Chorwerk Ruhr & Jazz

feat. Marc Schmolling Ensemble | 17.02.

(cc) DavidAdan97

Vielleicht waren es nur Sekunden, vielleicht Stunden, eine gefühlte Ewigkeit: Chorwerk Ruhr hatte den letzten Ton von „Nunc Dimittis“ gesungen oder genauer: hatte ihn ausgeatmet und die Christuskirche mit einer derart tröstlichen Stille erfüllt, dass sie da lag wie Schneewittchen im Sarg, und dann … kein Applaus, keine Bewegung keiner Hand, nur diese intensive Stille. Und aus ihr heraus ein tiefes Gefühl von Dankbarkeit, die niemandem galt und sich an keinen wandte, die einfach da war „ohne Absender und ohne Anschrift; wie eine kleine, nicht unangenehme Verwirrung“. So war es im April des letzten Jahres, als Chorwerk Ruhr sein Konzert beschloss, das Konzert jetzt schließt daran an: Florian Helgath folgt dem „Sound of Silence“, es begegnen sich Madrigal und Jazz, Renaissance und Gegenwart, das Ungesagte und Unhörbare. Alle Infos zum Konzert hier, und hier ein Interview mit Marc Schmolling:

Interview mit Marc Schmolling

Koeritz | „Der Titel „The Sound of Silence“ verweist ja auf Simon und Garfunkels berühmte Ballade. Nimmst du direkt darauf Bezug?“

Schmolling | „Ich habe mir aus dem Text ein paar Schlüsselwörte herausgepickt als Grundlage für eine freie, geräuschhafte Improvisation. Es geht um eine sehr perkussive Deklamation des Textes, ohne dass man den Text selber noch verstehen wird. Der Text ist „nur“ eine Art Sprungbrett zur Improvisation.“

„An sich ist das Konzert-Motto ja ein Paradoxon, „klingende Stille“. Wie fasst du als Musiker diesen Gedanken auf?“

„Für mich ist der Begriff der Stille in der Musik immer wichtiger geworden, gerade auch als Komponist und improvisierender Künstler und zwar in Bezug auf das, was zwischen den Tönen passiert, den „space“, also den Raum zwischen den Tönen, große oder kleine Pausen, die nicht so wirken würden, wenn vorher und nachher nichts wäre. Die Japaner nennen diesen Raum zwischen den Dingen „Ma“. Ich habe zuletzt in meinen Projekten oft mit dieser Reduktion gearbeitet, nicht mehr zu spielen als nötig ist, auch abzuwarten, was passiert, wenn man nichts spielt, genau zuzuhören. Insofern ist Stille in der Musik kein Paradoxon, sondern ist ein Teil des Klanges für mich und derart Ausgangspunkt für dieses Projekt mit CHORWERK RUHR.“

„Kernstück des Konzertes in diesem Sinne ist sicherlich das Stück „Ticho“ tschechisch für „Stille“, das du 2014 bereits auf einem Album aufgenommen hast. Es hat einen ganz minimalistischen Ansatz, ohne Text, meist nur auf dem Vokal „a“ gesungen mit diesen stehenden Dissonanzklängen und eben den Pausen.“

„Dieses Stück war quasi plötzlich da. Ich hatte meine Hände auf den Tasten und ich bin einfach in diese Fermaten, in diese Klänge hineingegangen. Es stimmt, es sind Dissonanzen, aber doch mit einer sich reibenden Wärme und einer Sanftheit, und ich habe es immer schon sehr vokal gehört.“

„Durch das Vokale kommt ja oft eine andere Ebene in den Klang von Dissonanzen hinein.“

„Ja, die Idee ist im ersten Teil eher eine Ruhe und Sanftheit. Ab einem gewissen Punkt gibt es in diesem Stück dann einfach eine lange Pause, ein „tacet“, das nur durch dasjenige wirkt, was vorher da war. Als quasi etwas unerwarteter Abklang kommt plötzlich das Anfangsmotiv eine Oktave höher tatsächlich aus der Stille heraus als Schrei, wie ein Wachrütteln vielleicht, und doch verstärkt es umgekehrt wieder nur die Stille, die davor war.“

„Es sind „lediglich“ zwei Textvertonungen bei deinen Stücken dabei. Du benutzt Georg Trakls Gedicht „Schweigen“ und das Gedicht deiner Mutter Inka Machulková mit dem Titel „Little gardens“. Wie kam es zu dieser Textwahl?“

„Oft arbeite ich hier eher abstrakt, also ohne konkrete Texte. Der Text meiner Mutter stammt noch aus ihrer Zeit in Prag, bevor sie durch den Prager Frühling die Stadt verlassen musste. Diesen Text drückte mir meine Muter vor etlichen Jahren konkret in die Hand mit dem Vermerk: „Marc, if you like it, make music with it“. Und das Gedicht „Schweigen“ von Trakl ist einfach ein starkes Stimmungsbild, in der Knappheit dieser wenigen Zeilen, die doch soviel Raum lassen.“

„Die Trakl-Vertonung ist ja in gewisser Weise „klassisch“ komponiert, der Text deiner Mutter ist, auch gerade vom Klavier ausgehend, sehr jazzig umgesetzt.“

„Ja, das ist tatsächlich das jazzigste Stück des Abends, auch in gewisser Weise ein traditionelleres Stück. Meine Mutter war sehr beeinflusst von den Beatnik-Poeten. Ich habe mir gar nicht so bewusst überlegt, dass das jetzt Jazz sein muss. Es lag in der Natur der Sache.“

„Du hast bei diesem Projekt mit einem nicht jazz-orientierten Chor wie CHORWERK RUHR zusammengearbeitet. Welche Rolle spielt dabei die Improvisation?“

„Es ging mir ganz bewusst nicht darum, diesen Chor zu einem Jazz-Chor zu machen. Ich selber bin mittlerweile vom traditionellen Jazz sehr weit weg. Ich bewege mich seit Jahrzehnten eigentlich schon im Feld der freien Improvisation. Ich sehe mich auch mehr als Komponist denn als Jazzmusiker in diesem Sinne. Und ich bin schon sehr lange mit dem Schreiben von Vokalmusik beschäftigt. Ich wollte das wahnsinnig gerne mit einem Chor probieren, der auch die Offenheit mitbringt, in diese Welt einzutauchen. Die Idee war ferner, die Barriere zwischen Chor und Instrumentalisten gerade beim Improvisieren vielleicht auch durch die Aufstellung quasi aufzulösen.“


CHORWERK RUHR | MARC SCHMOLLING ENSEMBLE
“The Sound Of Silence”

Trompete: TOM ARTHURS
Saxophon: CHRISTIAN WEIDNER
Violine: BILINA VOUTCHKOVA
Klavier: MARC SCHMOLLING
Kontrabass: ANTONIO BORGHINI

CHORWERK RUHR
Dirigent: FLORIAN HELGATH

» Sonntag 17. Februar 2019 | 17:00 Uhr
» Einlass 16:00 h
» Einführung 16:30 h
» Tickets 22 / 11 €
» Ermäßigung gilt für alle bis 25 Jahre
» Tickets können Sie hier bei uns online ordern!

Hier alle Infos zum Konzert (hier klicken)

Eine ChorWerk Ruhr Produktion in Kooperation mit der Christuskirche Bochum und dem Kulturbüro Bochum.