„Wenn wir anfingen, auf BDS zu schielen“

Offener Brief an Kulturministerin + Kulturausschuss NRW

 


Sehr geehr­te Frau Minis­te­rin,
sehr geehr­ter Herr Vor­sit­zen­der,

die Kam­pa­gne „Boy­cott, Dive­st­ment and Sanc­tions“  —  Sie haben sich deut­lich gegen sie gestellt, dafür möch­te ich Ihnen dan­ken  —  ver­übt  kul­tu­rel­len Ter­ror. Damit ist die allein ent­schei­den­de Gren­ze benannt: die zwi­schen Ter­ror und Demo­kra­tie. Es ist kei­ne Gren­ze zwi­schen „Nar­ra­ti­ven“ oder „Per­spek­ti­ven“: BDS boy­kot­tiert nicht Isra­el, son­dern demo­kra­ti­sche Kul­tur.

Mit der Ruhr­tri­en­na­le geht der BDS jetzt erst­mals gegen ein For­mat vor, das den pop­mu­si­ka­li­schen Bereich über­steigt: BDS expan­diert ins „Fes­ti­val der Küns­te“, in die Gen­res von Thea­ter, erns­ter Musik und bil­den­der Kunst. Es ist ein Quan­ten­sprung, ein poli­ti­scher.

In die­ser Situa­ti­on hat sich die Ruhr­tri­en­na­le, das Fes­ti­val der Küns­te, auf die Kunst­frei­heit beru­fen, um eine aktiv agi­tie­ren­de BDS-Band erneut ein­zu­la­den. Sie nicht ein­zu­la­den, bezeich­ne­te die Inten­dan­tin  —  s. Anla­ge  —  als „Zen­sur“. Damit greift die BDS-Logik über in die sog. Hoch­kul­tur.

Wir hal­ten dar­an fest: Boy­kott von Kunst ist kei­ne Kunst. Boy­kott von Frei­heit ist das Gegen­teil von ihr. Ter­ror ist das Gegen­teil von Demo­kra­tie, Kul­tur­ter­ror abset­zen ist kei­ne Zen­sur: Wir müs­sen der anti­se­mi­ti­schen Logik mit poli­ti­scher Logik begeg­nen.

Anders die Ruhr­tri­en­na­le, sie hat dem BDS jetzt einen wei­te­ren Qua­li­täts­sprung offe­riert: Hät­te sie die BDS-Band nicht wie­der ein­ge­la­den  —  das berich­tet heu­te die RHEINISCHE POST  —  „‘hät­ten wesent­li­che inter­na­tio­na­le Künst­le­rin­nen und Künst­ler abge­sagt‘, sag­te Inten­dan­tin Carp am Diens­tag auf Anfra­ge unse­rer Redak­ti­on. Wel­che Künst­ler genau, sag­te Carp nicht.“

Die­se Erklä­rung ergibt:

_ Alle Künst­le­rin­nen und Künst­ler der Ruhr­tri­en­na­le die­nen dazu, dem BDS gehei­me Grö­ße anzu­dich­ten.

_ Alle Künst­le­rin­nen und Künst­ler gera­ten in eine Ver­dachts­spi­ra­le.

_ Alle wer­den, wenn die Ver­dachts­spi­ra­le ange­dreht wird, bedrängt wer­den, sich zu äußern: BDS kann sei­ne Agen­da auf Dau­er stel­len.

_ Dafür genügt es dem BDS, heim­lich und inko­gni­to zu agi­tie­ren: Wir haben es mit einer neu­en Qua­li­tät der anti­se­mi­ti­schen Agi­ta­ti­on zu tun, ein Tele­fon­an­ruf reicht hin.

