Lade Veranstaltungen

Fehlfarben | Monarchie und Alltag

11. Oktober, 20:00

  • Diese Veranstaltung hat bereits stattgefunden.

Fehl­far­ben, Mon­ar­chie und All­tag, 1980

Gibt Momen­te im Leben, die ver­gisst man nicht, einer davon: Wie Fehl­far­ben auf einen nie­der­fuhr. Wird eine Men­ge Men­schen geben in die­sem Land, die sagen kön­nen, wann das bei ihnen war und wo und wel­ches Wet­ter und wer dabei stand und wie die Kla­mot­ten rochen, die man an dem Tag trug. Ein Gitar­ren­riff, und das Lebens­ge­fühl ist wie­der da, Freie Repu­blik Wend­land und West­deut­sche Tris­tesse, Desi­rée Nos­busch und Nato-Dop­pel­be­schluss, die ticken­de Gitar­re setzt ein, und Paul ist tot. Spex zählt das Album von 1980 unter die „100 Plat­ten des Jahr­hun­derts“ und lis­tet es da auf Platz 15, der Rol­ling Stone auf 61 der „500 bes­ten Alben aller Zei­ten“ und auf Platz 1 der „50 bes­ten deut­schen Alben“ usw. Um das mal zu taxie­ren.

Punk. NDW. Kei­ne Kar­rie­re, die Tour abge­bro­chen, bevor sie begann, die Band zer­sprengt, aber nie auf­ge­löst, spä­ter mal wie­der zusam­men gekom­men, ein zwei maue Alben, sie arbei­ten sich her­an. Unmög­lich aber, aus dem Schat­ten zu tre­ten, den sie sel­ber wer­fen. Unmög­lich? Peter Hein 2010 im Inter­view mit Spie­gel online:

„Für uns war Punk, nicht Punk zu sein. Die Leder­ja­cken-Kluft war für uns nach einem hal­ben Jahr vor­bei, danach haben wir Anzü­ge, Jacketts und ande­re Sachen getra­gen. Wenn sich etwas durch­setz­te, woll­ten wir gleich was ande­res machen. Für mich war Schluss, als plötz­lich die Leu­te wegen der Punk­sze­ne oder der ‚Neu­en Wil­den‘ kamen, also die­ser Ver­bin­dung von Ratin­ger Hof und Kunst­aka­de­mie, die es damals in Düs­sel­dorf gab. Als die Punk­tou­ris­ten kamen, war die inter­es­san­te Zeit vor­bei.“

Und jetzt? Punk­tou­ris­ten gibt es kei­ne mehr, dafür Punks, und für die hieß, Punk zu blei­ben, nicht Punk zu sein. Aber der Rei­he nach:

Con­tem­pora­ry Fehl­far­ben by Anna Mey­er

Es gab also ein­mal eine Zeit, in der war Düs­sel­dorf das Zen­trum der deut­schen Pop­mu­sik. Dort  —  in einer tris­ten Musik­knei­pe am Ran­de der Düs­sel­dor­fer Alt­stadt, dem Ratin­ger Hof unweit der Kunst­aka­de­mie, wo Beuys sich dar­an mach­te, die Grü­nen zu grün­den  —   dort jeden­falls tra­fen sich all jene, denen die Pop­mu­sik der Zeit zu gelackt erschien und die etwas eige­nes machen woll­ten. So ent­stand der deut­sche Punk, der dann die Neue Deut­sche Wel­le nach sich zog, Deutsch Ame­ri­ka­ni­sche Freund­schaft eben­so wie Die Toten Hosen  —  „musi­ka­li­sche Her­um­trei­ber, die neue Ton­at­ta­cken such­ten und gegen die Regeln der eta­blier­ten Rock- und Pop­mu­sik lossäg­ten“, schrieb spä­ter die Süd­deut­sche Zei­tung.

Fragt man den Fehl­far­ben-Gitar­ris­ten Tho­mas Schwe­bel, was es mit dem Titel  —  „Mon­ar­chie und All­tag“  —  auf sich hat­te, erzählt er, dass sie damals irgend­wann ein­mal einen Jahr­markt besucht haben, wo ein Pan­op­ti­kum stand, das damit warb, Köp­fe aus „Mon­ar­chie und All­tag“ zur Schau zu stel­len, die Gegen­po­le hät­ten ihnen gefal­len. Es pass­te alles zusam­men. Schwe­bel:

„In den 70er Jah­ren war die Musik immer abge­ho­be­ner gewor­den. Wir dach­ten: Mach ein­fach! Denk nicht so viel. Leg los. Du kannst drei Akkor­de spie­len, dann grün­de eine Band, aber sing auf Deutsch.“

