Nie wieder Auschwitz? Nie gehört.

Über Robert Menasses „Die Hauptstadt“ | Lesung am 8. Mai

(cc)

Tol­ler Roman, Men­as­ses „Die Haupt­stadt“. Viel­stim­mig, viel­schich­tig, viel­deu­tig. Unter­halt­sam und wit­zig, oft bit­ters­weet. Eine Ode an Euro­pa, das ver­läss­lich und mit gro­ßer Effi­zi­enz beweist, dass es nicht noch ein­mal unter­ge­hen will: „Nie wie­der Krieg“. Zugleich ein Nach­ruf auf eben die­ses Euro­pa, das kei­ne Ahnung haben will, war­um es Euro­pa eigent­lich gibt: Nie wie­der Ausch­witz? Men­as­se stellt die Fra­ge in einer Zeit, in der Tau­sen­de Juden die­ses Euro­pa in Rich­tung Isra­el ver­las­sen  —  die wenigs­ten von ihnen tun es frei­wil­lig  —  und er ent­wi­ckelt die Fra­ge anhand der Figur des Mar­tin Sus­man, eines Refe­ren­ten in der EU-Gene­ral­di­rek­ti­on für Kul­tur, der den Auf­trag erhält, eine Fei­er zum 50. Geburts­tag der Euro­päi­schen Kom­mis­si­on zu orga­ni­sie­ren, die Kom­mis­si­on ist die Exe­ku­ti­ve der EU, eine Art Regie­rung. Ziel des „Big Jubi­lee Pro­jects“: Image polie­ren. Nur wie? Noch hat Sus­mann kei­ne Idee, als er
eine Dienst­rei­se nach Ausch­witz antre­ten soll, wo sich ihm  —  er ist „Guest of Honour in Ausch­witz“  —  die Wirk­lich­keit bizarr ver­kehrt: Der Auto­mat, aus dem er ein Getränk zie­hen will, ist „Enjoy!“ ben­amt, und kaum dass er sich eine Ziga­ret­te anzün­det, steht „ein Mann in Uni­form vor mir und sag­te: ‚No smo­king in Ausch­witz‘“. Was über­all nor­mal ist, wirkt hier gro­tesk, es müss­te „anders for­mu­liert, anders gestal­tet sein“, und das, denkt Mar­tin Sus­man, als er zurück ist in Brüs­sel, das

„den­ken wir nur an die­sem Ort. Wie alles irgend­wie anders sein müss­te  —  das den­ken wir nur an die­sem Ort. Aber wenn wir das jetzt umkeh­ren, wenn wir über­all das Nor­ma­le, das Gewohn­te in die­sem Licht sehen wür­den … Ver­stehst du, was ich mei­ne? Dar­um habe ich vor­hin gesagt: Ausch­witz ist über­all. Wir sehen es nur nicht. Wenn wir es sehen könn­ten, dann wür­den wir das Bizar­re, das Zyni­sche einer Nor­ma­li­tät begrei­fen, die hier in Euro­pa doch eine Ant­wort auf Ausch­witz sein soll­te, eine Leh­re, die aus die­ser Geschich­te gezo­gen wur­de.“

Lang­sam nimmt die Idee Form an in sei­nem Kopf: Wo ein Geburtstag, da ein Geburtsort  —  ist Euro­pa in den Gas­kam­mern gebo­ren? Ist Ausch­witz der „Geburts­ort der Euro­päi­schen Kom­mis­si­on“, die ihren 50. Geburts­tag fei­ern will …   

„Bist du krank?

Sor­ry, sag­te er und: Das ist doch die Idee der Kom­mis­si­on, so steht es in den Grün­dungs­do­ku­men­ten  … Die Kom­mis­si­on ist kei­ne inter­na­tio­na­le, son­dern eine supra­na­tio­na­le Insti­tu­ti­on  (…) sie will die klas­si­schen natio­na­len Kon­flik­te und Wider­sprü­che in einer nach­na­tio­na­len Ent­wick­lung über­win­den, also im Gemein­sa­men. Es geht um das, was die Bür­ger die­ses Kon­ti­nents ver­bin­det und nicht um das, was sie trennt.“ 

Und was ver­bin­det die Bür­ger Euro­pas?

