„Woanders ist auch Himmel“

Interview mit Max Kühlem für bodo 2/2019

Foto | Dani­el Sad­row­ski für bodo 02/2019

Pfar­rer Tho­mas Wes­sel hat aus der inner­städ­ti­schen Chris­tus­kir­che in Bochum einen span­nen­den Ort für Kunst, Kul­tur, Poli­tik und Geden­ken gemacht. Immer wie­der mischt er sich enga­giert in aktu­el­le Debat­ten ein. Max Flo­ri­an Küh­lem woll­te wis­sen: Was ist das für ein Typ?

Was ist die Chris­tus­kir­che: Kul­tur­ort? Kon­zert­hal­le? Begeg­nungs­stät­te? Denk­mal? Ort der poli­ti­schen Aus­ein­an­der­set­zung?

Wes­sel: Es ist erst­mal eine pro­tes­tan­ti­sche Kir­che und wei­ter­hin dem Got­tes­dienst gewid­met, auch wenn sie inzwi­schen als Ver­samm­lungs­stät­te aus­ge­baut und aner­kannt ist. Aber alles, was dar­in statt­fin­det, kann auch got­tes­dienst­li­che Qua­li­tät haben. Es ist aller­dings kei­ne Kir­che einer ein­zel­nen Orts­ge­mein­de mehr.

Wann fiel die Ent­schei­dung, sie zur Ver­an­stal­tungs­stät­te zu machen?

Im Voll­zug. Irgend­wann bestand die Not­wen­dig­keit, den Turm zu sanie­ren, und über die Spen­den­ak­ti­on haben wir auch die Geschich­te des Ortes erzählt und was sich alles dar­in ver­dich­tet. Dazu haben wir Ver­an­stal­tun­gen gemacht und gemerkt: Die funk­tio­nie­ren auch aus sich her­aus und sind immer voll. Im Jahr 2000 kam dann die Idee auf, ein Stadt­kir­chen-Pro­jekt zu star­ten, das seit­dem immer wie­der um zwei Jah­re ver­län­gert wur­de. Ich wür­de mei­ne Arbeit hier aller­dings eher als Kul­tur­ar­beit beschrei­ben, weil die klas­si­schen Stadt­kir­chen-Pro­gram­me hier nicht funk­tio­nie­ren wür­den.

Wie sehen die aus?

Klas­si­scher­wei­se macht man ein­fach die Tür auf und die Leu­te kom­men rein – viel­leicht zu einem kur­zen Orgel­kon­zert oder einem Mit­tags­abend­mahl oder was immer. Man hat hier an der Chris­tus­kir­che aber kein Lauf­pu­bli­kum, wes­halb man Ver­an­stal­tun­gen braucht, die aus­strah­len. Wir haben den Raum dafür übri­gens nicht umge­baut, wie das anders­wo geschieht, son­dern pas­sen die Ver­an­stal­tun­gen dem Raum an, der per­fek­te akus­ti­sche Bedin­gun­gen bie­tet.

Kannst du dei­nen Wer­de­gang kurz umrei­ßen?

Ich habe die klas­si­sche Pfarrers­aus­bil­dung in Ber­lin gemacht. Als Gemein­de-Pfar­rer habe ich aller­dings nie gear­bei­tet, son­dern war jour­na­lis­tisch tätig und in einem Anti-Ras­sis­mus-Pro­jekt. Als das ein­ge­stellt wur­de, kam ich glück­lich und ver­zwei­felt nach Bochum. Ich bin näm­lich gebür­ti­ger West­fa­le und war for­mal der hie­si­gen Lan­des­kir­che zuge­teilt. In West­fa­len hat­te ich auch diver­se Instru­men­te spie­len gelernt, und zwar gera­de so gut, dass ich beur­tei­len kann, ob jemand anders bes­ser spielt (lacht).

