. Max Hork­hei­mer vor einem ½ Jahr­hun­dert:

„Wir bekla­gen, dass man nicht mehr spre­chen kann. Die Men­schen sind stumm, soviel sie auch reden mögen. All­zu leicht jedoch ver­ges­sen wir, dass die Spra­che des­halb tot ist, weil der Ein­zel­ne, der zum ande­ren spricht, als Ein­zel­ner, sagen wir als den­ken­des Sub­jekt, nichts mehr zu sagen hat — in dem Sinn, wie es heißt: ‚Der hat nichts zu sagen‘, das heißt, der ist ohn­mäch­tig, er kann nichts voll­brin­gen, auf sein Wort hin geschieht nichts. Es hat nichts zu sagen, heißt, es hat kei­ne Kon­se­quen­zen, es bedeu­tet nichts, es tut nichts, es macht nichts.“

Es macht doch etwas. Seit es Sozia­le Medi­en gibt, kann plötz­lich Bedeu­tung ent­fal­ten, was sonst ver­san­det wäre wie sonst auch. Des­halb wohl wir­ken alle die­se Kol­le­gah- und Nai­doo-Figu­ren, als hät­ten sie eben­so viel mit­zu­tei­len wie Annen May Kan­te­reit oder sonst eine dem schö­nen Pop ver­pflich­te­te No-Mat­ters-Band. Als hät­ten sie kei­nen Schim­mer, was sie eigent­lich sagen woll­ten und ob über­haupt irgend­was, jetzt, wo sie doch etwas mit­tei­len könn­ten. Als simu­lier­ten sie dar­um irgend­was, das zumin­dest bedeu­tungs­voll klingt und zum Trö­ten ihres Batt­le-Raps passt: Die­ses gan­ze Isch-weisch-Bescheid-Geha­be, isch hab Roth­schild-Theo­rie, das ist Böh­mer­mann für Dum­me. Aber eben: die­sel­be Form.

Und Form ist nicht egal, Form ist Tun. 

 


FOTO | ROMAN ZESCHKY

Ist nicht die Chris­tus­kir­che und kein Arma­ged­don, was abge­bil­det ist, sind kei­ne gehei­men Mäch­te und kei­ne Kol­le­gahs, son­dern ist ein Foto von Roman Zeschky, Foto­graph aus Dort­mund. Sein Bild war Teil der urb­EX­PO 2017 hier neben­an im Schle­gel-Haus. Die urb­EX­PO 2018 eröff­net am 8. Juni.