Wort

Vom Ende des Zockens

ruhrgestalten 7 | interview

"Der Zweifel gehört zum Glauben wie das Risiko zum Spiel": Halma-Puppen im Gespräch

Jan Reh­schuh | commons

ruhr­ge­stal­ten ist ers­tens ein Print-Magazin und zwei­tens eine Emp­feh­lung. Drit­tens ist jetzt die siebte Aus­gabe erschie­nen, es geht ums Zocken. Die Redak­tion hatte ein Inter­view mit mir geführt, es aber wie­der aus dem Heft gekippt, kippe ich es also hier rein.  //  Sind Sie ein Zocker, auch im über­tra­ge­nen Sinne? Das Wort „zocken“ stammt von dem hebräi­schen Wort für „spie­len“ ab, im Hebräi­schen bedeu­tet „spie­len“ das­selbe wie „lachen“. Wäre also, bib­lisch gese­hen, um jeden schade, der kein Zocker ist. Was sagt denn die Bibel zum Glücks­spiel? Man denkt immer, irgendwo stünde da „Du sollst nicht glücks­spie­len“, aber das steht nir­gends. Als Abra­ham und Sara  -  die bei­den ste­hen ja nun Modell für immer­hin drei Welt­re­li­gio­nen  -  einen Sohn bekom­men, nen­nen sie ihn Isaak, der Name bedeu­tet soviel wie „Gott lacht“ oder auch „Gott bringt zum Lachen“. Und weil „lachen“ im Hebräi­schen das­selbe bedeu­tet wie „spie­len“, klingt immer mit, dass „Gott spielt“ oder einen „zum Spie­len bringt“. Auch zum Zocken? Schon mög­lich. Die Frage ist doch, wann kippt …

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Ein europäisches Verstummen

György Konrád und das Manifest

"Wir waren keine Zuhörer, wir sind Zeugen geworden": Tag der Befreiung in der Christuskirche

Sabine Mich­a­lak | fotodesign-bochum.de

„Europa liegt im Ster­ben.“ So beginnt das Mani­fest, das Bernard-Henri Lévy geschrie­ben und György Kon­rád unter­zeich­net hat, ebenso Sal­man Rush­die, Umberto Eco und wei­tere große Schrift­stel­ler Euro­pas. Aus­zug: „Lang ist es her, dass man in Frank­reichs Stra­ßen Wir sind alle deut­sche Juden! skandierte …“

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Ein europäisches Gefühl

Review | György Konrád las zum Tag der Befreiung

Europa heißt, sich einzufühlen in den, der man nicht ist: György Konrád während seiner Lesung zum Tag der Befreiung

Sabine Mich­a­lak | fotodesign-bochum.de

Frei­heit, Gleich­heit, Soli­da­ri­tät? Wel­che euro­päi­schen Werte er für her­aus­ra­gend halte, wurde György Kon­rád gefragt, seine Ant­wort: „Takt­ge­fühl.“ Die Ant­wort steht dem, wie man in Bochum über Europa zu spre­chen pflegt, auf­fal­lend ent­ge­gen. Takt­ge­fühl, so Kon­rád, umfasse „Beob­ach­tung, Kennt­nis, Empa­thie und jenes Prin­zip, dass du ande­ren nicht antust, was du nicht willst, dass es dir geschieht“. Die gol­dene Regel Euro­pas. „Füh­len, was mit dem ande­ren los ist“, so Kon­ráds Über­set­zung. Dazu die fol­gende Szene, der Euro­päer Kon­rád hat sie am Tag der Befrei­ung in der Chris­tus­kir­che gele­sen: „Im Alter von elf Jah­ren, am 15. Mai 1944, musste ich die Erfah­rung machen, dass mein Vater nicht mir, son­dern der Gestapo gehörte. Zwi­schen Gen­dar­men und deut­schen Offi­zie­ren ging er zum Gar­ten­tor hinaus.“

