„Wenn mein eigener Name darunter wäre“

Thomas Wessel, Rede zum 27. Januar, Synagoge Bochum

Syn­ago­ge Bochum by Frank Vin­c­en­tz (cc)

(…) Die Stadt, in der wir heu­te zusam­men leben, ist eine, die ihre Juden damals ver­trie­ben hat. Auch Bochum hat sei­ne jüdi­schen Bewoh­ner in den Tod depor­tiert, auch das war heu­te: Heu­te vor 77 Jah­ren hat die Stadt die ers­te von meh­re­ren Depor­ta­tio­nen orga­ni­siert, am 27. Janu­ar 1942 fuhr der ers­te Zug aus Bochum in die Todes­la­ger. Die Namen der Bür­ge­rin­nen und Bür­ger, die depor­tiert und ermor­det wor­den sind, wer­den jedes Jahr in Bochum erin­nert. Aller­dings wer­den sie hier in der Syn­ago­ge erin­nert. Ich fra­ge mich, war­um wer­den sie nicht im Rat der Stadt Bochum erin­nert. Das ist der Ort, der Bochums Bür­ger­schaft reprä­sen­tiert. Und wenn sich dann jede Frak­ti­on im Rat, die auf Demo­kra­tie hält, am Lesen betei­lig­te, ein­mal im Jahr  —  immer in der Woche des 27. Janu­ars, die eh Sit­zungs­wo­che ist für den Rat  —  ein­mal im Jahr die Namen ihrer depor­tier­ten Bewoh­ner zu nen­nen, dann wäre es mög­lich, ein­mal im Jahr die ande­re Per­spek­ti­ve ein­zu­neh­men, die jüdi­sche. Dann wäre es mög­lich, ein­mal im Jahr die Namen zu lesen und zu hören und sich vor­zu­stel­len: Was, wenn der Name mei­ner eige­nen Fami­lie dar­un­ter wäre? Wenn mein Name auf Sei­ten die­ser Namen stün­de? Und dann die nächs­te Fra­ge: Leb­te ich, hät­te ich über­lebt, heu­te in Bochum? Was schenk­te mir das Ver­trau­en in die­se Stadt, woher käme das Ver­trau­en in uns?

Ich glau­be, sich als Nicht­ju­de sol­che Fra­gen zu stel­len, ist fast wich­ti­ger, als Ant­wor­ten zu geben.