Die­se unter den Düs­sel­dor­fer Musi­kern weit ver­brei­te­te Grund­ein­stel­lung habe auch auf die Bil­den­de Kunst über­ge­grif­fen. Schließ­lich war es vom Ratin­ger Hof zur Düs­sel­dor­fer Kunst­aka­de­mie nur ein kur­zer Weg. Mach ein­fach und mach es nicht so kom­pli­ziert! Spä­ter hat Micha­el Gross die­se Hal­tung ein­mal so for­mu­liert:

„Punk zele­briert auf fina­le Wei­se den Out­si­der, die gerupf­te Gestalt im Regen.“

In dem sie dann stan­den. Und nie in Ver­ges­sen­heit gerie­ten. Ihr berühm­tes Album, das den Zeit­geist ver­dich­tet hat wie kein ande­res, ver­kauf­te sich beharr­lich wei­ter und wei­ter, 5000 Stück waren geplant, es dau­er­te 21 Jah­re, da gab es eine Gol­de­ne Schall­plat­te, die gibt es ab 250.000 Stück.

Zwar gab es mehr­fach jah­re­lan­ge Auf­tritts­pau­sen und Pha­sen der Funk­stil­le zwi­schen den weit ver­streut leben­den Musi­kern, aber  —  seit­dem alle Welt sicher sein kann, dass es kei­ne Punk­tou­ris­ten mehr gibt  —  sie fan­den immer wie­der zusam­men, gaben neue Alben her­aus und tra­ten gemein­sam auf, seit 2002 so viel wie nie zuvor. Was jetzt nicht so viel heißt, wohl aber dies: Die Punk­songs von Fehl­far­ben sind prak­tisch nie im Radio gespielt wor­den.

Ledig­lich „Es geht vor­an“ wur­de auf dem Höhe­punkt der Neu­en Deut­schen Wel­le kurz­zei­tig als Sin­gle-Aus­kopp­lung in die Radio­charts gekippt  —  und zwar vom Label, just die­sen Song woll­te die Band eigent­lich nicht ver­öf­fent­licht haben. Arg­wohn gegen­über des­sen Bal­ler­mann-Kom­pa­ti­bi­li­tät? Tat­säch­lich wur­de der Song  —  „aus heu­te nicht mehr nach­voll­zieh­ba­ren Grün­den“, wie sie sagen  —  zur Hym­ne der Haus­be­set­zer in der Ham­bur­ger Hafen­stra­ße, dem Bal­ler­mann für Baller­män­ner, und gleich­zei­tig zur Hym­ne jeder Par­ty­kel­ler­par­ty im Land, die ihren Fei­er­hö­he­punkt anlief. Furcht­ba­re Miss­ver­ständ­nis­se.

Ganz anders ihr Mega­song „Paul ist tot“, Lieb­lings­song auch der Band sel­ber, eine Punk­oper in 7:55, dar­in die genia­len Zei­len:

„Was ich haben will, das krieg ich nicht, und was ich krie­gen kann, das gefällt mir nicht.“

Die­se Text­pas­sa­ge, erzählt Schwe­bel, habe ihnen Mit­te der 80er Jah­re eine DDR-Tour ver­mas­selt. Fehl­far­ben vor den Blau­hem­den? Muss man sich erst­mal vor­stel­len, vor­her aller­dings muss­ten alle Tex­te ein­ge­reicht wer­den beim Bau­ern­staat, „und die­se zwei Zei­len gin­gen aus Sicht der SED natür­lich gar nicht.“

Nein. Bei der Gele­gen­heit, „Paul“ hieß der Flip­per im Ratin­ger Hof. Und der war, heißt es, eines Tages ver­schwun­den.

Jetzt brin­gen Fehl­far­ben, was sie frü­her nie gebracht haben: alle elf Lie­der an einem Abend, „Mon­ar­chie und All­tag“ in toto, ergänzt um eini­ge Songs ihrer spä­te­ren Alben. Alles nicht mehr ganz so hin­ge­rotzt wie damals, etwas ent­spann­ter, der Atom­krieg ist aus­ge­blie­ben, auch Kohl ist nicht mehr Kanz­ler und der Fehl­far­ben-Sound frei, ihn neu zu hören.


FEHLFARBEN | Mon­ar­chie und All­tag

Don­ners­tag 11. Okto­ber 2018 | 20 Uhr
Ein­lass 19 Uhr
VVK 31,60 inkl. Geb.
Tickets direkt hier bei uns ordern