Sofort Bilder

Ausstellung mit Polaroids von Wim Wenders im c/o Berlin

Die Angst des Tor­manns … | Digi­ta­les Sofort­bild einer Repro eines Pola­ro­ids von Wim Wen­ders, © Schirmer/Mosel

Wim Wen­ders  —  im letz­ten Jahr haben wir ihn in der Chris­tus­kir­che mit dem Hans-Ehren­berg-Preis gewür­digt  —  hat in Ber­lin eine klei­ne Aus­stel­lung ein­ge­rich­tet, sie ist wun­der­voll, es geht um Pola­ro­ids. Wen­ders hat viel mit die­sen Wun­der­ma­schin­chen der 70er gear­bei­tet, oder nein,

„die Kame­ra war eher eine Art Spiel­zeug, kein ernst­haf­tes Instru­ment, und Bil­der damit auf­zu­neh­men, das war ein­fach ein Spaß, das hat­te etwas Bei­läu­fi­ges und Läs­si­ges, war sorg­los und unbe­küm­mert. War­um eigent­lich?“

Die­ser Fra­ge geht er nach, indem er die Geschich­ten erzählt, die in so einem Pola­ro­id ste­cken, die­sem „Bild-Ding“, dem „letz­ten Auf­bäu­men des ana­lo­gen Zeit­al­ters“. Im Kata­log von Schirmer/Mosel erzählt Wen­ders ein­gangs von dem Sofort-Bild als Dop­pel­gän­ger der Wirk­lich­keit:

„Es gab kein Nega­tiv, von dem man ‚Dupli­ka­te‘ hät­te machen kön­nen, es gab kei­ne ande­ren Daten oder Files außer die­sem rea­len, für sich allein exis­tie­ren­den Ding: ein klei­nes recht­ecki­ges Bild in sei­nem eige­nen Rah­men … Was man in der Hand hielt, war die Idee selbst vom ‚Sich-ein-Bild-machen‘. Da war DIE WELT, und hier war DAS BILD DAVON. … Nichts ähnel­te oder kam je die­ser Pola­ro­id-Erfah­rung gleich. Das Wun­der war sei­ne küh­ne Ein­ma­lig­keit! Und dass es Objek­ti­vi­tät behaup­te­te, mehr noch: einen Sinn für Wahr­heit.

Sie mögen glau­ben, daß wir die­se Ide­en längst hin­ter uns gelas­sen haben. Haben wir nicht, wir sind ihrer nur ent­wöhnt. Auf jeden Fall waren wir mit der Pho­to­gra­phie nie wie­der so sehr im Rei­nen! Ich glau­be nicht, daß ich es roman­tisch über­hö­he, wenn ich behaup­te, daß Pola­ro­ids das letz­te Auf­bäu­men einer Zeit waren, in der wir unse­rer Sache noch sicher waren, nicht nur im Bereich der Bil­der. Wir hat­ten damals nichts als Zutrau­en in die Din­ge.“

Zutrau­en in die Din­ge, die Men­schen um einen her­um, die Wahr­heit des gemein­sam erleb­ten Moments. Heu­te, im digi­ta­len Äon, sind alle Bil­der Sofort­bil­der, was sich geän­dert hat, das ist, dass die Bil­der kei­ne unmit­tel­bar sozia­len mehr sind: Pola­ro­ids muss­te man in die Hand neh­men und wei­ter­rei­chen, um sie zu tei­len. Und dann beug­te man sich über sie, die kaum grö­ßer waren als 5,5 Zoll, aber allen gehör­ten, die den Moment geteilt hat­ten. Und sie gehör­ten allen, weil alle die­sen einen Moment geteilt hat­ten. Heu­te teilt man Pixel statt Erfah­rung. Pola­ro­ids, sagt Wen­ders, zei­gen uns

„noch ein­mal die Fall­hö­he, die wir alle durch­flo­gen haben, jenen lang­sa­men Pro­zeß der Ent­frem­dung von Erfah­rung aus ers­ter Hand“.

Und wie eigent­lich immer bei Wen­ders: Er bet­tet, was er denkt, in Pop, die Aus­stel­lung eröff­net mit einem Zitat von den Kinks: „Peop­le take pic­tures of each others / Just to pro­ve that they real­ly exis­ted.“ Und endet mit Pearl Jam: “Makes much more sen­se to live in the pre­sent ten­se …”

Die Aus­stel­lung läuft noch bis zum 22. Sep­tem­ber, der Kata­log ist teu­er, aber toll.


WIM WENDERS: SOFORT BILDER

c/0 Ber­lin, Ame­ri­ka-Haus | Har­den­berg­str. 22–24 | direkt am Bhf Zoo Ber­lin
So — Sa 11–20 Uhr | 10/6 €

Kata­log 49,80 bei Schirmer/Mosel