Michael Wollny, Heinz Sauer und ein improvisierender Gott

15. März | Eine urban urtyp edition

Micha­el Woll­ny und Heinz Sau­er 2013 in der Chris­tus­kir­che | © Hein­rich Brinkm­öl­ler-Becker

Alle den­ken immer, wenn es Gott gibt, müs­se er all­mäch­tig sein und wis­se seit ewig, wie es aus­ge­hen wird mit uns. Wenn man Woll­ny & Sau­er zuhört, lässt sich Gott anders den­ken: Könn­te es sein, dass auch Er impro­vi­siert? „Ein Impro­vi­sa­tor“, schrieb Micha­el Woll­ny kürz­lich in einem Essay, „berei­tet sich ein Leben lang auf Situa­tio­nen vor, in denen er Din­ge zum ers­ten Mal macht. Und in denen Din­ge, wenn sie ein­mal gesagt sind, nicht mehr zurück­ge­nom­men wer­den kön­nen.“ Das Urmo­dell einer Impro­vi­sa­ti­on wäre also: Es wer­de Licht, es ward Licht, und es ging nicht mehr aus  —  Gott ein Jaz­zer? Der vor­her­se­hen konn­te, dass er nicht vor­her­se­hen kann? Dann wäre er das Risi­ko ein­ge­gan­gen, dass es auch schief gehen könn­te, dass es kei­ne Auf­lö­sung gibt in Dur und kei­ne Erlö­sung im Him­mel. In der jüdi­schen Theo­lo­gie ist der Gedan­ke nicht neu, für die Kunst hat Woll­ny ihn so for­mu­liert: „Die Kunst eines Impro­vi­sa­tors beruht auf einer sou­ve­rä­nen Ent­schei­dung, sich Situa­tio­nen aus­zu­set­zen, die man nicht bis ins letz­te Detail über­bli­cken will oder vor­for­mu­lie­ren muss.“ Situa­tio­nen also, in denen ein Sou­ve­rän ler­nen muss zu impro­vi­sie­ren.

Dass Gott, der Sou­ve­rän per se, ein ler­nen­der Gott sei und dass zu Sei­ner Voll­kom­men­heit die Unvoll­kom­men­heit zäh­le, ist in der christ­li­chen Tra­di­ti­on ein unge­dul­de­ter Gedan­ke und in der mus­li­mi­schen ein unge­hö­ri­ger, in der jüdi­schen ist er unver­zicht­bar. Bei­spiel:

Das Wort chuz­pe bezeich­net ein anma­ßen­des, immer aber anti-auto­ri­tä­res Ver­hal­ten, „eine Mischung aus intel­li­gen­ter Unver­schämt­heit, char­man­ter Pene­tranz und unwi­der­steh­li­cher Dreis­tig­keit“, so umschreibt es Wiki­pe­dia. Die ers­te, die ein sol­ches Ver­hal­ten an den Tag gelegt hat, war die Schlan­ge im Gar­ten Eden, der ers­te Mensch, der Chuz­pe bewies, war Abra­ham, er bewies sie dem Him­mel gegen­über: Die Geschich­te in 1 Mose 18, die das erzählt, ist groß­ar­tig, in ihr wird ein Grund­prin­zip des Rechts aus­ge­han­delt. Anlass sind Sodom und Gomor­rha, zwei Stadt-Regime, in denen das Recht  —  zumal das eines Frem­den  —  nichts gilt. Die Geschich­te beginnt damit, dass Gott ein Ermitt­lungs­ver­fah­ren ein­lei­ten will:

„Ich will hin­fah­ren und sehen, ob sie alles getan haben nach dem Geschrei, das vor mich gekom­men ist, oder ob’s nicht so sei.“

Aber noch bevor die Ermitt­lung beginnt, stellt sich Abra­ham in den Weg und fragt, wie denn die Ergeb­nis­se gewich­tet wer­den möch­ten: 

„Es könn­ten viel­leicht 50 Gerech­te in der Stadt sein. Woll­test du sie umbrin­gen und dem Ort nicht ver­ge­ben um fünf­zig Gerech­ter wil­len, die dar­in wären? … Soll­te der Rich­ter aller Welt nicht gerecht rich­ten?“

Das ist Chuz­pe. Und Gott? Gibt Abra­ham recht:

„Fin­de ich 50 Gerech­te zu Sodom in der Stadt, so will ich um ihret­wil­len dem gan­zen Ort ver­ge­ben.“

Und jetzt geht es wei­ter, Abra­ham gibt nicht bei, er schlägt nicht etwa vor, man sol­le die 50 Gerech­ten schon mal eva­ku­ie­ren  —  damit wäre die Zahl 50 als Maß­stab gesetzt  —  son­dern er setzt die 50 wie einen Faust­pfand ein und ver­han­delt wei­ter mit char­man­ter Pene­tranz:

„Es könn­ten viel­leicht fünf weni­ger als fünf­zig sein …“

Gott akzep­tiert auch die 45, er akzep­tiert die 40, dann 30, dann 20, am Ende sind es 10 Gerech­te, die ein Regime vorm Unter­gang bewah­ren kön­nen. Der ent­schei­den­de Punkt dabei sind aber auch hier nicht die 10, son­dern dass sich Mensch und Gott auf ein Prin­zip eini­gen, näm­lich auf den Grund­satz der Ver­hält­nis­mä­ßig­keit: dass es tat­säch­lich gerech­ter sei, wenn vie­le ent­kom­men, die schul­dig sind, bevor die Weni­gen lei­den, die unschul­dig sind. Unschuld bedeu­tet mehr als Schuld, sie könn­te —  das ist die Hoff­nung  —  mehr bewir­ken in der Welt. 

