2014-01-26 Hererowars German troops fight the Herero, circa 1904. Painting by Richard Knötel (1857-1914), published in a 1936 book.

German troops fight the Herero | Painting by Richard Knötel circa 1904. published 1936

Hagenbeck war sicherlich, was wir heute einen Rassisten nennen, auch Fabri war einer  –  Zitat: “Alle Kolonialpolitik hat zur Voraussetzung, dass eine höher entwickelte Rasse über niedriger stehende Völkerschaften die Herrschaft sich aneignet”  –  aber selbst diese Art Salon-Rassismus blieb, um Hannah Arendt zu zitieren, “im Rahmen der zahllosen freien und unverantwortlichen Meinungen, die sich bekämpften und miteinander argumentierten, um die Zustimmung immer größerer Teile der öffentlichen Meinung an sich zu reißen. Diese Meinungen sind noch keine Ideologien … sie sind noch recht weit davon entfernt, sich auf ein einziges Element, eine einzige willkürliche Behauptung so zu konzentrieren, dass aus ihr dann alles andere einfach auf dem Wege der Schlussfolgerung gefolgert werden könnte.”

Voraussetzung dafür, dass eine bloße Meinung zur Ideologie werden kann, ist, schreibt Arendt, dass sie sich “auf genügend Erfahrungsmaterial stützen kann, um plausibel zu erscheinen”. Willkür muss Wirklichkeit werden. Diese Wirklichkeit haben Leute wie Carl Peters ins Werk gesetzt: Er war ein Mann der Tat, er hat sich “Deutsch-Ostafrika” zusammengeraubt, das heutige Ruanda, Burundi und Tansani:

“Ich besaß demnach persönlich zeitweilig die Hoheitsrechte über 5 -6 mal den Flächenraum des Deutschen Reiches.”

Auch Peters bemühte, um seinen mörderischen Feldzug zu begründen, die höchsten Werte, seine eigene Motivlage allerdings beschrieb der Gymnasiallehrer damit,

“dass ich es satt hatte, unter die Parias gerechnet zu werden, und dass ich einem Herrenvolk anzugehören wünschte.“

In Europa blieb ihm dieser Wunsch unerfüllt, Afrika wurde ihm zum Versprechen: Im selben Jahr, in dem Hagenbeck seine erste “Völkerschau” zeigte, wurde in Südafrika die erste Goldmine entdeckt, Berichte über weitere Gold- und Diamanetenfunde breiteten sich in Europa aus. Und erreichten die, welche sich hier  –  im rapiden Wandel der agrarischen Welt zur Industriegesellschaft  –  als Parias wiederfanden, als Außgestoßene. Für sie, die “Deklassierten aller Klassen”, wurde Afrika zur Traumfabrik, zum neuen Hoffnungsbild. Hannah Arendt:

“Der perfekte Gentleman und der vollendete Schurke trafen sich in diesem ‘weiten wilden Dschungel ohne Gesetze’, und je besser sie sich kennenlernten, desto überzeugter waren sie, dass sie ‘gut zueinander passten …'”

In den Kolonien nämlich konnten sie lernen, dass es möglich ist, sich selber, der eigenen Verschiedenheit zum Trotz, als “Rasse” zu konstituieren, als “Herrenvolk”. Voraussetzung dafür ist, eine willkürliche Grenze zu ziehen und die Wirklichkeit entlang dieser Grenze zu modeln: drinnen oder draußen, oben oder unten, helle oder dunkle Haut. Arendt:

“Der Unterschied zwischen dem, was in der schemenhaften, halb irrealen Welt der Kolonien, und dem, was in Europa vor sich ging, war nur, dass es in Europa einige Jahrzehnte brauchte, die ethischen Standards der Gesellschaft zu zerstören, während hier alles mit der Geschwindigkeit eines Kurzschlusses ablief.”

In Europa standen der perfekte Gentleman und der vollendet Schurke  –  Peters verkörperte sie beide  –  überdies vor dem Problem, dass sich mit einer colour bar kein “Herrenvolk” versammeln lässt, hier musste ein anderes Kriterium gefunden werden, damit man sich als “Herrenmensch” abheben konnte: Die Nazis, die sich “Braunhemden” nannten  –  die SA hatte Restbestände der Uniformen aufgekauft, die für die Kolonialtruppen gemacht waren  –   und die ihre Killer-Elite in tiefschwarze Uniformen packte, die Nazis bekämpften das, was sie nicht sehen konnten, “den jüdischen Geist”.

Für alle, die sie ins Visier nahmen, konnte dies tatsächlich den Unterschied bedeuten zwischen Leben und Tod. Wie Theodor Michael es sehr präzise formuliert hat:

“Man tötete uns nicht, man ließ uns aber auch nicht leben.”

 

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» Theo­dor Michael liest am Sonn­tag, 26. Januar, 17 Uhr