Anna Maria Jopek, Céline Rudolph, Quadro Nuevo … ihre Musik ist die aus „Feindstaaten“. Konzert für Konzert übersetzen wir Weltkrieg in Weltmusik.
„Das ist vielleicht das Neue an der Weltmusik“, schrieb der Musikwissenschaftler Jan Reichow, „dass man glaubt, ein Recht auf Missverstehen zu haben.“ Musik ist eben nicht, wie gern geschrieben steht, die eine Sprache, die jeder versteht. Eher ist es so, dass jeder versteht, was er verstehen will, die Weltmusik als Heileweltmusik.
Nur sieht die Welt ein wenig anders aus und hört sich anders an. Weltmusik ist Ghettotech und Favela Chic und war nie heile Welt, wenn man hingehört hat.
Als Quadro Nuevo in die Christuskirche kamen - später haben sie sich hier nebenan den ECHO-Jazz als bester Live-Act abgeholt - haben wir ihre Canzone della Strada, die Straßenlieder aus einem „fast schon verklungenen Italien“, mit einer Erinnerung eröffnet, die ebenso auf Italiens Straßen spielt, und zwar …
„… in Marzabotto, einer kleinen Stadt in der Emiglia Romagna nicht weit von Bologna entfernt. Heute vor 60 Jahren kamen deutsche Soldaten nach Marzabotto und ermordeten nahezu alle Bewohner, Männer, Frauen, Kinder.
Einige schafften es, in die Kirche Santa Maria Assunta zu fliehen. Die Kirche wurde von den Deutschen gestürmt, sie trieben die Menschen hinaus auf den Friedhof. Adelmo Benini musste von einem Berg aus mit ansehen, er konnte seine Frau und seine beiden Kinder erkennen: ‚Als ich sah, wie sie mit den Maschinengewehren zielten, warf ich mich den Bergrücken hinunter und schrie den Namen meiner Frau, die Namen meiner Kinder …‘
In der Nähe der Kirche lag ein Andachtsraum, 49 Menschen hatten die Deutschen hier eingesperrt, unter ihnen 19 Kinder. Die Soldaten warfen Handgranaten hinein. Die 6jährige Paola Rossi überlebte, weil sich ihre Mutter über sie geworfen hatte. Am nächsten Morgen kamen die Deutschen zurück …
Marzabotto ist eine europäische Stadt, ihr Name steht in einer Reihe mit Lidice in Tschechien, mit Oradour in Frankreich, Kalavrita in Griechenland, mit Coventry, Warschau, Rotterdam. Wir werden Canzone della Strada heute anders hören.“
Erinnerung hat einen Klang. Etwas, das sich hören lässt in einem Satz wie Am nächsten Morgen kamen die Deutschen zurück …