_ Die Inten­dan­zen aller gro­ßen Häu­ser und Fes­ti­vals wer­den erpress­bar wie es die Ruhr­tri­en­na­le ist. Leich­ter noch wer­den Pri­va­te erpress­bar, Agen­tu­ren, Labels und Ver­an­stal­ter wie wir es sind: BDS könn­te  —  per Kam­pa­gne oder Tele­fon­an­ruf  —  die Wirt­schaft­lich­keit eines Hau­ses, eines Fes­ti­vals, eines Jah­res­pro­gramms in Fra­ge stel­len.

Ver­ehr­te Frau Minis­te­rin, geehr­ter Herr Abge­ord­ne­ter, ich bit­te Sie dring­lich, poli­ti­sche Rah­men­be­din­gun­gen zu schaf­fen dafür, dass wir als Ver­an­stal­ter des kul­tu­rel­len Lebens auf BDS-Agi­ta­ti­on reagie­ren kön­nen. Wir ver­lie­ren unse­re Frei­heit, wenn wir die der Kunst ver­lie­ren. Wenn wir anfin­gen, auf BDS zu schie­len. Wie Sie und die nord­rhein-west­fä­li­sche Demo­kra­tie sich zur BDS-Agi­ta­ti­on stel­len, wird exem­pla­ri­sche Bedeu­tung haben für das Kul­tur­le­ben in Deutsch­land.

Hoch­ach­tungs­voll
Ihr

Tho­mas Wes­sel | Pfr

Anla­ge


DEUTSCHLANDFUNK | 25. JUNI 2018
Skript des Inter­views mit Dr. Ste­fa­nie Carp, Inten­dan­tin der Ruhr­tri­en­na­le

DLF: Wuss­ten Sie, dass die­se Band dem BDS nahe­steht und das Pop-Kul­tur-Fes­ti­val boy­kot­tiert hat?

„Als wir die Band ein­ge­la­den haben — die ja eine klei­ne Ein­la­dung unter ganz vie­len ist, der ich jetzt auch ehr­lich gesagt gar kei­ne beson­de­re Auf­merk­sam­keit geschenkt habe, ich mache ja nicht jeden ein­zel­nen Pro­gramm­punkt von A bis Z sel­ber — hab ich gar nicht gewusst, was der BDS über­haupt ist. Und – ich hab kurz mit mei­nen Kura­to­ren dar­über dis­ku­tiert, die gesagt haben: Ja, da gabs mal so einen klei­nen Auf­ruhr in Ber­lin, weil die da abge­sagt haben, aber … das wird sich wahr­schein­lich schon längst wie­der ver­spielt haben, die hät­ten vor kur­zem da auch wie­der ein Kon­zert gehabt, da wäre gar nichts pas­siert, irgend­wie haben wir das nicht so rich­tig ernst genom­men.

DLF: Und wie kam es dazu, dass sie dann wie­der abge­sagt haben?

Das kam des­halb, weil drei Mona­te nach unse­rer Ver­öf­fent­li­chung des Pro­gramms eine … Soci­al-Media-Akti­vis­tin, wür­de ich sagen … da immer eine rie­si­ge Kam­pa­gne star­te­te und dann auch die Regie­rung schrieb. Und gab jeden­falls auf ein­mal ein gro­ßes Rumo­ren um die­sen Auf­tritt der Young Fathers, ich woll­te mich ehr­lich gesagt damit erst­mal über­haupt nicht beschäf­ti­gen, weil ich die­ses gan­ze Soci­al-Media-Gequat­sche und die Über­trei­bun­gen und Ver­selb­stän­di­gun­gen und Ver­ein­sei­ti­gun­gen, die dar­aus resul­tie­ren, nicht mag. Aber es ließ sich dann nicht mehr ein­fach so igno­rie­ren, und dann haben wir erst­mal so ver­sucht, das Manage­ment zu über­re­den, sich doch vom BDS zu distan­zie­ren.

DLF: Das hat die Band dann nicht gemacht.

