Kirche der Kulturen
So erinnert diese Kirche daran, dass unlängst das zivilisierte Gewissen zusammengebrochen ist. Dass es geschehen ist und wieder geschehen kann.
Keine Erinnerung, die angenehm wäre. Die Christuskirche ist ein Fremdkörper im Bild der Stadt, ihr Turm wie eine „Reliquie in der Wüste der Geschichtslosigkeit“, so Architekt Dieter Oesterlen.
Eine Gegenplatzierung, allerdings eine in den „glücklichsten Proportionen“, wie Architekturkritiker schwärmen. Wolfgang-Jean Stock etwa zählt die Christuskirche mit großer Selbstverständlichkeit zu den 100 bedeutendsten Sakralneubauten Europas -
„One of the best of the new European churches“
hatte auch George Kidder-Smith in seinem vorgängigen Standardwerk formuliert. Bis hin zum Lexikon der Weltarchitektur wird die „bildhafte Anschaulichkeit“ der bilderlosen Kirche gerühmt.
Eine Anschaulichkeit, bei der sich auch die Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche bedient: Egon Eiermann, ihr Architekt, kannte die im Bau befindliche Christuskirche, als er für Berlin eine formal ähnliche Lösung entwarf. Auch hier das Auseinandersetzen von alt und neu im maßstäblichen Bezug.
Die Auseinandersetzung hat Sinn, solange sie eine inhaltliche ist. Erst durch den Bruch mit der Vergangenheit hindurch macht das Ensemble bewusst, dass alle Kultur nur noch im Plural zu haben ist, im Bewusstsein auch der unheilvollen Traditionen.
Das ist, warum die Christuskirche keine Kulturkirche ist, sondern Kirche der Kulturen.

