„Architektur der Freiheit“

Christuskirche Bochum ausgezeichnet

Prof. Chris­ta Rei­cher, Dr. Gerald Hag­mann, Dr. Han­na Hin­richs | Foto Sabi­ne Hahn­e­feld

Als der Krieg zu Ende war, lag Euro­pa zer­stört, die Innen­stadt Bochums war eine Land­schaft aus Trüm­mern. Aus ihr rag­te ein­sam der Turm der Chris­tus­kir­che empor. Was dann begann, nennt sich auch heu­te noch „Wie­der­auf­bau“, gebaut wur­de aber oft­mals neu und, was wich­ti­ger, in einer neu­en archi­tek­to­ni­schen Spra­che. Der Geist der 50er und 60er und dann hin­ein in die 70er Jah­re war geprägt vom dem Bewusst­sein, in eine bes­se­re Zukunft auf­zu­bre­chen. Die Archi­tek­tur und der Städ­te­bau der „Wirt­schafts­wun­der­jah­re“ erzäh­len von poli­ti­schem Wan­del und von sozia­len Uto­pi­en, von Expe­ri­men­tier­freu­de und inno­va­ti­vem Geist. Neue Schu­len und neue Uni­ver­si­tä­ten ent­stan­den, in denen die­ser ande­re Geist weh­te, auch neue Rat­häu­ser und Kir­chen, Kauf­häu­ser und Wohn­sied­lun­gen. Eine Epo­che des Auf­bruchs, getra­gen vom Ver­trau­en dar­in, dass Men­schen eine gemein­sa­me Welt bau­en kön­nen …

Heu­te ist die Epo­che  —  und mög­li­cher­wei­se auch die­ses Ver­trau­en  —  zur Ver­gan­gen­heit gewor­den. Die Bau­wer­ke aber erzäh­len davon, sie sind geblie­ben. Jetzt, im Jahr des Euro­päi­schen Kul­tur­er­bes „Sharing Heri­ta­ge“, wird die­ses bau­li­che Erbe  —  eben weil es kein loka­les ist, auch kein natio­na­les, es ist ein euro­päi­sches  —  in ein neu­es Licht gerückt. „Big Beau­ti­ful Bul­dings. Als die Zukunft gebaut wur­de“ heißt das gemein­sa­me Pro­jekt von Stadt­Bau­Kul­tur NRW und der Tech­ni­schen Uni­ver­si­tät Dort­mund (Fach­ge­biet Städ­te­bau, Stadt­ge­stal­tung und Bau­leit­pla­nung), geför­dert vom Euro­päi­schen Kul­tur­er­be­jahr 2018 sowie der Beauf­trag­ten der Bun­des­re­gie­rung für Kul­tur und Medi­en. Beson­ders gewür­digt und mit einem „Wan­der­po­kal“ aus­ge­zeich­net wur­de jetzt die Chris­tus­kir­che Bochum, ein Bau­werk, in der Archi­tek­tur­kri­tik schon immer in höchs­ten Tönen gelobt:

1956 wur­de die Chris­tus­kir­che von Die­ter Oes­ter­len erdacht, 1959 ein­ge­weiht, ein Ensem­ble aus moder­nem Kir­chen­schiff und einem alten Turm, in dem eine Gedenk­hal­le über­dau­ert hat, die noch an den Welt­krieg zuvor erin­nert, den Ers­ten Welt­krieg, die „Ur-Kata­stro­phe Euro­pas“: 

_ Oes­ter­len hat den neu­en Bau­kör­per abge­setzt vom Turm, er hat Ver­gan­gen­heit und Gegen­wart im Wort­sinn aus­ein­an­der­ge­setzt.

_ Das Kir­chen­schiff sel­ber hat er aus der alten Ach­se geschwenkt, also die Blick- und gleich­sam die Denk­rich­tung geän­dert.

_ Und er hat einen Raum geschaf­fen, der, mit aller­bes­ten akus­ti­schen Bedin­gun­gen, voll­kom­men bil­der­los ist.

Ent­stan­den ist eine Archi­tek­tur, die nicht belehrt und nicht befiehlt, die nie­man­dem vor­gibt, was er zu den­ken oder zu füh­len habe, son­dern die allen ihre Frei­heit lässt. Oder eben: die alle in ihre Frei­heit ent­lässt. Und das ist das schöns­te Kom­pli­ment, das man einer archi­tek­to­ni­schen Form machen kann.

„Tol­le Figur“, schrieb ein­mal eine Musik­kri­ti­ke­rin über die Chris­tus­kir­che, die als Kul­tur- und vor allem Kon­zert­ort bun­des­weit bekannt gewor­den ist. Pro Jahr hat die Chris­tus­kir­che Bochum, das ein­mal als Ver­gleich, mehr Besu­cher als die Ruhr­tri­en­na­le. Inter­na­tio­na­le Grö­ßen aus völ­lig unter­schied­li­chen Gen­res  —  Jazz eben­so wie Pop, Klas­sik eben­so wie Gothic, Ambi­ent eben­so wie Chor  —  geben sich ein Stell­dich­ein. Gleich­zei­tig ist die Chris­tus­kir­che Spiel­ort für regio­na­le Grö­ßen, die ihre Zukunft noch vor sich haben. Dr. Han­na Hin­richs, Geschäfts­füh­re­rin der Stadt­Bau­Kul­tur NRW:

„Das wür­di­gen wir mit der Aus­zeich­nung beson­ders: Die Chris­tus­kir­che ver­ge­gen­wär­tigt das bau­li­che Erbe, das sie sel­ber ist. Die­se Archi­tek­tur lebt, die gebau­te Zukunft dau­ert an.“

Dafür steht auch der Platz des euro­päi­schen Ver­spre­chens: Auch die­ses Kunst­werk von Jochen Gerz, 2007 — 2015 aus ins­ge­samt 14.726 Namen von euro­päi­schen Bür­ge­rin­nen und Bür­gern gebaut, ist aus der Chris­tus­kir­che her­aus ent­stan­den. Gerz‘ Kunst nimmt vor­weg, wie Euro­pa gebaut wer­den könn­te: als eine viel­stim­mi­ge, eine euro­päi­sche Demo­kra­tie. Als ein Ort, der jeder und jedem die Frei­heit belässt. Oder eben: in die eige­ne Frei­heit ent­lässt.
 


FOTO v.l.:

Prof. Dr. Chris­ta Rei­cher | Lehr­stuhl und Insti­tut für Städ­te­bau der RWTH Aachen, ehem. Deka­nin der Fakul­tät Raum­pla­nung der TU Dort­mund
Dr. Gerald Hag­mann | Super­in­ten­dent der Evan­ge­li­schen Kir­che in Bochum
Dr. Han­nah Hin­richs | Geschäfts­füh­re­rin der Stadt­Bau­Kul­tur NRW, Gel­sen­kir­chen