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Rainer Maria Rilke | Von der Armut und vom Tode

11. Januar, 19:3021:30

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Rai­ner Maria Ril­ke, Por­trät von Pau­la Moder­sohn-Becker, 1906 (cc)

„So, also hier­her kom­men die Leu­te, um zu leben, ich wür­de eher mei­nen, es stür­be sich hier.“

Ril­ke, Rai­ner Maria, war defi­ni­tiv kein Groß­städ­ter. Er kann­te Prag, wo er als Kind und als Stu­dent gelebt hat, er kann­te Mün­chen und Vene­dig, hat Flo­renz gese­hen und Mos­kau, und eini­ge Zeit hat er in Ber­lin gelebt, aber ein Groß­städ­ter? War er nicht, als er 1902 nach Paris kam, die Haupt­stadt des 19. Jahr­hun­derts. Wo er Die Auf­zeich­nun­gen des Mal­te Lau­rids Brig­ge schrieb, sei­nen ein­zi­gen Roman, der mit eben die­sem Satz beginnt:

„So, also hier­her kom­men die Leu­te, um zu leben, ich wür­de eher mei­nen, es stür­be sich hier. Ich bin aus­ge­we­sen. Ich habe gese­hen: Hos­pi­tä­ler. Ich habe einen Men­schen gese­hen, wel­cher schwank­te und ums­ank. Die Leu­te ver­sam­mel­ten sich um ihn, das erspar­te mir den Rest. Ich habe eine schwan­ge­re Frau gese­hen. Sie schob sich schwer an einer hohen, war­men Mau­er ent­lang, nach der sie manch­mal tas­te­te, wie um sich zu über­zeu­gen, ob sie noch da sei. Ja, sie war noch da. Dahin­ter? Ich such­te auf mei­nem Plan: Mai­son d’Accouchement. Gut. Man wird sie ent­bin­den — man kann das. Wei­ter, rue Saint-Jac­ques, ein gro­ßes Gebäu­de mit einer Kup­pel. Der Plan gab an Val-de-grâce, Hôpi­tal mili­taire. Das brauch­te ich eigent­lich nicht zu wis­sen, aber es scha­det nicht. Die Gas­se begann von allen Sei­ten zu rie­chen. Es roch, soviel sich unter­schei­den ließ, nach Jodo­form, nach dem Fett von pom­mes fri­tes, nach Angst. Alle Städ­te rie­chen im Som­mer. Dann habe ich ein eigen­tüm­lich star­blin­des Haus gese­hen, es war im Plan nicht zu fin­den, aber über der Tür stand noch ziem­lich leser­lich: Asyle de nuit. Neben dem Ein­gang waren die Prei­se. Ich habe sie gele­sen. Es war nicht teu­er. Und sonst? ein Kind in einem ste­hen­den Kin­der­wa­gen: es war dick, grün­lich und hat­te einen deut­li­chen Aus­schlag auf der Stirn. Er heil­te offen­bar ab und tat nicht weh. Das Kind schlief, der Mund war offen, atme­te Jodo­form, Pom­mes fri­tes, Angst. Das war nun mal so. Die Haupt­sa­che war, daß man leb­te. Das war die Haupt­sa­che.“

Und dann? Ril­ke, ein Dich­ter, der in der Lage war, Trost zu fin­den noch in einem wel­ken Blatt und hin­ter jeder Mau­er fer­ne Gär­ten ahn­te, er macht sich auf, in all dem Elend die Schön­heit zu suchen, den Glanz in der Armut, das Leben kurz vorm Tod. Ein poe­ti­scher Assi­si? Ein medi­ta­ti­ver Marx? Ein Bei­spiel:

DENN, HERR, die gro­ßen Städ­te sind 
ver­lo­re­ne und auf­ge­lös­te;
wie Flucht vor Flam­men ist die größ­te, -
und ist kein Trost, daß er sie trös­te,
und ihre klei­ne Zeit ver­rinnt.

Da leben Men­schen, leben schlecht und schwer,
in tie­fen Zim­mern, ban­ge von Gebär­de,
geängs­te­ter denn eine Erst­lings­her­de;
und drau­ßen wacht und atmet dei­ne Erde,
sie aber sind und wis­sen es nicht mehr.

