Graffito in Cannaregio, Venedig: Informationen zum Foto am Ende des Artikels

Giovanni Dall_Orto | Wikimedia Commons

“Die nächste Person, die getötet werden soll, ist Shirin Ebadi.” Vor elf Jahren stieß die Teheraner Juristin auf diesen Satz, als sie in Regierungsakten wegen Dutzender Regierungsmorde recherchierte. Drei Jahre später wurde Shirin Ebadi in Oslo mit dem Friedensnobelpreis geehrt, sie reichte ihn weiter an alle Iranerinnen und Iraner, die für Demokratie und Menschenrechte kämpfen, für politische, sexuelle, religiöse Freiheit. “Die Grüne Bewegung”, so Ebadi, “ist eine demokratische, also keine ideologische Bewegung. Sie vereint Menschen mit unterschiedlichen Auffassungen und Neigungen.” Im Kampf für Demokratie und Menschenrechte sei “jeder für sich selbst ein Held oder eine Heldin”.

Nicht ganz so heldenhaft die Handelsbilanz, die Deutschland und das iranische Terror-Regime ziehen:

Wissen Sie, dass der Handel von Deutschland mit Iran ausgerechnet in den vergangenen zwei Jahren sprunghaft angestiegen ist?

so Ebadi kürzlich in einem Interview mit EMMA:

Diese Verträge wurden alle nach dem Protest der grünen Bewegung gegen die manipulierten Präsidentschaftswahlen geschlossen. Auch Deutschland hat in den letzten Jahrzehnten in seiner Beziehung zum Iran die Menschenrechte immer den wirtschaftlichen Interessen geopfert.

Was Menschenrechte im Iran angeht, spricht der Amnesty-Report 2011 von “drastischen Einschränkungen”, von staatlicher Folter und Hunderten von Hinrichtungen. Von AI nicht sonderlich hervorgehoben wird dabei, dass das iranische Regime Atombomben baut und an der Frage, wer vernichtet werden soll, kaum weniger Zweifel lässt als es die Nazis getan haben.

Auch Shirin Ebadi hat wiederholt gefordert, weniger über die iranische “Atompolitik”  –  also die Außenpolitik des Iran –  zu reden als über die Innenpolitik des Landes:

Bitte sprechen Sie über Demokratie und Menschenrechte! Dies sind universelle Werte, es ist keine Einmischung in die inneren Angelegenheiten des Iran.

Wenn man sich nun fragt, ob diese Gewichtung   –  universelle Menschenrechte vor nicht-universeller Atombombe  –  plausibel ist und für wen diese Gewichtung nicht ganz so plausibel sein mag, wenn man sich das fragt, irritiert Shirin Ebadi mit einem demokratischen Urvertrauen, das hierzulande, vorsichtig gesagt, ungewöhnlich ist:

Wenn ich sage, die Demokratie ist die Lösung der Probleme im Iran, dann heißt das auch folgendes: Wenn die Bevölkerung im Iran an die Macht kommt, dann ist auch die Nuklearproblematik gelöst. Demokratie im Iran ist sowohl für die Menschen im Iran als auch für alle anderen Länder gut, denn sie ist eine Garantie für Frieden.

Ich bin ja, was das angeht, eher skeptisch, ich glaube, dass Demokratie und der Wunsch, Juden zu vernichten, sich nicht von selber widersprechen, warum sollte das im Iran anders sein. Vor zwei Jahren hat Shirin Ebadi dazu folgende Begebenheit erzählt:

Khomeini hatte den letzten Freitag des Fastenmonats Ramadan zum Al-Quds-Tag erklärt. An diesem Tag gehen die Menschen auf die Straße, demonstrieren und rufen dabei “Tod Israel”. Auch in diesem Jahr wurde dieser Tag begangen. Die staatlichen Agitatoren riefen in die Mikros “Tod Israel”, aber die Menschen antworteten darauf in Teheran und anderen Städten: “Tod Russland”. Wissen sie warum? Weil Russland die Nuklearanlagen des Iran ausbaut. Das bedeutet, die Menschen sind mit der Kernenergie nicht einverstanden, weil sie meinen, sie sei für den Iran nicht die passende Energiequelle. (…) Und es gibt noch einen Grund: Wenn sie “Tod der Islamischen Republik Iran” gerufen hätten, wären sie verhaftet und gefoltert worden.

Anlässlich des Tags der Menschenrechte am 10. Dezember kommt Shirin Ebadi am 18. Dezember, dem Vierten Advent, zu uns.

→ Ein IRANISCHER ABEND, zu dem die Bochumer Gruppe IRAN FREEDOM zusammen mit AMNESTY INTERNATIONAL einladen.
→ Erstmal verliehen wird der BOCHUMER MENSCHENRECHTSPREIS; ausgezeichnet wird KHADIJEH HAJIDINI MOGHADDAM, die Gründerin der Initiative “MÜTTER VOM LALEH-PARK”

Mit Beiträgen von

>> SHIRIN EBADI, Menschenrechtsaktivistin, Friedensnobelpreisträgerin
>> WOLFGANG GRENZ, Generalsekretär von AI Deutschland
>> OMID POURYOUSEFI und TAPESH 2012 feat. STEVEN MORALEE
>> ASTRID PLATZMANN-SCHOLTEN, Bürgermeisterin der Stadt Bochum
>> GOLINEH ATAI und ROBERT HELLER, Moderation

Zum Foto: Giovanni Dall’Orto hat es am 16 August 2008 in Venedig aufgenommen und schreibt dazu auf Wikimedia Commons:

Graffiti-art in Venice, Italy. I think (basing myself on the inscription “Stop deportation” and the rainbow chador) belongs to the wordwide protests against the United Kingdom deporting an Iranian lesbian to her country, which punishes homosexuality by law.

 

>> PROGRAMM NOV-DEZ 2011 ChristuskircheBochum