Fische, sagt man, seien die einzigen Wesen, die nicht wüssten, was Wasser sei. Wenn das stimmt, ließe sich sagen, dass Kirchen diejenigen Gebäude sind, die nicht wissen, was Öffentlicher Raum ist. Sie sind es, man sieht es ihnen nur selten an. Auch kirchenähnlichen Gebäuden - Theatern, Konzerthäusern, Museen - sieht man nicht wirklich an, dass sie öffentliche Räume sind, auch da verkehren wenig mehr als fünf Prozent der Bevölkerung. Für den Kulturbetrieb sind sie, was die „Kerngemeinde“ für die Kirche ist, eine stabile Basis und eine Fünf-Prozent-Hürde. Über diese Hürde kommen beide, Kirche und Kultur, kaum hinweg, wie dann die Kirche der Kulturen? Das war die Frage, die wir Eden und Team gestellt hatten, ihre Antwort ist das, was Sie hier sehen, einen öffentlichen Raum. Jetzt wurde unser Blog für den Webfish Award 2012 nominiert, den Internet-Preis der Evangelischen Kirche in Deutschland, hier geht’s zum Voting.
Wort
„No Respect for Eternity“
Wislawa Szymborska † | Lesung der Kosmopolen | 9. Febr. 20 Uhr
In Polen stehen die Uhren still, das Land nebenan hat eine große Stimme verloren. Wislawa Szymborska, 1996 mit dem Nobelpreis für Literatur geehrt, hatte ihr Leben in Krakau verbracht und aus der Perspektive dieser Stadt ihr Jahrhundert beschrieben. Mit einer poetischen Sachlichkeit, die, nach Nazi-Terror und Stalinismus, der Ewigkeit misstraute. Nicht plötzlich, keine Stunde Null, sondern nach und nach. Czeslaw Milosz, 1980 mit dem Nobelpreis für Literatur geehrt und 2004 in Krakau gestorben, habe einmal zu ihr gesagt, „er beginne beim Schreiben mit dem ersten Satz. Und ich fange oft mit dem letzten an. Und dann ist es sehr schwer, sich zum Anfang des Gedichts hochzuarbeiten.“ Das hat sie nun getan, ein Leben als Gedicht. Am Donnerstag nehmen die Kosmopolen, die befreundete Künstler-Initiative im Ruhrgebiet, Abschied von der großen Dame der polnischen Sprache.
Tag der Befreiung von Auschwitz
Synagoge Bochum | 26. Januar | 17 Uhr
Im Januar 2010 wurde bei Bauarbeiten in Berlin ein Kunstwerk aus der Erde geborgen, ein Bronzeguss des Bildhauers Edwin Scharff. Das Bildnis zeigt die Schauspielerin Anni Mewes, die Nazis hatten es 1937 als „entartet“ beschlagnahmt. Zehn weitere Kunstwerke waren Jahrzehnte lang im Herzen der Stadt verborgen, dann gab die Erde sie preis, als sei es an der Zeit, das zu beglaubigen, was Paul Klee behauptet hat: dass Kunst nicht wiedergibt, was sichtbar ist, sondern dass Kunst sichtbar macht. Sichtbar wird, dass sich die Erde eines Tages öffnet und Massengräber offenbart. Allein in der Ukraine sind es Tausende, die sich auftun in dieser Zeit, oft zufällig bei Bauarbeiten entdeckt. Im Akkord hatten die Nazis gemordet und Hunderttausende ihrer Opfer in der Erde verscharrt, nur von den Wenigsten kennen wir die Namen. Am 26. Januar, dem Vorabend des Tages, an dem Auschwitz befreit worden ist, verliest die Jüdische Gemeinde Bochum die Namen derer, die aus Bochum und Wattenscheid deportiert worden sind, um ermordet zu werden.
Europa beginnt in Teheran
Die Reden von Shirin Ebadi und Khadijeh Moghaddam
„Nach dem Bericht der ‚Journalisten ohne Grenzen‘ hat der Iran die höchste Zahl an Journalisten, die inhaftiert sind. Aus dieser Sicht steht Iran einmal an erster Stelle.“ Shirin Ebadi, Friedensnobelpreisträgerin, hat am Sonntag in der Christuskirche vor 500 Zuhörern über die „massive Zensur im Iran“ gesprochen, über Staatsmedien, ein „merkwürdiges“ Pressegesetz und die Manipulation der öffentlichen Meinung. Eine pragmatische Rede, Menschenrechte sind auch sonntags nichts für Sonntagsreden: „Wir möchten Sie, die freien Menschen in Europa, ansprechen. Sie glauben ja an Menschenrechte. Sie dürfen nicht erlauben, dass Unternehmen Geschäfte mit Iran treiben, die zu mehr Unterdrückung der Menschen führen.“ Hier die Rede von Shirin Ebadi. Und hier die Rede von Khadijeh Moghaddam, die den Bochumer Menschenrechtspreis entgegen nahm: „Dieser Preis gehört den Müttern“.