Ist die Kon­zert­rei­he Urban Urtyp mit ange­sag­ten Bands im far­big illu­mi­nier­ten Kir­chen­raum das Stück Ber­lin, das du mit­ge­bracht hast?

Von Ber­lin hab ich eigent­lich eher den Tre­sen mit­ge­bracht – vor eini­ger Zeit haben wir ja ein eige­nes Urban-Urtyp-Bier auf­ge­legt. Damals in Ber­lin habe ich lan­ge in einer Knei­pe gear­bei­tet und fest­ge­stellt, dass der Weg zwi­schen Knei­pe und Kir­che eigent­lich ein sehr kur­zer ist. Als die spitz­ge­kriegt hat­ten, dass ich Theo­lo­gie stu­diert hat­te, war ich da nur noch „der Pries­ter“, und das hat sich auf die Kom­mu­ni­ka­ti­on nie­der­ge­schla­gen: Am Tre­sen ist klar, dass du nicht total intim wirst, aber du kannst so eine Art halb­öf­fent­li­che Inti­mi­tät her­stel­len. Die Knei­pe hieß übri­gens „Madon­na,“ und Sven Rege­ner beschreibt sie in sei­nem Roman „Wie­ner Stra­ße“.

Im Namen der Chris­tus­kir­che hast du dich immer wie­der laut­stark poli­tisch geäu­ßert. In der Bochu­mer Erklä­rung „Ter­ror äch­ten“ oder zuletzt gegen die Isra­el-Boy­kott-Akti­on BDS. Wie stark ist die­ses Enga­ge­ment mit dei­ner Per­son ver­knüpft?

 

Zunächst ist es ja der Raum, der The­men vor­gibt. Der Turm ist ein „Denk­mal gegen Gewalt“, in ihm ver­dich­tet sich eine sehr ambi­va­len­te Geschich­te: Hans Ehren­berg hat hier gegen den Natio­nal­so­zia­lis­mus gepre­digt, aber es gab neben ihm auch eine Men­ge Amts­vor­gän­ger, die jede Nazi-Fah­ne, die vor­über kam, geseg­net haben. Und dann ist da die­se Lis­te mit den „Feind­staa­ten“ Deutsch­lands im Turm, 1932 ein­ge­weiht. Unse­re ers­te Idee für eine „Kir­che der Kul­tu­ren“ war, den Welt­krieg in Welt­mu­sik zu über­set­zen, eine Rei­he, in der Musik aus den eins­ti­gen „Feind­staa­ten“ auf­ge­führt wird. Die eigent­li­che pro­tes­tan­ti­sche Theo­rie ist ja, dass sich jeder Mensch zu sich sel­ber ver­hal­ten kann. Jeder ist sein eige­ner Pries­ter. Es steht kei­ner vor­ne, der Wei­sun­gen und Mah­nun­gen erteilt. Des­halb ver­su­chen wir hier, einen Rah­men zu bil­den, in dem man sich sel­ber reflek­tie­ren kann. Das funk­tio­niert auch durch die Set­zung von Kon­zer­ten: Am Tag der Befrei­ung von Ausch­witz haben wir hier zum Bei­spiel ein­mal Gus­tav Mah­lers „Kin­der­to­ten­lie­der“ spie­len las­sen. Die beka­men an die­sem Tag in die­sem Raum eine ganz ande­re Bedeu­tung.

Zuletzt hast du dich wäh­rend der Dis­kus­si­on um Ruhr­tri­en­na­le-Inten­dan­tin Ste­fa­nie Carp laut­stark gegen die BDS-Kam­pa­gne zu Wort gemel­det. Was treibt dich an?

