Hip = antisemitisch?

Ruhrtriennale hat ein Problem, wir haben es auch.

Jahr­hun­dert­hal­le Bochum by Jonak Loch­mann, Ruhr2010 | © Jonak Loch­mann

Im letz­ten Jahr waren sie die Head­li­ner unter den Anti­se­mi­ten, die das Pop-Kul­tur Fes­ti­val in Ber­lin „boy­kot­tiert“ haben. In die­sem Jahr sind sie Head­li­ner der Ruhr­tri­en­na­le. Zitat: „Young Fathers – das erfolg­rei­che schot­ti­sche Trio – sind zurück!“ Eine Gedan­ken­lo­sig­keit? Absicht? Ein Pro­blem. Ein mas­si­ves. Die Ruhr­tri­en­na­le, das öffent­lich finan­zier­te „Fes­ti­val der Küns­te“, hat jetzt ein Pro­gramm vor­ge­legt, das hohe Ansprü­che an die poli­ti­sche Moral  —  die eige­ne und nicht nur die des Publi­kums  —  for­mu­liert. Für Ste­fa­nie Carp, die neue Inten­dan­tin, geht es dar­um,

„die Ver­än­de­rung aller sozia­len und kul­tu­rel­len Ver­hält­nis­se krea­tiv mit­zu­ge­stal­ten … Wir wol­len in offe­nen Gesell­schaf­ten leben …“

Also: kein Kol­le­gah, kein Farid Bang, kein Echo ver­gan­ge­ner Echos, son­dern:

„Wir ent­wi­ckeln neue Auf­merk­sam­kei­ten.“

Und dann eine Band rel­oa­ded, die  —  das berich­ten heu­te zeit­gleich die Ruhr­ba­ro­ne  —  sehr viel Auf­merk­sam­keit ent­wi­ckelt hat dafür, dass sie sich expli­zit zu BDS bekennt? BDS ist über­setzt „Boy­cott, Dive­st­ment and Sanc­tions“ und ist

„eine zutiefst anti­se­mi­ti­sche Bewe­gung“

so etwa Frank­furts Bür­ger­meis­ter Uwe Becker. Die Stadt Frank­furt hat jede Zusam­men­ar­beit mit Grup­pen und Ein­zel­per­so­nen, die BDS unter­stüt­zen, per Magis­trats­be­schluss unter­sagt, die Stadt Mün­chen eben­so, die Stadt Ber­lin prüft der­zeit ein „rechts­si­che­res Raum­ver­ga­be­ver­bot“, in Bochum dage­gen schließt man die Jahr­hun­dert­hal­le auf? „Eines der außer­ge­wöhn­lichs­ten Fest­spiel­häu­ser Euro­pas“?

Trä­ger der Hal­le ist der­zeit noch das Land NRW. Das Land ist auch  —  zusam­men mit dem Regio­nal­ver­band Ruhr  —  Gesell­schaf­ter der Kul­tur Ruhr GmbH, sie wie­der­um pro­gram­miert die Ruhr­tri­en­na­le. In eben die­sem Land NRW haben sich, was BDS angeht, die poli­ti­schen Kräf­te posi­tio­niert:

_ Die CDU hat bereits 2016 auf ihrem Bun­des­par­tei­tag die BDS-Kam­pa­gne als „ein­deu­tig anti­se­mi­tisch“ ver­ur­teilt.

_ Die Grü­nen in NRW haben im Janu­ar beschlos­sen, man wer­de sich „ent­schie­den auf die Sei­te der offe­nen Gesell­schaft“ stel­len: „Wir wer­den kei­ne Ver­an­stal­tun­gen (mit-) aus­rich­ten oder unter­stüt­zen, bei denen sich posi­tiv auf die BDS-Bewe­gung bezo­gen wird.“

_ Der SPD in Ber­lin hat beschlos­sen: „Wir for­dern die SPD-Glie­de­run­gen auf, sich nicht an der BDS-Kam­pa­gne zu betei­li­gen oder For­ma­te (Ver­an­stal­tun­gen, Aus­stel­lun­gen, Demons­tra­tio­nen usw.), an der die BDS-Bewe­gung betei­ligt ist, zu unter­stüt­zen.“ Eine ent­spre­chen­de Initia­ti­ve hat die SPD-Frak­ti­on im Köl­ner Stadt­rat ergrif­fen.

Sind ein paar Bei­spie­le, ich hab nur etwas geg­oogelt, klar wird: BDS ist ein The­ma der Poli­tik. Und es ist eines der brei­ten Öffent­lich­keit: Als die Young Fathers im August 2017 erklär­ten, sie könn­ten in Ber­lin nicht auf­tre­ten, weil sie dann in die Nähe von Isra­el gerä­ten, deren Regie­rung das Fes­ti­val für 500 € geka­pert habe usw., als sie die­ses kom­plett para­noi­de Zeugs erklär­ten, ging das durch alle Medi­en, gro­ße wie klei­ne, selbst Kul­tur­staats­mi­nis­te­rin Grüt­ters sah sich ver­an­lasst, vor­sich­tig Stel­lung zu bezie­hen. Und jetzt, kei­ne 10 Mona­te spä­ter:

„Young Fathers sind zurück!“

Als sei deren „Boy­kott“ der Pop-Kul­tur 2017 zum Bewer­bungs­schrei­ben gewor­den für die Ruhr­tri­en­na­le 2018. Haben die drei Schot­ten  —  deren Musik in der Tat phä­no­me­nal gut ist  —  in der Zwi­schen­zeit viel­leicht etwas begrif­fen? Öffent­lich offen­bar nichts, sie geben ver­bla­se­ne Theo­ri­en zum Bes­ten [Boy­kott heißt ihnen, „wir wol­len einen Dia­log ermög­li­chen“ und „indem wir vor Ort weder gespielt noch gespro­chen haben, haben wir einen weit­aus grö­ße­ren Dia­log ange­regt“ und dgl. Non­sens] und geben sich aus­dau­ernd anti­ras­sis­tisch, immer das brei­te Bünd­nis im Blick. Jens Bal­zer:

„Kann man gegen Ras­sis­mus rap­pen, wenn man gleich­zei­tig Anti­se­mi­ten unter­stützt? Seit sich die Young Fathers im letz­ten Jahr zu Par­tei­gän­gern der BDS-Kam­pa­gne mach­ten, ist ihr poli­ti­sches Enga­ge­ment unglaub­wür­dig.“

Bal­zer hat­te 2017 für DIE ZEIT den anti­se­mi­ti­schen Kul­tur­boy­kott als Pop-Phä­no­men ana­ly­siert, eine Lek­tü­re­emp­feh­lung nicht nur fürs Head­quar­ter der Ruhr­tri­en­na­le heu­te. Kur­zer Rück­blick: 2013 bereits hat­te die Ruhr­tri­en­na­le Mas­si­ve Attack auf die Büh­ne gestellt, das Duo ist  —  neben dem ein­ge­fleisch­ten Roger Waters, dem die ARD-Anstal­ten jetzt doch ein­mal die Pro­mo für sei­ne anti­se­mi­ti­sche Lei­den­schaft ent­zo­gen haben  —  die eigent­li­che Pre­mi­um-Band im Port­fo­lio von BDS. Und auch das war 2013, als Mas­si­ve Attack von der Ruhr­tri­en­na­le prä­sen­tiert wur­de, längs­tens bekannt. Die Fra­ge ist:

Wie aus die­ser Num­mer raus­kom­men?

Ich bin sel­ber Kon­zert­ver­an­stal­ter, ein biss­chen ken­ne ich das Geschäft, wenn mir das pas­siert wäre … dass mir Leu­te ins Pro­gramm rut­schen, die alle ästhe­ti­schen Kri­te­ri­en erfül­len und alle Stan­dards des poli­ti­schen Bewusst­seins bis auf die Tat­sa­che, dass sie Anti­se­mi­ten sind … Die Optio­nen, die mir ein­fal­len, ein­mal durch­ge­spielt:

1. Opti­on: Kon­zert absa­gen. Wenn Young Fathers es sich leis­ten kann, in Ber­lin abzu­sa­gen, weil ihnen Isra­el nicht passt, wird die Ruhr­tri­en­na­le es sich leis­ten kön­nen, ihnen in Bochum abzu­sa­gen, weil Anti­se­mi­tis­mus hier nicht passt.  —  Der Effekt einer Aus­la­dung: wäre die Ein­la­dung, sich in die Opfer­rol­le zu wer­fen.

2. Opti­on: Israe­li­sche Bot­schaft bit­ten, 500 € Rei­se­kos­ten­zu­schuss zu geben.  —  Den Effekt: wird es nicht geben, Anti­se­mi­tis­mus ist das Pro­blem, das wir sel­ber lösen müs­sen.

3. Opti­on: Dar­auf hof­fen, dass die Young Fathers, wenn sie hier spie­len, ihre anti­se­mi­ti­sche Welt­sicht für sich behal­ten.  —  Effekt: dass alle, die vor der Büh­ne ste­hen, sehr wohl wis­sen, um was es geht, näm­lich um das, was Anti­se­mi­tis­mus seit jeher getra­gen hat, das stil­le Ein­ver­ständ­nis.

4. Opti­on: Ein „Panel“ an das Kon­zert anschrau­ben, einen „Dia­log ansto­ßen“ … nur mit wem? Mit drei Schot­ten, die nie in Isra­el waren und nie dahin wol­len, aber bes­tens Bescheid wis­sen?  —  Der Effekt: PR für anti­se­mi­ti­sche Well­ness.

Ich weiß es nicht. Was ich weiß: Die Ruhr­tri­en­na­le ist toll, ein Feu­er­werk der Sin­ne und des Sinns, wir arbei­ten hier ja nicht zufäl­lig mit Chor­werk Ruhr zusam­men. Und das ande­re: dass, sobald man sich auf dem frei­en Markt bewegt, alle das glei­che Pro­blem haben. Wäre bil­lig, der Poli­tik die Ver­ant­wor­tung zuzu­schie­ben, indem man auf irgend­ein „rechts­si­che­res Raum­ver­ga­be­ver­bot“ war­ten wür­de. Noch bil­li­ger, sich eine „Ethik-Jury“ anzu­la­chen wie es doch eben erst zur Lach­num­mer gewor­den ist für alle ein­schließ­lich der Ethik sel­ber.

Das wäre also mei­ne Opti­on: dass wir, die ver­an­stal­ten, uns zusam­men set­zen und über­le­gen, wie wir es lösen kön­nen, das Pro­blem, das wir alle haben. Das ein­mal als Offer­te im Desas­ter.

 

Jahr­hun­dert­hal­le Bochum by Jonak Loch­mann, Ruhr2010 | © Jonak Loch­mann