„Ausch­witz! Sag­te Mar­tin. Die Opfer kamen aus allen Län­dern Euro­pas, sie tru­gen alle die­sel­be gestreif­te Klei­dung, sie leb­ten alle im Schat­ten des­sel­ben Todes, und sie alle hat­ten, so sie über­leb­ten, den­sel­ben Wunsch, näm­lich die für alle Zukunft gel­ten­de Garan­tie der Aner­ken­nung der Men­schen­rech­te. Nichts in der Geschich­te hat die ver­schie­de­nen Iden­ti­tä­ten, Men­ta­li­tä­ten und Kul­tu­ren Euro­pas, die Reli­gio­nen, die ver­schie­de­nen so genann­ten Ras­sen und ehe­mals ver­fein­de­te Welt­an­schau­un­gen so ver­bun­den, nichts hat eine so fun­da­men­ta­le Gemein­sam­keit aller Men­schen geschaf­fen wie die Erfah­rung von Ausch­witz.“

Lässt Robert Men­as­se sei­nen Mar­tin Sus­man sagen, und kaum dass der Gedan­ke ent­steht, ent­lässt er ihn in den All­tag Euro­pas, hier wird er umstands­los zer­legt. Dass sich ein euro­päi­scher Zivi­li­sa­ti­ons­bruch wie Ausch­witz nie wie­der ereig­ne, die­se „‚Ewig­keits­klau­sel‘“ hält kei­ne drei Sit­zun­gen an. Die pol­ni­sche Regie­rung  —  es ist ja nur ein Roman  —  stellt fest, dass Ausch­witz ein „aus­schließ­lich deut­sches Pro­blem“ sei, die öster­rei­chi­sche erklärt ihr Öster­reich zum Opfer, die eng­li­sche unter­stützt die Idee nur, um sie als Argu­ment für den Brex­it aus­zu­schlach­ten, die deut­sche wie­der­um betont,

„dass die Mus­li­me in Euro­pa nicht aus dem euro­päi­schen Eini­gungs­werk aus­ge­schlos­sen wer­den dür­fen (Zustim­mung: UK, HUN, PL, AT, HR, CR)“

und so wei­ter. Die Lebens­lü­gen der Natio­nen. In einem wei­te­ren Erzähl­fa­den vari­iert Men­as­se den Gedan­ken: Alois Erhart, Pro­fes­sor für Volks­wirt­schaft, bereits pen­sio­niert und also eher gedul­det als geach­tet, ist noch ein­mal nach Brüs­sel gela­den, er soll einem Think Tank bei­woh­nen. Mit sei­nen „letz­ten Wor­ten“ [so bei­läu­fig wischt Men­as­se die „letz­te Tin­te“ von Grass vom Tisch] erklärt er,

„dass wir etwas völ­lig Neu­es brau­chen, eine nach­na­tio­na­le Demo­kra­tie, um eine Welt gestal­ten zu kön­nen, in der es kei­ne Natio­nal­öko­no­mie mehr gibt. (…) Kon­kur­rie­ren­de Natio­nal­staa­ten in einer Uni­on blo­ckie­ren bei­des: Euro­pa­po­li­tik und Steu­er­po­li­tik. Was wäre jetzt not­wen­dig? Die Wei­ter­ent­wick­lung zu einer Sozi­al­uni­on, zu einer Fis­kal­uni­on  —  also die Her­stel­lung von Rah­men­be­din­gun­gen, die aus dem Euro­pa kon­kur­rie­ren­der Kol­lek­ti­ve ein Euro­pa sou­ve­rä­ner, gleich­be­rech­tig­ter Bür­ger machen wür­de. Das war ja die Idee, das war es, wovon die Grün­der des euro­päi­schen Eini­gungs­pro­jekts geträumt haben  —  denn sie hat­ten ihre Erfah­run­gen.“

