Geschichte

Kir­che der Kulturen

"Gegenplatzierung in den glücklichsten Proportionen": Christuskirche von Dieter Oesterlen mit dem Dachfaltwerk von Paul-Gerhard Wieschemann

Heinz Dach | 2007

So erin­nert diese Kir­che daran, dass unlängst das zivi­li­sierte Gewis­sen zusam­men­ge­bro­chen ist. Dass es gesche­hen ist und wie­der gesche­hen kann.

Keine Erin­ne­rung, die ange­nehm wäre. Die Chris­tus­kir­che ist ein Fremd­kör­per im Bild der Stadt, ihr Turm wie eine „Reli­quie in der Wüste der Geschichts­lo­sig­keit“,  so Archi­tekt Die­ter Oes­ter­len.

Eine Gegen­plat­zie­rung, aller­dings eine in den „glück­lichs­ten Pro­por­tio­nen“, wie Archi­tek­tur­kri­ti­ker schwär­men. Wolfgang-Jean Stock etwa zählt die Chris­tus­kir­che mit gro­ßer Selbst­ver­ständ­lich­keit zu den 100 bedeu­tends­ten Sakral­neu­bau­ten Euro­pas  -

„One of the best of the new Euro­pean churches“

hatte auch George Kidder-Smith in sei­nem vor­gän­gi­gen Stan­dard­werk for­mu­liert. Bis hin zum Lexi­kon der Welt­ar­chi­tek­tur wird die „bild­hafte Anschau­lich­keit“ der bil­der­lo­sen Kir­che gerühmt.

Eine Anschau­lich­keit, bei der sich auch die Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche bedient: Egon Eier­mann, ihr Archi­tekt, kannte die im Bau befind­li­che Chris­tus­kir­che, als er für Ber­lin eine for­mal ähnli­che Lösung ent­warf. Auch hier das Aus­ein­an­der­set­zen von alt und neu im maß­stäb­li­chen Bezug.

Die Aus­ein­an­der­set­zung hat Sinn, solange sie eine inhalt­li­che ist. Erst durch den Bruch mit der Ver­gan­gen­heit hin­durch macht das Ensem­ble bewusst, dass alle Kul­tur nur noch im Plu­ral zu haben ist, im Bewusst­sein auch der unheil­vol­len Traditionen.

Das ist, warum die Chris­tus­kir­che keine Kul­tur­kir­che ist, son­dern Kir­che der Kulturen.