Europa heißt, sich einzufühlen in den, der man nicht ist: György Konrád während seiner Lesung zum Tag der Befreiung

Sabine Michalak | fotodesign-bochum.de

Freiheit, Gleichheit, Solidarität? Welche europäischen Werte er für herausragend halte, wurde György Konrád gefragt, seine Antwort: “Taktgefühl.” Die Antwort steht dem, wie man in Bochum über Europa zu sprechen pflegt, auffallend entgegen. Taktgefühl, so Konrád, umfasse “Beobachtung, Kenntnis, Empathie und jenes Prinzip, dass du anderen nicht antust, was du nicht willst, dass es dir geschieht”. Die goldene Regel Europas. “Fühlen, was mit dem anderen los ist”, so Konráds Übersetzung. Dazu die folgende Szene, der Europäer Konrád hat sie am Tag der Befreiung in der Christuskirche gelesen: “Im Alter von elf Jahren, am 15. Mai 1944, musste ich die Erfahrung machen, dass mein Vater nicht mir, sondern der Gestapo gehörte. Zwischen Gendarmen und deutschen Offizieren ging er zum Gartentor hinaus.”

György und seine Mutter blicken entsetzt hinterher:

Mein Vater sah weder nach rechts noch nach links, niemand grüßte ihn, auch er grüßte niemanden. Aufschlussreich, das Gesicht der entgegen kommenden Bekannten zu beobachten, wenn einer von Bewaffneten begleitet wird. Mein Vater kannte sie alle, denen er jetzt auf der Straße begegnete, doch es gab niemanden, den er hätte grüßen können, alles spielte sich wie in einer Kinoszene ab. Der Anblick schien nicht empörend, sondern eher ungewohnt zu sein. Auf den Gesichtern Verständnislosigkeit, dann allmähliches Einordnen: Ach so, nun holen sie die Juden ab, nun ist es soweit.

Könnte es einmal wieder soweit sein? Lässt sich der Moment bestimmen, an dem das Taktgefühl aussetzt und ein “allmähliches Einordnen” beginnt? Alle treffen wir eine Wahl heißt ein Aufsatz von Konrád aus dem Jahr 2007, darin diese Passage:

Versetzen wir uns in einen prachtvollen Vortragssaal. Jemand liest etwas vor. Die Türen werden aufgerissen und Bewaffnete dringen ein, ordnen an, dass sich alle auf den Boden legen sollen. Wer den Kopf hebt, wird erschossen. Wer mit dem Stock einen Schlag auf den Rücken erhält, steht diszipliniert auf und verlässt in einer Zweierreihe das Gebäude.

Die Mutigeren unter Ihnen empören sich. Doch nachdem einige erschossen worden sind, tun Sie, was Ihnen befohlen wird. Vielleicht, so denken Sie, kommen Sie davon, wenn Sie sich nicht widersetzen. Zahlenmäßig sind Sie überlegen, doch die anderen sind bewaffnet. Und hinter ihnen steht das plötzlich umgeschriebene Gesetz … Von dieser Minute an zählt nicht, wer Sie sind. Häftlinge sind Sie. Noch in derselben Kleidung, mit der Sie hier stehen, marschieren Sie zwischen Wachen durch die Straße einer bekannten Stadt und werden von einigen Passanten verhöhnt und bespuckt. Nicht von der Mehrheit. Aber niemand da, der Sie in Schutz nehmen würde.

Die weiteren Stationen können Sie sich gut vorstellen. Sagen wir, nach dem Passieren des Tors müssen Sie einen gepflasterten Hof durchqueren, doch von rechts und links werden Sie geschlagen und getreten, ja, wahllos. All jene Uniformierten müssen Sie gleichermaßen erniedrigen und weich prügeln, damit Sie in den radial zwischen den Baracken verlaufenden Korridoren, die ein mit einer Maschinenpistole bewaffneter Posten von einem Turm aus beobachtet, gefügig zur Arbeit oder zur Hinrichtung gehen oder zur Verbrennung der Leichname Ihrer Gefährten. Wer Sie einmal gewesen sind, ist vollkommen gleichgültig. Ihre Biographie, Ihre Persönlichkeit  –  ein bedeutungsloses Akzidenz.

Bisher waren Sie jemand, von nun an nicht mehr.

Literatur bedeutet, sich einzufühlen in den, der man nicht ist: “Sei Häftling! Sei Jude! Sei Roma! Sei Homosexueller! Sei geistig Behinderter!”

Europa bedeutet, sich einzufühlen in den, der man gewesen sein könnte … Häftling, Jude, Roma … oder der man selber jederzeit werden könnte … Roma, Homosexueller, Behinderter. Europa bedeutet, ein Taktgefühl zu hegen für den, der mir darin gleicht, dass er anders ist.

 

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