Wel­che? Alois Erhart schlägt als eine

„ers­te, küh­ne, gro­ße, bewuss­te Kul­tur­leis­tung der nach­na­tio­na­len Geschich­te“

vor, dass Euro­pa sich eine gemein­sa­me Haupt­stadt baue und zwar an einem Ort,

„des­sen Geschich­te maß­geb­lich für die Eini­gungs­idee Euro­pas war“,

er schlägt Ausch­witz vor. Im sel­ben Moment ist der Pro­fes­sor zum Out­cast gewor­den, zu einem Ide­en­ge­spenst, das  —  ganz wie das phantom­glei­che Haus­schwein, das Men­as­ses Roman durch­wil­dert  —  durch Brüs­sel irrt, als sei die­se Stadt die neue, eine bizar­re Nor­ma­li­tät.

Ein drit­ter Erzähl­strang in Men­as­ses Roman: David de Vri­end, weit über 80, sein Anzug maß­ge­schnei­dert, ansons­ten besitzt er so viel wie in einen Kof­fer passt, kein Foto­al­bum, er spricht mit sich sel­ber und mit den Toten. Als Kind war er her­aus gesprun­gen aus dem Zug, der ins Ver­nich­tungs­la­ger fuhr, schloss sich dem bel­gi­schen Wider­stand gegen den Nazi-Ter­ror an, wur­de nach Ausch­witz depor­tiert, hat über­lebt, ein Euro­pä­er. Und jetzt, ins Alten­heim ver­bracht, zer­rinnt ihm die Erin­ne­rung, die Namen in sei­nem Adress­buch sind durch­ge­stri­chen, sein eige­ner Name steht als letz­ter auf der Lis­te, er ist  —  ein direk­ter Ver­weis auf Jor­am Kani­uks gro­ßen Roman von 1991  —  „der letz­te Jude“.

Alle drei  —  Mar­tin Sus­man, Alois Erhart, David de Vri­end  —  wer­den bei einem Ter­ror­an­schlag in der Metro-Sta­ti­on Mael­beek ermor­det. Und mit ihnen, so scheint es, stirbt die Idee, dass die Erfah­rung von Ausch­witz die Men­schen Euro­pas ein­mal ver­bun­den hät­te. Ein­mal hät­te ver­bin­den kön­nen. Es ist, was Robert Men­as­se

„das stil­le Begräb­nis einer Epo­che“

nennt. Wozu noch Euro­pa?

Nun, Men­as­se hat wei­te­re Erzähl­fä­den aus­ge­legt in sei­nem Roman, alle sind sie mit­ein­an­der ver­wo­ben  —  „Wenn etwas zer­fällt, muss es Zusam­men­hän­ge gege­ben haben“, steht als Mot­to über dem Schluss­ka­pi­tel  —  und in die­sen ande­ren ver­wo­be­nen Geschich­ten tau­chen ein paar Figu­ren auf, von denen sich den­ken lie­ße, sie könn­ten die­sem EU-Euro­pa mit einer Haupt­stadt namens Brüs­sel eine Zukunft ver­hei­ßen. Eine, die ohne Moral aus­kommt, ohne Erin­ne­rung, dafür mit Sonn­tags­re­den [„Nie­mals ver­ges­sen, das muss man immer wie­der sagen.  —  Genau.“] und einer unver­wüst­li­chen Prag­ma­tik. Auch die­se Figu­ren hat Men­as­se mit Zunei­gung gezeich­net, Fenia Xeno­pou­lou etwa, grie­chi­sche Zyprio­tin und Che­fin von Mar­tin Sus­e­man, sie

„leb­te und arbei­te­te schon zu lan­ge in Brüs­sel, um sich noch mit Patrio­tis­mus zu beschäf­ti­gen.“