Ja die Band, ich weiß ehr­lich gesagt immer gar nicht, mit der Band sel­ber durf­ten wir gar nicht spre­chen, son­dern man spricht immer nur mit einer Per­son des deut­schen Manage­ments, und inso­fern kann ich noch nicht mal sagen, was die Künst­ler eigent­lich sel­ber zu alle­dem den­ken. Das woll­te das Manage­ment jeden­falls nicht, und dann haben wir wie­der über­legt, und dann haben wir sie nicht ein­fach aus­ge­la­den, wie es auch in den dann Gegen­kam­pa­gnen fälsch­li­cher­wei­se dar­ge­stellt wird, son­dern wir haben gesagt: Sag mal, wir haben damit echt ein Pro­blem hier in Deutsch­land. Das ist viel­leicht bei euch in Eng­land auch noch­mal ein ande­rer Dis­kurs, aber in Deutsch­land ist das ein Pro­blem. Und dann haben die gesagt: Naja, wir müs­sen ja nicht kom­men, dann las­sen wir‘s doch. Und dann woll­ten die ger­ne, dass wir das „gecan­celt“ nen­nen, weil sie das für ihre Fans bräuch­ten. Und da sind wir natür­lich schön rein­ge­fal­len, kann man sagen. Dar­auf­hin haben die dann eine gro­ße Opfer­stra­te­gie­kam­pa­gne gemacht, also einen ½ Tag spä­ter haben sie sich schon unglaub­lich beklagt usw.

DLF: … Die Band hat sich sel­ber als Opfer insze­niert?

Ja, die haben gesagt, sie fühl­ten sich unge­recht behan­delt. Das haben die halt geschrie­ben über­all, nicht.

DLF: (….) Ihnen war über­haupt nicht klar, was sie damit aus­lö­sen, oder?

Dass irgend­et­was aus­ge­löst wird, schon. Aber in wel­cher Form und in wel­chem Aus­maß nein.

DLF: (…) Wie­so haben sie die­se Band dann wie­der ein­ge­la­den?

Weil, ehr­lich gesagt geht es mir gar nicht so sehr … es geht mir jetzt … um den BDS schon mal gar nicht, also das möch­te ich mal vor­ab sagen, dass ich also wahr­schein­lich nach mei­ner bis­he­ri­gen Kennt­nis sicher­lich nicht mich sel­ber an einer BDS-Kam­pa­gne betei­li­gen wür­de und dass ich Boy­kott-Kam­pa­gnen eben bescheu­ert fin­de, weil man straft dann ja immer auch die­je­ni­gen mit, die zum Bei­spiel gegen, es gibt ja sehr sehr sehr sehr vie­le Israe­lis, die dage­gen sind, dass es dort kei­nen Frie­den gibt und dage­gen sind, dass sie die Paläs­ti­nen­ser beset­zen und sich als Besat­zungs­macht beneh­men, und all die­se Men­schen straft man dann ja mit ab, nicht, dar­um fin­de ich so eine Boy­kott-Bewe­gung eh blöd. Und auch dies gan­ze Spal­te­ri­sche und Auf­het­ze­ri­sche, das in dem Gan­zen liegt, mag ich nicht.

DLF: Trotz­dem haben Sie dem Druck doch wie­der nach­ge­ge­ben.

Nein. Es ver­hält sich ja nicht jeder immer nur tak­tisch. Ich habe nach­ge­dacht. Und ich habe dar­über nach­ge­dacht, fin­de ich das eigent­lich sel­ber rich­tig. Ich zen­sie­re jetzt Künst­ler. Oder die fühl­ten sich zumin­dest zen­siert. Und dann dach­te ich: Okay, haben sie auch nicht unrecht, ich zen­sie­re Künst­ler für eine bestimm­te Hal­tung, also ich unter­stel­le ihnen sag ich mal, dass sie Anti­se­mi­ten sind, was die Young Fathers wirk­lich nicht sind, also kann man sich alle ihre Tex­te durch­le­sen, alle ihre Inter­views, alle ihre — das haben sie wirk­lich sehr sehr klar gemacht. Die habe ich ja eigent­lich für ihre Musik und ihre Tex­te ein­ge­la­den und für nichts wei­ter. Und mache das jetzt zu dem ganz gro­ßen Zen­sur­punkt des Fes­ti­vals, was eigent­lich nur ein klei­ner Neben­schau­platz übri­gens war. Das fand ich sel­ber nicht mehr rich­tig und belei­di­ge dadurch aber auch noch sehr sehr vie­le ande­re Künst­le­rin­nen und Künst­ler und übri­gens wie es in der Pres­se immer fälsch­li­cher­wei­se dar­ge­stellt wird, durch­aus nicht nur aus dem ara­bi­schen Raum.

