Foto Nikodem_Nijaki commons_2012

Schuhe am Donau-Ufer – Installation von Gyula Pauer und Can Togay | Foto (cc) Nikodem Nijaki

Was ist Europa, was ist grundlegend? Dass Juden in Europa leben oder dass die Juden Europas großteils ermordet worden sind? Das war Konráds Frage, seine Antwort, lakonisch vertrackt: “Ich halte unsere Anwesenheit für ein beständigeres Phänomen als unsere Vernichtung.” Eine zutiefst jüdische Antwort, darauf aus, dem Leben seine eigene Heiligkeit zu gewinnen: “Wenn das Leben heilig ist, dann ist der Tod nicht anziehend, nicht das goldene Tor zum Paradies, sondern das Nichts, das Nirgendwo. Wenn das Leben heilig ist, dann ist das Buch und nicht die Waffe für den Menschen bestimmt.” Wenn es heilig ist, das Leben, “kann das Land Gottes hier sein”. Das ist  –  er schrieb es 1986 in Die Pflicht weiterzuleben  –  ohne theologische Romantik geschrieben, es ist der Erfahrung abgetrotzt. Erschütternd seine Erinnerung an die, die ihr Leben riskiert hat, um seines zu retten:

Tante Zsófi war eine selbständige Person. Ihr Mann im jüdischen Arbeitslager, sie mit dem eigenen Sohn und zwei Neffen ihres Mannes in der Hälfte einer Dreizimmerwohnung mit Diele. Und was geschieht dann? Sie bekommt zwei weitere Kinder aus Berettyóújfalu.

Nämlich György, 11, und seine Schwester Éva, 13. György, der 11jährige, hatte  –  einen Tag, bevor alle Juden von Berettyóújfalu deportiert wurden  –  die örtliche Behörden bestochen und Zugtickets organisiert; auf abenteuerliche Weise waren er und seine Schwester quer durch das HorthyRegime nach Budapest entkommen, dem Zentrum der faschistischen Macht:

Tante Zsófi zögerte nicht, das zu tun, was ihr der eigene Geschmack diktierte; sie behandelte uns, meine Schwester Éva und mich, als wären wir ihre eigenen Kinder; sie nahm zur Kenntnis, dass sie eine alleinstehende Mutter von fünf Kindern geworden war und es von nun an ihre Aufgabe sein würde, solange deren Eltern, wer weiß woher, nicht zurückkehren würden, für ihr leibliches Wohl zu sorgen und so im allgemeinen ihr Leben zu retten.

“Geh nicht zurück, bleib hier!” raunte Tante Zsófi Onkel Gyula zu, ihrem Mann und Geliebten, den sie vor Weihnachten 1944 für einen Tag vom jüdischen Arbeitsdienst zu seiner Familie hatten fahren lassen. Das könne er nicht verantworten, sagte Onkel Gyula, denn sollte man ihn erwischen, würde er Unheil über uns bringen. Außerdem, wer sonst, wenn nicht er, sollte die kranken Kameraden behandeln? Und überhaupt, er hatte seinem feinfühligen Kommandeur versprochen zurückzukommen. Auf dem zum Innenhof gehenden Balkon ihrer im fünften Stock gelegenen Wohnung setzten sie den Disput fort. Und dort nahmen sie auch Abschied voneinander.

In der Zwischenzeit war sein feinfühliger Kommandeur abgelöst und durch einen boshaften ersetzt worden. Auch seine Kameraden brauchten keinen Arzt mehr. Zusammen mit ihm wurden sie in ein Massengrab geschossen. Tante Zsófi fand seinen Leichnam. Acht Jahre später nahm sie Abschied vom eigenen Leben, sprang von jenem Balkon aus in den Tod.

Wenn das Leben heilig ist. Dann, so Konrád, “dann haben die Gerechten in jeder Generation einen Nachfahren”.

 

>> Konrád liest am Tag der Befreiung  –  27. Januar, 17 Uhr  –  in der Christuskirche. Liturgische Rahmung: László Fekete, Oberkantor der Synagoge Budapest

>> “Glück” heißen die Erinnerungen Konráds an sein Überleben in Budapest. Hier eine sehr gute Besprechung.

>> Die Zitate oben stammen aus “Über Juden”, 2012 im JÜDISCHEN VERLAG bei Suhrkamp erschienen.

>> Das Foto zeigt das Denkmal für die ermordeten Juden Ungarns: “Schuhe am Donau-Ufer” von Gyula Pauer und Can Togay. Mehr als eine Million ungarischer Juden hatten die Deutschen im Frühjahr 1944 innerhalb weniger Wochen nach Auschwitz transportiert und nahezu ausnahmslos vergast. Tausende, die in Budapest untergetaucht waren, wurden von den ungarischen Faschisten in die Donau geschossen. Das Denkmal, 2005 errichtet, wurde 2009 von den neuen Faschisten Ungarns übelst geschändet.

WEITERE BEITRÄGE ZUR LESUNG VON GYÖRGY KONRÁD

György Konrád
“Europa ist ein Roman”
“Ein europäisches Gefühl” | Review 1
“Ein europäisches Verstummen” | Review 2