Fenia ist, wenn man so will, mora­lisch ver­läss­lich, ohne mora­lisch zu sein: Als die Idee für das „Big Jubi­lee Pro­ject“ im natio­na­len Poker zer­legt wird   —  „‚War­um die Juden? War­um nicht der Sport?‘“  —  ist sie auf­rich­tig empört, aller­dings des­halb, weil das Sport-Res­sort ihrer Kar­rie­re nichts nützt: Was ein­mal Moral war, ist nun Orga­ni­gramm. Ähn­lich Bohu­mil Szme­kal, tsche­chi­scher Öster­rei­cher oder öster­rei­chi­scher Tsche­che, er blickt aus Brüs­sel mit gro­ßer Distanz auf Prag und natio­na­le Poli­tik zurück, sein euro­päi­scher Blick löst fami­liä­re Bin­dun­gen auf. Der euro­päi­sche Zusam­men­halt dicker als Blut? Wun­der­bar, das Brüs­sel-Euro­pa ist viel­spra­chig und gebil­det, fit und tole­rant, sta­bil ver­äs­telt genießt es die euro­päi­schen Küchen und schließt sei­ne Kom­pro­mis­se zwi­schen zwei Gän­gen.

Und dann ist es die­ses dis­zi­pli­niert radeln­de Brüs­sel, das jeden Falsch­par­ker mit Eifer bekämpft, dem sich am Ende, als die Bom­be deto­niert, Men­as­ses Fra­ge in den Rad­weg stellt:

Wozu ein Euro­pa, das nie wie­der Krie­ge füh­ren, aber von Ausch­witz nichts hören will? Solan­ge nur ein Jude in Euro­pa lebt, ver­kör­pert er  —  und das ist die tat­säch­li­che Ewig­keits­klau­sel der EU  —  die Erin­ne­rung ans eige­ne Mit­tun:

„Solan­ge sein Name nicht durch­ge­stri­chen ist, so lan­ge — “

… bleibt die Fra­ge akut: Wozu ein Euro­pa, das sei­ne Juden vor kei­ne Wand mehr stellt, wohl aber vor die Wahl, ent­we­der dem euro­päi­schen Anti­se­mi­tis­mus zu erlie­gen oder dem paläs­ti­nen­si­schen Ter­ror, den das radeln­de Euro­pa so hart­nä­ckig sub­ven­tio­niert, als han­de­le es sich um Obst­bau­ern, die Schäd­lin­ge bekämpf­ten …

„Er sah es vor sich wie einen Film: Der Auf­marsch der Toten, auf gro­ßer Lein­wand, sie mar­schier­ten in einem Stern­marsch durch alle Gas­sen und Stra­ßen zum Ber­ly­a­mont-Gebäu­de, eine Demons­tra­ti­on der ver­dräng­ten Geschich­te, ein Fanal der Grün­der des Euro­päi­schen Eini­gungs­pro­jekts, und dann kam der Sarg. Was für ein Sarg? Wer lag dar­in? Der letz­te Jude, na klar, der letz­te Jude …“

 


Robert Men­as­se by Rafae­la Pro­el, Suhr­kamp Ver­lag


ROBERT MENASSE | „DIE HAUPTSTADT
Lesung zum Euro­pa­tag am Platz des euro­päi­schen Ver­spre­chens

» Diens­tag 8. Mai | 18:00 Uhr
» 10 € | je Ticket geht ein Frei-Ticket an sozi­al Bedürf­ti­ge, Schüler/innen und pro-euro­päi­sche Initia­ti­ven
» Tickets gibt es direkt hier auf unse­rer Sei­te oder in jeder bes­se­ren VVK-Stel­le

Mit dem Schrift­stel­ler dis­ku­tie­ren im Anschluss an sei­ne Lesung:

» Micha­el Mau­er | Unter­neh­mer
» Niko­lai Fuchs | GLS-Treu­hand
» Schüler/innen der Hil­de­gar­dis-Schu­le Bochum

Mode­ra­ti­on: Dr. Ralph Köh­nen | Lite­ra­ri­sche Gesell­schaft Bochum