Carp und wie sie die Welt sah

Wie treten wir Antisemitismus heute entgegen?

Geblä­se­hal­le, Land­schafts­park Duis­burg Nord by Mat­thi­as Baus ©, Ruhrrri­en­na­le 2008

Dass eine Band, die sich als BDS-Band erweist, ins Pro­gramm rut­schen kann, hät­te auch uns pas­sie­ren kön­nen: Die Fra­ge ist, wie pri­va­te und staat­li­che Ver­an­stal­ter  —  wir hier finan­zie­ren uns weit­ge­hend am Markt  —  damit umge­hen, wenn es pas­siert. Die Ant­wort der Ruhr­tri­en­na­le wird ein Maß­stab sein für alle Ver­an­stal­ter in NRW. Ein Plä­doy­er, von der res publi­ca her zu den­ken, der öffent­li­chen Sache:

Im Dezem­ber letz­ten Jah­res hat die Jüdi­sche Gemein­de Bochum-Her­ne-Hat­tin­gen  —  wie ande­re im Lan­de auch  —  ihren Mit­glie­der gera­ten, kei­ne Kip­pa mehr in der Öffent­lich­keit zu tra­gen. Zum 27. Janu­ar, dem Tag der Befrei­ung von Ausch­witz, haben Bochu­mer Künst­ler und Künst­le­rin­nen in der Chris­tus­kir­che reagiert:

„Wenn wir das akzep­tier­ten, gäben wir uns sel­ber auf“

so Chris Hop­kins, einer von vie­len. Auch Chor­werk Ruhr  —  eine von vier Pro­gramm­säu­len der Kul­tur Ruhr GmbH  —  steht dafür gera­de. Der Abend vor vol­lem Haus damals war ein State­ment, Tenor: Wer Juden hasst, muss uns alle has­sen.

Vor die­sem Hin­ter­grund lese ich den Streit um die „Young Fathers“, die BDS-Band, die ins Pro­gramm der Ruhr­tri­en­na­le gera­ten ist. Die öffent­li­chen Effek­te jetzt sind ande­re, wir lau­fen Gefahr, dass sich „Nar­ra­ti­ve“ ver­fes­ti­gen, die BDS die Büh­nen berei­ten und auf die sich, wer sie berei­tet, beru­fen kann:

1. Ist BDS eine „Kri­tik an der Regie­rung Isra­els“?

Nein. Die­ser Kurz­schluss durch­zieht die Dis­kus­si­on, seit­dem die Inten­dan­tin ihn mit ihrem ers­ten State­ment, der Absa­ge an die „Young Fathers“, gezo­gen hat. BDS zielt weder auf eine „Regie­rung“ noch auf „Kri­tik“, son­dern auf die Ver­nich­tung einer demo­kra­ti­schen Gesell­schaft.

2. Ist BDS “israel­kri­tisch”?

Das scheint der Sprach­ge­brauch zu sein, der sich öffent­lich durch­setzt, der WDR bspw ver­nied­licht BDS so. Das Bun­des­ka­bi­nett hat sich 2017 auf eine Defi­ni­ti­on von Anti­se­mi­tis­mus ver­stän­digt, sie bezieht die pau­scha­le Kri­tik an Isra­el mit ein. Wir soll­ten Anti­se­mi­tis­mus anti­se­mi­tisch nen­nen.

3. Gibt es eine Äqui­di­stanz?

Zwei Kam­pa­gnen, so die Inten­dan­tin, setz­ten die Ruhr­tri­en­na­le „unter Druck“, bei­de sei­en sie „ver­fla­chend, ver­kür­zend“. Die­se Dar­stel­lung ist fatal, sobald man öffent­lich ver­an­stal­ten will: Kul­tur­ver­an­stal­ter sind kei­ne Schieds­rich­ter zwi­schen Demo­kra­tie und Nicht-Demo­kra­tie.

4. Über­all Anti­se­mi­tis­mus, nir­gends Anti­se­mi­ten?