„Bitte sprechen Sie über Demokratie!“
Shirin Ebadi, Iran-Freedom, Amnesty | 18. Dezember 17:30 Uhr
„Die nächste Person, die getötet werden soll, ist Shirin Ebadi.“ Vor elf Jahren stieß die Teheraner Juristin auf diesen Satz, als sie in Regierungsakten wegen Dutzender Regierungsmorde recherchierte. Drei Jahre später wurde Shirin Ebadi in Oslo mit dem Friedensnobelpreis geehrt, sie reichte ihn weiter an alle Iranerinnen und Iraner, die für Demokratie und Menschenrechte kämpfen, für politische, sexuelle, religiöse Freiheit. „Die Grüne Bewegung“, so Ebadi, „ist eine demokratische, also keine ideologische Bewegung. Sie vereint Menschen mit unterschiedlichen Auffassungen und Neigungen.“ Im Kampf für Demokratie und Menschenrechte sei „jeder für sich selbst ein Held oder eine Heldin“.
Thron kann jeder
Hans-Ehrenberg-Preis für Antje Vollmer | 22. Nov. 19 Uhr
Wenn Krieg die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln ist, ist Demokratie die Fortsetzung des Krieges mit ohne Waffen. Das gilt auch dann, wenn Parteien mehr Vorsitzende als Meinungen haben, die Parteien-Landschaft übersichtlich ist und Politik die Fortsetzung von Günther Jauch mit ohne Joker. In dieser Fernbedienungslandschaft gibt es Bereiche, in die zu gehen sich niemand traut. Brachgelände der Demokratie, in denen die Regeln nicht so klar sind wie beim Sport und keine Strafräume markiert. Wer da hinein geht, kriegt beste Wünsche mit auf seinen Weg und, wenn sich ein Weg heraus stellt, von allen Seiten auf die Mütze. Darum würdigen wir, wie Antje Vollmer Politik versteht und demokratische Arbeit.
Antje Vollmer, Margot Käßmann
Hans-Ehrenberg-Preis 2011 | Dienstag 22. November 19 Uhr
Die Publizistin und langjährige Vizepräsidentin des Deutschen Bundestages, Dr. Antje Vollmer, erhält den Hans-Ehrenberg-Preis 2011. Der protestantische Preis wird der Theologin in Form eines öffentlichen Gesprächs zwischen ihr und Margot Käßmann verliehen. Thema: „Gott & die Politik“. Moderation: Reinhard Mawick, Pressesprecher der EKD. Mit Vollmer werde ein politisches Denken gewürdigt, das „in scheinbar ausweglosen gesellschaftlichen Konflikten“ Verständigungsprozesse einleiten könne, heißt es in der Begründung der Findungskommission. Voraussetzung dafür sei Vollmers politische Sensibilität, „mit der sie geschehenes Unrecht wahrnimmt und es, ohne es zu beschönigen, zu besänftigen sucht“. // Festakt und Diskussion sind öffentlich, der Zugang frei.
„Räuber und Rating-Agenten“
Tag des offenen Denkmals | 11. September 2011
Eigentlich dachte ich, machen wir dieses Jahr nicht mit beim Tag des offenen Denkmals. Das Thema lautet „Romantik Realismus Revolution“, und romantisch ist das hier ja nicht so. Wenn Romantik allerdings — nach der berühmten Definition von Novalis — darin besteht, „dem Gemeinen einen hohen Sinn“ zu geben, dann ist die 1943 zerstörte Christuskirche ausgesprochen romantisch gewesen: Technisch auf der Höhe der Zeit, berief sie sich auf einen Jahrhunderte zurückliegenden Stil, den „frühgotischen“. Einen Stil also, der die Moderne leugnet, aber modernste Heizungstechnik nutzt.
„Liebe Freunde Europas“
Franz von Hammerstein * 6.6.1921 † 15.8.2011
Im Alter von 90 Jahren ist Dr. Franz von Hammerstein, Mitbegründer der Aktion Sühnezeichen Friedensdienste, jetzt in Berlin verstorben. Der Theologe gehörte zu den Wenigen seiner Generation, die sich der gesellschaftlichen Verantwortung für die deutschen Verbrechen gestellt haben - nicht erst Jahrzehnte später und nicht nur im Feuilleton, sondern mit seinem Lebenswerk.
„Mehr als 3000 Jahre“
Zu Gast: Zarathustrischer Verein
Darauf muss man erst mal kommen, dass die Welt nicht einfach ist, sondern geworden, und dass sie nicht einfach dauert, sondern enden wird. Und dass es zwischen Anfang - Urknall oder Schöpfung - und Ende - Weltgericht oder Atomkompromiss - nicht darum geht, das zu tun, was alle tun, sondern die eigene Entscheidung zu treffen. „Der Mensch ist ein Seil, geknüpft zwischen Tier und Übermensch, ein Seil über einem Abgrund“, schrieb Nietzsche in seinem Zarathustra und berief sich damit - ohne rechten Bezug - auf die vermutlich erste monotheistische Religion überhaupt, den Zoroastrismus oder Zarathustrismus. Eine persische Buchreligion, älter als das Judentum, in der sich die Vorstellung herangebildet hat, dass Gott nicht Stoff ist, sondern Geist. Weshalb Er auch nicht im Bild erscheine, sondern in der Sprache. Zarathustrier gibt es durch bald vier Jahrtausende hindurch bis heute, Anfang Juli kommen sie zu uns.










