Sankt Petersburg Karte von Matthaeus Seutter ca 1734

Sankt Petersburg: Karte von Matthaeus Seutter ca 1734

Sankt Petersburg ist so groß wie das Ruhrgebiet  –  ist es vorstellbar, eine Millionenstadt „vom Erdboden verschwinden zu lassen“? Die „Weisung Nr. 21“ ergeht im Dezember 1940, deutsche Militärs entwickeln eine Idee: Könnte man Leningrad nicht abriegeln wie ein KZ, dann die Lagerhäuser zerstören, die Energie- und Wasserwerke, dann abwarten? 900 Tage hat gedauert, was heute zur „Blockade“ verniedlicht wird: Die „Blockade von Leningrad“ war ein Genozid, die Stadt sollte nicht zur Aufgabe genötigt, sie sollte ausgehungert werden. Weit über eine Million Menschen wurden ermordet.

Am 27. Januar 1944 gelang es der Roten Armee, den Belagerungsring zu sprengen. Ein Jahr später, am 27. Januar 1945, gelang es ihr, Auschwitz zu befreien, das größte aller Vernichtungslager. Leningrad und Auschwitz unterscheidet viel, die deutschen Namen beider Städte aber stehen für tausende andere in Europa, für Kiew und Minsk, Majdanek und Treblinka, Rotterdam und Warschau, für zehntausende Ghettos und Lager und Städte und Dörfer: Die Nazis, deutsche und ihre Verbündeten, haben Europa zum Friedhof gemacht, es ging sehr schnell. Jetzt, wo sich der Ton in Europa erneut massiv verändert, spielt TEREM QUARTET bei uns zum Tag der Befreiung von Auschwitz, dem Tag der Befreiung von Leningrad, dem Internationalen Holocaust-Gedenktag.

Das Quartet aus St. Petersburg  –  das berühmteste Folk-Quartet Russlands  –  erinnert ein unermessliches Leid. Die Frage, die sich stellt: Ist diese Erinnerung eine gemeinsame, eine europäische?

In der Sowjetunion, um hier zu beginnen, war es nach dem Sieg 1945 zunächst “erstaunlich still” geworden, schreibt Bernd Bonwetsch, lange Jahre Professor an der RuhrUniversität Bochum: “Der durchlittene und doch gewonnene Krieg war eigentlich kaum mehr ein öffentliches Thema.” Für persönliche Gefühle blieb unter Stalin kein öffentlicher Raum, Erinnerung wurde  –  mehr noch nach Stalins Tod  –  als “Heroisierung und Monumentalisierung” in Szene gesetzt. Trauer und Leid blieben jahrzehntelang “reine Privatsache”, so Bonwetsch. Zwar habe Gorbatschow 1990 den “Tag des Gedenkens und der Trauer” eingeführt, der gehe aber im Alltag unter. Bonwetsch:

“Die Besinnung auf die Opfer ist von der öffentlichen Erinnerung an den Krieg weitgehend isoliert.”

Auf andere Weise gilt das auch für West-Deutschland: Hier hatten Hitlers Generäle in den 50ern den Ton vorgegeben und den tödlichen Belagerungsring, den sie um Leningrad gelegt hatten, zur “Verteidigungslinie” erklärt. Die Leiden der Leningrader gerieten nicht in den Blick. Auch als Ales Adamowitsch und Daniil Granin  –  2014 sprach Granin auf Einladung von Norbert Lammert vor dem Deutschen Bundestag  –  Mitte der 80er das “Blockadebuch” veröffentlichten, eine schockierende Kollage aus persönlichen Erinnerungen, Briefen, Tagebüchern, Interviews  –  fand sich in West-Deutschland kein Verleger, kein einziger. Ähnlich die west-deutsche Geschichtswissenschaft, sie hat den Genozid ein Menschenleben lang ignoriert, erst 2003 legte Jörg Ganzenmüller eine grundlegende Analyse dieses “stillen Völkermords” vor.

Wiederum anders die Situation, wenn es um die Erinnerung an die Opfer des Holocaust geht: 6 Millionen Juden sind ermordet worden, von ihnen haben etwa 5 Millionen in den Ländern Osteuropas gelebt, von ihnen sind 3 Millionen an Ort und Stelle ermordet worden  –  in ihren Dörfern und vor den Toren ihrer Städte:

“Hier wurde erschlagen, erschossen, verbrannt, verhungert. Und verhungern ist durchaus als aktives Wort zu benutzen, wie umbringen oder verbrennen. Deutsche verhungerten im Zweiten Weltkrieg Russen, Weißrussen und Ukrainer in den eroberten Gebieten der UdSSR, und eben, vor allen anderen, auch Tausende und Abertausende jüdische Menschen.”

So Hans-Heinrich Nolte. Dieses Morden geschah in aller Öffentlichkeit, in Russland aber ist der Holocaust-Gedenktag, anders als in der Ukraine und den baltischen Staaten, kein Tag des öffentlichen Gedenkens, wie Ilja Altman schreibt. Auch was den Mord an den europäischen Juden betrifft, klaffen die öffentliche und private Erinnerung weit auseinander und ist die Art, in der erinnert wird, in Russland eine andere als in Deutschland.

Die Frage also bleibt: Ist die Erinnerung an Auschwitz und an Leningrad eine europäische Erinnerung? Und wenn es keine europäische Erinnerung gibt, ist dies ein Grund dafür, dass Europa heute so bereitwillig zu zerfallen droht?

Wenn überhaupt irgendwas, dann wäre es doch die Trauer, die Europa im Innersten verbindet. Die Fähigkeit mitzufühlen, die Fähigkeit zur Empathie. Das, was der große György Konrád “Taktgefühl” genannt hat, nämlich

“Beobachtung, Kenntnis, Empathie und jenes Prinzip, dass du anderen nicht antust, was du nicht willst, dass es dir geschieht“.

Konrád übersetzt das Wort Taktgefühl so:

„Fühlen, was mit dem anderen los ist.“

Die goldene Regel Europas. 

 


TEREM QUARTET: ZUM TAG DER BEFREIUNG

Nachtrag 26_01_17: Wegen Erkrankung eines der vier Musiker konnte das Konzert leider nicht stattfinden, wir bedauern dies zutiefst.  

>> Samstag 28. Januar | 20 Uhr | Einlass ab 19 Uhr
» 16,00 € inkl. aller Gebühren | 1/2 Preis für alle bis 25 Jahre
» Tickets gibt es direkt bei uns [hier klicken] und in allen besseren VVK-Stellen
>> Mehr Infos zu Terem Quartet, dem “dritten Wahrzeichen von St. Petersburg”


 
Das Konzert zum Tag der Befreiung wird unterstützt vonekvw-logo-internet

 

Logo_Stadt Bochum_blau_RGB - klkl