"Das Protestantische an Vollmers politischer Arbeit ist ihre Position zwischen den Stühlen": St.-Petrus-Platz in Rom. Freie Platzwahl in der Christuskirche am 22. November

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Wenn Krieg die Fort­set­zung der Poli­tik mit ande­ren Mit­teln ist, ist Demo­kra­tie die Fort­set­zung des Krie­ges mit ohne Waf­fen. Das gilt auch dann, wenn Par­teien mehr Vor­sit­zende als Mei­nun­gen haben, die Parteien-Landschaft über­sicht­lich ist und Poli­tik die Fort­set­zung von Gün­ther Jauch mit ohne Joker. In die­ser Fern­be­die­nungs­land­schaft gibt es Bereiche, in die zu gehen sich nie­mand traut. Brachgelände der Demokratie, in denen die Regeln nicht so klar sind wie beim Sport und keine Straf­räume mar­kiert. Wer da hin­ein geht, kriegt beste Wün­sche mit auf seinen Weg und, wenn sich ein Weg her­aus stellt, von allen Sei­ten auf die Mütze. Darum wür­di­gen wir, wie Antje Voll­mer Poli­tik ver­steht und demo­kra­ti­sche Arbeit.

 

Der Hans-Ehrenberg-Preis gebührt ihr, weil sie „pro­tes­tan­ti­sche Posi­tion in öffent­li­cher Aus­ein­an­der­set­zung“ ver­tritt. Das Pro­tes­tan­ti­sche an ihrer Position ist, dass sie zwi­schen den Stüh­len steht. Auf dem Thron sit­zen kann jeder. Aber dahin gehen, wo es  –  nicht nur im Fußballsprech  –  weh tut, das machen  –  nicht nur im Politbetrieb  –  wenige. Wer es dennoch tut, kommt nicht als Held zurück, sondern lädiert. Wer es zweimal tut, wird eher beäugt als angesehen. Und wer es noch einmal tut und noch einmal, stellt alle anderen vor ein Rätsel. Die Demokratie ist gut darin, ihre Witzfiguren zu blamieren, die Guttenbergs und noch amtierenden, aber ihre Red Adairs sind ihr nie rein genug.

“Wir haben es rundweg abgelehnt, als Helden betrachtet zu werden”, schreibt Hans Ehrenberg in seiner Autobiographie. Hier die

Begründung für die Verleihung des Hans-Ehrenberg-Preises an Antje Vollmer

“Der Evangelische Kirchenkreis Bochum in Abstimmung mit der Hans-Ehrenberg-Gesellschaft verleiht den Hans-Ehrenberg-Preis 2011 an Frau Dr. Antje Vollmer für ihre politischen Initiativen, mit denen sie in scheinbar ausweglosen gesellschaftlichen Konflikten Verständigungsprozesse auslöst, die sie mit Leidenschaft und Augenmaß moderiert:

Ihre Politik gründet Frau Dr. Vollmer auf dem dialogischen Prinzip, dem es nicht darum geht, konträre Positionen abstrakt zu versöhnen, sondern darum, sie in der Praxis einander anzunähern. Als einer der Begründer der Dialog-Philosophie hat Ehrenberg das dialogische Prinzip  –  Macht ohne Gewalt  –  für die neuere politische Philosophie (Hans-Georg Gadamer, Jürgen Habermas, Emmanuel Levinas u.a.) fruchtbar gemacht.

für die Sensibilität, mit der sie geschehenes Unrecht wahrnimmt und es, ohne zu beschönigen, zu besänftigen sucht;

Demokratie führt eine Vergangenheit mit, deren Unrecht nicht wieder gut zu machen ist. Dass zivilisatorische Standards weg brechen können, ist eine historische Erfahrung; dass es die eigenen Standards sein können, ist es ebenfalls. Diese biographische wie kollektive Erfahrung haben, auf sehr verschiedene Weise, Opfer wie Täter des Unrechts machen müssen. Solche Erfahrungen können die demokratische Gesellschaft von innen heraus sprengen, wenn sie nicht eingebunden werden in ein gemeinsames Verstehen. In dieser Intention folgt Antje Vollmers Politik dem Denken und Handeln Ehrenbergs.

für ihr politisches Denken, in dem sich der theologische Impuls, die Welt auf Gott hin zu verändern, bewahrt.

Protestantische Theologie unterscheidet zwischen dem Letzten und Vorletzten, und das heißt ins Politische übersetzt, sie unterscheidet zwischen der famosen Utopie und dem, was machbar ist. Antje Vollmer ist protestantische Theologin gerade darin, dass sie der Politik deren eigenes Recht beimisst, ohne den Maßstab, an dem sich Politik messen lassen muss, aus dem Blick zu verlieren.”

>> Festakt und das Gespräch zwischen Antje Vollmer und Margot Käßmann sind öffentlich, der Zugang frei.
>> update 2011-11-21, 23:54 h: Inzwischen liegen uns so viele Reservierungswünsche vor, dass wir davon ausgehen, dass alle Plätze der Christuskirche besetzt sein werden.