„… dass Erinnerung befreit“

27. Januar | Gedenkstunde in der Synagoge Bochum

Edwin Scharff: Bild­nis der Schau­spie­le­rin Anni Mewes, 1917/1921, gebor­gen 2010 | © Staat­li­che Muse­en zu Brlin SMB

Vor 74 Jah­ren, in den Mit­tags­stun­den des 27. Janu­ars 1945, wur­de das Ver­nich­tungs­la­ger Ausch­witz befreit. Der Tag steht für Hun­der­te ande­re, an denen das Mor­den been­det wur­de. Die Nazis und ihre Ver­bün­de­ten hat­ten Euro­pa mit einem dich­ten Netz von Lagern über­zo­gen. Sie hat­ten die Men­schen, die sie ermor­den woll­ten — Juden, Sin­ti und Roma, auch Men­schen mit Han­di­caps oder mit einer für Faschis­ten uner­träg­li­chen Mei­nung, Reli­gi­on, Sexua­li­tät — aus allen Enden Euro­pas depor­tiert oder sie gleich an Ort und Stel­le nie­der­ge­schos­sen. Das Mor­den war ein staat­li­ches, heu­te ist der 27. Janu­ar ein staat­li­cher Gedenk­tag, aber das Mor­den erin­nern und den Gedenk­tag bege­hen die, die dem Ter­ror­staat ent­kom­men sind.

In der Jüdi­schen Gemein­de Bochum-Her­ne-Hat­tin­gen haben sich Über­le­ben­de des Mor­dens im „Club Stern“ zusam­men­ge­schlos­sen. Als Kin­der haben sie die deut­schen Erschie­ßungs­kom­man­dos in Weiß­russ­land, der Ukrai­ne, in Russ­land über­lebt. Vie­le von ihnen haben mit anse­hen müs­sen, wie ihre Eltern und Geschwis­ter und Freun­de ermor­det wur­den, alle sind sie ihrer eige­nen Ermor­dung nur zufäl­lig ent­kom­men.

Seit gut zwei Jahr­zehn­ten leben sie in Bochum, in einer Stadt, die ihre Juden eben­falls ver­trie­ben und in die Todes­la­ger depor­tiert hat. Wir ken­nen 600 Namen von Bochu­mer Juden und Jüdin­nen, die ermor­det wor­den sind. Die Bochu­mer Namen wer­den alle Jahr für Jahr am 27. Janu­ar in der Syn­ago­ge gele­sen. Und dann nen­nen die Über­le­ben­den sel­ber die Namen ihrer Ange­hö­ri­gen und Freun­de, die von den Nazis ermor­det wor­den sind.

Es sind deutsch­spra­chi­ge Namen, ukrai­ni­sche, rus­si­sche, pol­ni­sche, hebräi­sche, es ist eine euro­päi­sche Erin­ne­rung. In der Chris­tus­kir­che Bochum bege­hen wir den 27. Janu­ar seit vie­len Jah­ren, nam­haf­te Künst­ler wie etwa Mari­an­ne Rosen­berg oder Micha­el Degen haben die Erin­ne­rung gestal­tet. Die für die­ses Jahr geplan­te Ver­an­stal­tung muss­ten wir lei­der absa­gen zu einem Zeit­punkt, als die Zeit zu knapp war, eine neue Ver­an­stal­tung vor­zu­be­rei­ten. Die Zeit­zeu­gen ster­ben.

Umso ent­schei­den­der ist, dass das öffent­li­che Erin­nern eine Auf­ga­be der Bür­ger­ge­sell­schaft wird, es wäre zumal eine Auf­ga­be des Rates. Jetzt ist es  —  neben der öffent­li­chen Lesung der Namen, die das „Bünd­nis gegen rechts“ am Sams­tag auf der Kort­umstra­ße orga­ni­siert  —  jetzt ist es die Gedenk­stun­de in der Syn­ago­ge, die die­sen schwers­ten Tag im Kalen­der begeht. Eine Schief­la­ge: Das Mor­den war ein staat­li­ches, der Gedenk­tag ist ein staat­li­cher, aber das Mor­den erin­nern und den Gedenk­tag bege­hen die, die dem Ter­ror­staat ent­kom­men sind.

Ihre Erin­ne­rung kennt kein Pro­to­koll, und der Rah­men, in dem sie steht, ist eher per­sön­lich gehal­ten, ist aber öffent­lich und zugäng­lich für alle Men­schen die­ser Stadt, die dar­an fest­hal­ten, dass Erin­ne­rung befreit.


GEDENKSTUNDE ZUM 27. JANUAR | SYNAGOGE BOCHUM

» Sonn­tag 27.01. 2019
» 16:30 h: Lesung der Namen der ermor­de­ten Bochu­me­rin­nen und Bochu­mer
» 17:00 h: Gedenk­stun­de
» Syn­ago­ge Bochum | Erich-Men­del-Platz 1


ZUM FOTO

Bei archäo­lo­gi­schen Gra­bun­gen gegen­über dem Roten Rat­haus in Ber­lin wur­den im Jahr 2010 elf Skulp­tu­ren der Klas­si­schen Moder­ne gebor­gen, die von den Nazi beschlag­nahmt und ab 1937 als „Ent­ar­te­te Kunst“ aus­ge­stellt wor­den waren.

Nach 1945 gal­ten die Wer­ke als ver­schol­len, so auch die­ses Werk von Edwin Scharff, Mit­be­grün­der der Mün­che­ner Neu­en Seces­si­on, spä­ter Pro­fes­sor an der HdK Ber­lin, dann Kunst­aka­de­mie Düs­sel­dorf, 1937 ent­las­sen, er hat den Ter­ror­staat über­lebt. In Ham­burg erin­nert heu­te der Edwin-Scharff-Preis an ihn und sei­ne Wer­ke.

Das Bild­nis hier ist 1917 ent­stan­den, 1921 in Bron­ze gegos­sen, es zeigt die Schau­spie­le­rin Anni Mewes, die spä­ter eher Mit­läu­fe­rin als Geg­ne­rin des NS-Sys­tems war. Heu­te zeigt ihr Bild­nis, was alles der Boden birgt, auf dem wir ste­hen. Und dass sich, über­all in Euro­pa, jeden Tag die Erde öff­nen und Erin­ne­rung offen­baren kann. Allein in der Ukrai­ne wer­den Tau­sende Mas­sen­grä­ber oft zufäl­lig bei Bau­ar­bei­ten ent­deckt. Die Nazis hat­ten im Akkord gemor­det und Hun­dert­tau­sende ihrer Opfer in der Erde ver­scharrt, nur von den Wenigs­ten ken­nen wir die Namen, von kei­nem ein­zi­gen eine Skulp­tur.

Dar­um die­ses Bild. Um Jesa­ja zu zitie­ren, den Juden: Die Erde kann nicht ver­ber­gen, die getö­tet sind.