"Für ein Europa der Zivilcourage, für kritische Intelligenz, Nonkonformismus und Widerspruchsgeist." | György Konrád

Foto | Stekovits Gáspár

Ein großer Schriftsteller, ein großer Europäer: György Konrád, 1933 in Berettyóújfalu im östlichen Ungarn geboren, war Präsident des Internationalen P.E.N. und Präsident der Akademie der Künste, hat international höchste Ehrungen erhalten, darunter den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels, den Karlspreis, den Orden der französischen Ehrenlegion. Seit 69 Jahren hätte Konrád ermordet sein sollen.

Im März 1944, als die Deutschen Ungarn besetzten und innerhalb weniger Wochen eine halbe Million Juden deportierten  –  jedes dritte in Auschwitz ermordete Opfer stammte aus Ungarn  –  tauchte der 11jährige zusammen mit seiner Schwester in Budapest unter. Sie wurden nicht wie Tausende andere „in die Donau geschossen“. Dass sie überlebt haben, verdanken sie dem Zufall, ihrem Mut und Menschen wie Carl Lutz: Der Schweizer Diplomat hatte Zehntausende “Schutzpässe” ausgestellt, eine dieser gestempelten Phantasien schützt Konrád bis heute davor, vergast worden zu sein.

Aber auch, wer Auschwitz entkam, ist deshalb nicht entkommen. Was es bedeutet zu überleben  –  und auch, was es bedeutet, wenn sich ein anderer etwas ausdenkt und auf Papier druckt und “Schutzpass” nennt  –  macht Konrád en passant deutlich:

Du lebst statt der anderen, das sagte mir in meiner Kleinstadt ein Jude, dessen Frau und zwei Kinder verbrannt worden waren. Im Februar 1945 sagte er das, kurz vor meinem zwölften Geburtstag. Diese Feststellung klang wie ein Urteil.”

65 Jahre später schreibt er, Auschwitz sei “wichtigster Orientierungspunkt meines Denkens”.

Nach der Befreiung hatte Konrád Literatur-, Soziologie- und Psychologie in Budapest studierte, 1956 war er in den Ungarn-Aufstand geraten, ohne dort seine, eine dritte Seite zu finden. Durch die bleiernen Jahre, die den sowjetischen Panzern gefolgt waren, hatte er sich  –  jetzt nicht mehr von falscher “Rasse”, wohl aber von “falscher” Klasse  –  mit verschiedenen Jobs durchgeschlagen und 1969 seinen ersten Roman herausgebracht: “Der Besucher”.

Die politischen Essays, die er in den folgenden Jahren auch in westlichen Verlagen veröffentlichte, brachten ihm in Ungarn ein jahrelanges Schreibverbot ein. Da er weiterhin im Westen publizierte, bot man ihm schließlich die Ausreise an, er aber, Weltbürger und Europäer, blieb und schuf sich sein öffentliches Leben selbst. Eines, das er zwischen die Welten Europas spannte, zwischen Selbstverlag und Fremdbestimmung, zwischen Samisdat und westlichem Ruhm: Damals, und lange ist das gar nicht her, musste ein Manuskript, in dem wer Ich sagte, in Europa geschmuggelt werden.

Auf diese Weise erkämpfte sich Konrád seine gedankliche und eine gewisse Reisefreiheit und wurde  –  zusammen zumal mit Vaclav Havel, Czeslaw Milosz, Danilo Kis  –  zu einer der wichtigsten Stimmen des dissidenten Osteuropas. 1989 dann, nach dem Ende der europäischen Spaltung, wird er in Ungarn rehabilitiert, er erhält den wichtigsten Künstlerpreis des Landes. Und wird  –  als Präsident des Internationalen P.E.N. [1990 bis 1993], mehr noch als Präsident der Akademie der Künste in Berlin [1997 bis 2003]  –  zu einer der bedeutendsten Stimmen des neuen Europas: “eine literarische Autorität von europäischem Rang”, wie Alt-Bundespräsident Roman Herzog 2001 es in seiner Laudatio zur Verleihung des Karlspreises der Stadt Aachen formuliert: Konrád zu ehren, so Herzog,

ist eine Entscheidung für ein Europa der Zivilcourage, für ein Europa der unbedingten Wahrheit, des unbeugsamen Freiheitswillens, des kompromisslosen Humanismus und des Bekenntnisses zum Frieden. Es ist zugleich eine Entscheidung für kritische Intelligenz, für Nonkonformismus und Widerspruchsgeist.

Vor allem aber ist es eine Entscheidung für das, was Konrád selber “emphatisches Vorstellungsvermögen” nennt, Inbegriff von Literatur: die Fähigkeit, sich vorzustellen, was mit dem anderen ist.

 

>> Liturgische Rahmung: László Fekete, Oberkantor der Synagoge Budapest
» 5 EUR | freier Eintritt für alle bis 25 Jahre | für schulische Gruppen frei
» kein VVK; Reservierungen bitte an info@christuskirche-bochum.de
» Wir danken für die Unterstützung des Kulturbüros der Stadt Bochum.

 

Konrád lebt mit seiner Familie in Budapest, der 79jährige wird eigens für diese Lesung an diesem Tag nach Bochum kommen. Der 27. Januar ist der Tag der Befreiung von Auschwitz. Hier eine ausführliche Biographie auf Konráds HP.

Die Liste der Ehrungen, die Konrád zuteil wurden: Herder-Preis 1984 | Charles-Veillon-Preis für Europäische Essayistik 1986 | Kossuth-Preis 1990 | Manes-Sperber-Preis 1990 | Friedenspreis des Deutschen Buchhandels 1991 | Ordre National de la Légion d’honneur, officier 1996 | Goethe-Gedenkmedaille 2000 | Internationaler Karlspreis zu Aachen 2001 | Mittleres Kreuz des Verdienstordens der Republik Ungarn 2003 | Großes Verdienstkreuz der Bundesrepublik Deutschland 2003 | Franz-Werfel-Menschenrechtspreis 2007 | Erster Preis des National Jewish Book Award for Memoir 2008.

László Fekete, 1959 in Budapest geboren, ist seit  1989 Oberkantor der Synagoge in der Dohány-Straße Budapest, der vermutlich größten Synagoge Europas. Neben seinem Lehramt am Rabbinerseminar gibt er Konzerte in Europa, Israel und Japan.

MEHR ZUR LESUNG VON GYÖRGY KONRAD AM 27. JANUAR
“Europa ist ein Roman”
“Wenn das Leben heilig ist”
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