DLF: Haben Sie das Gefühl, sich da unfrei­wil­lig posi­tio­niert zu haben?

Ich möch­te mich da nicht posi­tio­nie­ren. Das habe ich ja ver­sucht in mei­nem State­ment aus­zu­drü­cken. Aber ich möch­te ein mög­lichst unzen­sier­tes Pro­gramm machen, in dem selbst­ver­ständ­lich weder Ras­sis­mus noch Anti­se­mi­tis­mus noch irgend­ei­ne ande­re Form von aus­gren­zen­dem Ver­hal­ten sei­tens Künst­ler vor­kom­men darf in den künst­le­ri­schen Wer­ken, in dem ich aber kei­ne wei­te­ren Kon­trol­len, was die­se Künst­ler als Per­so­nen sonst noch mög­li­cher­wei­se sagen, da müss­te ich, müss­te ich qua­si ¾ mei­nes Pro­gramms in die Ton­ne tre­ten. Es sind ja auch Künst­ler jetzt nicht immer Reprä­sen­tan­ten einer bestimm­ten iden­ti­tä­ren, eines bestimm­ten iden­ti­tä­ren Dis­kur­ses, sie sind Reprä­sen­tan­ten ihrer Kunst.

DLF: Wel­che Schlüs­se zie­hen Sie jetzt dar­aus?

Im Bereich Pop­kul­tur, weil da die Dis­kus­si­on ja noch­mal viel viel viel här­ter und unver­söhn­li­cher und pole­mi­scher vor allen Din­gen geführt wird, wie ich mer­ke, wür­de ich sicher­lich viel viel genau­er recher­chie­ren oder das ver­lan­gen von den Kol­le­gin­nen und Kol­le­gen, die mir etwas vor­schla­gen. Es gibt einen rich­ti­gen Feh­ler am Anfang, und dann ist man aus fal­schen Ent­schei­dun­gen nicht mehr raus­ge­kom­men, weil man danach nur noch fal­sche Ent­schei­dun­gen tref­fen kann. Der Feh­ler war, die Young Fathers über­haupt ein­zu­la­den.


 

Mehr zum The­ma u.a. hier:

RHEINISCHE POST | Roger Waters freut es by Klas Libuda

Ruhrtriennale | Carp und wie wir die Welt sehen

JÜDISCHE ALLGEMEINE | Vehikel einer antisemitischen Kampagne

NOZ | Punkt­sieg für Popu­lis­ten. Skan­dal um ruhr­tri­en­ba­le by Ste­fan Lüd­de­mann

RUHRBARONE | Wie es jetzt weitergehen muss

ZEIT online: Der Boykott vom Boykott vom Boykott by Jens Balzer

Ruhrtriennale: Young Fathers lehnen Einladung ab

TAZ | Peinliches Rumeiern by Julian Weber

Ruhrtriennale: Terror-Sympathisanten bejubeln Stefanie Carps Entscheidung

Ein Herz für Israelhasser: Ruhrtriennale lädt Young Fathers erneut ein

Ruhrtriennale: Fünf Künstler folgen Brian Enos antisemitischem Boykottaufruf

Ruhrtriennale: Konzert der Young Fathers findet nicht statt

Ruhrtriennale: Young Fathers sollen sich von BDS distanzieren

Young Fathers – BDS-Band stellt neues Album auf der Ruhrtriennale vor