Da wach­sen Kin­der auf an Fens­ter­stu­fen,
die immer in dem­sel­ben Schat­ten sind,
und wis­sen nicht, daß drau­ßen Blu­men rufen
zu einem Tag voll Wei­te, Glück und Wind, -
und müs­sen Kind sein und sind trau­rig Kind.

(…)

Und ganz im Dun­kel stehn die Ster­be­bet­ten,
und lang­sam seh­nen sie sich dazu hin;
und ster­ben lan­ge, ster­ben wie in Ket­ten
und gehen aus wie eine Bett­le­rin.

(…)

Sozi­al­kri­tik in edler Ele­ganz, so scheint es, alles wie erleuch­tet. Zum Ende sei­nes eige­nen Lebens hin sehn­te sich Ril­ke dann aller­dings nach ande­rem, er sym­pa­thi­sier­te vehe­ment mit dem ita­lie­ni­schen Faschis­mus, dem „Schmied eines neu­en Bewußt­seins, des­sen Flam­me sich an einem alten Feu­er ent­zün­det“. Schon irri­tie­rend, dass ein Ästhet wie er eine Figur wie Mus­so­li­ni plau­si­bel fin­den konn­te. Mehr noch irri­tiert, dass das Unbe­ha­gen an der Moder­ne, das Ril­ke ästhe­ti­siert hat wie kei­ner, in Ver­klä­rung über­kip­pen kann, die sich  —  sie ist das Gegen­teil von Auf­klä­rung  —  auf alles und jeden rich­ten kann. Wir soll­ten Ril­ke, gera­de den reli­gi­ös emp­find­sa­men, immer auch als War­nung lesen.


Rai­ner Maria Ril­ke – Von der Armut und vom Tode
Das Stun­den-Buch – Band 3. Eine poe­tisch-musi­kal­si­che Insze­nie­rung

Pro­gramm­auf­takt der Evang. Stadt­ak­de­mie Bochum

» Frei­tag 11. Janu­ar 19:30 Uhr
» Ein­lass 19:00 Uhr
» Tickets 8,00 | 5,00 €
» nur Abend­kas­se

MIT
Gott­hard Fer­mor | Lesun­gen
Mark S. Bur­rows | Medi­ta­tio­nen
Josef Mar­schall | Kla­vier

DAS BUCH
Rai­ner Maria Ril­ke, Gott­hard Fer­mor (Hrsg.)
Das Stun­den-Buch
Drit­tes Buch: Das Buch von der Armut und vom Tode. Mit 1 Audio-CD
Musik von Josef Mar­schall
Geleit­wort von Mark S. Bur­rows
Mit Fotos von Klaus Diede­rich
Hard­co­ver, Papp­band, 128 Sei­ten, 29,7 x 21,0 cm

GOTTHARD FERMOR | Pro­fes­sor Dr.
ist Musi­ker und Direk­tor des Theo­lo­gisch-Päd­ago­gi­schen Insti­tuts der Evan­ge­li­schen Kir­che im Rhein­land und lehrt Gemein­de­päd­ago­gik an der Ev. Hoch­schu­le R-W-L in Bochum; akti­ver Jazz­mu­si­ker und Rezi­ta­tor, orga­ni­siert Kul­tur­ver­an­stal­tun­gen und lei­tet Spi­ri­tua­li­täts­kur­se in der Erwach­se­nen­bil­dung. Mit­be­grün­der des Arbeits­krei­ses Popu­lä­re Kul­tur und Reli­gi­on.

MARK BURROWS | Pro­fes­sor Dr. 
ist Pro­fes­sor für Sozia­le Arbeit, Bil­dung und Dia­ko­nie an der Evan­ge­li­schen Hoch­schu­le Rhein­land-West­fa­len-Lip­pe, Bochum; er ist Dich­ter und Redak­teur für Poe­sie für die Zeit­schrift Spi­ri­tus. A Jour­nal of Chris­ti­an Spi­ri­tua­li­ty; neue Über­set­zung von Ril­kes Gedich­ten ins Eng­li­sche: „Rai­ner Maria Ril­ke, Pray­ers of a Young Poet, trans. and intro, Para­cle­te Press, 2013“.

JOSEF MARSHALL
ist Kom­po­nist, Key­boar­der und Jazz-Pia­nist, TV-Film­mu­sik­kom­po­nist und Sound­de­si­gner; Kom­po­si­ti­on, Solo­pro­jek­te und Live Kon­zer­te.