2014-01-26 Cecil_Rhodes_Memorial gr

Cecil Rhodes Memorial by Bataavian | commons

Sechs Jahre nach Hagenbecks erster “Völkerschau” erschien eine “politisch-ökonomische Betrachtung”, verfasst hatte sie ein Pfarrer: Friedrich Fabri, Leiter der Rheinischen Mission in Wuppertal, reagierte wie Hagenbeck auf den Börsencrash 1873 und die zerplatzten Träume, auch er malte ein “neues Hoffnungsbild” vor Augen: “Bedarf Deutschland der Colonien?” 

So der Titel seiner Broschüre, die 1879 in hoher Auflage durch Deutschland geisterte. Fabri, ein kleiner Cecil Rhodes, stieg zum “Vater der deutschen Kolonialbewegung” auf, er sorgte dafür, dass die politische Stimmung, die nicht auf koloniale Expansion geeicht war, nach und nach kippte. Seine Argumentation verkaufte er als “Krisentherapie”, sie ging so:

Ursache der Krise im Deutschen Reich sei erstens eine Überbevölkerung, zweitens eine Überproduktion. Zu viele Deutsche, zu viele deutsche Produkte. Daraus folgerte er:

“Wir leben in einer Zeit der Krisis, dergleichen kaum je, ja seit das Christentum in die Weltgeschichte eingetreten ist, überhaupt nicht dagewesen ist.”

Dies der Tonfall: Untergangsprophetie, jede Lösung muss zur “Lebensfrage” werden. Ob Deutschland denn ein moralisches und kulturelles Recht habe, sich Kolonien zu erobern, fragte er und antwortete:

“Ja, die Kolonialfrage gestaltet sich für uns mehr und mehr zu einer Existenzfrage, und es ist Recht wie Pflicht jedes Staates, für Existenzbedingungen mit der ganzen Kraft seines Einflusses, wenn nötig auch seiner Macht, einzutreten.”

Die “ganze Kraft” verortete Fabri nun aber gerade nicht in politischer und militärischer Macht (das Deutsche Reich war zu dem Zeitpunkt eher halb- als ganzstark), sondern in deutscher Kultur und Moral:

“Deutschland, indem es nach Kolonialbesitz sich umschaut, ist nicht von einem Gelüste nach Machterweiterung geleitet, sondern es will nur eine nationale, ja wir dürfen sagen, eine sittliche Pflicht erfüllen.”

Und das eben war Fabris Dreh: Aus “Überbevölkerung” und “Überproduktion” wird eine überschießende Moral. Eine “überschüssige Kraft”, wie Fabri es nannte, “sittliche Pflicht”:

“Wir sind politisch und sind auch mächtig geworden. Aber die politische Macht, wo sie als Selbstzweck in den Vordergrund der Strebungen einer Nation sich drängt, führt zur Härte, ja zur Barbarei, wenn sie nicht den ideellen, den sittlichen wie ökonomischen Cultur-Aufgaben ihrer Zeit zu dienen bereit und willig ist.”

Die Barbarei ist als Option durchaus im Blick, gerade deshalb redet Fabri von Kultur. Mit ihr lässt sich schon mal übersetzen ins koloniale Reich, der Rest ist Realpolitik. Genauer: Sozialpolitik, Fabri skizziert drei Typen von Kolonien:

  • “Ackerbau-Kolonien”

seien dazu da, die überzähligen Deutschen anzusiedeln: ein “Ventil”, um den sozialen “Überdruck” im Reich zu mildern. Dass die Deutschen längst scharenweise in die USA abwanderten, missfiel Fabri sehr, deren Arbeitskraft käme ja einem konkurrierendem Staatsbetrieb zugute.  Der Wuppertaler dachte eher an “Südbrasilien, Uruguay, Argentinien und Chile”, dort sei alles, was man brauche: “ein treffliches Klima, ein reicher Boden, zahlreiche Wasserstraßen, eine schwache und sehr wenig betriebsame Bevölkerung”. Diese Bevölkerung wiederum sei  –  und zwar dank einer “providentiellen Ordnung im Haushalt der geschichtlichen Entwicklung”  –  dazu bestimmt, “Platzhalter zu sein bis auf die Zeit, wo der weiße Mann bei ihnen eindringen und ihre rasch sich mindernde Zahl in immer eingeschränktere Gebiete zurückdrängen sollte”.

  • “Handelskolonien”

seien dazu, die überzähligen deutschen Produkte aufzunehmen. Die “Methode ihrer Verwaltung und Ausbeutung” sei eine völlig andere, die einheimische “Massenpopulation” solle sich in solchen Kolonien keineswegs vermindern: Zwar sei sie “schlaff, sorglos und träge”, aber dennoch eine “zur Arbeit erziehbare Bevölkerung”. Als Modell für solche Handelskolonien galt Fabri das britische kolonisierte Indien, er kämpfte für ein deutsches, “ein neues Indien” in Afrika.

  • “Verbrecher-Kolonien”

schließlich seien für “die Grimmigen” unter den Sozialdemokraten gedacht. Ihnen könne man, so Fabri, “eine Insel  –  etwa Utopia genannt  –  zur Selbstverwaltung überlassen, um ihr Weltbeglückungsprogramm doch irgendwo einmal … zur Probe zu nötigen”.

Soweit Fabris “Krisentherapie”, er spricht auch von einer “Gegenutopie”, einem “neuen Hoffnungsbild”: eines, in dem der edle Wilde und deutsche Kultur übereinander geblendet werden. Fabri hatte erstaunlichen Erfolg mit seinen wirren Argumenten, weil er die Lust, die in “Völkerschauen” versprochen wurde, in ein Polit-Programm gegossen hat: den Engen und Zwängen entkommen, frei sein, unverbildet und authentisch.

Wer verstanden hatte, dass dies tatsächlich möglich sei, waren Leute wie Carl Peters.

 

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Alle Zitate hier aus: Klaus J. Bade, Friedrich Fabri und der Imperialismus in der Bismarckzeit. Revolution – Depression – Expansion; Freiburg 1975