Auch das hat viel mit dem Ort der Chris­tus­kir­che zu tun, wo Hans Ehren­berg gewirkt hat, der das Bekennt­nis von Bar­men vor­for­mu­liert hat  –  das Ur-Doku­ment des kirch­li­chen Wider­stands gegen die Nazis. Es ent­zün­de­te sich an der Fra­ge: Wie gehen wir mit unse­ren jüdisch-christ­li­chen Pfar­rern um, die also jüdisch auf­ge­wach­sen und dann kon­ver­tiert sind. Das pass­te dann inso­fern zu mir, als ich in mei­ner Stu­di­en­zeit in Ber­lin unter ande­rem von Fried­rich-Wil­helm Mar­quardt geprägt wor­den bin, er war ein Pio­nier im jüdisch-christ­li­chen Dia­log.

Du hast eine guten Vor­schlag gemacht, wie man BDS-asso­zi­ier­te Künst­ler aus Kul­tur­in­sti­tu­tio­nen raus­hal­ten kann: indem man für Spon­so­ren aus Isra­el sorgt. Hat die­se Initia­ti­ve schon gefruch­tet?

Das Ent­schei­den­de dar­an ist: Wir spie­len den Ball auf die ande­re Sei­te. Wenn die Künst­ler trotz­dem kom­men, dann müs­sen sie sich vor ihrem eige­nen Tri­bu­nal recht­fer­ti­gen und viel­leicht sagen: Ja, ich hab bei den Isra­el-Freun­den gespielt, aber von irgend­was muss ich ja auch leben (lacht). Ein sehr ein­deu­ti­ges, posi­ti­ves Signal gab es durch den Beschluss des Land­tags, dass vom BDS unter­stütz­te Künst­ler kei­ne Büh­ne und kei­nen Sup­port mehr in öffent­lich geför­der­ten Insti­tu­tio­nen in NRW bekom­men. In der Kir­che ist so etwas schon schwe­rer durch­setz­bar, weil es emi­nent israel­kri­ti­sche Frak­tio­nen gibt. Aber ich den­ke, das ist eine Gene­ra­tio­nen­fra­ge bei uns.

Gibt es inner­kirch­li­che Wider­stän­de gegen dei­ne Idee vom poli­tisch-kul­tu­rel­len Pro­gramm im Kir­chenraum?

Ohne Wider­stän­de wäre es ja lang­wei­lig, und manch­mal lebt in den kirch­li­chen Gre­mi­en schon noch die­se Vor­stel­lung davon auf, dass bestimm­te Din­ge doch nicht in den Kir­chen­raum gehö­ren. Aber das ist mei­ner Mei­nung nach eher eine katho­li­sche Vor­stel­lung. Der pro­tes­tan­ti­sche Kir­chen­raum soll eigent­lich ein gemisch­ter, durch­läs­si­ger sein. Poten­ti­ell kann hier alles statt­fin­den – und könn­te auch alles reli­gi­ös oder hei­lig wer­den: jeder ein­zel­ne Mensch, jedes Lied, jedes Instru­ment, jede Spra­che, jede Ver­an­stal­tungs­form. Pro­ble­ma­tisch wird es, wenn sich jemand hin­stellt und sagt: Das, was wir hier machen, das ist hei­lig, das ist Gott. Das machen ja am ehes­ten die From­men aller Coleur, die sind oft zu gewiss und haben Gott sozu­sa­gen schon „auf Tasche“.

Was sagt dein in Ber­lin geschul­ter Blick über die Bochu­mer Kul­tur­land­schaft?

Das Ruhr­ge­biet hat im Kul­tur-Bereich gene­rell das Pro­blem, das es unglaub­lich viel Zeit braucht, Din­ge zu eta­blie­ren. Das ist ein biss­chen wie in der Wüs­te: Du gießt immer wie­der, aber es dau­ert lan­ge, bis eine Pflan­ze kommt. Wir machen hier seit 19 Jah­ren Pro­gramm und wenn du dem Taxi­fah­rer sagst „Chris­tus­kir­che“, dann fährt er weiß der Him­mel wohin. Aber ist auch okay, woan­ders ist auch Him­mel.

Inter­view: Max Flo­ri­an Küh­lem