BDS stumm geschaltet: Der stille Beschluss von Bochum

Lee­re Rega­le: Micha Ull­mans Denk­mal zur Erin­ne­rung an die Bücher­ver­bren­nung 1933 auf dem Bebel­platz Ber­lin | Foto (cc) by Luis Alvaz

Der Rat der Stadt Bochum hat  —  ohne Auf­he­bens dar­um zu machen  —  der BDS-Kam­pa­gne alle Türen gewie­sen: „Nein zu Anti­se­mi­tis­mus“ ist der Rats­be­schluss beti­telt, getra­gen wird er von allen Mit­glie­dern aller Frak­tio­nen mit Aus­nah­me der bei­den NDP-Nazis: „Der Rat der Stadt Bochum ver­ur­teilt jeg­li­che Form von anti­se­mi­ti­schem und anti­is­rae­li­schem Den­ken und Han­deln, ins­be­son­de­re auch das Wir­ken der Boy­cott-, Dive­st­ment- und Sanc­tions-Bewe­gung (BDS-Kam­pa­gne).“ Und: „Der Rat for­dert die Ver­wal­tung und die stadt­na­hen Gesell­schaf­ten auf, alles im Rah­men der recht­li­chen Mög­lich­kei­ten zu unter­neh­men, um der BDS-Bewe­gung eben­so wie allen Grup­pie­run­gen, die eine grund­sätz­lich anti­is­rae­li­sche und damit anti­se­mi­ti­sche Hal­tung haben, kei­ne Ein­rich­tun­gen und Räum­lich­kei­ten für ihre Ver­an­stal­tun­gen und sons­ti­gen Zwe­cke bereit­zu­stel­len“. Zu den stadt­na­hen Ein­rich­tun­gen zäh­len in Bochum ua die Jahr­hun­dert­hal­le, zen­tra­ler Spiel­ort der noch bis 2020 von Ste­fa­nie Carp kura­tier­ten Ruhr­tri­en­na­le, sowie der Ruhr­Con­gress: Hier will am 18. und 19. Juni die bri­tisch-aus­tra­li­sche Band Dead Can Dance auf­tre­ten, deren Kopf, Bren­dan Per­ry, sich mit eini­ger Vehe­menz an der BDS-Het­ze betei­ligt.

Bochum, heißt es in dem schnör­kel­los for­mu­lier­ten Rats­be­schluss,

„ist eine welt­of­fe­ne, viel­fäl­ti­ge, tole­ran­te und inter­na­tio­na­le Stadt, die von unter­schied­li­chen Her­künf­ten und dem guten Zusam­men­le­ben aller ihrer Men­schen pro­fi­tiert. In ihr ist kein Platz für men­schen­ver­ach­ten­des Gedan­ken­gut und Frem­den­feind­lich­keit und damit auch nicht für Anti­se­mi­tis­mus.“

Den jüdi­schen Bürger/innen der Stadt spricht der Rat  —  dass eine sol­che Adres­se von­nö­ten ist, erschüt­tert  —  sei­ne Soli­da­ri­tät aus, sei­ne „unein­ge­schränk­te“.

Anders Bren­dan Per­ry, der musi­ka­li­sche Kopf des Duos Dead Can Dance, er ven­ti­liert seit eini­gen Jah­ren den Sound der BDS-Kam­pa­gne („Apart­heid“) und agi­tiert öffent­lich gegen Künst­ler wie Thom Yor­ke von Radiohead, die Kon­zer­te in Isra­el spie­len. Im Juni 2017 etwa ließ Per­ry auf sei­ner Face­book­sei­te erklä­ren, Isra­el betrei­be „69 years of sett­ler colo­ni­alsm“  —  mit­hin seit 1948, dem Jahr, in dem der UN-Tei­lungs­plan in Kraft tre­ten soll­te:

Die­sem UN-Beschluss zufol­ge hät­ten bis spä­tes­tens zum 1. Okto­ber 1948 „ein unab­hän­gi­ger ara­bi­scher Staat und ein unab­hän­gi­ger jüdi­scher Staat ent­ste­hen“ kön­nen. Anstatt einen ara­bi­schen Staat zu grün­den, über­zo­gen die ara­bi­schen Staa­ten das im Mai 1948 gegrün­de­te Isra­el mit Krieg, einem  —  so der dama­li­ge Gene­ral­se­kre­tär der Ara­bi­schen Liga, Abdel Azzam  —  „Ver­nich­tungs­krieg“. Das ist gemeint, wenn Bren­dan Per­ry von „69 Jah­ren Sied­ler-Kolo­nia­lis­mus“ spricht: dass der Staat Isra­el über­haupt gegrün­det wur­de und sich seit­dem gegen sei­ne Ver­nich­tung wehrt. Brend­ans Hal­tung zu Isra­el lässt sich mit den Wor­ten des Bochu­mer Rates als

„eine grund­sätz­lich anti­is­rae­li­sche und damit anti­se­mi­ti­sche“

bezeich­nen. Und nun? Der Rats­be­schluss aus Bochum ist  —  wie es die ent­spre­chen­den Beschlüs­se des Bun­des­ta­ges, des Land­ta­ges NRW, der Rates der Stadt Dort­mund uam sind  —  ein poli­tisch ein­deu­ti­ges Signal und gewinnt als sol­ches sei­ne Wir­kung. Ob und wie sich der Beschluss („wir for­dern die Ver­wal­tung und die stadt­na­hen Gesell­schaf­ten auf …“ ) in die Tat umset­zen lässt, ist eine juris­ti­sche Fra­ge, aber auch hier gilt das Pri­mat der Poli­tik: Wer die Tür wei­sen will, kann es tun. Der „Rah­men der recht­li­chen Mög­lich­kei­ten“, den der Bochu­mer Rats­be­schluss eigens erwähnt, ist schon heu­te weit gesteckt.

Ein ande­rer Weg ist der, den wir gewählt haben: Für die Kul­tur­ar­beit der Chris­tus­kir­che haben wir För­de­rer gesucht und gewon­nen, die mit israe­li­schen Unter­neh­men und mit Minis­te­ri­en des Staa­tes Isra­el zusam­men­ar­bei­ten. Über die­se Koope­ra­ti­on hat­ten wir auch Lisa Ger­r­ard, Per­rys Part­ne­rin bei Dead Can Dance, sowie deren Manage­ment infor­miert: Im Okto­ber letz­ten Jah­res gas­tier­te Ger­r­ard den­noch bei uns, wohl­wis­send, dass sie damit die BDS-Kam­pa­gne unter­läuft. Die meis­ten von denen, die BDS unter­stüt­zen, scheu­en finan­zi­el­le Risi­ken (sonst wür­den sie nicht nur das klei­ne Isra­el, son­dern die gro­ße USA boy­kot­tie­ren): Sie spe­ku­lie­ren auf Glaub­wür­dig­keit, die ist auf die­sem Wege dahin.

Der stil­le Beschluss von Bochum zeigt: Es ist mög­lich, sich gegen Anti­se­mi­tis­mus zu weh­ren, die Mehr­hei­ten dafür sind da. Es gibt sie in der Poli­tik, es gibt sie  —  da wird man noch Für­bit­ten hal­ten müs­sen  —  auch in den Kir­chen. Nach und nach wird die Biblio­thek der ver­brann­ten Bücher  —  Micha Ull­mans Denk­mal auf dem Bebel­platz in Ber­lin: eine lee­re Bücher­wand, im Boden ver­sun­ken, sie­he das Foto oben  —  ange­füllt mit demo­kra­ti­schen Beschlüs­sen, die sich dem Anti­se­mi­tis­mus heu­te ent­ge­gen stel­len. Was fatal wäre: wenn die­se Beschlüs­se sel­ber zum Denk­mal gerie­ten und ihre Bedeu­tung durch das Regal gewön­nen, in dem sie ver­staub­ten.


LINKS

Rat der Stadt Bochum | „Nein zu Anti­se­mi­tis­muss“

Rat der Stadt Dort­mund | „Grund­satz­er­klä­rung gegen Anti­se­mi­tis­mus“

Land­tag NRW | „In Nord­rhein-West­fa­len ist kein Platz für die anti­se­mi­ti­sche BDS-Bewe­gung“

Bun­des­tag | „Der BDS-Bewe­gung ent­schlos­sen ent­ge­gen tre­ten — Anti­se­mi­tis­mus bekämp­fen“