Die Inten­dan­tin hat für alle Künst­le­rin­nen und Künst­ler der Ruhr­tri­en­na­le  —  ein­schließ­lich der BDS-Akti­ven  —  erklärt: „Kei­ne Künst­le­rin und kein Künst­ler des dies­jäh­ri­gen Pro­gram­mes der Ruhr­tri­en­na­le ist anti­se­mi­tisch oder ras­sis­tisch.“ Wenn wir Anti­se­mi­tis­mus ent­ge­gen tre­ten wol­len, müs­sen wir begrei­fen, dass er in der Mit­te der Gesell­schaft eben­so zuhau­se ist wie an ihren Rän­dern, in allen Par­tei­en, Kir­chen und Ver­bän­den, in Wis­sen­schaft und Wirt­schaft und Sport usw. Es gibt kei­nen Frei­stel­lungs­be­scheid für Künst­ler.

5. Kunst darf das?

„Ich muss die Frei­heit der Kunst ver­tei­di­gen“, so die Inten­dan­tin als Begrün­dung dafür, war­um sie die BDS-Band  —  und jetzt mit aller­bes­tem Wis­sen, dass es sich um eine BDS-Band han­delt  —  erneut ein­lädt: Jetzt erst recht? Fei­er­li­cher lässt sich BDS nicht hei­lig­spre­chen. Die jüdi­schen Lan­des­ver­bän­de spre­chen von einem „Deck­man­tel“. Umso drin­gen­der, auf dem Aller­selbst­ver­ständ­lichs­ten zu bestehen: Boy­kott von Kunst ist kei­ne Kunst, Boy­kott von Frei­heit ist das Gegen­teil von ihr.

6. Ist das nicht „Zen­sur“?

„Ich möch­te unter kei­nen Umstän­den, auch nicht indi­rekt, Zen­sur aus­üben“, so die Inten­dan­tin. Das Argu­ment irr­lich­tert: Jeder Ver­an­stal­ter hat das Recht, Posi­tio­nen ein- und ande­re aus­zu­schlie­ßen, dafür ist eine Inten­danz da. Dafür ist auch die Kunst­frei­heit da: nicht alles als Kunst aus­ge­ben zu müs­sen, was sich als Kunst bemän­telt. Kunst und Nicht­kunst las­sen sich unter­schei­den. Der BDS spricht von Zen­sur, das ist klar  —  gera­de des­we­gen muss das ein­deu­ti­ge Signal an alle Ver­an­stal­ter gehen: Ja, wir haben das Recht und die Frei­heit, BDS-Bands raus­zu­wer­fen.

Weil es nun­mal um die Ruhr­tri­en­na­le geht und kein Klein­stadt­fes­ti­val,

lie­ße sich das alles mit einem kla­ren State­ment begra­di­gen. Es lie­ße sich auch von der Inten­dan­tin sel­ber klar­stel­len: Die Ruhr­tri­en­na­le ist, ihrem Selbst­ver­ständ­nis nach, ein ler­nen­des Fes­ti­val, eines, das mit der Gesell­schaft, die es ver­än­dern will, kom­mu­ni­ziert. Das kann mit Ste­fa­nie Carp gesche­hen oder ohne sie, ihre beruf­li­che Zukunft steht nicht im Fokus, son­dern eine Auf­ga­be:

  »  dass wir vor aller Augen und Ohren die Selbst­ver­stän­di­gung dar­über füh­ren, wie wir Anti­se­mi­tis­mus ent­ge­gen tre­ten  —  mit einer Über­zeu­gung oder einem „Nar­ra­tiv“?

Das aller­dings wäre kei­ne Dis­kus­si­on mit BDS-Gran­den, wie Ste­fa­nie Carp es sich denkt, son­dern unter Ver­an­stal­tern, Agen­tu­ren, Spon­so­ren, auch Auf­sichts­rä­ten und Kul­tur­aus­schüs­sen. Es wäre kei­ne Dis­kus­si­on über Isra­el, son­dern über uns in NRW. Es wäre kei­ne Dis­kus­si­on „über Boy­kott, Frei­heit der Kunst und die Unter­schie­de der Per­spek­ti­ven“, wie Frau Carp meint, son­dern über Anti­se­mi­tis­mus.

Eine sol­che Selbst­ver­stän­di­gung könn­te für alle, die ver­an­stal­ten, Ori­en­tie­rung bie­ten. Der­zeit bleibt der Ein­druck: any­thing goes.