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Für Unbefugte unverboten

Das VPT präsentiert: John Sinclair | 22. Febr. 20 Uhr

http://commons.wikimedia.org/wiki/File:No_Trespassing_Bench.jpg?uselang=de

Bart Ever­son | com­mons wikimedia

Unbe­fugte sind dazu da, Unfug zu machen, alles andere wäre Staats­kul­tur. Staats­kul­tur ist, wenn Befugte über Unfug ver­fü­gen. Ein „Ort für Unbe­fugte“, hat Prä­ses Kur­schus erklärt, sei die pro­tes­tan­ti­sche Kir­che. Das Voll­play­back­thea­ter ist ent­schie­den unbe­fugt, der Zutritt drin­gend erlaubt. Folge: Die Vor­stel­lung ist aus­ver­kauft. No Tre­spas­sing für Unbe­fugte. So geht Dia­lek­tik. // Unser Vor­be­richt aus Okto­ber 2012: „Gott lacht nie. Es sei denn …“

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„Wenn das Leben heilig ist …“

György Konrád | Lesung zum Tag der Befreiung | 27. Januar

"Schuhe am Donau-Ufer", Denkmal für die ermordeten Juden Ungarns von Gyula Pauer und Can Togay; 2005

Niko­dem Nijaki 2012 | commons

Was ist Europa, was ist grund­le­gend? Dass Juden in Europa leben oder dass die Juden Euro­pas groß­teils ermor­det wor­den sind? Das war Kon­ráds Frage, seine Ant­wort, lako­nisch ver­trackt: „Ich halte unsere Anwe­sen­heit für ein bestän­di­ge­res Phä­no­men als unsere Ver­nich­tung.“ Eine zutiefst jüdi­sche Ant­wort, dar­auf aus, dem Leben seine eigene Hei­lig­keit zu gewin­nen: „Wenn das Leben hei­lig ist, dann ist der Tod nicht anzie­hend, nicht das gol­dene Tor zum Para­dies, son­dern das Nichts, das Nir­gendwo. Wenn das Leben hei­lig ist, dann ist das Buch und nicht die Waffe für den Men­schen bestimmt.“ Wenn es hei­lig ist, das Leben, „kann das Land Got­tes hier sein“. Das ist  -  er schrieb es 1986 in Die Pflicht wei­ter­zu­le­ben  -  ohne theo­lo­gi­sche Roman­tik geschrie­ben, es ist der Erfah­rung abge­trotzt. Erschüt­ternd seine Erin­ne­rung an die, die ihr Leben ris­kiert hat, um sei­nes zu ret­ten: „Tante Zsófi war eine selb­stän­dige Per­son. Ihr Mann im jüdi­schen Arbeits­la­ger, sie mit dem eige­nen Sohn und zwei Nef­fen ihres Man­nes in der Hälfte einer Drei­zim­mer­woh­nung mit Diele. Und was geschieht dann? Sie bekommt zwei wei­tere Kin­der aus Beret­tyóúj­falu.“ Näm­lich György, 11, und seine Schwes­ter Éva, 13. „Tante Zsófi zögerte nicht …“

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„Europa ist ein Roman“

György Konrád | Lesung zum Tag der Befreiung | 27. Januar

"Ich sehe unsere Umgebung gerne romanhaft": Autoren des PLATZ DES EUROPÄISCHEN VESPRECHENS, Europatag