Ein­sich­ten wie die­se haben wir  —  und hat Gott  —  durchs Impro­vi­sie­ren gewon­nen, durch situa­ti­ves Reagie­ren. Nicht durch Rechtset­zung, son­dern durch Rechtspre­chung: „Das gespro­che­ne Wort“, schreibt Woll­ny, „ist das Instru­ment der Impro­vi­sa­to­ren.“

Und damit lässt sich ein Bogen schla­gen zu einem ande­ren Juden, der die Fra­ge, was Gerech­tig­keit sei, mit eini­ger Kon­se­quenz wei­ter­ge­dacht hat und der dann mit der Staats­macht ver­han­deln muss­te über die Fra­ge, ob es gerecht sei, wenn die­se Macht ihn, Jesus, ans Kreuz nageln wür­de. Nach staat­li­chem Recht war die Kreu­zi­gung Jesu rech­tens, gerecht war sie nicht: Einer wird für das, was er denkt, von Staats wegen exe­ku­tiert.

Und jetzt die Fra­ge: War Ostern eine Impro­vi­sa­ti­on Got­tes?

War die Neu-Bele­bung eines unschul­dig Ermor­de­ten eine Idee, die Gott bis dahin noch nicht hat­te? Ent­stan­den in einer Situa­ti­on, die auch Gott unvor­be­rei­tet trifft? Wenn es 5 weni­ger als 50 sein kön­nen, könn­ten es nicht auch 49 weni­ger als 50 sein … 

Zurück zu Woll­ny, er been­det sei­nen Essay mit einem Schwenk zu Mel­vil­les „Moby Dick“ und des­sen berühm­tes Kapi­tel 42 über „Die Wei­ße des Wals“: Mel­vil­le führt dort eine gan­ze Rei­he von posi­ti­ven Asso­zia­tio­nen auf, die wir mit der wei­ßen Far­be ver­bin­den: dass die­se Far­be „auf raf­fi­nier­te Wei­se die Schön­heit“ ver­ede­le und eine „könig­li­che Über­le­gen­heit“ ber­ge, dass sie Zei­chen sei für das anrüh­rend Erha­be­ne  —  die Unschuld der Braut, die Güte des Alters  —  und dass sie „die Erha­ben­heit der Gerech­tig­keit“ aus­drü­cke. Und doch, schreibt Mel­vil­le, sei es eben die­se „Wei­ße des Wals, die mich mehr als alles ande­re ent­setz­te“. In der Wei­ße laue­re „ein uner­gründ­li­ches Etwas“, etwas, das auf eine schmerz­haf­te Wei­se unfass­bar blei­be:

„Die­ses Unfass­li­che ist die Ursa­che, war­um die Vor­stel­lung des Wei­ßen, wenn es aus freund­li­chen Bezie­hun­gen gelöst und mit etwas an sich Ent­setz­li­chem gepaart erscheint, das Ent­set­zen bis zum höchs­ten Gra­de stei­gert.“

Über­tra­gen auf Gol­ga­tha: Die raf­fi­nier­te Schön­heit des Rechts, die Erha­ben­heit der Gerech­tig­keit, ihre könig­li­che Über­le­gen­heit (die in Isra­el über den Köni­gen stand), das alles ist hier, auf Gol­ga­tha, aus allen freund­li­chen Bezie­hun­gen gelöst und mit etwas Ent­setz­li­chem gepaart  —  mit der nack­ten Macht eines Impe­ri­ums, das sich für gott­ge­ge­ben hält.

War es die Ohn­macht des Rechts, die Gott mehr als alles ande­re ent­setz­te? Die Lee­re des Unrechts, die Ihn fas­sungs­los mach­te? Die bana­le Öde einer Macht, die den Ein­zel­nen mor­det, um sich und ihr bana­les Bös­sein zu erhal­ten?

Wenn, dann wäre Ostern kein Tri­umph der Macht, son­dern ein Kapi­tel der Ver­zweif­lung. „Es wür­de mich nicht wun­dern“, so Woll­ny*, „hät­te der Autor es spon­tan impro­vi­siert“.


HEINZ SAUER & MICHAEL WOLLNY | urban urtyp edi­ti­on
supp. by Tar­di­g­rad Duo mit Dani­el Brandl, Cel­lo, und Gui­sep­pe Mau­to­ne, Drums

» Frei­tag 15. März 2019 | 20 Uhr
» Ein­lass 19 Uhr
» VVK 22,00 € zzgl. Geb. | hal­ber Preis für alle bis 25 Jah­re
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» hier alle Infos zum Kon­zert!

urban urtyp edi­ti­on

Die Indie-Rei­he an der Ruhr: 1 x im Monat immer sonn­tags 19 Uhr, immer 10 €. urban urtyp ist Jazz und Post, Elek­tro und Spra­che, Klas­sik und Mini­ma­lism, Ambi­ent und Pop und mehr. Wer 1 x urban urtyp war — so wie Micha­el Woll­ny 2012 — spielt in der urban urtyp edi­ti­on.


*  Sagt Woll­ny über Mel­vil­le und des­sen 42. Kapi­tel. „Wei­ße Wale“, Woll­nys Essay, erschien in der Oster­aus­ga­be der SÜDDEUTSCHEN 2018 (mit Bezahl­schran­ke) und in MUSIK & ÄSTHETIK 01/2019 (Klett-Cot­ta; dort für 3 € zum Down­load).