„The Making of the Nazi“

Disney, Mendelssohn, Stadtkantorei | 20. Okt.


Ein klei­ner Dis­ney Film, er ist 75 Jah­re alt: „Edu­ca­ti­on for Death, The Making of the Nazi“ erzählt die Geschich­te von Hans, der, in die frü­hen Hit­ler­jah­re hin­ein gebo­ren, zu einem from­men Nazi erzo­gen wird: „mar­ching and hei­ling“, mar­schie­ren und heil­hit­ler­brül­len. Ab Min 8:10 fol­gen­der Sze­nen­ab­lauf: Fackel­marsch, eine Bücher­ver­bren­nung, ein christ­li­ches Kreuz wird abge­räumt, eine Kir­che nie­der­ge­brannt. His­to­risch ist das nicht, zer­stört wur­den die Syn­ago­gen, inter­es­sant aber, wel­che Bücher der Film zeigt, die ver­brannt wor­den sind: Vol­taire, Spi­no­za und Men­dels­sohn. Auf­klä­rung, Reli­gi­ons­kri­tik und Bür­ger­tum. Noch­mal anders: ratio­na­le Reli­gi­on, jüdi­sche Reli­gi­ons­kri­tik, eman­zi­pier­te Kul­tur. Wer­den sie aus dem Den­ken ver­bannt, ver­schwin­det das Kreuz und die Kir­che geht zugrun­de. Das ein­mal als Adres­se ans eige­ne Unter­neh­men, der Film ist von 1943. Und um Dis­neys Ein­sicht nun auf den „Eli­as“ anzu­wen­den, den die Stadt­kan­to­rei jetzt am Sams­tag singt:

Von die­ser zen­tra­len Gestalt des Juden­tums, Eli­as, kennt man heu­te vor allem die Geschich­te, die in 1 Köni­ge 18 erzählt wird, eine Art Wett­kampf zwi­schen Gott und Göt­zen: 450 Pries­ter auf der einen Sei­te, sie ver­eh­ren Baal, einen Wet­ter- und Furcht­bar­keits­gott, in unge­zähl­ten Bild­nis­sen und Sta­tu­en dar­ge­stellt. Ihnen gegen­über Elia, sein Gott ist unsicht­bar. Jede Par­tei opfert einen Stier, und

„der Gott, der mit Feu­er ant­wor­tet, der ist Gott.“

Die Baal­pries­ter schei­tern, wer tat­säch­lich Feu­er vom Him­mel reg­nen lässt, das ist der unsicht­ba­re Gott. Dar­auf­hin lässt Elia alle 450 Baal­pries­ter töten.

Ein Got­tes­be­weis? Und gleich­zei­tig ein Beweis dafür, dass die­ser eine und ein­zi­ge Gott bru­tal und rach­süch­tig sei? Dass Mono­the­is­mus  —  so ja der gän­gig reli­gi­ons­kri­ti­sche Vor­wurf, der ziem­lich häu­fig ziem­lich anti­se­mi­tisch kon­no­tiert ist  —  dass die­ser jüdi­sche Gott zu Mord und Tot­schlag füh­re?

Weder noch, die Geschich­te geht wei­ter, die Baal-Ver­eh­rer blei­ben über­mäch­tig, Elia muss flie­hen, er ver­zwei­felt an sei­nem Gott: „Ich allein bin übrig geblie­ben.“ Und da pas­siert es, der Unsicht­ba­re zeigt sich ihm  —  aller­dings anders als gedacht, er zeigt sich, indem er sich nicht zeigt:  

„Und sie­he, Gott ging vor­über und ein gro­ßer, star­ker Wind, der die Ber­ge zer­riß und die Fel­sen zer­brach, ging vor Gott her; aber Gott war nicht im Win­de. Nach dem Win­de aber kam ein Erd­be­ben; aber Gott war nicht im Erd­be­ben. Und nach dem Erd­be­ben kam ein Feu­er; aber Gott war nicht im Feu­er.“  

Feu­er also  —  eben noch der ulti­ma­ti­ve Got­tes­be­weis  —  beweist gar nichts. Ein Gott, der mit Feu­er ant­wor­tet, ist kei­ner. Auch die ande­ren Ele­men­te der Natur  —  in der grie­chi­schen Phi­lo­so­phie wur­den sie alle erst ein­zeln, dann alle zusam­men zum Urstoff erho­ben  —  sind nicht Gott, und wei­ter: Natur in toto ist nicht Gott, son­dern Gott ist nach ihr, grie­chisch: meta phy­sis. Biblisch geht das so:

Nach dem Feu­er aber kam eine Stim­me ver­schwe­ben­den Schwei­gens.“

Stim­me ist Geist, in Phy­sis über­setzt. In ihr, die­ser schwei­gend ver­schwe­ben­den Stim­me (so hat Mar­tin Buber über­setzt), in ihr erkennt Elia Gott. Nicht im Feu­er, nicht im Opfer, nicht im Tri­umph. Die Geschich­te von Elia zeich­net einen Erkennt­nis­weg nach. Es ist ein Weg, der sich quer durch den Ten­ach zieht und die Ein­sicht formt, dass Natur außer­stan­de ist, einen Gott frei­zu­set­zen. Dass Natur sich weder sel­ber erschaf­fen noch sel­ber erlö­sen kann. Dass Gott, wenn es ihn gibt, ande­res sein muss als Natur, näm­lich Geist, und dass Ver­nunft, wenn es sie gibt, mehr sein muss als Fres­sen und Gefres­sen­wer­den. Die Kri­tik am Opfer, an dem Wett­streit mit den Baal­pries­tern und an deren Tod ist Teil der Geschich­te, die davon erzählt.

Und damit zurück zu Walt Dis­neys Nazi-Demon­ta­ge. Ab Min 5:34 erhält Hans eine „Natur­kun­de­stun­de“, die Lek­ti­on lau­tet: „Die Welt gehört den Star­ken.“ Und dann, so geht die­se „fire-edu­ca­ti­on“ wei­ter, ist es das Feu­er der Fackeln, das jene Stim­men ver­brennt, die sich wei­gern, Natur anzu­be­ten und ein Recht, das der Stär­ke­re habe.

 


MENDELSSOHN BARTHOLDY | ELIAS op. 70
Ora­to­ri­um nach Wor­ten des Alten Tes­ta­ments für Soli, Chor und Orches­ter

Sibyl­la Rubens | Sopran
Elvi­ra Bill | Alt
Kier­an Car­rel | Tenor
Klaus Mer­tens | Bass

Stadt­kan­to­rei Bochum
Bochu­mer Sym­pho­ni­ker
KMD Arno Hart­mann, Diri­gent

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