Gert Hof­mann | Christuskirche

„Der Natio­nal­staat war mir meist unan­ge­nehm“, sagte György Kon­rád vor ein paar Mona­ten in einem STERN-Interview. „Ich kenne ihn in faschis­ti­scher Form, in kom­mu­nis­ti­scher Form und jetzt wie­der in einer sehr unan­ge­neh­men Form. Ich finde Natio­nal­po­li­ti­ker eher lang­wei­lig, die Natio­nal­phra­seo­lo­gie ist leer. Europa mit sei­ner Plu­ra­li­tät ist inter­es­san­ter und intel­li­gen­ter. Europa ist ein super­kom­ple­xer inter­es­san­ter Roman.“ Ein Roman, der  -  mit Jochen Gerz gespro­chen  -  von uns sel­ber geschrie­ben wer­den muss. Kon­rád hat Europa geschrie­ben, er hat sich vor­ge­stellt, was nicht ist: In den 80ern, als die euro­päi­sche Tei­lung als ewige Wahr­heit erschien, bestand er dar­auf, dass es ein Mit­tel­eu­ropa gab und gibt und geben wird: „Ich sehe unsere Umge­bung gerne roman­haft“, sagte er damals im Kurs­buch, 1985 war das: „Allein die Vor­stel­lung, dass die östli­che und die west­li­che Hälfte zusam­men Europa bil­den, ist schon roman­haft.“ Und dann diese Frage, 1986 gestellt: „Was halte ich für grund­le­gend? Die Tat­sa­che, dass wir Juden in Mit­tel­eu­ropa gewe­sen sind oder dass ein gro­ßer Teil von uns aus­ge­rot­tet wor­den ist? Das ist die Frage.“ Was ist Europa.

 

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György Kon­rád
„Wenn das Leben hei­lig ist“
„Ein euro­päi­sches Gefühl“ | Review 1
„Ein euro­päi­sches Ver­stum­men“ | Review 2

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György Konrád

Lesung zum Tag der Befreiung | 27. Januar 17 Uhr

"Für ein Europa der Zivilcourage, für kritische Intelligenz, Nonkonformismus und Widerspruchsgeist." | György Konrád

Foto | Ste­ko­vits Gáspár

Ein gro­ßer Schrift­stel­ler, ein gro­ßer Euro­päer: György Kon­rád, 1933 in Beret­tyóúj­falu im östli­chen Ungarn gebo­ren, war Prä­si­dent des Inter­na­tio­na­len P.E.N. und Prä­si­dent der Aka­de­mie der Künste, hat inter­na­tio­nal höchste Ehrun­gen erhal­ten, dar­un­ter den Frie­dens­preis des Deut­schen Buch­han­dels, den Karls­preis, den Orden der fran­zö­si­schen Ehren­le­gion. Seit 69 Jah­ren hätte Kon­rád ermor­det sein sol­len. Im März 1944, als die Deut­schen Ungarn besetz­ten und inner­halb weni­ger Wochen eine halbe Mil­lion Juden depor­tier­ten  -  jedes dritte in Ausch­witz ermor­dete Opfer stammte aus Ungarn  -  tauchte der 11jährige zusam­men mit sei­ner Schwes­ter in Buda­pest unter. Sie wur­den nicht wie Tau­sende andere „in die Donau geschos­sen“. Dass sie über­lebt haben, ver­dan­ken sie dem Zufall, ihrem Mut und Men­schen wie Carl Lutz: Der Schwei­zer Diplo­mat hatte Zehn­tau­sende „Schutz­pässe“ aus­ge­stellt, eine die­ser gestem­pel­ten Phan­ta­sien schützt Kon­rád bis heute davor, ver­gast wor­den zu sein. Aber auch, wer Ausch­witz ent­kam, ist des­halb nicht entkommen.

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Programm Januar bis März als pdf

Datei zum Download

Entweder nimmt man ab oder findet einen Abnehmer: Bild vom urban urtyp Konzert mit Me And My Drummer und Einar Stray

Michael Schwett­mann | misc420.net

Michael Wollny & Heinz Sauer, Boh­ren und der Club of Gore, Chor­Werk Ruhr und Stadt­kan­to­rei und … das ist uns eine ganz beson­dere Ehre … György Kon­rád. Er reist eigens aus Buda­pest an, um zum Tag der Befrei­ung zu lesen. // Hier der gesamte Kalen­der, und hier das PROGRAMM JANUARMAERZ [380 kb].

