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Schlegel-Brauerei: Treppen in die Gärkeller | Foto Olaf Rauch

Die Erde ist eine Scheibe in Bochum. Auf ihr wandeln die Menschen, sie pendeln zwischen Arbeitsplatz und Schlafverhau. Über ihr spannt sich der Himmel, an seiner höchsten Stelle ist er 73 m hoch, unterhalb der Scheibe geht es in ein Reich, von dem die Griechen dachten, es sei der Hades, und die Bochumer, man könnte Bier darin brauen. Sie konnten: Schlegel war das erste Bier der Stadt, das tiefst gegärte und  –  bedenkt man die Reime, die Schlegel sich machte  –  das tiefsinnigste: “Wie einst den Urgroßvater schon / labt Schlegel heut den Enkelsohn.” So werden die großen Themen verhandelt,

die Generationen, das Früher und Heute, Oben und Unten. Dreigeteiltes Weltbild, Dreiklang im Revier, es geht weit zurück, tief hinab, hoch hinaus. Gibt ja nicht viele Orte im Ruhrgebiet, an denen Sinnfragen gebaut worden wären, hier ist das mal so, in Bochums Zentrum kann man sich von der Idee befreien, dass Straßen für Paraden seien und Plätze sich aus einem Schloss ergießen. Was in der europäischen Stadt für ein geordnetes Miteinander von geistlichem und weltlichem Reich steht, von politischem und wirtschaftlichem Sagen, von Sein und Sollen, hier ist es zu einer Art Erlebnisstrecke geworden: von der Brauerei zur Christuskirche, von der Christuskirche ins Rotlicht-Viertel, vom Rotlicht weiter zum Tor 1, dahinter der Bochumer Verein, Stahl-Gigant von einst. Das alles auf ein paar Hundert Metern, Urbanität heißt nun mal Verdichtung, alles etwa zeitgleich gebaut, ohne Plan, mit Ambition:

1854 | Wer baute das siebentorige Theben? Johann Joachim Schlegel braut das erste Bier der Stadt, die hat 6000 Einwohner. Im selben Jahr wird der Bochumer Verein für Bergbau und Gußstahlfabrikation gegründet.

1858 | Nadar, Fotograf und Luftschiffer, fertigt die erste Luftaufnahme der Welt, sie zeigt ein Stück Erde südwestlich von Paris. Ein Stück Erde hat Bochum auch, der Wettstreit beginnt.

1861 | Nadar geht in den Untergrund, es entstehen die ersten Aufnahmen der Katakomben von Paris.

1878 | Grundsteinlegung für den Turm der Christuskirche: Wenige Meter von Schlegels Bierkeller entfernt geht es 73 Meter in die Höhe, ein paar Meter höher als die Schlote des Bochumer Vereins, satte zehn Jahre eher als der Eiffelturm.

1889 | Okay, der Eiffelturm …

1920er | Die Schlegel-Keller! Höchstleistung der Statik, aus der Tiefe der Konstruktion strömt majestätisch schwer das Bier. “Die Konstruktion nimmt die Rolle des Unterbewusstseins an”: Der Satz  –  er stammt aus Benjamins “Passagen-Werk” über Paris  –  wird in Bochum stimmig, es strömt das Paris an der Ruhr.

1929 | Heinrich Schmiedeknecht, Architekt, entwirft beides zugleich: das Schlegel-Haus für seine “Generaldirektion” und einen “Helden-Gedenkraum” für den Turm der Christuskirche. Der Gedenkraum erinnert an den Ersten Weltkrieg, la Grand Guerre: Neben den Toten aus Bochum werden die „Feindstaaten Deutschlands“ aufgelistet, Frankreich vorneweg.

1945 | Keine Heldentaten mehr, nie wieder. Gilt auch für die beiden “nationalsozialistischen Musterbetriebe”, Bochumer Verein und Schlegel-Brauerei. Es wird wieder gebaut, aber nicht wiederaufgebaut.

2015 | Überdauert haben, darauf hätte man nicht wetten mögen, Rotlicht und Kirche. Und das Rathaus natürlich, aber das war irgendwie immer da. Unterm Strich: Die Tiefe tief wie ein Gärkeller, die Höhe höher als ein Schlot, dazwischen ein Stück Erde, ein paar Gebäude, unsere Geschichte.

 

>> urbEXPO 2015 | Ästhetik des Verfalls. Fotografieausstellung
>> 31. Juli bis 30. August 2015 im Schlegel-Haus: Mi  –  Fr 15  –  21 h, Sa/So 12  –  18 h
>> Eröffnung am 31. Juli, 20 Uhr, Christuskirche Bochum
>> www.urbexpo.eu
>> www.rottenplaces.de
>> Schlegel-Haus