He Died At Home

Neal Morse | 15. Juni


War­um bringt einer, der aus dem Krieg zurück­ge­kehrt ist, sich zu Hau­se um? „Post­trau­ma­ti­sche Belas­tungs­stö­rung“ lau­tet die Diga­no­se, ein per­fi­des Wort. In den USA ster­ben inzwi­schen mehr Sol­da­ten at home als in der com­bat zone, sie ster­ben weni­ge Wochen spä­ter oder Jahr­zehn­te danach, auch in der Bun­des­wehr ist das Phä­no­men akut. Neal Mor­se hat einen Song dazu gemacht, er erschüt­tert.

Mor­se erzählt die Geschich­te von Wil­liam Bus­bee  —  hier der Song mit deut­schen Unter­ti­teln  —  eines Sol­da­ten, der immer Sol­dat wer­den woll­te und gelernt hat, was er woll­te. Und dann  —  Wil­liam hat in Afgha­ni­stan gekämpft: Sol­da­ten gegen Ter­ro­ris­ten, auch die Bun­des­wehr kämpft dort  —  kehrt er zurück, sein klei­ner Sohn war­tet auf ihn, sei­ne Fami­lie, er kehrt zurück in sein Leben und nimmt es sich.

Eine „Stö­rung“? Als habe da etwas nicht rich­tig funk­tio­niert? Ich glau­be eher, dass sich dar­in eine mensch­li­che, eine im tie­fen Sinn huma­ne Regung behaup­tet. Sie reagiert dar­auf, dass, wer über­lebt hat, sich schul­dig fühlt gegen­über denen, die es nicht geschafft haben. Schuld­ge­füh­le sind ein wie­der­keh­ren­des Motiv, wenn eine „post­trau­ma­ti­sche Belas­tungs­stö­rung“ dia­gnos­ti­ziert wird, und im Grun­de lau­tet die Fra­ge, ob eine „Stö­rung“ nicht eigent­lich dann fest­zu­stel­len wäre, wenn sol­che Gefüh­le aus­blie­ben. Wenn man sich nicht der Fra­ge stell­te, war­um ich sel­ber davon kom­me, wäh­rend es den Men­schen neben mir erwischt.

Sicher, die Fra­ge lässt sich hand­fest beant­wor­ten, die Ant­wort hat mit Bal­lis­tik zu tun, mit Flug­kur­ven und Bewe­gun­gen und Dienst­plä­nen und natür­lich mit Poli­tik und welt­ge­schicht­li­chen Ent­wick­lun­gen usw., alles Erklä­run­gen, die alles erklä­ren, aber nicht tra­gen, nicht durchs Leben.

Trägt die ande­re? Dass es so gewollt sei? Dass es im höhe­ren Rat­schluss gele­gen habe, wenn eine Kugel den einen trifft und einen ande­ren nicht? Und dass ich die­ser eine ande­re bin? Ich ein ande­rer?

Das der Titel eines Buches von Imre Ker­tész, „Ich — ein ande­rer“. Was Ker­tész  —  er wur­de 2002 mit dem Nobel­preis für Lite­ra­tur aus­ge­zeich­net  —  geschrie­ben hat, begrün­det nichts, außer dass er gän­gig ratio­na­le Begrün­dun­gen ver­wei­gert. Er ent­zieht dem Leben, sei­nem Über­le­ben, den Boden, auf dem er steht anstatt in ihm ver­scharrt zu sein. Ker­tész war nach Ausch­witz depor­tiert wor­den, dass er sei­ne Ver­nich­tung über­lebt hat, erschien ihm so erklär­lich wie Bio­lo­gie erklär­lich ist oder die Flug­kur­ve einer Kugel, so nüch­tern hat er davon berich­tet. Und sich gewei­gert, einen Sinn dar­in zu fin­den. Und seit­dem er uns das erzählt hat  —  dass es wider­sin­nig ist zu ver­su­chen, aus Ausch­witz einen ande­ren Sinn her­aus zu pres­sen als den, dass das Mor­den nur des­we­gen been­det wur­de, „weil das Rad sich gedreht, die Macht­zu­stän­de sich ver­än­dert haben“  —  seit­dem wis­sen wir, dass die Leh­re vom Leben das Über­le­ben nicht erklärt. So wenig wie eine Flug­kur­ve erklärt, war­um es nicht mich erwischt, son­dern den, der neben mir steht. So wenig wie der Glau­be an einen Gott, der Flug­kur­ven berech­nen könn­te, erklä­ren kann, war­um ich ver­schont wer­de und ein ande­rer ver­wor­fen, war­um ich gewollt sei und ein ande­rer nicht. Ker­tész:

„Das Dasein hat kei­ne Ent­schul­di­gung fürs Dasein.“

Wil­liam Bus­bee und Imre Ker­tész? Natür­lich ist es ein Unter­schied, ob man in Ausch­witz war oder in Afgha­ni­stan, ob depor­tiert oder aus frei­en Stü­cken, ob wehr­los oder schwer bewaff­net. Bei­den aber ist die Wei­ge­rung gemein, ihr Wei­ter­le­ben zu akzep­tie­ren als sei es ein Ver­dienst oder ein unver­dien­tes Geschenk oder das plau­si­ble Ergeb­nis einer Wahr­schein­lich­keits­rech­nung. Sie neh­men es als das, was es ist: ein Zufall, eine Will­kür, eine Unge­rech­tig­keit.

„You can’t watch fri­ends be kil­led and stay the same insi­de“

Weil die­se Unge­rech­tig­keit nicht in der Welt blei­ben soll, als wer­de die Zeit sie hei­len. Das Schuld­ge­fühl ist ein Unrechts­ge­fühl, das Unrecht bleibt unbe­irrt, es fragt, wie­so ich?

“No mom, the son you loved / Died some­whe­re over the­re”

Leben, sagt der Augen­schein, ist evi­dent, es schaut einen an und lächelt. Leben, sagt Wil­liam Bus­bee, ist kon­tin­gent, es ver­steht sich nicht von selbst. Es stellt vor die Fra­ge, ob es eine Schuld gibt, für die nichts kann, wer sie tra­gen muss: die Schuld des Lebens, des zufäl­li­gen Daseins, des zufäl­lig Ent­ron­nen­seins.

 


NEAL MORSE | Life And Times

» Frei­tag 15. Juni | 20 Uhr
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