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Was immer er anzurufen sucht

Debatte um Altarkreuz? | Mittwoch 19. Dezember 19:30 Uhr

Sehen, was man nicht sehen kann: Altarwand der Christuskirche mit dem Schatten, den das Kreuz wirft.

ThW | Christuskirche

Darf man das Altar­kreuz ver­hül­len? Wir haben es getan, dar­über hat es eine Aus­ein­an­der­set­zung gege­ben, von der WAZ „Altarkreuz-Debatte“ genannt. Der Stil der Aus­ein­an­der­set­zung lässt Wün­sche offen, man­ches wirkt fin­giert, ande­res bestellt. Die eigent­li­che Frage ist, geht es tat­säch­lich ums Kreuz? Ange­kün­digt war ein Kon­zert. Wir haben seit 53 Jah­ren Kon­zerte in der Kir­che  -  die der Stadt­kan­to­rei  -  bei denen das Kreuz ins Off gestellt wird, es hat nie eine Debatte gege­ben, warum jetzt? Die­ses Kon­zert trug den Titel „Jewish Prayer“. Ange­kün­digt war  -  nein, kein Dia­log: als Jüdi­scher Beter trat ein­zig ein Christ ans Mikro­fon  -  ange­kün­digt war „eine Begeg­nung mit der gro­ßen Tra­di­tion deutsch-jüdischer Musik und mit deren reli­giö­sen Ursprung, dem Got­tes­dienst in der Syn­agoge“. In der Kir­che? Sonn­tags um 16 Uhr? 67 Jahre nach Ausch­witz? In der Tat, es geht ums Kreuz.

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Die Schreie gehört, die Schläge gespürt

Marcus Hellwig liest | Bochumer Menschenrechtspreis 2012

Täbriz, 1,5-Mio-Metropole im Osten des Iran. Hier war Hellwig und ist Hutan Kian inhaftiert. Das Foto stammt aus Mai 2012, es zeigt ein stark vergrößertes Detail der Stadtlandschaft.

Amir136990 | Commons

„Heute bin ich vier Monate in die­sem Loch ein­ge­sperrt. 120 Tage in einem kah­len, fens­ter­lo­sen Raum.“ Im Okto­ber 2010 war Mar­cus Hell­wig, Repor­ter der BamS, in den Iran geflo­gen, um die Geschichte von Saki­neh Ash­tiani zu recher­chie­ren, einer Frau, die wegen Ehe­bruchs gestei­nigt wer­den sollte. Hell­wig traf ihren Anwalt, Javid Hutan Kian, der erzählte, wie sehr ihn das Regime unter Druck setze, damit er auf­höre, den Fall sei­ner Man­dan­tin öffent­lich zu machen. „Was pas­siert, wenn Sie nicht auf­hö­ren? -  Dann wer­den sie mich ver­haf­ten. Sie wer­den mich ein­schüch­tern. Viel­leicht wer­den sie mich fol­tern, viel­leicht wer­den sie mich ver­schwin­den las­sen. Nie­mand weiß, wie die rea­gie­ren.“ Noch wäh­rend des Inter­views wur­den Hutan Kian, Hell­wig und des­sen Foto­graph ver­haf­tet und in ein Fol­ter­ge­fäng­nis der Pas­daran, der ira­ni­schen Gestapo ver­schleppt. Hell­wig hat ein Buch geschrie­ben über 132 ewige Tage, in denen er „Spiel­ball“ ira­ni­scher Macht­ha­ber war. Es ist ein Bericht über das Ver­las­sen­sein und über das, was Hoff­nung gibt, ein Bericht über die Fol­ter und über Hel­den wie Hutan Kian, der sagt: „Ich werde mich trotz­dem nicht von mei­ner Arbeit abhal­ten lassen.“

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Kategorie: Wort | Kommentare (1)

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